Bewertung des Aufbaus von Danzig aus heutiger Sicht

  • In Hirschberg ist das, was noch steht, schon weitgehend original, wenngleich mit zT grob vereinfachten Fassaden.


    Selbst Bauten wie das Grüne Tor sind stark abweichend (letztlich "schwächer" und weniger "originell") wiederaufgebaut worden.



    IMG_4532_sil.jpg


    an sich wäre das Danziger Modell in der sich auf obigem Bild präsentierenden schlichten Ausformung (natürlich sind die Hauptstraßenzüge ungleich aufwändiger und qualitätsvoller) nicht so schlecht für ähnlich schwer zerstörte westdeutsche Städte wie Nürnberg gewesen. Gassenfluchten mit alten Steinen und ungefähren alten Formen um erhaltene Häuser oder einzelne genauer rekonstruierte Leitbauten. Letztlich ist die Nürnberger Lösung über weite Strecken um nichts "ehrlicher", da ganz oberflächlich und ungefähr am alten Haustypus orientiert, das halt leider von sehr schlechtem Formgefühl und darüber hinausgehend einfach überhaupt nicht um Ästhetik bemüht.

    Das Danziger "Geheimnis" liegt einfach in der Respektierung der traditionellen Binnengliederung einer Fassade, worauf man im Wirtschaftswunderdeutschland gespuckt hat.

  • Das meiste in Hirschberg dürften tatsächlich Neubauten nach Danziger Vorbild sein, also lange Häuserreihen mit vorgeblendeten Fassaden (und buchstäblich nichts dahinter).


    Siehe z. B. die Vergleichs-Luftaufnahmen auf Herder Institut und vor allem Polandsite mit einer Reihe von Wiederaufbaufotos.


    Was Danzig betrifft, so wurden zahllose Gebäude inkl. des Grünen Tors im Laufe der Geschichte zahllose Male umgebaut, so daß nur schwer beurteilt werden kann, ob der heutige Zustand irgendwann einmal tatsächlich existierte. Dazu gibt es nach und nach Beispiele unter Danziger Gebäude im Wandel der Zeit

    sou perfeito porque / igualzinho a você / eu não presto

  • an sich wäre das Danziger Modell in der sich auf obigem Bild präsentierenden schlichten Ausformung (natürlich sind die Hauptstraßenzüge ungleich aufwändiger und qualitätsvoller) nicht so schlecht für ähnlich schwer zerstörte westdeutsche Städte wie Nürnberg gewesen

    Das hätte meines Erachtens nicht funktioniert, das "Danziger Modell", das tatsächlich ziemlich einzigartig ist, funktionierte eigentlich nur in Danzig, weil

    • die Innenstadt durch wenige große Gassen in Nord-Ost-Richtung geprägt war (die komplette Gassenstruktur inkl. Bebauung dazwischen wurde ja fast völlig weggelassen)
    • die ursprünglichen Häuser eher klein und schlicht und relativ einheitlich waren, dadurch konnten einfach Fassaden vorgeblendet werden

    All dies hätte in Nürnberg nicht funktioniert und funktioniert eigentlich auch in Danzig nicht übermäßig gut.


    Wirklich aufwendig und qualitätsvoll ist eigentlich nur der doch recht kleine Kern des Rekonstruktionsvorhabens mit Abmessungen von etwa 200 mal 300 Metern, und selbst da muß man über grobe Abweichungen vom Originalzustand und freie Flächen hinwegsehen.

    Gassenfluchten mit alten Steinen und ungefähren alten Formen um erhaltene Häuser oder einzelne genauer rekonstruierte Leitbauten.

    Leitbauten gab es nur extrem wenige, selbst in der Langen Gasse, und auch hier gibt es fast immer nur eine Fassadennachbildung. Entsprechend ragt auch der Originalgrundriß des Uphagen-Hauses (das einzige Bürgerhaus mit originalem Grundriß) wie ein Fremdkörper in den sonst freien Hinterhof hinein.


    Schon in der Jopengasse ist keine erkennbare Anlehnung an die Originale mehr feststellbar, tatsächlich ist auch alles sehr einfach und günstig gebaut. Hierzu zitiere ich mich selbst:

    Zitat

    Umgesetzt wurde die Planung dann durch das Arbeitersiedlungskombinat (ZOR), denn in der Innenstadt sollten staatlich subventionierte Wohnungen für Werft- und Hafenarbeiter entstehen, wobei noch ein gewisses Budget für Fassadengestaltung zum üblichen Preisrahmen aufgeschlagen und separat zugeteilt wurde (bei einfachen verputzten Häusern in etwa in Höhe von 15 bis 20 %)

    Hintergrundinformationen gibt es z. B. unter Neue Stadt in altem Gewand — recensio.net


    Ich habe mal in roter Farbe den Rekonstruktionsbereich eingezeichnet und in blauer Farbe die grobe Nachzeichnung der Ost-West-Gassen:


    danziggesamt.jpg


    rechtstadt91zeug.jpg


    Mal zum Vergleich das so oft gescholtene Würzburg, mit 90 % noch stärker zerstört, hier wurde praktisch das gesamte zerstörte Areal kleinteilig und in loser Anlehnung an die vormaligen Strukturen bebaut:


    IMGP9210_DxO.jpg


    Hier kommen wir auf ein Areal von ungefähr 1500 m entlang des Mains mal 700 bis 1200 m in die Breite, was prozentual absoluten Rekord darstellen sollte.



    Daß es meist nicht so gut ankommt, liegt daran, daß die früheren Bürgerhäuser meist als Nachkriegsbauten erkennbar sind:


    IMG_9029_DxO.jpg


    Entsprechend ist Danzig gefälliger, aber nicht originaler, dafür aber ungleich kleiner hinsichtlich der Anlehnung an die Vorkriegsbebauung.


    Zur Beurteilung eine Schadensübersicht von Würzburg, hier wurde inkl. der Vororte fast alles zerstört:


    wuerzburg.jpg

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Danzig ist wirklich sehr speziell. Die verkürzten Häuser finde ich im Luftbild seltsam, weil man in der innersten Innenstadt nicht so große Freiflächen hat, üblicherweise. Wie sich das bzgl. Wohnkomfort macht, kann ich nicht sagen, weil es kein altes Karree mehr gibt, wo man die originalen langgestreckten Häuser im Vergleich dazu anschauen bzw. erleben könnte. Ich denke, man wohnt in den neuen Häusern ganz angenehm und komfortabel, und Parkplatz hinterm Haus ist schon eine nette Sache. Nur: das ist eigentlich vorstädtisch, weil eine solche geringe Dichte eigentlich was für den Stadtrand ist. In der Nachkriegszeit waren ja vielerorts durch die Kriegsbrachen solche geringen Dichten üblich; daß sie sich in Danzig so lange halten, obwohl das doch wohl ein Zuzugsgebiet hinsichtlich Einwohnerentwicklung ist, wundert mich etwas. In Berlin bauen sie aber auch erst die letzten 10 Jahre die Baulücken aus einstöckigen Nachkriegsbauten und Garagen zu.

  • Danzig ist wirklich sehr speziell.

    Das ist richtig, wurde aber bewußt so gestaltet und stellt auch in Polen einen einmaligen Fall dar. Es handelt sich um keine groß angelegte Rekonstruktion, sondern um ein bewußtes Neubauprojekt, das sich lose an historische Vorbilder anlehnt.


    Ich schrieb in Danzig/Gdańsk seit 1945 - Wiederaufbau und aktuelle Entwicklungen

    Zitat

    Konkret wurde die Planung mit dem Zachwatowicz-Plan, so benannt nach dem zuständigen Generaldenkmalpfleger Jan Zachwatowicz. Demzufolge sollte eine neue Stadt für den neuen (sozialistischen) Menschen entstehen, weg von den als desolat empfundenen Wohnverhältnissen des Vorkriegsdanzig mit den engen (kapitalistischen!) "Wanzenbuden" und "vordergründigem" Prunk.

    Die neue Stadt sollte - um Zachwatowicz sinngemäß zu zitieren - "zwar nicht original in der Substanz, aber glaubwürdig in der Präsentation sein" ... es sollte also den originalen Eindruck vermitteln, ohne original zu sein. Wobei "nicht original" nicht bedeutet, daß man etwas ungefähr nachbaut, sondern eher, daß man etwas komplett neues entwirft, was aber auf den Betrachter "glaubwürdig" wirkt.


    Ich zitiere auch mal aus obigem Link zur Neuen Stadt im alten Gewand:

    Zitat

    Die historische Option hatte 1947 endgültig die Oberhand gewonnen und es wurde umgehend mit den ersten Planungsmaßnahmen begonnen. Die Wiederherstellung des historischen Stadtbildes war jedoch begrenzt auf die Rechtstadt, während die Danziger Altstadt und die Vorstadt mit moderner Wohnblockbebauung versehen wurden. Die Rekonstruktion des Stadtbildes in der Rechtstadt beschränkte sich jedoch nur auf die straßenseitigen Fassaden, der Innenausbau erfolgte dagegen nach modernen Grundsätzen des Arbeiterwohnbaus. Der Wiederaufbau der Rechtstadt wurde in die Verantwortung eines Arbeitersiedlungskombinats gelegt, die zukünftigen Bewohner sollten die Werftarbeiter der nahegelegenen Lenin-Werft sein. Damit konnte man auch den historisierenden Wiederaufbau im Sinne des Sozialismus rechtfertigen, was später unter dem Motto "Das Volk betritt die Innenstadt" auf den Punkt gebracht wurde. Die alte deutsche bourgeoise Stadt wurde somit durch eine polnisch-sozialistische Arbeitersiedlung abgelöst.


    Jacek Friedrich kann im Einzelnen darlegen, dass der Wiederaufbau der Danziger Rechtstadt nicht nach einem einheitlichen Plan erfolgte, vielmehr existierten für verschiedene Straßenzüge unterschiedliche Konzepte. Dies hing damit zusammen, dass Danzig eine Art "Probelabor" für die Stadtplaner, Architekten und Denkmalpfleger war und bei jeder Straße neue Varianten ausprobiert wurden. Die Planungen erfolgten im Spannungsfeld zwischen zwei Hauptfraktionen: Auf der einen Seite standen die Architekturhistoriker der Technischen Hochschule, die für eine möglichst genaue Wiederherstellung der Fassaden nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eintraten, die andere Seite wurde repräsentiert durch die Architekten des "Miastoprojekts", die eine 'kreative' Herangehensweise forderten. Kreativ bedeutete dabei, dass historische Traditionen der Danziger Architektur in die Planungen mit einfließen sollten, aber nur im Sinne einer Inspiration für die modernen Architekten, deren Entwürfe sich ansonsten an den Prinzipien der zeitgenössischen Architektur orientierten. Zeitgenössisch hieß in diesem Fall 'sozialistischer Realismus', jedoch nur bis zur Zeit der Entstalinisierung in der Mitte der 1950er-Jahre. Danach verfocht die Architektenfraktion den Modernismus westlicher Prägung. Die tatsächlich errichteten Straßenzüge waren eine Kompromisslösungen, wobei insgesamt gesehen die historische Fraktion ein Übergewicht besaß. Es finden sich in der Rechtstadt aber auch wichtige Bauten der 'kreativen' Planungsgruppe, so wurden etwa an prominenter Stelle in der Langgasse gleich zwei große Bauten im Geist des sozialistischen Realismus errichtet, das Postamt von Lech Kadłubowksi (1950/52) sowie das Kino "Leningrad" von Jacek Żuławski (1953). Der augenfälligste Bau des Modernismus war zweifelsohne das Theater "Wybrzeże" von Kadłubowksi (1956-1967) am Kohlenmarkt.

    Einen Verdichtungsdruck in der Innenstadt gibt es nicht, hier wird langsam und meist sehr gekonnt nachverdichtet, aber mit sehr exklusiven Projekten, hier entstehen also keine Wohnungen für den Durchschnittsverdiener.


    Der Durchschnittsdanziger von heute wohnt zu 95 % in großen Plattenbausiedlungen und kauft in gigantischen Einkaufszentren ein, die er über vielspurige Straßen erreicht. Damit ist das ganze Areal auf mindestens 10 km Länge entlang der Küste bebaut, mit der heutigen Realität Danzigs hat die Rechtstadt genauso wenig zu tun wie die Warschauer Altstadt, die ungefähr die Größe des neuen Warschauer Fußballstadions (das ist 10 % kleiner ...) hat.


    Natürlich hat man auch in Warschau nicht die ganzen Hinterhöfe und Gassen nachgebaut, sondern vieles vereinfacht. Dennoch wirkt das Ergebnis wie eine (vielleicht teilzerstörte, vielleicht entkernte) organisch gewachsene Stadt und nicht wie ein Reißbrettprojekt.


    So verwinkelt war es früher:


    altstadtwar.jpg


    Zum Vergleich: Luftaufnahmen der Warschauer Altstadt - alles ist vereinfacht, auch hier gibt es leere Innenhöfe, aber die Anlehnung an das Vorbild ist viel ausgeprägter.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • ja, der Danziger Unterschied liegt aber darin, "dass es etwas gleichschaut", wie man bei uns sagt. Und das ist in Würzburg eben nicht der Fall. auch in Würzburg hätten sich Hauptachsen herausbilden lassen, die einen würdevollen Aufbaustil erfahren hätten und die erhaltenen Großbauten sinnvoll eingerahmt hätten. Diese hätte man an ein paar Achsen miteinander verbinden können. Im Falle Nürnbergs wär das nicht ganz so einfach gewesen, aber auch hier wäre viel gewonnen gewesen, hätte man die traditionelle Binnenstruktur der alten Fassaden grundsätzlich als Richtschnur gewählt.

    die vielgelobte "Kleinteiligkeit" als rein formales Kriterium taugt einfach überhaupt nichts, wenn materielle einfach nur Mist produziert worden ist. Den ach so kleinen Kernbereich der Danziger Rechtsstadt kann man sich in Nürnberg nur herbeisehnen.

    Ganz abgesehen davon, dass der Zerstörungsgrad von Danzig noch schlimmer gewesen sein dürfte als in den anderen erwähnten Städten.

  • Mit Nürnberg kann ich auch kaum etwas anfangen, Würzburg empfinde ich hingegen angesichts des Ausmaßes der Zerstörungen als überaus gelungen und ist vermutlich eines der größten und besten Wiederaufbauprojekte überhaupt (neben Leuven in Belgien, was aber eher zur "polnischen Herangehensweise" tendiert, nur qualitativ viel besser).


    Von der Zerstörung her bewegen wir uns in Würzburg und Danzig jeweils bei etwa 90 %.


    Siehe diese Schadenskarte, je dunkler, desto besser erhalten:


    zerstoerung.jpg


    Mir persönlich gefällt das heutige Danzig in weiten Teilen ausgezeichnet (sonst würde ich es ja auch nicht so intensiv behandeln), aber eher, weil man hier in loser Anlehnung an die frühere Stadt eine neue Stadt errichtet, die für sich stehen kann, ohne mit der architektonischen Vergangenheit völlig zu brechen (siehe z. B. all die hochwertigen Neubauprojekte entlang der Mottlau).


    Außerdem geht die heutige Stadtentwicklung fast überall in Danzig in genau die richtige Richtung, wobei die Nachkriegsstruktur der Rechtstadt die grobe Richtung vorgibt.

    ja, der Danziger Unterschied liegt aber darin, "dass es etwas gleichschaut", wie man bei uns sagt.

    Das ist tatsächlich der entscheidende Unterschied, man bekommt den Eindruck vermittelt, es sei zumindest in Anlehnung an das Original errichtet worden. Es ist zwar meist einfach nur ein langer Wohnblock, aber es wurden gekonnt sehr viele Phantasie-Fassaden vorgeblendet, so daß ein Eindruck von Geschlossenheit und Echtheit entsteht, den man in Würzburg fast nirgendwo hat.


    Zwar hat man dann 100 % simple Giebelhäuser mit völlig glatter Fassade, die alle fast identisch aussehen, wo zuvor alle möglichen Baustile mit teilweise sehr aufwendigen Gestaltungsmerkmalen existierten, aber es wirkt glaubhaft, wenn man sich nicht großartig damit beschäftigt.

    auch in Würzburg hätten sich Hauptachsen herausbilden lassen, die einen würdevollen Aufbaustil erfahren hätten und die erhaltenen Großbauten sinnvoll eingerahmt hätten.

    Das würde aber heißen:

    • man baut bestenfalls 20 % überhaupt wieder auf und läßt den Rest frei, mal versteckt, meist offen
    • man legt riesige Verkehrsschneisen mitten in die Innenstadt
    • man errichtet Hochhäuser und riesige Einkaufszentren in der Altstadt
    • man läßt die erhaltene Bebauung (z. B. an der Häkergasse) verfallen und ersetzt die Ruinen dann durch neue Phantasie-Bauten und baut generell weniger an historisierenden Bauten auf, als gleichzeitig verfallen (v. a. in Langfuhr)

    Würzburg ist nicht so leicht "konsumierbar", aber objektiv um Klassen besser.


    Mal einige Beispiele aus Danzig:


    Das Herz der Altstadt:


    IMG_4796_sil.jpg


    Selbe Straße zuvor:


    pfefferstadt.jpg


    Unbebaute Flächen der Rechtstadt über einen halben Kilometer Länge:


    IMG_4570_sil.jpg


    Komplette Leere in der Vorstadt.


    IMG_4633_sil.jpg


    IMG_4644_sil.jpg


    So sieht die Frauengasse von hinten aus (das ist sogar innerhalb des rot umrandeten Bereichs):


    IMG_4707_sil.jpg


    Keinerlei Bebauung mehr unmittelbar hinter dem Langen Markt (Schumannhaus von hinten):


    IMG_4485_sil.jpg


    Noch viel größere Leere in der nördlichen Rechtstadt:


    IMG_4817_sil.jpg


    Hier standen bis mindestens in die 60er-Jahre noch originale Häuser an der Johanniskirche:


    IMG_4864_sil.jpg


    Heute stehen hier Standard-Kopien ...


    Zum Thema "Originaltreue" der Leitbauten poste ich bei Gelegenheit noch Beispiele unter Danziger Gebäude im Wandel der Zeit


    Um das Fazit vorwegzunehmen: Ich war mir teilweise nicht sicher, ob ich die Gebäude richtig zugeordnet hatte, denn die Fassaden sehen teilweise komplett anders aus (und ich habe meine Zweifel, ob der Ist-Zustand jemals existierte).

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes


  • Gescholten zu recht. Diese typische, westdeutsche, versifft-modernistische Nachkriegsarchitektur bestimmt auch in dieser größeren Stadt (Würzburg) bis heute weite Straßenzügen zwischen mehr oder minder gut rekonstruierten Solitärgebäuden, Inseln und Abschnitten.

    Übergeordnete Strukturen, Blockrandbebauung, Kleinteiligkeit (Körnigkeit) alleine reichen nicht aus, kamen und kommen der modernistischen Stadtplanung als ausreichendes Zugeständnis jedoch entgegen.

    Das alles funktioniert allerdings nur dann, wenn vorrangig Materialität, traditionelle Bauweisen und Fassadendetails als Kriterien berücksichtigt und eingehalten werden, die den Genius loci ausmachen.

    Die Wiederaufnahme übergeordneter Strukturen bleibt als Erkenntnis im Rückblick auf den westdeutschen Wiederaufbau unzureichend und zweitrangig. Und mit den üblichen architektonischen Brüche, wie hier am Würzburger Beispiel ersichtlich, entstehen am Ende kein Stadtensembles, trotz struktureller Anlehnung an das Original. Der Dom wirkt in diesem Konglomerat nicht mehr wie ein Höhepunkt, sondern wie ein klägliches Relikt, das für sich, ganz ohne dieses fragwürdige Umfeld, steht.


    Was also wurde mit diesen vermeintlich hehren, Modernisten würden sagen "ehrlichen", Kriterien gegenüber einem Wiederaufbau im Sinne Danzigs für die Menschen gewonnen? Besonders weitsichtig und ausreichend waren sie nicht.


    Ein Beispiel für die Aufnahme der Strukturen einer Vorkriegs-Altstadt ist im übrigen auch das viel gescholtene Stuttgart, das sich mit Ausnahme der beiden großen Straßenschneißen ebenfalls beim Wiederaufbau am mittelalterlichen Stadtplan orientierte. Es kann nicht nur, aber eben auch mit dieser strukturelle Anlehnung an das Original nicht überzeugen.


    "Gefällig" im Sinne von Danzig dürfte das, sogar strukturell wiederaufgebaute, wenngleich unbedeutendere, kleinere Freudenstadt im Schwarzwald sein. Ein Modell, das sich durch die Berücksichtigung lokaler Bautraditionen durchaus auch für größere westdeutsche Städte nach dem Krieg teilweise angeboten hat und hätte.

  • Gescholten zu recht. Diese typische, westdeutsche, versifft-modernistische Nachkriegsarchitektur bestimmt auch in dieser größeren Stadt (Würzburg) bis heute weite Straßenzügen zwischen mehr oder minder gut rekonstruierten Solitärgebäuden, Inseln und Abschnitten

    Na ja, es dürfte wenige Städte mit praktisch ausschließlicher Nachkriegsbebauung geben, die gepflegter aussehen und näher an der traditionellen europäischen Stadt angelehnt sind als Würzburg.


    Meist gibt es nämlich weder kleinteilige Strukturen noch irgendwie am historischen Vorbild orientierte Bebauung und das Ergebnis ist normalerweise sehr viel schlechter, der Erhaltungszustand viel schlechter (Pforzheim, Mannheim ist trotz Beibehaltung der Quadrate schrecklich, Magdeburg, Dresden oder Dessau sind nochmals viel schlimmer). Da würde ich schon gern ein wenig differenzieren und nicht alles gleichsetzen.


    Um Danzig bei weitem zu übertreffen, würde es in Würzburg ausreichen, Fassaden vorzublenden, die irgendwie original wirken, ohne großartig zu recherchieren, mehr wurde in der Danziger Rechtstadt in 80 % der Fälle ja auch nicht gemacht.

    Was also wurde mit diesen vermeintlich hehren, Modernisten würden sagen "ehrlichen", Kriterien gegenüber einem Wiederaufbau im Sinne Danzigs für die Menschen gewonnen?

    Wie schon in den Galerien anklang, stört mich der Phantasieaufbau weiter Teile der Danziger Innenstadt ja überhaupt nicht (weil finanziell wohl kaum mehr möglich war und die Alternative völlig unpassender Bauten viel schlechter wäre), auch wenn ich es etwas seltsam finde, wenn man sogar Leitbauten, deren Aussehen bestens dokumentiert ist, dann bewußt in völlig anderer Form aufbaut.


    Der Grund, aus dem Würzburg bei meinem persönlichen Vergleich deutlich besser abschneidet, ist einfach das Gesamtbild - Würzburg besteht im Gegensatz zu Danzig oder Warschau nicht zu 90 % aus Plattenbauten und riesigen Verkehrsschneisen.


    Warschau sieht realistischerweise so aus:


    IMG_5725_sil.jpg


    Oder so:


    IMG_5509_sil.jpg


    Und Danzig in seinen besseren Bezirken so:


    IMG_5163_sil.jpg


    IMG_5167_sil.jpg


    Da ist mir dann ein flächendeckend traditionalistisch orientiertes Würzburg doch lieber.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Nein, diesen Lobpreis Würzburg kann ich nicht so unwidersprochen stehen lassen.


    Na ja, es dürfte wenige Städte mit praktisch ausschließlicher Nachkriegsbebauung geben, die gepflegter aussehen und näher an der traditionellen europäischen Stadt angelehnt sind als Würzburg.

    Lässt man den Verweis auf die praktisch ausschließliche Nachkriegsbebauung weg, ist das schiere Gegenteil der Fall: es gibt keine traditionelle europäische Stadt von hinlänglicher Bedeutung, die städtebaulich eine derartige Zumutung ist, die die traditionell- europäische Ästhetik dermaßen mit Füßen tritt wie Würzburg uä.

    Das ist die bittere Wahrheit.


    man baut bestenfalls 20 % überhaupt wieder auf und läßt den Rest frei, mal versteckt, meist offen
    man legt riesige Verkehrsschneisen mitten in die Innenstadt
    man errichtet Hochhäuser und riesige Einkaufszentren in der Altstadt
    man läßt die erhaltene Bebauung (z. B. an der Häkergasse) verfallen und ersetzt die Ruinen dann durch neue Phantasie-Bauten und baut generell weniger an historisierenden Bauten auf, als gleichzeitig verfallen (v. a. in Langfuhr)

    Es geht jetzt nicht darum, den kommunistischen Städtebau, überhaupt in Vertreibungsstädten, wo überhaupt keine Nahebeziehung zum erhaltenen Vorbestand bestehen kann (weil ja eh nur "Feind" drinnen gewohnt hat), irgendwie schön zu reden. Natürlich ist dort alles haarsträubend und entspricht dem typischen: nur nicht genauer hinschauen, alles unter den Teppich kehren, Hauptsache die schöne Fassade stimmt.

    Aber die obigen Fehler lassen sich sämtlich auch für den deutschen Wiederaufbau anführen: außer dass man nicht 20%, sondern max 1% wiederaufgebaut hat (in Würzburg konkret an Totalschäden die sog. Greising-Häuser, in Nürnberg nichts). Verkehrsschneisen fanden sich nicht nur in Ulm (jüngst zurückgebaut). In Würzburg ist die B. Neuman-Promenade Verkehrshölle pur, riesige Einkaufszentren in der Altstadt sind Regelfall, dh die Altstädte sind mehr Einkaufszentren als Altstadt, - wobei die Terminologie unscharf ist: "Altstadt" in Danzig ist aufgegebenes Terrain, wie praktisch die gesamten westdt. Innenstädte zumindest in ästhet. Hinsicht. "Richtige" Altstadt wäre die Rechtstadt, und hier müsste man einen Vergleich erst einmal suchen.

    Den Verfall von erhaltenen Kleinvierteln konnte man auch in Westdt. zur Genüge beobachten - nur dass dort nicht historisierend wiederaufgebaut wurde.

    Wie gesagt- der hier behauptete Unterschied, der hier skizziert wird, besteht für mich nicht hinsichtlich der Schattenseiten. Eher ist das Gegenteil der Fall: Wie die Erfahrung lehrt, lassen sich Verkehrsschneisen und Brachflächen eher reparieren als dieser zwar kleinteilige, aber qualitätslos-modernistische westdeutsche Wiederaufbau, der die alten Altstädte regelrecht zumüllt. Ja, mir wären 20% Danziger Modell ungleich lieber als der 100%ige Würzburger Mist, da es für mich hinsichtlich der 80% nicht schlimmer kommen kann als es ist. "Würzburg" bräuchte nicht viel, um zu funktionieren: Domstraße, ein bisschen Schönbornstraße ums Eck bis zum Markt , auf der anderen Seite einen Durchschlag über Plattnerstraße ,Domerschulgasse und Schöntahlstraße, wo eh genug stehengeblieben ist, zur Neubaustraße als zweite Ostwest-Achse mit dem riesigen Komplex Neubaukirche/Uni/St. Michael als Landmarke. Hier ist auf engem Raum ungleich mehr gestanden als in Danzig, und der heutige Zustand dieses sich quasi fast "von selbst ergebenden" Stadtbildes eine Riesenschande. Im Norden ließe sich noch eine dritte Achse um Juliuspromenade bis zum Stift Haug bilden, mit einer Schönbornstraße als Bindeglied.

    Das wäre ein verhältnismäßig großer Stadtraum, der einem Besucher die Kriegszerstörung ziemlich vergessen machen ließe - all dies mit weit weniger gestalterischem Aufwand als in Danzig.

    In Würzburg wäre nicht einmal der Danziger Fassadismus erforderlich gewesen - sondern einfach schlichte fränkische Häuseln, die sich ganz ohne Artifizialität an das überkommene Formenerbe anpassen und den erhaltenen Glanzpunkten sozusagen einen vernünftigen Rahmen bieten würden.

  • Lässt man den Verweis auf die praktisch ausschließliche Nachkriegsbebauung weg

    Dann wäre der Vergleich ja sinnlos, denn hier soll ja die Wiederaufbauleistung bewertet werden. Natürlich sah das Original-Würzburg ungleich besser aus, daran besteht ja gar kein Zweifel.


    Daher gibt es ja auch Die größten und gelungensten Wiederaufbauprojekte zerstörter Städte, um dort Wiederaufbauprojekte zu sammeln und vor allem auch den Umfang zu bewerten. Da würde ich es begrüßen, wenn Du da Einträge vornehmen könntest, laut der Vorlage:


    1. Größe des Areals


    absolut:

    relativ:


    2. Bebauung


    Umfang der Rekonstruktionen:

    Umfang der "angepaßten" Neubauten:

    Umfang der historisierenden "Neukreationen":


    kurzes Fazit:


    keine traditionelle europäische Stadt von hinlänglicher Bedeutung

    Ich muß ja nur nach Mannheim fahren, die kurfürstliche Residenzstadt, die ihren traditionellen Grundriß behalten hat, um festzustellen, daß es ungleich schlimmer geht. Inwiefern Pforzheim und Co. noch mit ihrer heutigen Struktur unter die "traditionelle europäische Stadt" fallen, weiß ich nicht, jedenfalls wäre das auf meiner persönlichen Skala sehr weit unten.


    "Gasse" in Pforzheim:


    IMG_0367_k.jpg

    Es geht jetzt nicht darum, den kommunistischen Städtebau, überhaupt in Vertreibungsstädten, wo überhaupt keine Nahebeziehung zum erhaltenen Vorbestand bestehen kann (weil ja eh nur "Feind" drinnen gewohnt hat), irgendwie schön zu reden

    Das wurde aber völlig anders gesehen, es handelte sich um "wiedergewonnene Gebiete", die schon seit der Neugründung Polens in Posen am "Institut für Westforschung" untersucht wurden, später gab es ab 1946 noch eine eigene Kommission, die sich eifrig polnische Namen ausdachte (so ähnlich wie bei Südtirol die Italiener).


    Entsprechend war Danzig laut vorherrschender polnischer Meinung eine polnische Stadt, die nur durch die Preußen besetzt wurde, daher wurden auch fast alle "preußischen Spuren" aus der Stadt getilgt und die "Preußen" vertrieben. Daß die Bevölkerung in Wahrheit immer weitaus überwiegend deutsch war und über Jahrhunderte dort lebte, wurde natürlich nicht zur Kenntnis genommen. Somit gab es schon einen Anknüpfungspunkt zu den historischen Bauten aus angeblich polnischen Zeiten (daß es kein einziges bedeutendes Bauwerk von einem polnischen Architekten stammte, spielte da keine Rolle).

    Ja, mir wären 20% Danziger Modell

    Damit meinte ich, daß die Fläche nur zu bestenfalls 20 % überhaupt irgendwie bebaut wurde, und das schließt Wohnblöcke und Hochhäuser mit ein. 20 % Rekonstruktionen wären natürlich sehr erfreulich, tatsächlich ist der Anteil der Rekonstruktionen selbst in der Rechtstadt deutlich geringer, vielleicht 2 bis 3 % insgesamt, und da muß man schon sehr großzügig sein und reine Fassadenrekonstruktionen und extrem stark abweichende Erscheinungsbilder tolerieren.


    Das neue Schöffenhaus direkt neben dem Artushof sieht z. B. ganz wunderbar aus, es entspricht aber keinem der Zustände, die auf alten Postkarten bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden können, und ob es zum Goldenen Zeitalter wirklich mal so ähnlich wie heute aussah, wage ich doch sehr zu bezweifeln.


    Abgesehen davon kommt Danzig ja hinsichtlich des Wiederaufbaus eine Sonderrolle in Polen zu (eben gerade keine klassische Rekonstruktion), wenn wir jetzt z. B. Posen oder Lublin mit Würzburg vergleichen würden, dann würde ich Dir zustimmen, daß da Würzburg trotz der größeren Fläche deutlich zurückliegt.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Es ist dazu anzumerken, dass solche unbebauten Flächen langsam mit modernen Giebelhäusern bebaut werden

    Das ist richtig, es handelt sich um das Stadthaus-Quartier von 2012 (füllt die Brachfläche aus, die in Das Mottlau-Ufer der Rechtstadt - vom Ankerschmiedeturm bis zum Fischmarkt unten gezeigt wird), das schon gezeigte Zentrum für maritime Kultur (Das Mottlau-Ufer der Rechtstadt - vom Ankerschmiedeturm bis zum Fischmarkt) und die neu errichtete Häuserzeile (Fleischbänke) an der Südseite der Heilig-Geist-Gasse (Fotos kommen noch).

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Wie gesagt, ich finde zwischen Mannheim, Pforzheim oder Würzburg keinen substanziellen Unterschied, was den Neuaufbau betrifft. Ob architektonischer Müll rote Dächer hat oder nicht, bleibt sich in meinen Augen ziemlich gleich. Dass in Wü ungleich mehr stehen geblieben ist, macht die Sache nur umso schlimmer, denn dies würde mE auch einen erhöhten Qualitätsanspruch der Neubebauung bedingen.

    Zu den 20%:

    es stellt sich die Frage, ob dieser Danziger Minimalismus tatsächlich nicht eher positiv zu werten ist. Schließlich besteht dadurch Raum für Nachverdichtung, also für Verbesserung. Diesen gibt es de facto in der verdichtet neuaufgebauten westdt. Stadt erfahrungsgemäß nicht mehr. Danzig kann weiterwachsen. Und ob die leeren Zwischenräume in der Rechtstadt tatsächlich schlechter wirken als das westdeutsche Gasslgewirr aus fast ausschließlich niveaulosen Neubauten - I' m not so sure.

    eine andere Frage ist, was aus "Gdansk" grundsätzlich zu lernen wäre.

    Statt wissenschaftlich penibler Rekonstruktion frei nachempfundene Neubauten - ein brauchbares Konzept für Würzburg & Co?

    Für Würzburg selbst hab ich das schon unbedingt bejaht. Sieht man sich Vorkriegsbilder der Domstraße oder NeubauStr. an, erscheint bei den allermeisten Häusern eigentlich nix zwingend bzw konkret zu Rekonstruierendes. Gleiches würde ich sogar für Nürnberger "Standardfälle" annehmen, also nicht für Peller- Groland- oder Toplerhaus etc. Traufseitige Straßenfluchten mit sichtbar gelassenen alten Steinen, mit alter Achsengliederung, Fensterformen, steilen Satteldächern, hin und wieder ein Fachwerkobergeschoss zur Auflockerung, mit ein paar Spolien oder nachempfundenen Dach-oder Fassaden-Erkern - wer würde nach "authentisch" oder nicht lange fragen?

    sollte man nicht das Postulat der "Wissenschaftlichkeit" aufgeben? Ist es nicht eine Danziger Lektion, dass es ohne diese Fessel, die in den allermeisten Fällen mangels hinlänglicher Dokumentierung ohnedies zum Scheitern führt, auch geht?

    Interessant erscheint, dass hiebei ein eigener "sozialistischer" Stil geschaffen wurde, der mit bloßem Auge als solcher erkennbar ist, aber von ausreichendem Formgefühl ist, um den Spagat zu nordostdeutschem Barock auf mittelalterlicher Basis zu schaffen.

    Passiert nicht sogar in Dresden Entsprechendes:


    IMG_20200801_110940

    Ist das nicht eine "Danziger Herangehensweise?"

  • Wie gesagt, ich finde zwischen Mannheim, Pforzheim oder Würzburg keinen substanziellen Unterschied, was den Neuaufbau betrifft. Ob architektonischer Müll rote Dächer hat oder nicht, bleibt sich in meinen Augen ziemlich gleich.

    Das sehe ich anders. Das Erscheinungsbild und die Struktur dieser drei Städte ist nicht miteinander zu vergleichen. Zudem spielen Dachstrukturen eine wichtige Rolle. Architektonischer "Müll" wird sicherlich durch ein steiles Dach kein Schmuckstück. Mit einem Flachdach wird es aber keinesfalls besser. Zudem würde ich nicht jeden Bau der Nachkriegszeit derart negativ sehen. Viele Gebäude der traditionellen Stadt waren auch schlicht.

  • Zustimmung zu Heimdalls Beitrag. Das kleinteilige und behagliche Stadtbild Würzburgs ist weitaus mehr dem historischen - und menschlichen - Maßstab verpflichtet als Mannheim oder Pforzheim. Das sieht nicht nur schöner aus, sondern wird sich auch in Zukunft als Vorteil erweisen. Denn die innerstädtische Architektur von Städten wie Mannheim oder Stuttgart entspricht eigentlich eher der von Industriegebieten. In Zeiten des Leerstands bleiben verwahrloste, antiurbane (weil monofunktionale) Quartiere zurück. Für diese Zukunft wurde in solchen "cities" nicht vorgesorgt.

  • Würzburg ist eigentlich schon irgendwie mit Köln vergleichbar: in beiden Städten stehen unendlich viele Sehenswürdigkeiten in einem endlosen Meer von Nachkriegsschrott herum, wobei es in Köln aber wesentlich schlimmere (aber auch bessere!) Ecken gibt als in Würzburg. Das heutige Stuttgart dagegen ist bis auf wenige Ecken nur noch häßlich (wie auch Kassel)...

  • Wie gesagt, ich finde zwischen Mannheim, Pforzheim oder Würzburg keinen substanziellen Unterschied, was den Neuaufbau betrifft. Ob architektonischer Müll rote Dächer hat oder nicht, bleibt sich in meinen Augen ziemlich gleich.

    Kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, es ist doch ein großer Unterschied, ob ich alle früheren Strukturen komplett plattmache und dann völlig grobschlächtige und riesige Betonklötze darauf stelle oder ob ich mich immerhin noch in eingeschränkter Hinsicht am vorherigen Zustand orientiere und eine gewisse Gestaltungssatzung einhalte.


    Wie oft warst du denn schon in diesen Städten?


    In Würzburg würde doch vielerorts eine andere Fassadengestaltung ausreichen, um ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen, in Pforzheim ist in jeder Hinsicht alles verloren:






    Da hilft ja wirklich nichts mehr, bestenfalls noch Totalabriß ...


    Außerdem ist mir nicht klar, weshalb Ulm dann viel besser sein soll (Stichwort Bahnhofsviertel) oder Chemnitz gar gut?

    sollte man nicht das Postulat der "Wissenschaftlichkeit" aufgeben? Ist es nicht eine Danziger Lektion, dass es ohne diese Fessel, die in den allermeisten Fällen mangels hinlänglicher Dokumentierung ohnedies zum Scheitern führt, auch geht?

    Wie schon oben geschrieben, als Neubauprojekt, das für sich stehen kann, gefällt mir Danzig außerordentlich gut. Eine Rekonstruktion ist es nicht und sollte im Gegensatz zu anderen Städten wie Posen, Lublin oder Warschau auch gar nicht sein, sondern sich irgendwie lose an die frühere Stadt anlehnen.


    Bezogen auf Würzburg würde das Danziger Modell dann so aussehen:

    • repräsentative Bebauung entlang des Mains, die eine gewisse Größe der Bebauung erwarten läßt (zu Unrecht, weil dahinter meist gar nichts kommt)
    • zwischen Domstraße und Juliuspromenade vielleicht noch die Eichhornstraße nachgestalten, dazwischen die komplette Bebauung zugunsten grüner Wiese weglassen, dafür aber an den wenigen Straßen und am Oberen/Unteren Markt alles wie aus einem Guß wirken lassen, ohne sich großartig am Original zu orientieren
    • den Rest der Innenstadt entweder gar nicht oder mit Plattenbauten bebauen, in 100 Metern Entfernung von der Domstraße dann eine 125 Meter breite Verkehrsschneise, die über eine völlig neue Brücke über den Main führt

    Wäre die Alternative eine dichte Bebauung mit kompletten Gassenstrukturen, die authentisch wirkt, wie in Posen, wäre ich natürlich für das Posener Modell, vielleicht nur die halbe Altstadt aufbauen, die dafür aber überzeugend und zumindest halbwegs originalgetreu. Aber im Vergleich mit Danzig?


    Betrachtet man Danzig nicht als traditionell gestaltetes Neubauprojekt, sondern als Rekonstruktionsprojekt, dann habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung, wie man es bewerten soll.


    Eigentlich bin ich früher davon ausgegangen, daß zumindest die wenigen "Leitbauten" weitgehend originalgetreu aussehen und die dazwischen befindlichen Gebäude zumindest ansatzweise in Richtung der originalen (wenn auch häufig umgebauten) Gebäude tendieren.


    Tatsächlich sind die "Füllbauten" meist einfach nur Variationen des neu erfundenen Einheits-Giebelhauses, das auch an Stellen eingesetzt wird, wo überhaupt keine Giebelhäuser standen, aufwendige Details früherer Häuser fehlen dort sowieso.


    Gleichzeitig überzeugt der heutige Eindruck seltsamerweise, sobald man sich nicht mit dem Original beschäftigt hat, denn dann wirkt es plötzlich relativ armselig ...


    Wirklich verblüffend fand ich aber, wie groß die Abweichungen auch bei "Leitbauten" sind, mal abgesehen davon, daß die meist einfach aus einer Fassade vor einer größeren Häuserzeile bestehen. Entweder ist es nur ganz grob nachgestaltet oder sieht komplett anders aus, prächtiger und aufwendiger, aber ob es wirklich jemals ansatzweise so aussah?

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Heimdall, Königsbau et al.

    Tut mir leid, ich kann einfach nicht zwischen Müll differenzieren, was Mist ist, bleibt Mist, und das trifft auf Würzburg ebenso zu wie auf weite Teile Kölns, wie auf die gezeigten Bilder Pforzheims etc. In Mannheim und Pforzheim war ich noch nie, warum denn auch, was soll man dort als Nichtmasochist (wenn man keine berufliche oder sonstige Veranlassung hat?). Im Falle Würzburgs ist diese Vermeidungshaltung angesichts des vielen Erhaltenen halt leider nicht möglich. Wenn das Auge beleidigt wird, ist es nicht notwendiger nachzufragen, wodurch mehr und wodurch weniger. Würzburg ist vom Stadtbild her so wie es ist inakzeptabel, einer europäischen Kulturstadt einfach unwürdig, als Zweite-Welt-Versuch eines Urbanitäts-Imitates vielleicht annehmbar.


    silesien:

    der von dir gezeigte Versuch, das Danzig-Modell auf Würzburg zu übertragen, ist zu minimalistisch und geht zu sehr von den Danziger Gegebenheiten aus. Ein totalitär-traditionsbewusstes Würzburg wäre anders anzulegen, und zwar nicht nach dem Prinzip von Parallelachsen sondern nach dem Karreesystem: Domstraße (bzw der damit verbundene Markt) als Südteil eines Riesenkarrees, das von Schönbornstraße und Juliuspromenade gebildet wird und sich im Westen bis zur Karmeliterstraße erstreckt. Alle erwähnten Straßen wären natürlich beidseitig aufzubauen, wobei der Karmeliterstraße im Westen eine hübsche Mainfront vorgelagert wird. Innerhalb dieser Karrees ergeben sich natürlich gigantische Zwischenräume, die verschiedenartig gestaltbar erscheinen. Von minimalistischem Extrem der Leere wäre dabei keineswegs zwingend auszugehen, man könnte sich so etwas wie Gassenrestlinge inmitten Parks vorstellen, auch Solitärbauten im erzfränkischen Stil wie gemütliche Gaststätten, etwa transloziiert aufgebaute Fachwerkhäuser. Die hier einst befindliche Altstadt wäre also zumindest zu symbolisieren, wobei auch die Hinterhofseiten der Blockbebauung eine ästhetisch ansprechende Gestaltung erfahren müsste. eine weitere Mainbrücke bzw einen Durchschlag müsste es keineswegs geben, denn die neue Innenstadt wäre nach Danziger Muster völlig verkehrsberuhigt. Der Anrainerverkehr würde über die Karmeliterstraße und Friedensbrücke samt dortigem Umfahrungssystem abgewickelt.

    Daneben könnte man noch träumen von einem Ost-Block zwischen Schönbornstraße und Theaterstraße, die natürlich als barocke Prachtanlage ebenfalls einen peniblen Aufbau erfahren würde, wohl stark purifiziert, dh unter Beseitigung historistischer Erweiterungen. natürlich würde auch die Hofstraße samt angrenzender Prachtgebäude eine Wiederherstellung erfahren, Glanzstücke wie der Kardinal Töpfnerplatz würden natürlich würdig ergänzt werden und kein so abstoßendes Musterbeispiel für schlechten Geschmack des Wirtschaftswunderlandes abgeben. Die Eichhornstraße wäre wohl sogar aufgegeben, aber ich wüßte nicht, inwieweit angesichts des trostlosen Istzustandes irgendeine Verschlechterung, sei es durch völliges Nichts, auch nur denkbar wäre. Im Gegenteil wäre der aufgelockerte Stadtraum ungleich freundlicher, nicht zuletzt durch gute Sicht auf die großartige Anlage der Augustinerkirche (deren Wiederaufbau im Inneren natürlich auch weit rekonstruktiver wäre und vor allem die jüngsten perversen Verschandelungen als Zentralraum nicht zugelassen hätte).

    Im Süden könnte man um die Neubau- und nur relativ wenig zerstörte Sanderstraße einen ähnlichen Block schaffen, der die Stephans- und die Peterskirche ungleich besser einbindet als es heute der Fall ist.

    Wie schon skizziert wäre zwischen Dom und Neubaukirche eine Art "Altstadtbrücke" zu schlagen.

    Abseits von dieser würde das Areal zwischen Dom- und Neubaustraße wohl eher brach liegen.

    Ich glaube nicht, dass angesichts dieser Verwirklichung irgendjemand hier dem heutigen Würzburg auch nur eine Träne nachgeweint hätte - so wie keine in Danzig um die dort unterlassende BRD-Kleinteiligkeit trauert.