Teil 5 - von der Milchkannengasse über das Langgarter Tor zur Bleihofinsel

  • Wie unschwer zu erkennen, ein ziemlich weiter Weg mit vielen Inhalten - aber da wir uns dauerhaft außerhalb des Rekonstruktionsareals befinden, ist die Anzahl der Sehenswürdigkeiten eher begrenzt. Indes gibt der Rundgang einen guten Einblick in die Entwicklung der Stadt zu kommunistischen Zeiten bis hin zur heutigen "Stadtreparatur" mit überwiegend traditioneller oder historisierender Architektur.


    Damit der Überblick nicht verloren geht, zuerst eine Kartenübersicht:


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    Es geht zuerst die Milchkannengasse entlang nach Osten, dann direkt weiter in den Langgarten bis zum Langgarter Tor. Danach denselben Weg wieder zurück und an der Neuen Mottlau (also dem rechten Arm) entlang nach Norden ("Schäferei") bis zur Bleihofinsel (oben schon abgeschnitten) und von dort über den Altstädtischen Graben zum Holzmarkt.


    Hier eine historische Aufnahme der Speicherinsel mit der Milchkannengasse:


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    Und hier der Zustand 1991 (Punkt 4) - wir sehen, daß hier jegliche Bebauung fehlte, auch die heute historisch wirkende Milchkannenzeile ist ein kompletter Neubau aus dem späten 90er Jahren!


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    Und hier noch der Abschnitt etwas östlich davon, die Nummer 2 zeigt den heutigen Langgarten bzw. den großen Park der Barbarakirche (die anderen Ziffern stammen von einem früheren Artikel zur Nachkriegszeit).



    Wir beginnen den Rundgang auf der Grünen Brücke, der Blick fällt auf historisch wirkende Fachwerk-Speicherhäuser, dahinter ein Neorenaissancegebäude:


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    Tatsächlich handelt es sich - wie oben anhand der Luftaufnahme zu sehen ist - komplett um historisierende Neubauten von Stanislaw Michel, der in Danzig nicht weniger als 80 Gebäude entworfen hat.


    Die Vorkriegsansicht sah völlig anders aus - direkt an der Brücke befanden sich auf der Speicherinsel zwei Neorenaissance-Gebäude der Sparkasse, dahinter gab es eine Lücke in der Bebauung:


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    Die Sparkassengebäude aus der Nähe - es wurde offensichtlich versucht, sich stilistisch am westlichen Kopfbau des Milchkannenzeile an diese Gebäude anzulehnen:


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    Das heutige Milchkannenprojekt besteht aus zwei Häuserzeilen, dazwischen ein privat genutzer Innenhof, das Projekt stammt von 1998 vom Architekturbüro ZAPA unter Federführung von Stanislaw Michel:


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    Blick auf die heutige rechte Milchkannengasse des obigen Projekts:


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    Und auf die linke Seite, die zunächst aus einem großen Bauplatz besteht, dahinter dann angepaßte Neubauten des neu errichteten Puro Hotels von 2015:


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    Unverkennbar lehnt man sich im Süden an eine idealisierte Form der historischen Bebauung an, im Norden hingegen an die modernen Speichergebäude, die in den letzten Jahren anstelle der früheren Brachflächen und Ruinen errichtet wurden.


    Zum Vergleich die originale Milchkannengasse:


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    Und noch zum Ende des ersten Artikels eine Ansicht der Speicherinsel mit den erhaltenen Ruinen:


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    Es sieht fast nach Ende der achtziger Jahre aus, da jedoch östlich des Krantors schon die Lücke geschlossen ist, dürfte es von Ende der 90er Jahre stammen. Der erhaltene "eckige" Speicher ist übrigens Deo Gloria, der Vorgänger aus dem späten 18. Jahrhundert brannte ab und wurde 1930 durch ein massives Stahlbetongebäude ersetzt, das auch 1945 überstand (heute in die Neubebauung integriert).

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Wir erreichen nun den Milchkannenturm, den einzigen Rest der Bebauung nach 1945.


    IMG_4937_sil.jpg


    Hier eine Ansicht kurz vor der Zerstörung Danzigs, die Straßenbahn fährt bereits den direkten Weg und nicht mehr durch das kleine Tor, das inzwischen mit einem Zaun versperrt ist:


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    Es wird ersichtlich, daß auch das heutige Eckgebäude auf der obigen Postkarte nicht original ist.


    Wir überschreiten nun die Neue Mottlau, seit dem späten 18. Jahrhundert ja der eigentliche Flußlauf, und blicken nach Norden:


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    Dort wurde die Bebauung aus kommunistischen Zeiten fast vollständig abgetragen, lediglich das Punkthochhaus steht noch. Im Vordergrund die Waterlane Apartments von 2012, links davon ein alter Speicher von 1750, seit 2008 zum Hotel umgebaut.


    Links ist die Speicherinsel zu sehen, darauf noch Ruinen der früheren Speichergebäude, der größte Speicher trägt den Namen Steffen:


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    Blick in den Langgarten, so der Name der langen Straße, an deren Ende das Langgarter Tor steht, dahinter hört Danzig damals wie heute auf.


    Wirklich viele Sehenswürdigkeiten gibt es hier nicht, abgesehen von der Barbarakirche auf der linken Seite.


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    Rechts die postmoderne Häuserzeile mit goldfarbenem Glas, eine Anspielung auf das LOT-Gebäude auf dem Kohlenmarkt. Die Häuserzeile von Stanislaw Michel trägt den Namen Artus Park und stammt aus dem Jahr 1997:


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    Vom selben Architekten stammt auch die Erweiterung des Artus Parks von 2001, bestehend aus einer kleinen, ahistorisch gestalteten Zeile an Giebelhäusern, die dem Original nur näherungsweise nahekommen:


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    Auch dies ist wieder der klassische Entwurf - mehrere Fassaden vor einem Gebäude, Erschließung von hinten und nicht an jeder Fassadenimitation auch eine Tür.


    So sah die Häuserzeile im Original aus (Blick von der Mattenbuden-Brücke auf die Milchkannenbrücke):


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    Und hier nochmals in Farbe, es handelt sich um die 4 Gebäude ganz links:


    mattenbuden.jpg


    Und vom selben Standort der Blick zurück auf die Speicherinsel, auch hier folgt die aktuelle Bebauung keinem historischen Vorbild:


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    So sah der Langgarten früher aus - Blick auf die linke Häuserzeile, die heute mit einem Wohnblock aus sozialistischen Zeiten bebaut ist:


    Langgarten1872.jpg


    Deutlich zu sehen ist das zweite Kirchenschiff der Barbarakirche, das heute fehlt.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Nach wenigen Gehminuten erreichen wir schon die Barbarakirche, die im 15. Jahrhundert errichtet und rekonstruiert wurde (links daneben das erhaltene Schulgebäude):


    IMG_4947_sil.jpg


    Zumindest teilweise, denn ursprünglich hatte die Kirche tatsächlich noch ein zweites, kleineres Kirchenschiff und auch eine Kirchturmuhr:


    barbarakirche.jpg


    Dahinter vermutlich eine Nachempfindung eines Fachwerkhauses:


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    Die große freie Fläche hinter der Kirche existierte auch schon vor 1945:


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    Dahinter kommen noch allerletzte Reste der Originalbebauung auf der linken Seite:


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    Danach haben wir dann auch schon das Langgarter Tor erreicht, das 1628 von Hans Strackwitz errichtet wurde, dem Stadtbaumeister von Danzig (von dem auch das Leege Tor stammt):


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    Die dahinter befindliche Hochstraße ist nicht unbedingt schön, sorgt aber dafür, daß der Verkehr nicht mehr direkt am Tor vorbeigeführt wird (direkte Fortführung des Vorstädtischen Grabens):


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    Das Umfeld ist ziemlich trist:


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    Mehr zu sehen gibt es nicht, daher schnell wieder zurück zur Mottlau:


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    Von hier aus geht es nun an der Neuen Mottlau entlang nach Norden, Blick zurück zum Milchkannenturm:


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    Blick auf die frühere, mäßig attraktive Uferbebauung, im Norden die ebenfalls nicht übermäßig attraktive Bleihofinsel:


    mottlau.jpg


    Und hier nochmals das Ostufer mit der kompletten Bebauung, das Speichergebäude im linken Drittel existiert noch:


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    John Maynard Keynes

  • Diese Kritik (hervorgehoben) versteh ich nicht ganz. Mir erscheint die Replik sogar einigermaßen getreu. Bessere Photos oder gar Baupläne wird es ja kaum gegeben haben.

  • Da habe ich mich tatsächlich etwas unpräzise ausgedrückt, ich meinte eine "völlig ahistorisch gestaltete Zeile an Giebelhäusern", das Aussehen kommt schon in etwa hin.


    Damit bezog ich mich auf meine Erläuterung von oben:

    Auch dies ist wieder der klassische Entwurf - mehrere Fassaden vor einem Gebäude, Erschließung von hinten und nicht an jeder Fassadenimitation auch eine Tür.

    Mit "klassischer Entwurf" meinte ich den "klassischen Entwurf der Nachbauten von Giebelhäusern, wie er ab Anfang der 1950er Jahre aufkam".


    Das bedeutet eben:


    Es gibt ein Gebäude, dem dann mehrere Fassaden vorgeblendet werden, die Tiefe der Gebäudezeile stimmt nicht mehr, da hinter den Fassaden jetzt ein Gebäude steckt, müssen auch die Gebäudehöhen angeglichen werden, die Giebel und Dachformen ebenso, die Rückseite erhält ebenfalls eine Fassade, die vorher nicht vorhanden war usw.


    Daraus resultiert dann wie so oft eine ungefähre Annäherung des Erscheinungsbilds an das Original, im obigen Beispiel ist das "Gebäude" links deutlich zu hoch (klar, es ist ja nur eine Fassade, die drei linken Fassaden gehören zum selben Gebäude, entsprechend müssen ja die Fassaden auch in etwa dieselbe Höhe haben) und die Giebel bzw. Dächer sind allesamt zu niedrig, weil sie ja einem Flachdach aufgesetzt sind, das zur optimalen Raumausnutzung wiederum möglichst weit oben angeordnet ist.


    Informationen zu Mattenbuden gibt es z. B. hier, wenn man auf die Postkarte klickt, sieht man das Original der Häuserzeile ganz links.


    Ich habe aber überhaupt kein Problem mit dieser Art der Gestaltung, das ist viel besser als das typisch deutsche alles oder nichts, wo dann eben irgendetwas völlig unpassendes gebaut wird, wenn das Original nicht ausreichend dokumentiert ist.


    Ich denke auch, daß die Zeile in etwa am richtigen Ort steht, auch wenn sie mir bezogen auf das Mottlauufer etwas sehr schräg steht, vermutlich wird es aber näherungsweise stimmen, da ja auch das Business Center in etwa den Grundriß von früher nachbildet, mit der "Engstelle" gleich hinter der Brücke.


    Der abschließende Text bezog sich aber schon auf die nächste Ansicht der Speicherinsel, und hier ist entweder überhaupt keine Bebauung (auch nicht die frühere Brücke) oder komplett neue Bebauung vorhanden.


    Nachtrag: Ich habe es oben umformuliert.

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    John Maynard Keynes

  • Nach den Ausführungen geht es nun weiter nach Norden, hier das verbliebene Punkthochhaus aus kommunistischen Zeiten:


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    Dahinter dann das zum Hotel umgebaute Speichergebäude:


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    Eingangsbereich des Hotels Krolewski, eine große Brauerei gibt es in Danzig leider nicht mehr:


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    Dahinter dann wieder Neubauten, die Szafarnia Apartments von 2009, benannt nach dem polnischen Namen der Straße ("Schäferei") und genauso wie das Holiday Inn auf der Speicherinsel vom deutschen Architekturbüro RKW:


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    Am Ufer gibt es einen Yachthafen, Blick auf die Bleihofinsel:


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    Wir sehen hier drei historische erhaltene Speichergebäude (Jungfer, Kupfer, Olivenbaum) aus dem 16. bis 17. Jahrhundert, die zum Nationalen maritimen Museum umgebaut wurden.


    Aber auch am Ufer der Schäferei gibt es abschließend noch ein rekonstruiertes historisches Gebäude, und zwar das frühere Haus zum Mohren und heutige Hotel Podewils:


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    Es steht direkt am Übergang zur Bleihofinsel und war - verglichen mit der obigen Luftaufnahme - ursprünglich wesentlich länger. Der Mohrenkopf wird noch im Wappen geführt:


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    Ansicht im Kontext, die Gebäude in Backsteinoptik dahinter sind nagelneu, zu rekonstruieren gab es dort nichts (Schuppen, Lagerhallen usw.):


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    Hier die Neubebauung entlang des Kiel- oder Zimmergrabens:


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    Ich finde das Projekt durchaus gelungen:


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    Die komplette Bebauung der Straße ist neu und wurde gleichzeitig errichtet - es handelt sich um den früheren Englischen Damm, der zum ganz oben kurz gezeigten Park hinter der Barbarakirche führt:


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    Rechts davon noch ein Anbau der Szafarnia Apartments:


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  • Von hier aus geht es nun weiter auf die Bleihofinsel, Blick zurück zu den - wie ich finde - ziemlich gelungenen Neubauprojekten:


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    Blick auf die Bleihofinsel, meines Wissens stand das Riesenrad früher auf der Speicherinsel, wo heute die große Baustelle ist:


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    Wirklich toll war die ursprüngliche Bebauung der Insel nicht, mit den oben gezeigten Speichern und dem erhaltenen Städtischen Elektrizitätswerk, inzwischen in die Baltische Philharmonie umgebaut, sind die wichtigsten Gebäude erhalten.


    Blick zurück auf das Ufer - ich finde die Bebauung gelungen und hochwertig, abgesehen von einigen wenigen Gebäuden gleich neben dem Langgarten standen hier praktisch nur Funktionsgebäude wie das Zollamt oder eben Schuppen.


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    Rechts ist die Nordspitze der Speicherinsel zu sehen, mit dem erwähnten Holiday Inn und einem rekonstruierten Speicher, dessen deutschen Namen ich leider nicht weiß (auf Polnisch Dluga Droga), von dem nur noch die Grundmauern übrig waren.


    Vorbei am Maritimen Museum, die Soldek gehört zum Museum und ist nach einem Werftarbeiter benannt, es handelt sich um das erste Schiff, das 1948 von der Werft in Danzig gebaut wurde:


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    Eingangsbereich des Museums, die drei Speicher wurden nördlich durch einen Neubau in Backsteinoptik ergänzt:


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    Außenbereich des Museums:


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    Hinter der Baltischen Philharmonie befindet sich ein großer Freibereich:


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    Nun einige Ansichten, die von einem anderen Rundgang stammen und einen besseren Überblick vermitteln (Standort Krantor und nördlich davon).


    Die Durchfahrt zwischen den beiden Inseln, auf dem obigen Foto war an die Speicherinsel eine Art von Flußschwimmbad angedockt:


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    Die drei Speichergebäude sind tatsächlich eine Rekonstruktion:


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    So sahen die Speicher nach dem Krieg aus:



    Rechts das maritime Museum, links die Philharmonie:


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    Und natürlich darf auch die Baltische Philharmonie nicht fehlen - es handelt sich um das von Siemens & Halske 1898 errichtete frühere städtische Elektrizitätswerk, das 2007 umgebaut wurde:


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    Links der Uferabschnitt Am brausenden Wasser, dahinter die Brabank:


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    Ansicht mit dem großen Gdansk-Schriftzug aus Metall und nachempfundenen Fachwerkhäusern in Bildmitte:


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    Und hier noch in groß:


    IMG_4987_sil.jpg


    Solche Schriftzüge gibt es z. B. auch in Lublin, dort - wenn ich mich recht entsinne - aber in knalligem Gelb.


    Hier ist auch der Eingangsbereich der Philharmone zu sehen, mit einem weißen Dach als einzigem modernen Akzent:


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    John Maynard Keynes