Teil 1 - von der Werft über Holzmarkt und Kohlenmarkt zum Altstädtischen Graben

  • Für den Auftakt der Rundgänge habe ich eine Route ausgewählt, die ganz im Norden - an der Werft - beginnt und dann in etwa am westlichen Rand der Danziger Innenstadt entlangführt, wo sich früher die Befestigung nebst Wassergraben befand und ab Ende des 19. Jahrhunderts der Stadtgraben entstand.


    Dieses Areal wurde in Die Stadterweiterung im Westen - Danziger Gründerzeit und mehr bereits vorgestellt, der Rundgang schließt einen kleinen Abstecher nach Neugarten ein, endet jedoch bereits am Altstädter Graben (dort soll dann der zweite Teil nahtlos weitergehen).


    Ich verlinke hier nochmals den alten Stadtplan:


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    Und zum Vergleich die heutige Stadtstruktur, bei der vor allem die stark ausgebaute Nord-Süd-Achse auffällt:


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    Wir beginnen im äußersten Norden des Kartenausschnitts, am Rand des Werftgeländes, das teilweise stillgelegt wurde und als improvisiertes Veranstaltungsgelände dient:


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    Übrigens befinden wir uns hier in unmittelbarer Nähe der "Jungstadt" des Deutschen Ordens mit seiner Ordensburg, die durch Danzig zerstört wurde, siehe hierzu auch Städtebauliche Entwicklung anhand von Stadtplänen und Luftaufnahmen


    Bekannt sind vermutlich die diversen Aufstände und Streiks der Werftarbeiter, so 1970 und 1980, die dann zur Gründung der Gewerkschaft Solidarität führten - hier Links zum Aufstand von 1970 und Streiks von 1980.


    Das Umfeld ist wenig attraktiv, wird aber inzwischen teilweise renoviert:


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    Hier sehen wir auf dem Weg nach Süden bereits links das Europäische Zentrum der Solidarität:


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    Südlich des Zentrums befindet sich ein kreisrunder Platz, in der Mitte das Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter, bestehend aus drei Kreuzen:


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    Detail des Denkmals:


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    Gedenktafeln:


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    Fototafel:


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    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Blick nach Westen über den Platz, links ist das grüne Zieleniak-Hochhaus von 1971 zu sehen, das am früheren Hansaplatz steht (von dem nichts erhalten ist).



    Wie unschwer zu erkennen ist, fehlt weitgehend die Bebauung, dies gilt insbesondere auch für das Areal östlich des Gedenkorts - zu sehen ist indes der Blick nach Süden zum Bahnhof:



    Noch erhalten wurde der frühere Eingang zur Danziger Werft, sicherlich als Denkmal:



    Aufgrund der Privatisierung und damit verbundenen Schrumpfung der Werft befindet sich dahinter indes nur noch grüne Wiese:




    Etwas weiter südlich sehen wir nun das erste bedeutendere historische Gebäude, es handelt sich um einen von Karl Kleefeld 1904 errichteten Gebäudekomplex auf dem Areal der früheren Befestigungsanlage:




    Heute dient das Gebäude als Bibliothek der Polnischen Akademie der Wissenschaften, früher als Stadtbibliothek mit Archiv und Oberrealschule.


    Von hier aus soll es nun nach Süden in Richtung Hansaplatz gehen, dabei fällt der Blick auf das Hauptquartier der Solidarność, einem aus dem Jahr 1949 stammenden Verwaltungsgebäude, das früher für "Kohleindustrieprodukte" genutzt wurde:



    Wirklich viel zu zeigen gibt es in diesem Umfeld nicht, auch am früheren Hansaplatz herrscht völlige Leere, das "grüne Hochhaus" im Norden und das Einkaufszentrum "City Forum" von 1998 (später gezeigt) im Süden:



    Dasselbe Gebäude von Süden - eigentlich finde ich das Hochhaus gar nicht so schlecht, weil es die Nord-Süd-Achse optisch nach Norden hin abschließt:



    Ein letztes Relikt der Vorkriegsbebauung nördlich des Hansaplatzes - die frühere Eisenbahndirektion:



    Im Prinzip beginnt gleich südlich des Hansaplatzes die Altstadt - allerdings dominiert hier mit Ausnahme von zwei rekonstruierten Kirchen (die ich später zeigen werde) eindeutig Architektur aus der Volksrepublik bzw. der Nachwendezeit in Form von Hochhäusern und Einkaufszentren.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Wir sehen nun bereits auf der rechten Seite die Bahnhofsanlagen, der Bahnhof selbst wird gerade umfassend saniert:




    Das Hauptgebäude ist momentan geschlossen:



    Die Bahnhofsanlagen sind relativ klein, vor allem angesichts der Tatsache, daß hier neben den regulären Zügen auch noch ein Bahnsteig für die SKM-Metro genutzt wird:



    Blick zurück nach Norden, rechts die "Altstadt":



    Auf der linken Seite befindet sich hier das schon oben angesprochene Einkaufszentrum:



    Auf Bahnhofsseite weiterhin gründerzeitliche Architektur - wir befinden uns ja im Bereich der vormaligen Befestigungsanlage:




    Nun wird auch die Bebauung auf der altstädtischen Seite interessanter und dieses eigenartige Gebäude ist zu sehen:



    Was aussieht wie ein typischer Bau des sozialistischen Realismus, ist tatsächlich das Gebäude der Westpreußischen Feuersozietät, das 1916 fertiggestellt wurde und von dem es in der Blechtrommel heißt, es "habe aus rein symbolischen Gründen nicht abbrennen wollen".


    Tatsächlich brannte es 1945 auch nicht ab, sondern diente danach als lokale Zentrale der kommunistischen Partei und wurde als solche 1970 von den Werftarbeitern angezündet - seitdem verfügt es über das heute unpassende Flachdach anstelle des vormaligen Walmdachs.


    Dasselbe Gebäude von der anderen Straßenseite - im Vordergrund indes ein erhaltenes Gebäude, das frühere Generalkommando der preußischen Armee von 1901, zu Zeiten der Freien Stadt Danzig Sitz des Hochkommissars und heute als Neues Rathaus zu Repräsentationszwecken genutzt:



    Anblick aus der Nähe:



    Von hier aus soll nun ein kleiner Abstecher nach Westen erfolgen, wer sich über das frühere Aussehen der Gegend informieren möchte, dem empfehle ich Die Stadterweiterung im Westen - Danziger Gründerzeit und mehr inkl. eines historischen Stadtplans.


    Wir überschreiten also die Eisenbahnlinie:




    Und sehen "Neu-Danzig" mit dem Neugarten als zentraler Straße:



    Das Gebäude auf der linken Seite wurde 1949 als Finanzamt errichtet und dient heute als Stadtverwaltung.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Vorher befand sich dort das Gebäude des Senats, dahinter gibt es noch etwas historische Architektur, insbesondere die Diakonissenkirche:



    Besser erhalten ist die rechte Seite:



    Hier sehen wir das Gebäude des früheren Volkstags (heute von der Stadtpolizei genutzt) im Vorder- und ein Justizgebäude im Hintergrund, hier nochmals detaillierter:




    Auf der linken Seite ist indes kaum noch etwas erhalten, das Areal wird für Parkplätze genutzt. Daher wieder zurück in Richtung Altstadt bzw. Holzmarkt.


    Kurz vor Erreichen eines kleinen Parks ist dieses Denkmal für die Polnische Heimatarmee zu sehen (der Volksarmee der Kommunisten, die ja viele Angehörige der Heimatarmee nachher tötete, wird an anderer Stelle auch gedacht):



    Kurz dahinter fließt die Radaune durch einen kleinen Park:



    Blick zurück nach Norden, das Gebäude sollte noch bekannt sein:



    Und Blick in Richtung "Altstadt" mit dem gigantisch vergrößerten Holzmarkt, der Turm im Hintergrund stammt aus dem 14. Jahrhundert und stand neben dem früheren Dominikanerkloster:


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    John Maynard Keynes

  • Etwas weiter südlich schließt sich an den Park ein großes und ziemlich gelungenes Einkaufszentrum auf einer früheren Brachfläche an, das Forum Gdansk (siehe Forum Gdańsk), aufgrund der Lage an der Radaune in der Entwicklungsphase aus Forum Radunia genannt.


    Ich halte die Architektur durchaus für gelungen, man hat versucht, sich mit den verwendeten Materialien und Farben an die Rechtstadt anzupassen und die Silhouette der Bebauung entlang der Mottlau nachzubilden.


    Hier die Inspiration für die Bebauung:


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    Und hier das Ergebnis (etwas Vorstellungsvermögen ist schon erforderlich, um Ähnlichkeiten festzustellen):


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    Dennoch finde ich das Einkaufszentrum ziemlich gelungen:


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    Sogar mit echter Kunst am Bau - einem Löwenkopf:


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    Weitere Ansichten:


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    Unterirdisch gelangt man hier in Richtung Rechtstadt zum Kohlenmarkt:


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    Wirklich gelungen ist der heutige Kohlenmarkt nicht mehr, zwar wurden die Tore der früheren Stadtbefestigung rekonstruiert, die Bebauung entlang des früheren Dominikanerwalls fehlt jedoch, die entsprechende Straße wurde zudem stark verbreitert.


    Heute wird der Kohlenmarkt überwiegend als Parkplatz genutzt, in Richtung Osten steht ein Gebäude von 1961, das zunächst als Möbelhaus genutzt und 1972 für die Fluggesellschaft LOT umgebaut wurde (daher heißt es auch heute noch LOT-Haus, obwohl inzwischen ein Rossmann darin untergebracht ist):


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    Das Motiv der goldenen Verglasung wurde übrigens bei den Nachwende-Neubauten am Langgarten aufgegriffen, dazu später mehr. An diesem Standort befand sich übrigens das 1961 abgerissene Hotel Danziger Hof:


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    Das Hohe Tor steht wieder, ebenso wie der Stockturm dahinter, allerdings in modifizierter bzw. vereinfachter Form:


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    Die beiden Gebäude südlich des Stockturms stehen noch, wenn auch in vereinfachter bzw. umgebauter Form, dabei handelt es sich insbesondere um das frühere Reichsbankgebäude von 1906 und ein angrenzendes Wohnhaus:


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    Das zerstörte und zu Zeiten der Volksrepublik durch einen unpassenden Neubau ersetzte Gebäude, das sich im Süden an diese beiden Gebäude anschließt, wurde vor kurzem durch einen angepaßten Neubau ersetzt:


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    Dazwischen klafft leider eine Lücke in der Bebauung:


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    Dennoch eine deutliche Verbesserung zum vorherigen Zustand:



    Aufgrund der Lichtverhältnisse (Gegenlicht ...) geht es nun erst einmal etwas weiter nach Süden, bevor noch weitere Fotos zum Kohlenmarkt folgen.


    Hier der Blick auf das Hohe Tor, davor ein Teil des Stockturms (hier wurde die Umbauung komplett beseitigt), im Hintergrund das Einkaufszentrum:


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    Bei diesem erhaltenen großen Gebäudekomplex handelt es sich um das gründerzeitliche Polizeipräsidium:


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    Wie hier ersichtlich ist, fehlt die Bebauung im Umfeld weitgehend, der schwarze Klotz links daneben ist das Shakespeare-Theater von Renato Rizzi am heutigen Vorstädter Graben:


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    Hier das Shakespeare-Theater aus der Nähe (wird später noch detaillierter beschrieben):


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    Ungefähr am nördlichen Ende des Theaters befand sich die Synagoge, die durch ein kleines Modell dargestellt wird:


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  • Wir befinden uns jetzt schon südlich des Rekonstruktionsareals, entsprechend befindet sich hier im Gegensatz zu früher keine Bebauung mehr bzw. - dies gilt fast für die gesamte Vorstadt - nur noch unpassende Bebauung.


    Rechts markiert der Eckturm mit Stadthof das Ende des Rekonstruktionsareals (Ende Hundegasse):


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    Dahinter herrscht dann bis zum Vorstädtischen Graben erst einmal Leere:


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    Unschön finde ich an der heutigen Gestaltung einiges ... zum einen die fragmentarische Bebauung des Kohlenmarks in Richtung Westen, auch das LOT-Gebäude paßt nicht wirklich und schließt den Platz auch nicht wirklich ab:


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    So sah es dort früher aus (Blickrichtung ist vom Kohlenmarkt aus), davon erhalten ist nichts (auch nicht das Theater, die Reste wurden für das Theater der Küste abgerissen):


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    Zum anderen ist die gigantische Verkehrsschneise unschön, die man unmittelbar neben Kohlenmarkt bzw. Rechtstadt angelegt hat - hier gab es früher den Heumarkt und ausgedehnte Parkanlagen, heute befindet sich dort hingegen eine riesige Straße:


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    Die Auffahrt führt wiederum zum extrem vergrößerten Vorstädtischen Graben:


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    Der wiederum heute so aussieht:


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    Hier die Abzweigung des Vorstädtischen Grabens, links führt die Brücke über die Bahnlinie:


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    Ursprünglich handelte es sich dabei um eine schmale Gasse, die südlich des Polizeipräsidiums begann und am Winterplatz endete (also vor der Mottlau, die heutige Brücke existierte zuvor auch nicht, es war also keine Durchgangsstraße).


    Noch dazu wurde der Graben nach Süden verlegt, er verlief ursprünglich in etwa dort, wo sich heute die breite und verwilderte Grünanlage am südlichen Ende der Rechtstadt-Rekonstruktion befindet.


    Hier eine Ansicht des ursprünglichen Vorstädtischen Grabens - die Synagoge verdeckt den Stadthof, es wird auch ersichtlich, daß im originalen Danzig eben nicht jedes Haus einen Giebel hatte ...



    Leider wird der Zustand im nächsten Rundgang durch die Vorstadt eher noch schlechter, in die offensichtlich die geringsten Ressourcen geflossen sind und selbst heute noch Ruinen herumstehen.

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