Tübingen (Galerie) - Rundgang durch den Tübinger Süden

  • Im Folgenden einige Fotos vom Tübinger Süden, der ja bislang im Gegensatz zur Altstadt noch nicht dokumentiert wurde. Wir beginnen aber schon nördlich des Neckars am Lustnauer Tor, wo die Mühlstraße zur Eberhardsbrücke führt.


    Informationen zur Mühlstraße gibt es in der Wikipedia oder in der TUEpedia, wobei sich die Inhalte offensichtlich deutlich überschneiden, mir aber die Aufmachung der TUEpedia besser gefällt.


    Die Mühlstraße geht auf einen Durchstich von Mitte des 15. Jahrhunderts zurück, als der Ammerkanal mit dem Neckar verbunden wurde, um das Gefälle für den Betrieb von Mühlen zu nutzen, ab 1885 entstand aus einer Verbreiterung dieses Durchstichs die heutige Straße, deren Bebauung leider nicht vollständig erhalten ist.


    Es handelt sich übrigens um die einzige Nord-Süd-Verbindung in der Tübinger Innenstadt, gleich östlich davon liegt ja der Österberg.


    Hier die prächtige Bebauung am Lustnauer Tor, den Österberg hinauf gibt es dann allerdings einige Bausünden:


    IMG_3594_sil.jpg


    Hier ist die Bausünde geschickt versteckt, im Hintergrund die Wilhelmstraße, der schöne Alte Botanische Garten beginnt gleich hinter dem Kino:


    IMG_3596_sil.jpg


    Links davon beginnt die Altstadt, das abgebildete Gebäude dürfte aber wohl um 1900 herum entstanden sein, siehe Lustnauer Tor


    IMG_3595_sil.jpg


    Die Mühlstraße, die Gebäude auf der rechten Seite sind an den steilen Hang des Österbergs gebaut:


    IMG_3597_sil.jpg


    Wirklich perfekt ist die Straße leider nicht mehr:


    IMG_3598_sil.jpg


    Nun sind wir schon fast am Neckar angekommen, dort steht eine etwas seltsame Behelfsbebauung, dahinter die Germanenstaffel, die ja schon mal erraten werden sollte:


    IMG_3599_sil.jpg


    Daneben das kultige Primer-Café:


    IMG_3680_sil.jpg


    Von der Eberhardsbrücke aus fällt der Blick auf den schönsten Biergarten (mindestens in Baden-Württemberg) mit dem Neckarmüller, darüber der Österberg mit den Verbindungshäusern:


    IMG_3603_sil.jpg


    IMG_3601_sil.jpg


    Blick zur anderen Seite auf die klassische Neckarfront, die Bäume links im Bild befinden sich auf der 1910 künstlich angelegten Neckarinsel:


    IMG_3602_sil.jpg

    sou perfeito porque / igualzinho a você / eu não presto

  • Ja, der erschien mir schon unpassend, lange bevor ich mich überhaupt für Architektur interessiert habe. Möglicherweise mein erstes bewusstes negatives Erlebnis. Heute würde ich dazu sagen "unbeholfen postmodern". Dürfte aus den 80er Jahren sein.

  • So schlimm finde ich das Gebäude gar nicht, erläutert wird es in der Tuepedia - es stammt tatsächlich schon von 1953 (auch wenn ich es selbst immer auf die 80er geschätzt hätte), das Original wurde 1944 durch eine Luftmine zerstört.


    Bild Café Neckartor 1957


    Wesentlich schlimmer finde ich andere Gebäude, speziell südlich der Eberhardsbrücke, dazu später noch mehr.


    OT Bei der Recherche habe ich jetzt zufällig auch herausgefunden, warum der frühere Dönerladen auf der anderen Straßenseite "Kalender" hieß - der türkische Betreiber heißt so mit Nachnamen und führt auch das Primer-Café gleich daneben.

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  • Nein, da muss ich widersprechen. Für mich der reinste Horror. BRD zum Abgewöhnen. Ein präpotent-protziger, dabei völlig geschmackloser Bau an sensibelster Stelle, der wie eine plumpe Karikatur althergebrachter Formen wirkt. Natürlich fehlte auch dem Vorgängerbau jene gewisse Präpotenz nicht, allerdings war dieser doch aufwändiger und nicht ohne Geschmack und im Ganzen natürlich von jener gründerzeitlichen Liebenswürdigkeit, die heute so sehr in ihren Bann zu ziehen versteht, weil sie der Moderne ganz verloren gegangen ist. Durch Umbauten scheint er noch um ein Eck hässlicher geworfen zu sein. "Unbeholfen postmodern" trifft es gut, wobei die Betonung auf "unbeholfen" liegen muss. So etwas als Visitenkarte einer Stadt wie Tübingen - woanders unmöglich.

    Auf das schlimmere Gebäude bin ich gar nicht mehr neugierig.

  • Tübingen ist bekanntermaßen eine gut erhaltene Stadt, aber die Gegend am unteren Ende der Mühlstraße, bzw. am nördlichen Ende der Neckarbrücke ist gleich zweimal zerstört worden, nämlich nach 1880 beim Durchbruch der Mühlstraße und 1944 durch eine schwere Fliegerbombe. Hier der Urzustand beim Hochwasser von 1872:


    1024px-P_Sinner_-_Hochwasser_am_Neckar_bei_der_Eberhardsbr%C3%BCcke%2C_Mai_1872_%28TSiW064%29.jpg
    https://commons.wikimedia.org/wiki/file:p_sinner_-


    So kurz vor 1900, noch mit der mittelalterlichen Neckarbrücke, die 1901 durch einen breiteren Nachfolger ersetzt worden ist:


    1024px-Partie_an_der_Neckarbr%C3%BCcke_%28AK_425_C_Sch%C3%B6nwalter_1904_TPk46%29.jpg

    Partie an der Neckarbrücke (AK 425 C Schönwalter 1904 TPk46)
    Photographer: Unknown author Publisher: Postkartenverlag C. Schönwalter, Cannstatt / Public domain


    Rechts das Wohnhaus Ludwig Uhlands, das noch aus der Zeit vor dem Bau der Mühlstraße stammt. 1944 wurde es von der Bombe voll getroffen


    512px-Blick_%C3%BCber_den_Neckar_in_die_M%C3%BChlstra%C3%9Fe_um_1895_%28TSiW096%29.jpg

    Blick über den Neckar in die Mühlstraße um 1895 (TSiW096)
    Unknown author / Public domain


    Einige Photos vom Zustand nach dem Angriff sieht man hier: Bilder vom zerstörten Uhlandhaus aufgetaucht An der Stelle des Uhlandhauses steht heute der einstöckige Imbissbau. Der Stadt ist er schon lange ein Dorn im Auge; da er aber in Privatbesitz ist und der Eigentümer kein Interesse an einem Neubau hat, wird er uns wohl noch lange erhalten bleiben.


    der Kasten im letzten Bild ist aber auch nicht ohne.

    Dieses Haus ist von 1953. Zuvor stand dort ein großer, 1944 zerstörter Gründerzeitbau aus dem Jahr 1881, der die alte Walkmühle ersetzt hat, die man auf dem ersten Bild noch sieht. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass der Bau von 1953 besser ins Stadtbild passt als der kaiserzeitliche Schinken.


    Neckarbr%C3%BCcke_mit_%C3%96sterberg_und_Uhlandhaus_AK_HTSl_023082.jpgNeckarbrücke mit Österberg und Uhlandhaus AK HTSl 023082

    Autor unbekannt / Public domain

  • Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass der Bau von 1953 besser ins Stadtbild passt als der kaiserzeitliche Schinken.

    Never ever. Der "Schinken" hatte Geschmack. dass er natürlich zu groß geraten ist, steht außer Zweifel, abe das tut dem Stadtbild als Art Ausrufungszeichen an dieser markanten Stelle gar nicht so schlecht. Der "Bau von 1953" ist nur plump und hässlich. Was bei ihm an alte Formen gemahnt, ist in Wahrheit böse Karikatur. Solche Hässlichkeiten finden sich auch an sehr empfindlicher Stelle in Bamberg. Niemand konnte so abgrundtief geschmacklos bauen wie die BRD im ersten Wirtschaftswunder-Protz.

  • Ich finde, das Gebäude paßt sich ziemlich gut in die übrige Bebauung entlang der Neckargasse ein und wirkt auch nicht so klobig, wie man vielleicht annehmen könnte, hier ein altes Bild von 2011:



    Außerdem war es ja ein Kriegsverlust - schlimmer finde ich da den Neubau der Burschenschaft Germania, der das charmante, oben noch abgebildete Bierkiechle ersetzte (wobei man natürlich den überdimensionierten Turm kritisieren könnte), auch die alte Neckarmüllerei war natürlich viel schöner als der heutige Neubau.


    Und wirklich extrem mißlungen finde ich fast die komplette "Innenstadt Süd" (ich weiß nicht, ob die einen offiziellen Namen hat) südlich des Neckars, wo dieser gigantische Zinser-Block steht (vom Neckarparkhaus ganz zu schweigen):



    Dazu aber gleich in den nächsten Beiträgen mehr.

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  • Der Bau von 1953 wurde aber mindestens zweimal noch verändert: erstens lief der Erker ursprünglich nicht um die Ecke herum, sondern bestand nur giebelseitig, und zweitens erhielt das Gebäude einen postmodernen 'Anstrich' (Glasvordach über dem Erker, graue Fassadenfarbe, anthrazitfarige Fenster).

  • Ich versuche mich zu erinnern was ich damals als 17-jähriger empfand. Wahrscheinlich einfach, dass dieses Haus in seiner recht primitiven Gestaltung nicht zu dem historischen Ensemble der Neckarfront passt, dass es einen unwürdigen Abschluss darstellt und das Erlebnis einer vollendeten Gesamtansicht beeinträchtigt.


    Es wird wohl aus demselben Grund auf fast allen Fotografien der Neckarfront ausgeblendet:


    https://www.google.de/search?q=t%c3%bcbingen+neckarfront&tbm=isch&ved=2ahukewik47-whuvpahwhgaqkhuuoceuq2-ccegqiabaa&oq=t%c3%bcbingen+neckar&gs_lcp=cgnpbwcqargemgqiixanmgiiadiccaayaggamgiiadiccaayaggamgiiadigcaaqcbaemgyiabaieb5qnyxynyxghkloahaaeacaavuiavusaqexmaeaoaebqgelz3dzlxdpei1pbwc&sclient=img&ei=wmzaxor6moedkgxl0kkoba&bih=898&biw=1920

  • Der Bau von 1953 wurde aber mindestens zweimal noch verändert: erstens lief der Erker ursprünglich nicht um die Ecke herum, sondern bestand nur giebelseitig,

    Das glaube ich aber nicht: file:fuhrpark_drk_neckarbruecke_1957.jpg


    Übrigens trauere ich vor allem der alten Walkmühle nach, dem einzig legitimen Bau an dieser Stelle, und den Mord hat nicht das Haus von 1953 und auch nicht die alliierte Fliegerbombe begangen, sondern der Gründerzeitler.


    Apropos Fliegerbombe: Das war die einzige Bombe, die Tübingens Altstadt im Zweiten Weltkrieg getroffen hat und sie hat ausschließlich Häuser aus dem 19. und 20. Jahrhundert zerstört, das älteste war wohl Uhlands Haus von 1828. An fast jeder anderen Stelle der Altstadt wäre sehr viel ältere Bausubstanz verloren gegangen.

  • Also, wenn mich an dieser baulichen Situation wirklich etwas stört, dann ist es eher die gegenüberliegende Straßenseite mit der einstöckigen "Notbebauung" und den beiden ersten Gebäuden der Mühlstraße, eines mit Flachdach und das auffällige rote (auch oben abgebildet) ist ja auch keine Zierde:



    Wir gehen nun über die Brücke nach Süden, Blick zurück auf die Mühlstraße:



    Hier befindet sich die ziemlich kleine "Innenstadt Süd", die zwischen Neckar und Bahnlinie eingeklemmt ist, daran schließt sich noch eine Grünanlage mit einem See und einem Schulzentrum mit gleich drei Gymnasien an.


    Hier nun nochmals das Bild, das ich schon oben gezeigt habe:



    Es zeigt das ziemlich gigantische Modehaus Zinser, einen riesigen Block, der das Herzstück des Areals zwischen Friedrich- und Karlstraße darstellt. Die ursprünglich vorhandene kleinteilige und teilweise wohl recht anspruchsvolle Bebauung wurde hierfür abgerissen, unter anderem auch das Hotel zum Goldenen Ochsen (der Link zeigt eine historische Ansicht).


    Wirklich sehenswert ist die heutige Karlstraße nicht mehr, was mich indes verblüfft, ist die ineffiziente Raumausnutzung. Hinter dem Zinser-Gebäude befindet sich eine freie Fläche:



    Und direkt gegenüber noch eine viel größere ungenutzte Fläche in Richtung Bahnhof:



    Skurril die extrem lange Außengastronomie des Café Lieb in der Mitte, die Bebauung wirkt nicht gerade attraktiv:



    Hier die Bebauung am Europaplatz direkt neben dem "Omnibusbahnhof" bzw. Bahnhof:



    Der Omnibusbahnhof präsentiert sich ziemlich minimalistisch, irgendeine Infrastruktur oder gar vernünftige Anzeigetafeln gibt es nicht. Wo der Schienenersatzverkehr Richtung Herrenberg abfährt, habe ich leider nicht herausgefunden (gerüchtehalber soll es der weiße Bus hinten links sein, irgendwelche Schilder habe ich jedoch nirgendwo entdeckt):



    Das "selbstverwaltete Jugendzentrum " Epplehaus, das oben schon im Hintergrund zu sehen war:



    Bevor es gleich daneben dann endgültig unter der Bahnlinie hindurch in den Tübinger Süden geht:



    ... erst noch einige weitere Fotos der Umgebung.

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  • Wirklich sehenswert ist die heutige Karlstraße nicht mehr, was mich indes verblüfft, ist die ineffiziente Raumausnutzung. Hinter dem Zinser-Gebäude befindet sich eine freie Fläche:


    IMG_3607_sil.jpg

    Wie man sieht, wird die Fläche zur Zeit neu bebaut. Das Haus rechts (Karlstraße 11) besaß ein großes Hinterhaus, das abgerissen worden ist: die-karlstrasse-11-besteht-aus-dem-vorder-und-dem-493528og.jpg

    Der Investor wollte auch den vorderen Bau beseitigen, die Stadt konnte ihn aber retten. Zum aktuellen Bauprojekt siehe hier: Sanierungsgebiet "Südliches Stadtzentrum"; Projekt Karlstr. 11

    Und direkt gegenüber noch eine viel größere ungenutzte Fläche in Richtung Bahnhof:

    Tja, die ist wirklich so öde und wird wohl auch so öde bleiben. An Wochenenden trafen sich da gerne Jugendliche zum Vorglühen, wovon am nächsten Morgen Haufen von leeren Flaschen und Plastikbechern zeugten. Inzwischen werden die Durchgänge nachts mit Gittern verschlossen.

  • Zuerst das unschöne - da wäre zunächst einmal die Blaue Brücke zu nennen, die seit einem Neubau nicht mehr blau ist (dafür gibt es eine rätselhafte Metallkonstruktion, die offensichtlich die alte Brücke symbolisieren soll, siehe hier


    IMG_3666_sil.jpg


    Immerhin gibt die Brücke noch dem Kino seinen Namen ... direkt gegenüber stand viele Jahre eine Bauruine (siehe hier), die inzwischen einem ziemlich einfallslosen Hotelneubau weichen mußte:


    IMG_3670_sil.jpg


    Etwas östlich der Blauen Brücke (das ist übrigens nicht die abgebildete Brücke, die liegt südlich davon) befindet sich ein sehr großes Neubauprojekt auf dem Areal des Alten Güterbahnhofs, was mir persönlich nicht besonders zusagt.


    Blickt man von diesem Standort aus zum Österberg, so fällt das Parkhaus Neckar auf, einer der häßlichsten Bauten in der gesamten Innenstadt:


    IMG_3667_sil.jpg


    IMG_3675_sil.jpg


    Weiter die Wörthstraße entlang, der Übergang vom Parkhaus ist auch nicht gerade gelungen ...


    IMG_3676_sil.jpg


    Gleich daneben dann aber eine der schönsten Ecken, das frühere Offizierscasino direkt am Zusammenfluß von Neckar und Steinlach, leider schon seit Anfang des Jahres geschlossen:


    IMG_3668_sil.jpg


    IMG_3669_sil.jpg


    Daneben befindet sich die Neckarspitze:


    IMG_3674_sil.jpg


    Blick auf den Neckarsteg mit dem Neckarwerk, entsprechend wirkt der Neckar fast wie ein See:


    IMG_3672_sil.jpg


    Und abschließend noch der Blick Richtung Österberg mit der überwiegend gelungenen Bebauung:


    IMG_3673_sil.jpg

    sou perfeito porque / igualzinho a você / eu não presto

  • Schau dir meine Galerie (oder noch besser: die von Tübinger) mal an: die Altstadt befindet sich auf dem anderen Neckarufer, und ist wirklich wunderschön! Die Südstadt ist also nicht gerade repräsentativ für die ganze Stadt. ;)

  • Die Gegend südlich von der Altstadt zwischen Neckar und der Eisenbahn kann man nicht schönreden. Da steht eine Mischung aus meist ziemlich lahmen Altbauten und schlechten Neubauten (der Bereich beim Anlagensee ist aber ganz nett; vielleicht zeigt uns den giulio noch). Weiter südlich, jenseits der Eisenbahn, wirds besser, aber auch da erwarten einen keine Wunder. Zur Ehrenrettung Tübingens will ich aber sagen, dass die Stadtteile westlich, nördlich und östlich von der Altstadt alle besser erhalten sind als der Bereich im Süden, der seit dem 19. Jahrhundert von Verkehrsschneisen geprägt ist und auch im Krieg wegen der Eisenbahnanlagen und Kasernen etliche Bomben abgekriegt hat.


    Tübingen ist übrigens insgesamt im 19. Jahrhundert deutlich weniger stark gewachsen als viele andere Städte und weitläufige Gründerzeitquartiere und dergleichen findet man hier nicht. Staatsbauten aller Art sind aber mit guten Beispielen vertreten, v.a. im Univiertel nördlich von der Altstadt. Auf dem Spitzberg und dem Österberg gibt es auch hübsche Villenviertel mit vielen Verbindungshäusern.