Teil 7 - vom Bahnhof Langfuhr zur Technischen Hochschule

  • Wie der Name "Langfuhr" schon andeutet, handelt es sich um den ersten Rundgang außerhalb des Stadtzentrums, und zwar im Vorort Langfuhr alias Wrzeszcz, der wohl als Geburtsort von Günter Grass bekannt sein dürfte. Auch wenn wir uns hier nicht im Zentrum befinden, so gehört Langfuhr doch bereits seit dem 15. Jahrhundert, also schon zu Zeiten des Deutschen Ordens, zu Danzig und soll daher auch in diesem Forumsbereich behandelt werden.


    Langfuhr liegt nordwestlich der Danziger Innenstadt und ist mit dieser praktisch zusammengewachsen, auf dieser alten Karte aus dem 19. Jahrhundert war Langfuhr indes noch viel kleiner und deutlich vom restlichen Danzig getrennt:


    umgebungdz.jpg


    Schon Ende des 18. Jahrhunderts entstand mit der Großen Allee eine Verbindung zwischen Langfuhr und dem Danziger Zentrum, die mit Lindenbäumen bepflanzt wurde - ein Teil dieser Bepflanzung ist heute noch vorhanden, die Große Allee wurde nach 1945 zu einer durchgehend mindestens vierspurigen Straße erweitert, die Langfuhr heute in zwei Teile zerschneidet und bis nach Gdingen weitergeht.


    Im 18. Jahrhundert entwickelte sich Langfuhr als bevorzugte Adresse wohlhabender Danziger, eine Entwicklung, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstärkte, da neben der Eisenbahn im Jahr 1873 schließlich auch eine Pferdebahnlinie nach Langfuhr errichtet wurde, die später zu einer elektrischen Straßenbahn umgebaut wurde.


    Südlich der Eisenbahnlinie entstanden repräsentative Stadtvillen im Grünen, teilweise in attraktiver Hanglage, nördlich davon war die Bebauung einfacher gehalten, im Zentrum entstand entlang der Hauptstraße (die letztlich einfach die Weiterführung der Großen Allee war) großstädtische Architektur, insbesondere auch am Marktplatz, einer Erweiterung der Hauptstraße.


    Ebenfalls im Zusammenhang mit Langfuhr zu nennen ist die Technische Hochschule Danzig, die 1904 in einem prächtigen Neorenaissance-Gebäude östlich des Villenviertels südlich der Bahnlinie errichtet wurde, sowie das Flugfeld im Norden von Langfuhr, aus dem sich dann 1923 der erste Danziger Flughafen entwickelte.


    Heute präsentiert sich Langfuhr in weiten Teilen eher enttäuschend, entlang der Hauptstraße wurden die meisten Bauten bei Kämpfen 1945 zerstört und danach abgerissen, nördlich der Eisenbahnlinie gibt es nur noch wenige erhaltene zusammenhängende Straßen, darunter auch die Geburtsstraße von Günter Grass, den Labesweg.


    Das Zentrum präsentiert sich im betont sozialistischen Stil, inzwischen erweitert um einige Hochhäuser und riesigen Einkaufszentren, indes ist noch ein Teil des Villenviertels erhalten, das Gebäude der Hochschule ebenso, zum Glück auch der Uphagen-Park nördlich der Hochschule.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Hier ein alter Stadtplan aus den 30er Jahren (die Straßennahmen wie Adolf-Hitler-Straße, Forster-Stadion (benannt nach dem NSDAP-Gauleiter, einem gebürtigen Fürther) oder Hindenburgstraße für die Hauptstraße weisen darauf hin):


    Langfuhr-Stadtplan.jpg


    Wir sehen Herz-Jesu-Kirche und Uphagen-Park in etwa in der Mitte, südlich am Jäschkentaler Wald entstanden die Villenviertel, östlich davon ist die Technische Hochschule eingezeichnet.


    Der Labesweg verläuft vom Neuen Markt zum Max-Halbe-Platz etwas nördlich des Bahnhofs - da Langfuhr inzwischen ja praktisch in zwei Teile zerschnitten ist, wurde es 2010 folglich auch in zwei Stadtteile aufgeteilt: Wrzeszcz Dolny und Wrzeszcz Górny, also Ober- und Nieder-Langfuhr (südlich und nördlich der Bahnlinie).


    Beide Stadtteile haben übrigens jeweils rund 25.000 Einwohner, aber "Ober-Langfuhr" hat mit seinen Villenvierteln die doppelte Fläche.


    Hier soll es nur um den südlichen Teil gehen, zum nördlichen Teil gibt es aber sicherlich auch noch mal eine Galerie (und schon jetzt zwei Links: Erinnerung an Günter Grass in Danzig und Auf den Spuren von Günter Grass).


    Zunächst einige historische Impressionen - hier möchte ich auf Die Vorstädte - Altstadt, Vorstadt und Niederstadt inkl. Speicherstadt verweisen, wo ich schon Stadtpläne und Ansichten gepostet habe.


    Nun einige neue und ausgewählte frühere Ansichten:


    Das frühere Herz von Langfuhr, der Marktplatz, zu sehen auch die Straßenbahnschienen:


    markplatzlang.jpg


    Nochmals der Marktplatz:


    langfuhrmarkt.jpg


    DanzigLangfuhr_Marktplatz.jpg


    Die erhaltene Herz-Jesu-Kirche:


    Langfuhrkirche-1921-001Rp.jpg


    Das Villenviertel im Süden:


    langfuhrjohann.jpg


    Die erhaltene Technische Hochschule:


    langfuhrhochv.jpg


    Blick auf den Norden von Langfuhr mit der Herz-Jesu-Kirche, Aufnahme vermutlich aus den 60er-Jahren:


    langfuhrer.jpg


    Weite Teile von Langfuhr sind leider im Laufe der Jahrzehnte verfallen und wurden teilweise während des Kommunismus abgerissen. "Glück" hatten Gebäude, die durch ausländische Konsulate o. ä. weitergenutzt wurden, hier standen die Mittel für den Erhalt zur Verfügung.


    Kontrastprogramm - das sozialistische Langfuhr entlang der Hauptstraße, jetzt - wie so häufig in Polen - Aleja Grundwaldska genannt (in Erinnerung an die Schlacht bei Tannenberg 1410 gegen den Deutschen Orden, die ja zum polnischen Nationalmythos zählt):


    langfuhrgrun.jpg


    Ähnliche Ansicht in Farbe, das Hochhaus ist das 1972 erbaute Olimp, eines der ganz wenigen "modernen" Projekte, an denen Stanislaw Michel federführend mitwirkte:


    langfuhrgrun.jpg


    Langfuhr schaffte es auch auf manche Ansichtskarten der sozialistischen Zeit, meist wurde das Cristal Kino gezeigt:


    wiekowd.jpg


    Das Kino von 1961 war gewissermaßen mit dem zugehörigen Platz das Herzstück des sozialistischen Langfuhr:


    langfuhrcristal.jpg


    Links die Herz-Jesu-Kirche im Bild:


    cristals.jpg


    Dummerweise habe ich das Kino versehentlich nicht fotografiert, unmittelbar dahinter erhebt sich heute das riesige Neptun-Hochhaus von 2014.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes