Charles-Gustave Stoskopf (1907-2004)

  • Im folgenden soll kurz ein Architekt aus Straßburg vorgestellt werden, der das Stadtbild nicht unbedingt bereichert hat, aber dennoch bedeutend ist: Charles-Gustave Stoskopf.


    Einerseits prägen seine Bauten den heutigen Eisernen Mann, andererseits war er als Städteplaner für die Auslegung des Neubauviertels Esplanade maßgebend, das ab den 60er Jahren südlich der Innenstadt entstand.


    Stoskopf wurde 1907 in Straßburg als Sohn des Künstlers Gustave Stoskopf geboren, der unter anderem als Maler, Autor und Theaterdirektor tätig war. Er studierte sowohl Architektur in Straßburg als auch an der Staatliche Hochschule der Schönen Künste in Paris und gewann bereits 1933 den Prix de Rome, die meisten seiner Bauten im Elsass (und alle in Straßburg) fallen aber in die Nachkriegszeit.


    Dazu zählen neben den Bauten am Eisernen Mann vor allem Sozialwohnungen, aber auch Hochhäuser im Neubauviertel Esplanade, zu dem er auch das Konzept ausarbeitete. Stoskopf stellte seine Tätigkeit als Architekt 1982 ein und übergab sein Büro an seinen früheren Büroleiter Walter Oehler, der ebenfalls aus Straßburg stammte und schon zuvor gemeinsam mit Alfred Fleischmann an den meisten Bauten von Stoskopf in Straßburg beteiligt war.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Kommen wir nun zu den Bauten von Stoskopf, die den Eisernen Mann heute prägen - dazu zählt neben dem Hochhaus, das nach Valentin Sorg benannt ist, vor allem auch das namenlose Gebäude Gerbergraben 3 mit seiner charakteristischen tunnelartigen Durchfahrt.


    Das Projekt wurde Mitte der 50er Jahre geplant und danach zügig umgesetzt, wobei der Platz Eiserner Mann deutlich vergrößert wurde.


    Hier gestrichelt die ursprüngliche Bebauung und in schwarzer Farbe die "riegelartige" neue Bebauung:


    planfer.jpg


    Zuvor gab es dort kleinteilige Bebauung wie das Kaufhaus Mathieu:


    mathieu.jpg


    Die Westseite des Kleberplatzes präsentierte sich vor 1955 noch so (die Aufnahme ist sicherlich sehr viel älter, da der Große Durchbruch noch nicht erfolgt ist):


    klebersto.jpg


    Anstelle des Rothen Hauses befindet sich ja heute das FNAC-Gebäude (trotz der grauen Farbe auch als Maison Rouge bezeichnet), die Gebäude auf der rechten Seite wurden für das oben genannte Neubauprojekt abgerissen.


    Dort befindet sich seitdem dieses Gebäude aus dem Jahr 1957, ebenfalls von Stoskopf:


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    Gleich daneben dann das Gebäude mit der Durchfahrt in Richtung Gerbergraben:


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    Und wiederum daneben der Tour Valentin-Sorg, 1955 erbaut, 48 Meter hoch und nach einem Gastronomen aus dem Elsaß benannt:


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    Das auffällige rote Haus wurde gleichzeitig erbaut:


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    Der Vollständigkeit halber noch das wenig attraktive Gebäude gegenüber - es stammt zwar auch aus den 50er Jahren, aber nicht von Stoskopf und stellt einen der wenigen Kriegsschäden dar, die vormalige Commerzbank wurde nach starken Beschädigungen abgerissen und schon 1950 durch dieses Gebäude ersetzt.


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  • Die niedrigen Bauten finde ich städtebaulich daneben. Groß, klobig, unattraktiv. Der Tour Valentin-Sorg hingegen ist ganz ordentlich gegliedert und könnte als Landmarke meiner Einschätzung nach stehenbleiben.


    Er erinnert mich an das Neff-Hochhaus (1955), Fahrgasse 1, in Frankfurt am Main, von Johannes Krahn, das ich auch als Zeugnis der 1950er Jahre für gelungen und erhaltenswert erachte


    datei:hochhaus_fahrgasse_ffm_1.jpg


    https://www.flickr.com/photos/33784579@n05/8314076382

  • Das zweite große Projekt von Stoskopf bestand im Neubauviertel Esplanade, das ab 1960 entwickelt wurde. Die Stadt Straßburg als Eigentümer des Areals verkaufte einen Teil im Westen an die Universität, die dort südlich der Reichsuniversität einen neuen Campus errichtete, der Rest wurde nach Beseitigung fast aller Kasernen im damals modernen Hochhausstil neu bebaut.


    Stoskopf entwickelte nicht nur die städtebauliche Konzeption, sondern entwarf auch einige Hochhäuser.


    Hier eine Übersicht über das Areal:


    osmesp.jpg


    Hier prallen buchstäblich vier Welten aufeinander:


    1 Botanischer Garten der Reichsuniversität, die Häuserzeile entlang der Sternwartstraße (heute Rue de l'Observatoire) stellt das östliche Ende der geschlossenen Bebauung vor 1918 dar


    2 hier endet der monumentale und im wesentlichen erst ab 1918 fertiggestellte Kölner Ring mit seiner historisierenden Bebauung


    3 hier befindet sich der Campus der neuen Universität


    4 und hier liegt das Neubauviertel Esplanade, getrennt von der Universität durch die Avenue de l'Esplanade, seit 1971 nach de Gaulle benannt - diese Avenue führt dann zum Hauptplatz, der nach wie vor Place de l'Esplanade heißt (im rechten Winkel geht von dort aus die Rue de Rome nach Westen und markiert den südlichen Rand des Universitätscampus)


    So sah das Areal unmittelbar vor Beginn der Bebauung aus, ganz unten links ist der frühere Spitaltor-Hafen zu sehen, heute als Rivetoile-"Hafencity" entwickelt, die Wohnblöcke nördlich davon stehen schon und gehören nicht zum Esplanade-Projekt:


    esplanade.jpg


    Aufnahme von 1967, das geschwungene Gebäude ist die Juristische Fakultät der Universität Straßburg:


    Esplanade_en_1967.jpg


    Hier sei noch auf zwei Plakate aus der Straßburger Fußgängerzone verwiesen, auf denen die Entstehung der heutigen Esplanade kurz skizziert wurde:


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    Im Folgenden nun die heutigen Ansichten - hier der Blick zum Kölner Ring (Position 2 in der Karte), rechts die Cité Léon Bourgeois von 1925, ein Projekt des sozialen Wohnungsbaus von Paul Dopff (siehe Paul Dopff (1885-1965)


    IMG_3834_sil.jpg


    Und das Kontrastprogramm in der anderen Richtung:


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  • Blick über die Avenue du Général de Gaulle:


    IMG_3837_sil.jpg


    Die Straße stellt effektiv die Verlängerung des Nikolausrings (heute: Boulevard de la Victoire) dar, was auch in der Gestaltung zum Ausdruck kommt - in der Mitte zwischen den Fahrbahnen fährt auch hier die Straßenbahn in einer Art von Grünanlage:


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    Allerdings befindet sich das Rasengleis zwischen den Baumreihen, im Boulevard de la Victoire fährt die Straßenbahn zwischen Grünanlage und Fahrstreifen:


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    Blick auf das Gebäude der Juristischen Fakultät:


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    Blick nach Norden in Richtung Zitadelle:


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    Die "Funktionsgebäude" mit Einkaufsmöglichkeiten usw. hinter den Hochhäusern:


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    Das Herzstück - Place de l'Esplanade:


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    IMG_3842_sil.jpg


    Auch hier gibt es wieder eine Durchfahrt, unmittelbar dahinter kommt schon der Park mit der Zitadelle.



    Teile der Universität und der Esplanade sowie der Park wurden schon gezeigt, und zwar in Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 2, Straßburger Parks


    Auch die Cité Rotterdam in der Nähe weist solche Durchfahrten auf, Fotos und Erläuterungen gab es schon unter Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 11, von Kehl über den Straßburger Hafen bis zur Cité Rotterdam

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  • Jein, in Straßburg wurde auch vielerorts noch bis Anfang der 60er Jahre ziemlich altstadtverträglich gebaut, Stoskopf und das Wohnviertel Esplanade sind da eher eine Ausnahme (von Stoskopf stammen übrigens auch die Sozialwohnungen gleich nördlich des früheren Hafens aus den 50er Jahren, in der Ecke Quai des Alpes).


    Mit Ausnahme von Neuhof ganz im Süden sind die Viertel wie Neudorf oder Ruprechtsau/Robertsau bzw. Städte und Gemeinden (die ja meist nicht eingemeindet wurden, sondern sich dem Gemeindeverband der Eurométropole angeschlossen haben) wie Schiltigheim, Bischheim usw. gar nicht so übel, bieten aber auch keine großen Highlights. Vielleicht mache ich noch mal eine Galerie zu Neudorf, da gibt es auch einige Bauten von Beblo und Co.


    Was mir gut gefällt, ist das Projekt der Zwei Ufer entlang des Rhein-Marne-Kanals, ganz im Süden von Straßburg gibt es mit der Gartenstadt Stockfeld sogar noch ein echtes Highlight (siehe Anhang).

    Dateien

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  • Ein kleiner Vorläufer von Esplanade war die Sozialsiedlung Cité H.L.M. Quai des Alpes direkt nördlich des früheren Metzgertorhafens und unmittelbar östlich des Börsenplatzes (heute: direkt nördlich von Rivetoile).


    Auch hier war Stoskopf nicht nur als Architekt, sondern auch als Leiter des Gesamtprojekts tätig, an dem rund 10 weitere Architekten beteiligt waren - und auch eine Architektin, nämlich Lena Steinlen-Salomon, die Enkelin von Emile Salomon (1833-1913), die bereits im Zusammenhang mit dem Bau des Blindenheims (gemeinsam mit ihrem Vater Henri) kurz angesprochen wurde (übrigens als bislang einzige Architektin).


    Errichtet wurden die Gebäude von 1952 bis 1956, unmittelbar nördlich davon beginnt das zu Zeiten des Kaiserreichs nur sehr sporadisch bebaute Schweizerviertel.


    Eine etwas ungewöhnliche Ansicht zu Anfang - die Gebäude befinden sich gleich hinter dem Hafenbecken, heute als "Hafencity" genutzt:


    IMG_3871_sil.jpg


    Die Bauten weisen teilweise eine eigenartig geschwungene Form auf:


    IMG_3875_sil.jpg


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    Es gibt zwei unterschiedliche Bauhöhen:


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    Übergang zum Schweizerviertel, wer erkennt das rote Gebäude rechts hinten, das hier teilweise verdeckt wird?


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  • Die geschwungene Form kommt in den 1950ern ab und an mal vor, würde ich meinen. Das Zeitalter des Nierentischs, und der Tankstellen mit "Rundecken"-Betondach. In den 1960ern wurde hingegen alles eckig, mit dünnen/schmalen Profilen. In den 1970ern wurde dann alles eher klotzig.

  • Von Stoskopf stammt auch das Gebäude der Gendarmerie Départementale, auf dem nördlichen Areal der Margarethenkaserne etwa ab 1970 errichtet.


    Leider ließ sich das Gebäude aufgrund des Baumbestands am Zaun nur schwer fotografieren, daher verlinke ich hier auf eine Luftaufnahme.


    Hier links das erhaltene Gebäude der Margarethenkaserne im Süden, rechts die hohe "Wand" des Neubaus:


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    Aufnahmen vom Zaun aus, leider nicht sehr aussagekräftig:


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    Interessanter als das Gebäude selbst ist wohl die Tatsache, daß die Kasernenanlagen unter neuem Namen (Ganeval) noch bis Ende der 60er Jahre erhalten waren, insbesondere existierte noch das Gebäude entlang der Molsheimer Straße.


    Damals wie heute ist der Kontrast zur kleinteiligen Bebauung um die Aurelienkirche frappierend, unmittelbar nördlich des Zauns befindet sich das erhaltene und vermutlich von Joseph Massol entworfene Hauptgebäude der Klinik Sainte-Barbe von 1750, dahinter ist schwach der Turm der zugehörigen Kapelle zu sehen:


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    Knapp einen Meter vom Zaun entfernt beginnt dann schon der Schulkomplex Sainte Aurélie:


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