Das Mottlau-Ufer der Rechtstadt - vom Ankerschmiedeturm bis zum Fischmarkt

  • Ich habe diesen Beitrag bewußt unter "Schwerpunktthemen" und nicht unter den Stadtrundgängen einsortiert, da die Fotos an ganz unterschiedlichen Standorten entstanden sind und somit keine durchgehende Strecke entsteht, die abgegangen werden könnte.


    In diesem Schwerpunktthema soll es um das Hauptaushängeschild des heutigen Danzig gehen (neben dem Langen Markt), nämlich um die äußerst sehenswerte Bebauung entlang der Mottlau, die vom Ankerschmiedeturm im Süden bis zum Turm der Schwanenbastei im Norden reicht, kurz vor der Einmündung der Radaune in die Mottlau.


    Als grobe Übersicht soll diese Karte von 1898 dienen, beim gezeigen Areal handelt sich um den linken Mottlau-Arm (die alte Mottlau) und den östlichen Rand der Rechtstadt:


    mottlau19.jpg


    Etwas besser lesbar sind die deutschen Namen auf diesem Stadtplan von 1939, der allerdings nicht nach Norden ausgerichtet ist:


    mottlau39.jpg


    Die Bebauung wird vor allem durch die acht Wassertore geprägt, die inzwischen allesamt - wenn auch meist als ungefähre Rekonstruktion - wiederhergestellt wurden.


    Tatsächlich wurde die Bebauung gegen Ende des 2. Weltkriegs praktisch vollständig zerstört und seitdem wiederaufgebaut, wobei allerdings die Häuserzeilen zwischen den Wassertoren bestenfalls eine lose Anlehnung an einen idealisierten früheren Zustand darstellen, in vielen Fällen aber ähnlich wie viele "Füllgebäude" der Rechtstadt keinerlei Bezug zu früheren Bauten darstellen.


    Nach Norden zu, ab dem Marientor, wo die Bebauung am spätesten wiederhergestellt wurde (im südlichen Abschnitt ab etwa 1983, ganz im Norden, ab dem Krantor, erst seit der Jahrtausendwende bis heute), gibt es indes gut angepaßte bis postmoderne Neubauten, die auch sofort als solche erkennbar sind.


    Ganz im Norden existiert zudem mit dem Fischmarkt noch eine Quasi-Rekonstruktion aus kommunistischen Zeiten, "quasi" deshalb, weil es sich auch hier wieder einmal um eine ganz lose Anlehnung an den Vorkriegszustand handelt und zudem die Häuserzeile zur Mottlau nicht wiederhergestellt wurde.


    Wer sich für das frühere Aussehen interessiert, findet hier eine ganze Reihe von Aufnahmen - einige ausgewählte sowie neue Fotos werde ich hier indes auch präsentieren:


    Die Rechtstadt - der städtebaulich bedeutendste Teil - so sah es vor der Zerstörung aus


    Die wiederaufgebaute Rechtstadt - Ansichten und Perspektiven - hier werden Wiederaufbau-Ansichten gezeigt


    Hier nun ein Überblick der heutigen Situation, die Positionen der Wassertore habe ich durchnummeriert:


    mottlau18.jpg


    Grob kann man sagen, daß die Bebauung südlich des Grünen Tors (2) zwar im historisierenden Stil, aber ohne Anlehnung an das historische Vorbild erfolgt ist (was übrigens auch für die Ufergestaltung gilt, früher konnte man dort nicht am Ufer entlang gehen), und nördlich des Krantors (6) aus auf Anhieb erkennbaren Neubauten besteht.


    Im "Herzen des Rekonstruktionsareals" zwischen Grünem Tor (2) und Marientor (4) wird gekonnt der (falsche) Eindruck historischer Bauten vermittelt, bei der Bebauung zwischen Marientor (4) und Krantor (6) aus den 80er Jahren lehnt man sich trotz postmoderner Zitate so nah an Vorbilder an, daß ich mir nicht sicher bin, ob hier nicht auch der historische Eindruck überwiegt.


    Zur Einstimmung ein erstes Bild, das wohl um die Jahrtausendwende entstanden ist (der Kenner wird auch bemerken, daß die "Nachkriegs-Speichergebäude" nördlich des Krantors noch stehen):


    gdansk.jpg


    Hier ist deutlich zu sehen, daß dem Rekonstruktionsprojekt nördlich der Breitgasse (Krantor) leider doch recht nachhaltig die Ressourcen ausgegangen sind und weite Teile (übrigens auch heute) noch unbebaut sind (ganz unten in der Mitte übrigens der Fischmarkt, dahinter die große Freifläche des früheren Altstädtischen Markts).


    Trotz aller genannten Einschränkungen ist der Gesamteindruck heute dennoch beeindruckend, hier der sehenswerteste Abschnitt (mit dem Frauentor in der Mitte nach Süden):


    IMG_4448_sil.jpg


    Wobei der Gesamteindruck durch die neu errichtete Bebauung der Speicherinsel komplettiert wird - endlich erhält die Mottlau-Bebauung der Rechtstadt wieder ein Gegengewicht:


    IMG_5255_sil.jpg


    Im folgenden sollen nun die einzelnen Abschnitte der Bebauung von Süden nach Norden vorgestellt werden.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Um das Ausmaß der original vorhandenen Bausubstanz beurteilen zu können, zunächst Nachkriegsansichten, hier vom Krantor aus dem Jahr 1956 (rechts):



    Und hier aus demselben Jahr der Abschnitt zwischen Krantor und dem Frauentor (links), das hier bereits im Wiederaufbau ist und 1961 fertiggestellt wurde (die Frauengasse dahinter fehlt auf dem Foto noch völlig):



    Und noch eine Nachkriegsansicht des Grünen Tors:



    Diese Aufnahmen sind repräsentativ und verdeutlichen, daß der Anteil an originaler Bausubstanz minimal und nur auf bedeutende Gebäude wie die Wassertore beschränkt ist.


    Der Wiederaufbau erfolgte hier nach genau denselben Prinzipien wie in der restlichen Rechtstadt - diese wurden ja schon in Danzig/Gdańsk seit 1945 - Wiederaufbau und aktuelle Entwicklungen ausführlich beschrieben.


    Kurz gefaßt wurden herausragende Bauwerke - hier die Wassertore - in loser Anlehnung an das Original rekonstruiert, wobei man aber nicht zwangsläufig den unmittelbaren Vorkriegszustand rekonstruierte, sondern häufig weiter in der Geschichte zurückging oder auch idealisierte und "optimierte" Varianten von Bauwerken errichtete, die es in dieser Form zuvor nie gab (das ist aber nicht spezifisch für Danzig, sondern wurde in Warschau genauso gehandhabt).


    Wobei "Original" in Danzig ein schwer faßbarer Begriff ist, schließlich wurden viele Gebäude (auch bedeutende) sehr häufig umgebaut und als reine Gebrauchsgegenstände angesehen, Stadttore zu Wohnhäusern oder Geschäften umgewandelt, mit auffälliger Reklame versehen oder - speziell zur Gründerzeit - nachträglich entkernt oder mit Ornamenten verziert.


    Seit dem Wahlsieg der Danziger NSDAP im Jahr 1933 wurde indes eine gegenteilige Baupolitik verfolgt, es gab ein groß angelegten "Entschandelungsprogramm" in Abstimmung mit Deutschland, bei dem wieder Giebel errichtet, einzelne Fassaden herausgearbeitet, zurückgebaut oder an einen früheren Bauzustand angeglichen wurden.


    Man schoß dabei aber meines Erachtens in vielen Fällen deutlich über das Ziel hinaus, eine ganze Reihe von Gebäuden mit ursprünglich geschmückten Fassaden sahen danach ähnlich aus die die späteren "Füllhäuser".


    Entsprechend ist es in vielen Fällen schwer zu beurteilen, inwiefern das heutige Aussehen irgendeinem früheren Zustand entspricht.


    Hier mal ein klassisches Beispiel für den Unterschied Vorkriegszustand/Rekonstruktion:


    Das Ensemble Haus der naturforschenden Gesellschaft/Frauentor im Original aus dem Jahr 1903:



    Und der heutige Zustand (Aufbau etwa 1958 beim Haus der naturforschenden Gesellschaft und etwa 1961 beim Frauentor abgeschlossen) - heute sind übrigens beide Gebäude intern miteinander verbunden:



    Deutlich zu sehen ist das ziemlich "profane" Aussehen des Frauentors auf der alten Aufnahme, es wurde als Geschäfts- und Wohnhaus genutzt, die Fassade besteht aus hellem Putz, auf der Fassade sind Reklameaufschriften vorhanden.


    Heute zeigt es sich in Backsteinoptik, die Fassade und vor allem das Dach mit dem Giebel sind viel aufwendiger gestaltet (Hinweis: es gibt auch alte Aufnahmen vor 1945, auf denen das Tor ähnlich wie heute aussieht, möglicherweise ein Ergebnis der umfangreichen Stadtsanierung der 30er Jahre).


    Aber auch das Haus der naturforschenden Gesellschaft wurde "optimiert" - das Dach und der Turm sind viel schlanker und eleganter, der Turm hat eine viel schönere Plattform und Haube, und auch die Bebauung in der Umgebung wurde deutlich verbessert - die Gebäude sind höher und haben anstelle der schlichten Fassaden heute eine sehr aufwendige Gestaltung (speziell links davon).


    Bei der Errichtung der Häuserzeilen ging man ebenfalls wie in der restlichen Rechtstadt vor, es wurden lange Häuserzeilen entworfen und dann gemauert, ein Verfahren, das man bis zum Ende der Volksrepublik beibehielt (auch der nördliche Abschnitt ab 1983 wurde tatsächlich im bewährten Verfahren gemauert).


    Hier als Beispiel indes der südlichste Abschnitt zwischen Kuhtor und Grünem Tor:



    Auch hier ging man pragmatisch vor - in manchen Abschnitten lehnte man sich lose an das historische Vorbild an, "Leitbauten" erhielten eine aufwendigere Fassade (dahinter war dann aber die übliche Häuserzeile mit neuen Grundrissen), Gründerzeitbauten wurden als fremdes "preußisches" Element prinzipiell nicht rekonstruiert (und teilweise sogar abgerissen), häufig errichtete man aber auch einfach nur Füllbauten mit Giebel, aber allen erdenklichen Fassadengestaltungen bis hin zu "sozialistischen" Motiven.


    So sah der obige Uferabschnitt zuvor aus:



    Dieser Abschnitt war nicht öffentlich zugänglich, es gab keinen Uferweg, erst nördlich des Grünen Tors begann die "Lange Brücke", ursprünglich eine auf Holzstämmen ruhende Landebrücke, die sich später in eine Flaniermeile verwandelte.


    Hier das heutige Erscheinungsbild desselben Abschnitts:



    Es ist zu erkennen, daß hier Füllhäuser mit Giebel errichtet wurden, die keine erkennbare Anlehnung an das historische Vorbild aufweisen.


    Zweites Extrembeispiel aus dem nördlichsten Abschnitt der Mottlaubebauung entlang der "Fischbrücke":



    Was wurde hiervon rekonstruiert? Nur das Häkertor, das links ganz im Schatten eines gründerzeitlichen Baus steht und auch nicht mehr vollständig zu sein scheint (?) - beim Wiederaufbau des Tors 1958 wurde offensichtlich ein älterer Bauzustand herangezogen, die restliche Bebauung wurde nicht rekonstruiert - es gibt einige generische Giebelhäuser bis zum Tor von Süden, nördlich davon nur noch 2, eine Baulücke und einige postmoderne Neubauten in Form der Symfonia Residence von 2009 - der gesamte Rest der Bebauung fehlt und gibt den Blick auf den Fischmarkt frei.


    Nach dieser allgemeinen Einleitung sollen nun die einzelnen Wassertore und Bauabschnitt vorgestellt werden.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Hier nun der südlichste Abschnitt zwischen Ankerschmiedeturm und Grünem Tor, der schon in Teil 3 - rund um Hundegasse und Vorstädtischen Graben teilweise vorgestellt wurde.


    Die Bebauung entlang der Mottlau endet im Süden etwas willkürlich am Ankerschmiedeturm, allerdings ist dahinter nur noch grüne Wiese:


    IMG_4535_sil.jpg


    Wie schon oben gezeigt, ist die Bebauung historisierend, aber nicht am Original orientiert:


    IMG_4534_sil.jpg


    Hier steht die Bebauung schon, der Turm ist noch nicht komplett rekonstruiert:


    ankerschmiede.jpg


    Das Kuhtor stammt aus dem 14. Jahrhundert und verbindet die Hundegasse über die Kuhbrücke mit der Speicherinsel, beim Wiederaufbau lehnte man sich lose an einen früheren Bauzustand an:


    IMG_4533_sil.jpg


    Die Umbauung wurde vollständig geändert, das Tor hebt sich heute deutlich von den Häuserzeilen ab, so sah es im Original aus:


    Danzig_Kuhbrucke_und_Kuhtor1b9f7203446c2160.jpg


    Das Tor wurde um die Jahrhundertwende umgebaut, dies war der Zustand vor der Zerstörung (man achte auf die Umgestaltung des linken Teils des Tors):


    kuhbr.jpg


    Das obige Foto mit der Uferbebauung zeigt schon, daß auch der folgende Abschnitt nur mit generischen Giebelhäusern bebaut wurde:


    IMG_4532_sil.jpg


    Im Hintergrund ist hier schon das Grüne Tor zu sehen, dort beginnt das eigentliche Rekonstruktionsgebiet - entsprechend entstand die Mottlaubebauung nördlich davon nicht nur originalgetreuer, sondern auch mit höherer Priorität.


    Das zeigen auch dieses Fotos sehr schön, zwischen Grünem Tor und Frauentor sind schon Gebäude entstanden, auch die Frauengasse steht wieder, dahinter und davor ist jedoch noch eine große Baulücke:


    marienmott.jpg


    mottlau86sw.jpg


    Hier nun die heutige Bebauung zwischen Kuhtor und Grünem Tor - auch diese Bebauung wurde mit "generischen" Giebelhäusern und vorgeblendeten Fassaden komplett neu errichtet:


    IMG_4532_sil.jpg


    Deutlich originalgetreuer nun der folgende Abschnitt der Bebauung, beginnend mit dem Grünen Tor - dem Prachttor, hinter dem der Lange Markt beginnt:


    grunest.jpg


    Das Tor lag auf dem Königsweg, den der polnische König bei Besuchen in Danzig mit seinem Gefolge durchschritt, und war eigentlich auch als Stadtresidenz des Königs vorgesehen, dieser residierte dann aber lieber in den Königlichen Häusern, die dem Artushof gegenüberliegen (siehe hier).


    Das Tor wurde im 19. Jahrhundert vorübergehend klassizistisch umgebaut, danach aber wieder rückgebaut, und präsentiert sich im Stil des flämischen Manierismus - Errichtung im 16. Jahrundert, Rekonstruktion ab Anfang der 50er Jahre, heute für das Nationalmuseum genutzt.


    Hier eine interessante Aufnahme aus der Wiederaufbauperiode - zu sehen ist, daß die Bebauung entlang der Mottlau noch fehlt:


    gruenestsw.jpg


    Heutige Situation - Blick vom Grünen Tor nach Süden:


    IMG_4438_sil.jpg


    Das Tor von der Grünen Brücke aus:


    IMG_4439_sil.jpg


    Seitliche Ansicht von der Speicherinsel aus, die Brücke wirkt doch etwas grobschlächtig:


    IMG_4440_sil.jpg


    Das Tor im Kontext mit der weiteren Bebauung der Mottlau-Schauseite, rechts daneben ist schon das Brotbänkentor zu erahnen:


    IMG_4442_sil.jpg

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    John Maynard Keynes

  • Zum Vergleich - die frühere Brücke und das frühere Grüne Tor mit Blickrichtung nach Süden:


    grunebrucke.jpg


    Und hier mit Blickrichtung nach Norden - die Brücke war viel eleganter, damals fuhr noch die Straßenbahn über die komplette Lange Gasse und weiter auf die Speicherinsel:


    kuhbrucke.jpg


    Die Ansicht nach Norden nach den Kriegszerstörungen, in der Mitte das Brotbänkentor:


    1945-08_Lange_Bruecke.jpg


    Hier stehen die Tore bereits wieder, die Bebauung dazwischen entsteht auch wieder:


    mottlausw.jpg


    Dieses Foto müßte von Anfang der 80er Jahre stammen, die Häuser sind bereits etwas heruntergekommen, die Bebauung rund um das Krantor fehlt weiterhin völlig:


    mottlau86l.jpg


    Ein Teil der heutigen Bebauung wurde ja schon oben gezeigt, hier weitere Aufnahmen:


    IMG_4441_sil.jpg


    Hier ist deutlich eine weitgehende Anlehnung an die originale Bebauung zu verzeichnen, wenngleich natürlich auch vieles "schöner" und harmonischer (Traufhöhen...) realisiert wurde.


    Hier ist nun das Brotbänkentor schön zu sehen, die dahinter befindliche Gasse führt direkt an der Marienkirche vorbei, der Name ändert sich dann von Brotbänken- zu Jopengasse (heute Piwna, also "Bier", da ein sehr spezielles Bier ist).


    IMG_4443_sil.jpg


    Das Tor stammt aus dem 15. Jahrhundert und wurde bis 1961 aufgebaut, links dahinter sehr schön das Englische Haus zu sehen, das erst knapp 20 Jahre später fertiggestellt wurde und das bedeutendste und größte Bürgerhaus der Brotbänkengasse ist.


    Weiter im Norden kommt für mich der Höhepunkt der Bebauung, noch vor dem Grünen Tor, das Ensemble Naturforschende Gesellschaft und Frauentor, dahinter kommt dann die nicht minder bekannte Frauengasse.


    Das Frauentor stammt ursprünglich aus dem späten 15. Jahrhundert und wurde ebenfalls bis 1961 wieder aufgebaut, hier eine Aufnahme des zerstörten Tors:


    5._Brama_Mariacka.jpg


    Das Tor von hinten, von der Naturforschenden Gesellschaft steht nur noch der Turm vollständig:


    Gdansk_w_1945_r__114992_800px.jpg

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  • Zum Vergleich nun noch alte Postkartenansichten dieses Abschnitts im "Herzen des Rekonstruktionsprojekts":


    mottlau1.jpg


    mottlau2.jpg


    mottlau3.jpg


    Abgesehen von kleineren "Optimierungen" gab man sich hier große Mühe, sich dem Originalzustand anzunähern, es wurden sogar "Nicht-Giebelhäuser" in Anlehnung an das Original errichtet.


    Zum Vergleich die heutigen Ansichten:


    IMG_4444_sil.jpg


    IMG_4445_sil.jpg


    IMG_4446_sil.jpg


    Wie schon oben gezeigt, endete die Bebauung entlang der Mottlau im Rahmen der ersten Wiederaufbauphase hier auch schon - mit Ausnahme des Krantors und des nördlichsten Tors, des Häkertors.


    Erst ab Ende der 70er Jahre ging das Aufbauprojekt hier weiter, mit dem Johannistor und Heilig-Geist-Tor sowie ab 1983 auch der Errichtung der Gebäude zwischen den Toren.


    Auf diesem Foto fehlt tatsächlich noch das Heilig-Geist-Tor, obwohl die lange Häuserzeile entlang der nördlichen Heilig-Geist-Gasse schon entstanden ist (die Südseite fehlt im östlichen Abschnitt selbst heute noch überwiegend):


    krantorsw.jpg


    Ebenfalls sichtbar ist nördlich des Krantors eine Art von neuzeitlichem Speichergebäude mit drei identischen Fassaden, das inzwischen abgerissen wurde.


    Zum Vergleich die Originalbebauung:


    krantor.jpg


    Hier Originalaufnahmen der Bebauung südlich des Krantors, zunächst die Komplettansicht bis zum Frauentor:


    mottlau4.jpg


    Vergleich zu heute, wir sehen hier den südlichen Abschnitt zwischen Frauentor und Heilig-Geist-Tor:


    IMG_4447_sil.jpg


    Und hier im Kontext mit dem Blick zurück nach Süden:


    IMG_4448_sil.jpg

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    John Maynard Keynes

  • Und hier der interessantere Abschnitt nördlich des Heilig-Geist-Tors (im Vordergrund ist offensichtlich eine Art von Flußschwimmbad an der Speicherinsel angebracht):


    dreiwahrzeichen.jpg


    Bild2.jpg


    Im Gegensatz zur vorherigen Wiederaufbauphase entschied man sich hier für eine freie Nachempfindung des Originals, mit gewissen postmodernen Anklängen.


    Ziemlich gelungen finde ich, wie das Motiv der unterschiedlich hohen "Vorbauten" mit ihren Flachdächern aufgenommen und erweitert wurde - es entstand nur eine einzige Reihe von Häusern, vor denen dann über die gesamte Breite diese Bauten errichtet wurden:


    IMG_4449_sil.jpg


    Etwas stärker herangezoomt, auf beiden Aufnahmen ist schon die Bebauung nördlich des Krantors zu sehen:


    IMG_4450_sil.jpg


    Hier sind in dieser Reihenfolge Johannistor (von 1978, mit dem weißen Giebel, steht vor der Häuserreihe näher an der Mottlau), Häkertor (bereits von 1958, mit den beiden schmalen Türmen, keine erkennbare Ähnlichkeit mit dem Vorkriegszustand) sowie ganz hinten neben dem Schiff der Schwanenturm (von 1967) zu erkennen.


    Außerdem ist zu erkennen, daß wieder eine neue Phase der Bebauung angebrochen ist, die sich von den historischen Vorbildern völlig löst.


    Hier die frühere Bebauung, ganz rechts der "Knick", der Schwanenturm ist ganz knapp nicht mehr zu sehen:


    mottlaurechts.jpg


    Und hier von oben gesehen, hinter dem Krantor verlief die Breitgasse direkt zum Holzmarkt:


    krantoralt.jpg


    frauenoben.jpg


    Krantor von Norden:


    krantor.jpg


    Die Frage, was davon neu entstanden ist, kann recht einfach beantwortet werden - abgesehen von den beiden Toren, die allerdings wohl in irgendeinem früheren Bauzustand rekonstruiert wurden, ist nichts davon entstanden - vielleicht abgesehen von einer sehr groben Nachempfindung der Westseite des Fischmarkts.


    Generell ging dem Aufbauprojekt in der nördlichen Hälfte nachhaltig die Puste aus, es entstanden einige schematische Nachbildungen von Phantasie-Häuserzeilen mit Giebelfassaden, fast immer ohne erkennbaren Bezug zu Originalen.


    Große Flächen blieben völlig unbebaut, wie diese Luftaufnahme von 1991 zeigt (siehe Areal links unten):


    rechtstadt91zeug.jpg


    Gleichzeitig verdeutlicht diese Aufnahme auch, daß Danzig in gewisser Hinsicht ein "Scheinriese" ist - die Straßenräume wurden grob nachgezeichnet, dazwischen ist grüne Wiese (meist auch heute noch).


    Auch wurde kaum rekonstruiert, der Anteil der völlig freien Fassadengestaltungen im historisierenden Stil ist extrem hoch, ich würde den Anteil der halbwegs originalgetreuen Rekonstruktionen auf unter 10 % schätzen, und das bei einer Bebauungsdichte von vielleicht 20 % der originalen Baumasse.


    Noch nicht einmal die Johanneskirche wurde instandgesetzt, das Budget reichte nicht einmal aus, um die letzten erhaltenen echten Bürgerhäuser zu erhalten, diese stürzten nach langer Vernachlässigung teilweise ein und wurden dann wie z. B. in Hirschberg durch Imitiationen ersetzt (vermutlich sind die zwei oder drei Gebäude an der Ecke Petersiliengasse und Häkergasse noch original).


    Hier eine weitere Aufnahme von 1991, in der Mitte die Johanneskirche, zwischen den beiden Toren wieder schematische Giebelhausbebauung:


    johannes91.jpg


    Hier der Bauzustand Anfang der 90er Jahre:


    cityhaeuservorher.jpg

    Ganz unten ist hier übrigens die Neuauflage des Damms zu sehen, deutlich verbreitert und nach Osten verschoben und mit schematischen Fachwerkhäusern bebaut (daher später mehr).

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    John Maynard Keynes

  • Nach diesem historischen Exkurs nun zurück zur aktuellen Bebauung, die ich mangels Zoom-Objekt nur schwer fotografieren konnte - schließlich endet die Speicherinsel ja knapp südlich des Krantors:


    IMG_4451_sil.jpg


    Die Bebauung zwischen Krantor und Johannistor sollte aber dennoch erkennbar sein:


    IMG_4452_sil.jpg


    Unmittelbar nördlich des Krantors befanden sich die schon oben gezeigten "schematischen" Nachbauten von Speichergebäuden, die dort niemals zuvor standen, sie wurden abgerissen und 2012 durch das Zentrum für maritime Kultur ersetzt.


    Das Gebäude paßt sich mit Backsteinfassade und Giebeln formal ein, ist aber dezidiert modern gestaltet und verfügt auch über ein gläsernes Fachwerkhaus für große Exponate.


    Immerhin konnte ich das Gebäude von hinten fotografieren:


    IMG_4835_sil.jpg


    Wiederum nördlich davon steht das Hotel Hanza von 1997, ein größeres Hotel, dem verschiedene Giebelfassaden in einem fast schon comicartigen Stil vorgeblendet wurde, ähnlich der Bebauung in Elbing.


    Hier das heutige Johannistor von der Seite, es wurde 1978 vom Polnischen Verband der Bauingenieure gebaut, Giebel und Form des Durchgangs wurden vom Original inspiriert, die gesamte rechte Gebäudehälfte ist eine Neuerfindung (ebenso wie die Fassade):


    IMG_4842_sil.jpg


    Zum Vergleich das originale Tor:



    Hinter dem Johannistor folgt dann bis zum Häkertor die "klassische" Wiederaufbauarchitektur mit einer historisierenden Häuserzeile, die ohne Bezug zur vormaligen Bebauung entstanden ist.


    Hier der Uferabschnitt am Häkertor, interessanterweise steht auf dem Gebäude "Fischmarkt", da hier vor dem Krieg ein riesiger Gründerzeitler stand, der das Tor bei weitem überragte, ist dies natürlich nicht authentisch:


    IMG_4865_sil.jpg


    So gesehen paßt das Gebäude natürlich gut zum Tor, das heute wie eine Kopie des Frauentors aussieht und bestenfalls zu 50 % mit dem Original übereinstimmt.


    Etwas weiter nördlich kommt dann nach einer kleinen Baulücke die Symfonia Residence von 2009, deren Name auf die Baltische Philharmonie verweist und die im typischen "Neo-Giebelhausstil" der 2000er-Jahre gestaltet wurde:


    IMG_4868_sil.jpg


    Dahinter ging die Bebauung entlang der Mottlau an der Fischbrücke ursprünglich weiter, hier eine historische Aufnahme kurz vor der Schwanenbastei:


    fischmarkt.jpg


    Heute ist der Fischmarkt, der sich ursprünglicherweise hinter dieser Häuserzeile befand, von der Mottlau aus sichtbar:


    IMG_4870_sil.jpg


    Ich könnte mir vorstellen, daß dies aus touristischen Gründen auch so bleibt ... Ansicht der heutigen Bebauung der Westseite des Fischmarkts:


    IMG_4873_sil.jpg


    Hier wurde wohl die größte Anlehnung an den Originalzustand erreicht, die Gebäudeformen wurden aufgegriffen, hier das Original:


    fischmarktalt.jpg


    Die Tobiasgasse, die am südlichen Ende dieser Häuserzeile nach Westen führte, wurde lediglich durch eine Lücke in der Bebauung symbolisiert:


    tobiasgasse.jpg


    Heute befindet sich dort auf einer Seite ein Häuserblock mit eher symbolischen Giebeln und auf der anderen Seite eine Brache. Auch die weitere Platzstruktur zum Altstädter Graben existiert nicht mehr, auch hier befindet sich heute keine Bebauung mehr.


    Daher weiter nach Norden, zum "Knick" der Mottlau mit dem Schwanenturm, rechts daneben das Hilton Hotel von 2010:


    IMG_4871_sil.jpg


    IMG_4874_sil.jpg


    Hier das gesamte Areal von der Bleihofinsel aus fotografiert:


    IMG_4985_sil.jpg


    Der Abschnitt hinter dem Knick der Mottlau trägt die Bezeichnung Am brausenden Wasser:


    IMG_4986_sil.jpg


    Derselbe Abschnitt, aber vom anderen Ufer aus fotografiert:


    IMG_4867_sil.jpg


    Hier gibt es noch eine Besonderheit - dieses Haus ist tatsächlich original! Ebenso die angrenzenden Gebäude:


    IMG_4876_sil.jpg


    Bei dem Lokal handelt es sich übrigens laut Danzig-Forum um das "Kubicki" bzw. frühere "Café international" und früheren Treffpunkt der polnischen Minderheit.


    Einige Eindrucke der weiteren originalen Bebauung:


    IMG_4877_sil.jpg


    Die beiden abschließenden Häuser sind meines Erachtens Rekonstruktionen, die Vorkriegsaufnahmen geben hier wenig her, aber anhand der Draufsicht von Google Earth würde ich aufgrund der Dachaufbauten auf Neubauten tippen:


    IMG_4878_sil.jpg



    Hier endet die Mottlaufront im Norden mit der Einmündung der Radaune in die Mottlau, Blick auf die Brabank:


    IMG_4881_sil.jpg


    Hier steht zwar keine historisierende Bebauung mehr, allerdings befanden sich dort auch nur Industrie- und Gewerbebetriebe wie die Germania Brotfabrik.


    Hiermit endet dieses Schwerpunktthema.

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    John Maynard Keynes