• Wer kennt ein Lied, in welchem ein Reim auf "Leitomischl" vorkommt? Ein solcher ist nicht leicht zu finden und wurde wohl ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Ein mitunter anzutreffender Irrtum ists, Leitomischl als tschechische Bezeichnung von Leitmeritz anzusehen. Aber Hand aufs Herz - kaum einer kennt heute noch diese beiden Städte - weder in der dt noch in der tsch. Namensgebung.


    Die Piaristenkirche ist ein Werk F.M.Kankas und sie wird mitunter (zurecht) als etwas schwächelnd angesehen:



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    Das Schloss in klass. böhm. Renaissance, was nichts anderes als mehr oder weniger ital. Importware darstellt. Immerhin ergibt die Beschränktheit der Mittel mit dem eigenwilligen Expressivität eine Wirkung von eigenartiger Intensivität:


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    Darunter breitet sich die Stadt aus:





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    Die Stadt besteht nicht bloß aus einem Platz, hat aber einen solchen zum Mittelpunkt:




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    Wieder kein ostdeutscher Zentralmarkt, sondern eher an süddt. Vorbilder angelehnt:



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  • Der Platz zählt zu den bedeutenden Platzräumen des Landes. In seiner Form ist er seinem Zwittauer Pendant eng verwandt, architektonisch jedoch ungleich bedeutender als dieser, da Zwittau, eine der Hauptorte des benachbarten Schönhengstgaus, der grüößten deutschen Sprachinsel im Landesinneren, zwischendurch abgebrannt ist. Leitomischl hörte als deutsche Stadt schon nach den Hussitenkriegen zu bestehen auf, Zwittau erst 1945. Das bedeutet, dass das heutige Erscheinungsbild Leitomischls von tschechischen Bewohnern geprägt worden ist. Dieses Phänomen ist in meinen Augen mich irgendwie charakteristisch für die böhm. Länder, in welchem das dt. Erbe stets eigenständig weiterentwickelt worden ist. Der Gegensatz dazu ist für mich Polen. Dort beeindrucken die großzügigen dt. Anlagen, weite Plätze und gotische Kathedralen, einige italienisierende Renaissance-Prunkstücke, die Stadtentwicklungen weisen aber bald danach eine lähmende Stagnation auf, was sich sogar in bedeutenden Städten wie Krakau widerspiegelt. Leitomischl spielt in einer kleineren Liga, natürlich, aber wen es einmal in Städte wie Saybusch verschlagen hat, wird verstehen, was ich meine. Die tschech. gewordenen Städte Böhmens hingegen weisen ein hohes Maß an Detailreichtum und eine sich durch alle Epochen ziehende hohe architektonische Qualität auf. Anders als viele deutsch gebliebenen Städte blieben sie auch vom gründerzeitlichen Modernisierungswahn verschont. Selbst Glanzlichter wie Krumau oder Zlabings wurden in ihrem Kern durch historistische Monumentalschinken beeinträchtigt, in Leitomischl oder Teltsch wird man nichts dergleichen finden (was tw schon vor über 100 Jahren bemerkt worden ist). Im Großen spiegelt sich das im Vergleich Prag- Brünn wider.


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    Hinsichtlich des größten Sohnes der Stadt gibt es einen relativ häufigen Irrtum bei durchaus Gebildeten, nämlich dass er deutscher Abstammung gewesen sei. Dies dürfte auf zwei Umstände zurückzuführen sein, einerseits auf seinen Vornamen Friedrich - kein Mensch heißt Bedrich, außer er ist ein tschechisierter Friedrich, vgl Friedrichsthal - Bedrichov (Teil von Spindlermühle), andererseits auf sein Eingeständnis, besser deutsch als tschechisch zu beherrschen, weshalb er auch sein Tagebuch auf deutsch führte. Dies ändert jedoch nichts daran, dass Smetana gebürtiger Tscheche aus der tschechischen Stadt L. war. Anders dürfte der Fall des mE allerbedeutendsten tschech. Komponisten Leoš Janáček gelagert gewesen sein, der ebenfalls einen deutschen Vornamen trug (Leo Eugen) und wahrscheinlich eine deutsche Mutter hatte. Janáček mochte übrigens Smetana nicht. Er war Meister der "Sprachmelodie", also eines der tschechischen Sprache angepassten Melos. Smetanas Behandlung des Tschechischen in seinen Opern soll angeblich zu falschen Akzentuierungen neigen, also gleichsam deutschen Akzent tragen. Nicht, dass ich das beurteilen könnte. Bei den Tschechen übrigens ist Smetana die unbestrittene Nr 1, wohl noch vor Dvorak. Leoš Janáček hat natürlich seine Fangemeinde, aber die ist klein, und solche gibt es auch im Ausland. -ich gehöre dazu. Liebhaber der Musik des XX. Jahrhunderts tendieren nicht besonders zu Chauvinismus und Personenkult, daher wird J.s durchaus problematische Persönlichkeit auch in Tschechien objektiv beurteilt. Über Smetana sollte man hingegen als Ausländer besser nichts Negatives sagen. Das Höflichste, was ich ob gewisser Beanstandungen der Verkauften Braut erfuhr - damals machte ich als polit.korrekt geschulter Westler auf die Behindertendiskriminierung im Libretto aufmerksam, heute würde mir das nicht mehr passieren - war der Satz, ich sein kein Tscheche und könne das nicht verstehen.

  • Sehr schöne Stadt, danke für die schönen Bilder! Ein im Einzelnen toller Formenreichtum, der sich aber zu einem stimmigen Ganzen vereint. Was ich immer lustig finde, sind die giebelständigen Häuser, die eine Fassade mit gerader Attika vorgeblendet haben, wobei der Giebel drüber aber noch hervorlugt :-) das italienische Vorbild des geraden Dachabschlusses scheint wohl als besonders nobel angesehen worden zu sein.


    Danke auch für die sehr interessanten Ausführungen zu Smetana und Janacek!

    "An Sehenswürdigkeiten, die bloß das Auge erfreuen, ist ja diese Stadt so überreich. Ihre Straßen sind mit Kultur gepflastert, während die Straßen anderer Städte bereits mit Asphalt gepflastert sind. Die Vergangenheit reicht in die Gegenwart hinein, und daraus erklärt sich die bekannte Wiener Unpünktlichkeit. (...) In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Die "Schatzkiste" auf dem Kamin vom Schloß finde ich originell.. aber ich glaube, wenn der wirklich benutzt wird, sieht die schnell schwarz aus, und man sieht von den Fresken nichts mehr!