Franz Lütke (1860-1929)

  • Hier soll ein Architekt vorgestellt werden, der zu den produktivsten Architekten der Vorkriegsjahre zählte und nicht weniger als rund 200 Gebäude in der Neustadt entwarf, darunter auch einige Villen.


    Franz Lütke wurde 1860 in Köln geboren und lebte erst ab 1892 in Straßburg, wo er ab 1897 rund zehn Jahre lang eine extrem produktive Partnerschaft mit dem "Bautechniker" Heinrich Backes einging, der ursprünglich aus Bitburg stammte und Straßburg nach dem Ersten Weltkrieg in Richtung Trier verließ.


    Backes ist ggf. schon dem Leser dieses Forumsbereichs durch seine Arbeiten am Großen Durchbruch bekannt, wobei er mit Otto Zache zusammenarbeitete und vor allem den Abschnitt vor der abschließenden Kirche Alt Sankt Peter prägte, siehe auch Der Große Durchbruch - La Grande Percée (1910 - 1960)


    Lütke errichtete viele Gebäude im Jugendstil, einige Villen, eine einzige Kirche und sehr viele betont großstädtische Wohn- und Geschäftshäuser, oft entlang der Hauptachsen der Neustadt wie Schwarzwald- und Vogesenstraße, aber auch entlang der prächtigen, aber leider nicht mehr ganz fertiggestellten Ruprechtsauer Allee. Charakteristisch für seinen Stil sind auch monumentale Eckgebäude, meist mit einem Turm, die eine ganze Reihe von Kreuzungen in der Neustadt prägen.


    Als erstes Gebäude möchte ich indes ein Verbindungshaus vorstellen, das Korpshaus der Palaio Alsatia (siehe Wikipedia), das 1906 im Neo-Renaissancestil errichtet und 1975 fast abgerissen wurde - glücklicherweise wurde der Abriß durch den Stadtarchitekten Robert Will verhindert, das Gebäude wird heute von Polen für die Vertretung beim Europarat genutzt.



    Die Lage ist außerordentlich schön, es liegt in einem größeren Villenviertel zwischen Ruprechtsauer Allee und dem rechten Ill-Arm, ungefähr 10 Gehminuten nördlich der Paulskirche.



    Hauptfassade:



    Gleich schräg dahinter befindet sich übrigens die Villa Stempel von 1903 derselben Architekten, errichtet für einen wohlhabenden Versicherungsvertreter, der der Villa auch den Namen gab.


    Man beachte das Dach:



    Das Gebäude wurde 1944 beschädigt und bis 1951 etwas vereinfacht wiederaufgebaut, daher vielleicht auch die etwas "französisch" wirkende Fassade.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Auch für die Freunde der klassischen Architektur gibt es ein Update - und zudem einen neuen Stadtplan von 1903, den ich als Original gekauft und gleich gescannt habe:


    funfzehner1903.jpg


    Alle Gebäude befinden sich in der nördlichen Hälfte der Ruprechtsauer Allee, in etwa auf Höhe der Tauler-Straße. Die beiden oben gezeigten Gebäude liegen zwischen Allee und Ill, die beiden kommenden östlich davon in Richtung Schweighäuser Straße/Antwerpener Ring.


    Beim ersten Gebäude handelt es sich um die Villa Faist am östlichen Ende der Twinger-Straße, erbaut wurde sie 1902 bis 1903 für den Bauunternehmer Carl Faist aus dem Elsaß, der in Twinger-Straße und Ruprechtsauer Allee noch weitere Gebäude in Auftrag gab, selbst aber nie darin wohnte (ggf. mache ich noch mal einen Rundgang speziell durch dieses Villengebiet).


    Aus Richtung der Ruprechtsauer Allee kommend ist das Gebäude teilweise durch Bäume verdeckt:


    IMG_4042_sil.jpg


    In der Gegenrichtung ist das Jugendstilgebäude bestens sichtbar:


    IMG_4043_sil.jpg


    Unmittelbar daneben befindet sich eine weitere Villa mit sehr ähnlicher Gestaltung, ob beide Gebäude zusammengehören oder gemeinsam entstanden sind, kann ich leider nicht sagen (vermutlich ja).


    IMG_4044_sil.jpg


    Im Jahr 1944 wurde das Gebäude nur sehr knapp von einer Bombe verfehlt, diese traf und zerstörte das Haus mit der Nummer 28 nur etwa 40 Meter davon entfernt.


    Von den Villen nun zu den großstädtischen Wohn- und Geschäftshäusern, wobei wir in der Ruprechtsauer Allee bleiben, bestenfalls 5 Gehminuten von der Villa Faist entfernt befindet sich dieses Jugendstilgebäude, ebenfalls 1902 bis 1903 errichtet.


    Leider aufgrund der Bäume kaum zu fotografieren:


    IMG_4039_sil.jpg


    Bemerkenswert die bunten Motive, die auf Keramikplatten aufgemalt wurden:


    IMG_4040_sil.jpg


    Leider die einzige Methode, um die Fassade halbwegs vollständig abzubilden:


    IMG_4041_sil.jpg

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    John Maynard Keynes

  • Der pflegte eine sehr eigenartige Form von Jugendstil, mit diesen kreisförmigen Bögen - wo Jugendstil sich doch sonst durch geschwungene Linien und mehr elliptische, nie ganz kreisförmige, Bögen auszeichnet.

  • Das kann ich leider nicht beurteilen, inwiefern dies eine Sonderform darstellt ... vielleicht weiß Riegel dazu mehr?


    Nun ein ganz großer Sprung an den Anfang der Vogesenstraße, die ja vom Hagenauer Platz aus als Hauptverkehrsachse die gesamte Neustadt durchquert (wenn auch unter verschiedenen Namen).


    Dort befindet sich das bereits in Bedeutende Bauten in Straßburg (1871 bis 1960) vorgestellte Sängerhaus, das 1903 im Jugendstil erbaut wurde.


    Hier errichtete Franz Lütke zeitgleich direkt an der Vogesenstraße dieses Jugendstilgebäude an der Abzweigung zur Julian Straße:


    IMG_3997_sil.jpg


    Vor dem Gebäude befindet sich ein kleiner Platz, der allerdings direkt an der Vogesenstraße liegt:


    IMG_3998_sil.jpg


    Gemeinsam mit dem Sängerhaus, dessen Eckturm hier zu sehen ist, entsteht ein schönes Jugendstilensemble:


    IMG_3995_sil.jpg


    Blick zurück, das Sängerhaus heißt heute Palais des Fêtes:


    IMG_3999_sil.jpg


    Gleich gegenüber, ebenfalls in der Julian Straße, entstand 1905 ein weiteres Gebäude von Lütke:


    IMG_4000_sil.jpg


    Aufwendige Gestaltung der Balkongitter:


    IMG_4002_sil.jpg


    Tür - auch wieder mit rundem Bogen:


    IMG_4001_sil.jpg

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