Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 17, vom Katholischen Bahnhof über den Weissturmplatz zum neuen Bahnhof

  • Im Rahmen der nächsten beiden Rundgänge möchte ich ein Stadtviertel vorstellen, das bislang ziemlich vernachlässigt wurde - die historische westliche Stadterweiterung jenseits des Illkanals, bislang lediglich kurz in Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 15, vom Bürgerspital über den katholischen Bahnhof bis zu Petite France ansatzweise gezeigt.


    Betritt man dieses Viertel, so wirkt es fast wie eine Erweiterung der Neustadt, wenn auch mit deutlich mehr "modernem" Baubestand der Nachkriegszeit (wobei insbesondere das Einkaufszentrum Les Halles auffällt).


    Tatsächlich lag das komplette Areal bis zur heutigen Bahnlinie innerhalb der historischen Stadtbefestigungen, wie diese Skizze zum baulichen Zustand von 1576 zeigt:


    Strasbourg_1576.jpg


    Besonders bemerkenswert die Kirchen im südlichen Abschnitt, von denen leider nichts erhalten blieb (außer der Aurelienkirche).


    Auf diesem historischen Stadtplan aus dem Jahr 1720 werden die Ausmaße der Festungswerke deutlich:


    strass1720.jpg


    Bei der Belagerung im Jahr 1870 war die städtebauliche Situation weitgehend unverändert, hier eine Übersichtskarte, auf der die Schäden durch den Beschuß im Krieg 1870/71 in rötlicher Farbe dargestellt sind:


    strassburg1870.jpg


    Daraus ist eindeutig ersichtlich, daß neben Zitadelle ganz im Osten und nordöstlichem Teil der Altstadtinsel vor allem das Areal im Westen durch den Beschuß weitgehend zerstört wurde, vor allem ganz im Norden wurde bei der Beschießung des Steintors die gesamte Steinvorstadt vernichtet.


    Aber auch ganz im Süden ist kaum noch historische Bebauung vorhanden, unter anderem sind mit zwei Ausnahmen (Johanneskirche und Aurelienkirche) auch keinerlei historische Kirchen mehr vorhanden.


    Bebaut wurde das Areal dann relativ schnell um den neu errichteten Bahnhof herum, im Süden gab es vor allem Kasernen und verschiedene "Funktionsbauten" wie Schlachthof und Elektrizitätswerk, im Norden neben einer großen Gasanstalt auch das Betriebsgebäude der Straßenbahn.


    Auf dem folgenden Stadtplan von 1888 ist das Areal mit Ausnahme des Südens schon weitgehend neu bebaut:


    strassburg1888.jpg


    Auch die neue Struktur ist erkennbar - anstelle der Stadtbefestigung verläuft jetzt die Bahnlinie mit dem neuen Zentralbahnhof ziemlich genau in der Mitte der Nord-Süd-Ausdehnung, außerdem wurde eine große Ringstraße angelegt, die unter unterschiedlichen Namen wie ein großes "C" den Bahnhof mit dem Bahnhofsplatz in der Mitte mit dem Hagenauer Platz ganz im Norden (am früheren Steintor) und - auf dem Stadtplan noch nicht eingezeichnet - der Erweiterung des Bürgerspitals ganz im Süden verbindet.


    Auch heute ist diese Straßenführung weiterhin erhalten, die Straße führt im Süden dann bis zum Beginn des Großen Durchbruchs an der früheren Börse.


    Beginnen soll der erste Teil des Rundgangs ganz im Süden, der selbst um die Jahrhundertwende nur ansatzweise bebaut war, hier eine Entwurfszeichnung von 1899:


    694px-2_boulevard_de_Lyon_Strasbourg_1899.jpg

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Es fällt auf, daß auf dieser Zeichnung noch keine Brücke vorhanden ist - tatsächlich entstand die Brücke, die nach Louis Pasteur benannt wurde, erst 1920, was sicherlich einen Grund für die schleppende Bebauung des Areals im Kaiserreich darstellte (da die große Ringstraße im Süden einfach endete).


    Hier die Brücke, die bereits 1940 wieder zerstört wurde:


    1280px-Pont_Louis_Pasteur_Strasbourg_39639.jpg


    Der Uferbereich ist hier noch nicht bebaut, hier entstand in etwa gleichzeitig mit der neuen Brücke eine Erweiterung der bereits zuvor errichteten Werderkaserne (oben noch "Fuss-Artillerie-Kaserne" genannt).


    Zur Verdeutlichung des damaligen Bauzustands ein Stadtplan von 1910:


    weststra1910.jpg


    Und im Vergleich dazu der heutige Zustand:


    weststra2020.jpg


    Die Ringstraße trägt heute den Namen Boulevard de Lyon und wird weiter nach Osten geführt, wo sie dann am Rhein-Rhône-Kanal entlang verläuft und schließlich auf den Großen Durchbruch trifft (vermutlich von Anfang an so geplant).


    Hier der Blick von der heutigen Brücke aus nach Norden, die Wohnbebauung direkt am Ufer ist neuesten Datums:


    IMG_3886_sil.jpg


    Gleich daneben beginnt dann ältere Bebauung, nämlich die oben schon angesprochene Erweiterung der früheren Werderkaserne, jetzt Caserne Sénarmont genannt:


    IMG_3889_sil.jpg


    Jenseits der Straße eine zeitgleich entstandene weitere Erweiterung, dahinter ist schon der Katholische Bahnhof zu sehen:


    IMG_3890_sil.jpg


    Blick zurück über die Ill - das ist doch ... ?


    IMG_3888_sil.jpg


    Hier beginnt nun der eigentliche Rundgang mit dem Schirmecker Ring (Boulevard de Lyon), der mit seiner großzügigen Anlage und der Baumreihe in der Mitte (die sich bis zum Weissturmplatz fortsetzt) plötzlich so etwas wie Großstadtflair verbreitet:


    IMG_3891_sil.jpg


    Indes wurde dieser kurze Abschnitt schon gezeigt, und zwar in Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 15, vom Bürgerspital über den katholischen Bahnhof bis zu Petite France, so daß ich für weitere Informationen und Fotos zum Katholischen Bahnhof auf diesen Rundgang verweise.


    Während ich in Teil 15 jedoch kurz hinter der Kaserne nach rechts in die Molsheimer Straße abgebogen bin, soll dieses Mal die komplette Ringstraße bis zu deren Ende am Hagenauer Platz gezeigt werden.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Bebauung auf der rechten Seite, die Kaserne hat genau dieselbe Länge wie der benachbarte katholische Bahnhof:


    IMG_3892_sil.jpg


    Die dahinter befindliche Querstraße hat keine besonderen Highlights zu bieten, mit Ausnahme des katholischen Bahnhofs, der bis zur Bahnlinie reicht:


    IMG_3894_sil.jpg


    Bebauung nördlich der Kaserne:


    IMG_3893_sil.jpg


    An diesem markanten Eckgebäude ungefähr aus dem Jahr 1900 endet nun auch schon die Gemeinsamkeit mit dem vorherigen Rundgang, als die Molsheimer Straße in Richtung Altstadtinsel weiter dokumentiert wurde:


    IMG_3895_sil.jpg


    Blick in die Molsheimer Straße:


    IMG_3897_sil.jpg


    Weiter auf dem Schirmecker Ring, der bis kurz vor den Weissturmplatz mit einer geschlossenen Bebauung gefällt (leider gilt das nicht für die Nebenstraßen ...).


    IMG_3898_sil.jpg


    Direkt neben der Bahnlinie befindet sich hier eine größere Sozialsiedlung von Berninger und Krafft, die ich in Jules Berninger (1856-1926) zeige.


    Blick nach rechts in die Andlauer Straße, der große unpassende Wohnblock mit dem U-förmigen Eingang auf der linken Seite ist nur zu erahnen ...


    IMG_3901_sil.jpg


    Weiter nach Norden, auch hier gefällt die Bebauung durchaus durch Geschlossenheit:


    IMG_3903_sil.jpg


    Wir erreichen jetzt den Weissturmplatz, der sich als Grünanlage präsentiert:


    IMG_3904_sil.jpg


    IMG_3905_sil.jpg


    Hinter der östlichen Platzkante befindet sich nun die einzige verbliebene wirklich alte Bebauung im gesamten Umfeld, die Aurelienkirche, die ziemlich versteckt liegt:


    IMG_3908_sil.jpg

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  • In der Gebäudezeile vor der Kirche ist eine Schule untergebracht, die ursprünglich auch 1870 zerstört und bis 1890 wieder aufgebaut wurde:


    IMG_3912_sil.jpg


    Die Kirche hat wohl als einziges Gebäude den Beschuß halbwegs überstanden:


    IMG_3913_sil.jpg


    Dokumentation der Schäden auf der Informationstafel:


    IMG_3915_sil.jpg


    Weitere Ansichten der Zerstörungen:


    aurelien2.jpg


    aurelien1.jpg


    Hier wird klar, weshalb mit Ausnahme weniger Gebäude im Umfeld praktisch alles nach 1871 entstand.


    Weitere Ansichten der Kirche, die von Mitte des 18. Jahrhunderts stammt und eine ältere Kirche aus dem 13. Jahrhundert ersetzte:


    IMG_3914_sil.jpg


    IMG_3917_sil.jpg


    Immerhin - direkt hinter der Kirche gibt es noch ein schönes altes Ensemble mit Innenhof aus dem 17. Jahrhundert, 2010 renoviert und als Schulkantine genutzt:


    IMG_3918_sil.jpg


    Das unpassende angrenzende Gebäude verdeutlicht schon, daß hier die historische Bebauung abrupt aufhört, hier befand sich das Gelände der Margaretenkaserne, von der nur noch das Hauptgebäude erhalten ist.


    Hier eine historische Ansicht:


    Strasbourg_31870.jpg


    Und hier der Versuch, die heutige Kaserne zu fotografieren - eine enge Straße und viele Bäume machten das praktisch unmöglich:



    Auf dem eigentlichen Kasernenareal befand sich früher das Margaretenkloster (daher auch der Name der Kaserne), heute ist dort ein großer Bau von Stoskopf für die Gendarmerie, der ebenfalls kaum zu fotografieren war:



    Unmittelbar hinter der Kirche hört die Bebauung auf, Blick auf das frühere Kasernenareal:



    Die Aureliengasse selbst, hier in Richtung Weissturm-Straße fotografiert, hat immerhin noch einige wirklich alte Fachwerkhäuser zu bieten:


    IMG_3919_sil.jpg


    IMG_3920_sil.jpg


    Und schon haben wir die Weissturm-Straße erreicht, mit Blick auf die Altstadtinsel mit der "doppelten" Kirche St. Peter, bereits mehrmals vorgestellt, unter anderem in Kirchen in Straßburg:


    IMG_3921_sil.jpg


    Die Straße wurde kürzlich für die Verlegung der Straßenbahngleise komplett neu gestaltet und profitiert meines Erachtens ganz extrem von Verkehrsberuhigung und "Rasengleis" in der Mitte.

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  • Noch ein weiterer Blick zurück auf die Altstadtinsel:



    Von hier aus nun weiter in Richtung des Bahnhofs, wobei auf der linken Seite ein 1991 errichtetes Parkhaus auffällt, das ebenfalls nach Aurélie benannt ist und als Besonderheit Abstellmöglichkeiten für Fahrräder bietet - der Fahrradweg führt tatsächlich ins Gebäude:



    Wir nähern uns jetzt bereits dem Bahnhofsplatz, im Vordergrund ist die frühere Betriebsdirektion zu sehen:



    Und schon ist der Bahnhof zu erkennen, der 1883 errichtet wurde und anläßlich der Nutzung als TGV-Bahnhof 2006/2007 eine große Glasverkleidung erhielt, um die nutzbare Fläche zu vergrößern - im Hintergrund das Gebäude der Bahnverwaltung:




    Blick auf den halbkreisförmigen Bahnhofsplatz, das erste Foto wurde ja schon unter Kriegsschäden in Straßburg - und was daraus wurde gezeigt und erläutert:





    Wir betreten nun den Bahnhof:



    Und schauen heraus :smile:



    Die historische Fassade ist bestens erhalten, die Glasverkleidung ist vorgehängt:



    Die untere Ebene ist nach oben teilweise offen, was durch die Glasverkleidung ermöglicht wurde:



    Zum Abschluß dieses Rundgangs noch ein Blick auf die Bahnverwaltung, die 1884 vom selben Architekten wie der Bahnhof selbst, nämlich von Johann Eduard Jacobsthal errichtet wurde (damals für die Kaiserliche Generaldirektion der Eisenbahn tätig).



    Der nächste Rundgang, der aufgrund eines Gewitters an einem anderen Tag erfolgte, zeigt dann den folgenden Abschnitt der Ringstraße (früher: Kronenburger Ring) bis zum Hagenauer Platz.

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