Teil 3 - rund um Hundegasse und Vorstädtischen Graben

  • In diesem Rundgang soll erstmals ein Teil des offiziellen Rekonstruktionsgebiets der Rechtstadt vorgestellt werden, genauer gesagt dessen südlicher Rand, bestehend aus der Hundegasse.


    Am Anfang wieder der Stadtplan von 1939, die Hundegasse ist relativ groß eingezeichnet, das 3D-Gebäude an der Hundegasse ist die teilweise erhaltene gründerzeitliche Post, die dann durch ein Gebäude im Stil des sozialistischen Realismus ersetzt wurde.


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    Blick auf die Nachkriegssituation, die weitgehend auch heute noch Bestand hat:


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    Die vierspurige Straße ist der heutige Vorstädtische Graben, dieser war ursprünglich eine kleine Gasse und führte nicht einmal direkt zur Mottlau, da dort eine Häuserfront stand.


    Blick auf den westlichsten Teil des Areals vor der Zerstörung, wir sehen von links nach rechts den Vorstädtischen Graben, die Hintergasse und die Hundegasse:


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    Erhalten ist davon nur das Polizeipräsidium, rechts neben der Synagoge der verdeckte Stadthof (dieser als Rekonstruktion) sowie ganz rechts oben das bereits in Teil 1 gezeigte Reichsbankgebäude.


    Generell ist dabei auch zu erkennen, daß Danzig eine gewachsene Stadt war - mit völlig unterschiedlichen Gebäudehöhen, nicht alle Gebäude standen exakt an der Straße und natürlich hatten auch nicht alle Gebäude einen Giebel.


    Wir beginnen unsere kleinen Rundgang auf der Kuhbrücke, die durch das Kuhtor in die Hundegasse führt - so genannt, weil dort die Kühe zum Schlachthof getrieben wurden.


    Hier eine Ansicht der Mottlau-Front mit dem Kuhtor nach dem Umbau um die Jahrhundertwende, als auch eine neue Brücke errichtet wurde:


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    Und hier die Ansicht des Kuhtors vor dem Umbau ohne die "turmartige" Erweiterung:


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    Weitere Ansicht, ganz links befindet sich der Ankerschmiedeturm:


    kuhtor.jpg


    Und hier nochmals die frühere Gesamtansicht mit dem Grünen Tor im Vordergrund und dem Kuhtor im Hintergrund:


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    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Nach dieser kleinen Einführung beginnt der Rundgang nun direkt auf der heutigen Kuhbrücke, die sehr schlicht ausgefallen ist.


    Der Blick fällt auf das Kuhtor aus dem 14. Jahrhundert, ursprünglich das älteste Wassertor:


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    Beim Wiederaufbau lehnte man sich sehr lose an frühere Bauzustände an, letztlich ist es aber eher eine freie Nachempfindung.


    Blick von der Kuhbrücke zur Grünen Brücke, die leider als nackte Betonbrücke gestaltet ist:


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    Hier eine Aufnahme der im Bau befindlichen Häuserzeile (umgekehrte Blickrichtung, also nach Süden), es gibt keinerlei Überreste der früheren Bebauung:


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    Und Blick in der von der Kuhbrücke nach Süden, die Bebauung entstand etwas später als die nördliche Mottlau-Front und endet mit dem Ankerschmiede-Turm:


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    Bei einem Vergleich der früheren und heutigen Bebauung ist festzustellen, daß es sich - mit Ausnahme des ebenfalls frei nachempfundenen Turms - um eine Phantasiebebauung handelt, wobei immerhin das zuvor von beiden Seiten eingebaute Tor besser zur Geltung kommt.


    Gleiches gilt übrigens auch für das Grüne Tor, bei dem die vormalige "Umbauung" entfernt wurde, die Proportionen stimmen meines Erachtens dennoch nicht ganz:


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    Am Mottlau-Ufer weiter nach Süden, seltsamerweise ist hier kein Weg vorgesehen, es geht über einen Trampelpfad weiter:


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    Der Ankerschmiede-Turm wurde offensichtlich nach der Errichtung der Häuserzeile rekonstruiert:



    Hinter dem Turm blicken wir über die frühere Röpergasse nach Norden, die Giebelhäuser ganz am Ende der Gasse stehen am Langen Markt direkt hinter dem Grünen Tor:


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    Anmerkung: Die schwach zu erkennenden Gebäude am Langen Markt wurden beim Wiederaufbau neu gestaltet und vor allem höher gebaut, um sich harmonischer einzufügen.


    Die Röpergasse ist übrigens eine der wenigen Nord-Süd-Gassen, bei denen tatsächlich eine Bebauung erfolgt ist, normalerweise werden diese Gassen ja lediglich durch eine Lücke in der Bebauung symbolisiert.


    Blick nach links auf die Rückseite der Hundegasse in Richtung Vorstädtischer Graben - die gespiegelten Fassaden auf der Rückseite sind ebenso eine Neuerung wie die verringerte und weitgehend standardisierte Baubreite der Häuserzeilen:


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    Hier gab es ursprünglich durchgehende Bebauung zur nicht rekonstruierten Hintergasse, die dann zum Vorstädtischen Graben weitergeführt wurde.


    Blick auf das Kuhtor von hinten:


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    Und in der Gegenrichtung die Hundegasse entlang:


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    Wie schon in Danzig/Gdańsk seit 1945 - Wiederaufbau und aktuelle Entwicklungen erwähnt (dort sind auch Fotos vom Aufbau der Hundegasse enthalten), war die Hundegasse gewissermaßen das Experimentierlabor für die weitere Vorgehensweise.


    Hier wurden Techniken und Gestaltungsmethoden erprobt, die dann in der restlichen Rechtstadt angewandt wurden. Hierzu ein Auszug aus der Doktorarbeit von Jacek Friedrich, das entsprechende Kapitel ist zumindest teilweise frei verfügbar.


    Generell ist die Quellenlage zur Hundegasse sehr spärlich, offensichtlich gibt es nur 2 Originalgebäude in der gesamten Gasse und nur wenige Fassadenrekonstruktionen.


    Bei Fotopolska gibt es umfangreiche Fotos zur Hundegasse (klick), meines Erachtens handelt es sich bei der heutigen Hundegasse um eine fast komplett freie Nachgestaltung ohne direkten Bezug zum historischen Vorbild. Selbst das Danzig-Forum ist da keine große Hilfe, immerhin konnte ein Gebäude im Stil des sozialistischen Realismus aufgeklärt werden (klick).

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  • Gleich am Anfang der Gasse kommt auf der linken Seite der Palast der Jugend (Pałac Młodzieży), dessen Entstehungsdatum sicherlich in die frühen 50er Jahre fällt, da er stilistisch an Gebäude wie das neue Postamt erinnert.


    Das Gebäude ist als einziges der langen südlichen Häuserzeile vorgelagert und steht quasi "allein auf weiter Flur" - es handelt sich dabei um das "blockartige" Gebäude im ersten Fotos dieses Strangs ganz hinten am Vorstädtischen Graben.


    Ansicht des Gartens im Eingangsbereich:


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    Impressionen im Umfeld, vielleicht ist das Gebäude mit der Steinfassade eine Fassadenrekonstruktion:


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    Einer der wenigen, sicherlich nicht originalen Beischläge:


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    Hier biegt die frühere Matzkausche Gasse direkt zum Rechtstädtischen Rathaus ab, das nur 100 Meter entfernt ist:


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    Wir gehen indes in die entgegengesetzte Richtung nach Süden. Dort sind die Südfassaden der Hundegasse zu sehen:


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    Diese Fassaden sind natürlich unhistorisch, ebenso wie der große Grünstreifen, der hier verläuft. Ursprünglich gab es hier eine durchgängige dichte Bebauung, der Übergang zwischen Rechtstadt und Vorstadt ist auf historischen Aufnahmen nicht zu erkennen:


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    Hier ist zu sehen, daß auch die Fachwerkhäuser Neubauten sind, inwiefern die angedeuteten Mauerreste authentisch sind, weiß ich nicht (in Warschau ist die Stadtmauer samt Barbakane jedenfalls eine reine Neuerfindung):


    hundeswg.jpg


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    Unmittelbar östlich dieser Stelle befand sich früher übrigens das Fischertor (nicht rekonstruiert).


    Weiter nach Norden am Vorstädtischen Graben entlang:


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    Wieso man hier - abgesehen von einem kleinen eingezäunten Bereich - keine Grünanlage anlegt, sondern einfach alles vor sich hin wachsen läßt, ist mir unverständlich.


    Blick auf den nördlichsten Abschnitt des heutigen Altstädtischen Grabens:


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    Welchen Sinn diese riesige Verkehrsschneise hat, ist mir auch unklar - zu Zeiten des Kommunismus dürften kaum viele Autos unterwegs gewesen sein und heute wie damals endet Danzig ja im Osten recht abrupt (der heutige Ballungsraum geht ja auch nach Westen). Vermutlich war die Anbindung nach Elbing maßgeblich, hierfür hätte man aber die Innenstadt umfahren können.


    Jedenfalls wird der nördlichste Abschnitt durch das 2014 durch Renato Rizzi errichtete Shakespeare-Theater dominiert, oben bereits teilweise zu sehen:


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    Im Hintergrund ist der Bühnenturm zu sehen, vorn befindet sich ein Eingang, über den ein - ebenfalls komplett in schwarz gehaltener - Innenhof zugänglich ist:


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    Offizielle Bezeichnung des Theaters:


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    Für den Standort entschied man sich, weil dort früher eine Fechtschule untergebracht war, die sich zum Spielort von Wandertheatern entwickelte - auch aus England.

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  • Gleich neben dem Theater befindet sich ein Rekonstruktionsprojekt, bestehend aus Eckturm und Stadthof, ursprünglich aus dem 14. Jahrhundert:



    Vor dem Gebäude verlief die Hintergasse:



    Am nördlichen Ende dieses Gebäude entstand 1887 die neue Synagoge von Danzig im Neorenaissance-Stil, Informationen enthält die Wikipedia. Das Gebäude wurde im April 1939 zerstört, heute gibt es ein kleines Modell am ursprünglichen Standort:




    In Danzig hatte die NSDAP bei den letzten Volkstagswahlen eine große Mehrheit erhalten, die Wahlen 1939 wurden nicht mehr durchgeführt. Allerdings waren die Möglichkeiten der NSDAP aufgrund des speziellen Status als Freier Stadt unter Aufsicht des Völkerbunds eingeschränkter als im Reich - dennoch wurde die Synagoge schon vor dem Anschluß an das Deutsche Reich zerstört.


    Westseite des vormaligen Standorts:



    Hier eine Ansicht des früheren Danzig mit Synagoge vom Bischofsberg aus:



    Und nochmals die damalige Situation mit der Synagoge:


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    Zum Abschluß dieser Galerie biegen wir nun nach rechts in die Reitbahn ein und betreten die Hundegasse nochmals, diesmal aber an ihrem westlichen Ende.


    Um den Eckturm herum - im Hintergrund fällt der Blick schon wieder auf den Kohlenmarkt:



    Zum Vergleich - so sah das Areal kurz nach dem Wiederaufbau aus:




    Und hier das Original - auch hier wird wieder der recht lockere Umgang mit Rekonstruktionen sichtbar, der originale Stadthof hatte eine andere Fassade (rechts daneben noch die Synagoge):



    Nochmals Blickrichtung auf den Kohlenmarkt:



    Ein geradezu klassisches "Füllhaus" der Nachkriegszeit, vgl. obige Vorkriegsansicht mit der realen Bebauung:



    Bemerkenswert ist immerhin, daß hier die westseitige Bebauung der Kleinen Webergasse nachgebaut wurde:



    Somit folgt die Bebauung hier dem historischen Grundriß und liegt in etwa auf einer Ebene mit dem Langgasser Tor:



    Indes historisch nicht korrekt - um an dieser Stelle bereits vorzugreifen - ist die fast komplette Ostseite des heutigen Kohlenmarkts (die gründerzeitliche Westseite ist ja sowieso vollständig verschwunden).


    Hier wurde nämlich die komplette Bebauung, die zuvor auf Höhe des Großen Zeughauses bis zum Langgasser Tor verlief, nicht rekonstruiert, sondern komplett weggelassen, das heißt, die Kleine Wollwebergasse als direkte Verlängerung der oben gezeigten Kleinen Webergasse fehlt komplett.


    Abschließend noch zwei interessante Einblicke direkt am westlichen Ende der Hundegasse, einmal der Blick in die komplette Hundegasse:



    Und einmal der Blick in Richtung Norden über die Große Gerbergasse und Große Wollwebergasse - ganz am Ende ist das Große Zeughaus schwach zu sehen, davor die Kunstakademie von 1968:



    Diese Gassen, die sich unter verschiedenen Namen nach Norden hin bis zum Altstädtischen Graben weiterziehen, wurden nämlich als einzige Nord-Süd-Verbindung durchgehend rekonstruiert (wenn auch mit sehr viel Phantasie) und sogar ahistorisch in direkter Linie bis zum Hansaplatz verlängert.


    Am Altstädtischen Graben soll dann auch der nächste Rundgang beginnen und quer durch die heutige Altstadt führen.

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