Filme über Danzig

  • Die Tage sah ich im NDR zufällig einen Film über Danzig, das alte wiederaufgebaute Danzig und das neue Danzig, eine Art Stadtportrait mit Vorstellung von Bürgern der Stadt und ihren Berufen und Engagements für die Stadt! Schöne Drohnenflüge über die Altstadt!


    Länder - Menschen - Abenteuer

    Danzig - Goldene Stadt an der Ostsee



    danzig-goldene-stadt-an-der-ostsee,sendung951664.html



    PS: Falls der Beitrag hier nicht hinein paßt, dann gerne verschieben!

  • Ich habe mir den Film angeschaut und kann ihn auf jeden Fall weiterempfehlen - tolle Bildqualität, geniale Drohnenaufnahmen, interessante Geschichten und gut ausgewählte Protagonisten.


    Nur der zugehörige Sprechertext ist so unfaßbar fehlerhaft, daß es schon fast wieder amüsant ist. Dazu morgen mehr ...

  • Das ist ja sehr interessant - mir wären vergleichbare Fehler bei vielen anderen Städten gar nicht aufgefallen, zu Madrid oder Kopenhagen könnte man mir vieles erzählen, obwohl ich die Städte schon besucht habe.


    Was ist Dir denn so aufgefallen?

  • Die Angaben über die Marienkirche fand ich nicht so stimmig, rein aus allgemeiner kunsthistorischer Anschauung, festgestellt. Z.B wurde gesagt die astronomische Uhr stamme noch aus den 1490er Jahren. Das dann gezeigte Uhrwerk scheint mir aber viel jüngeren Datums. Das Gehäuse sowieso. Das ist doch rekonstruiert und spätgotisch vom Stil her sieht das auch nicht aus. Die astronomischen Uhren sind doch meist aus dem 16. oder 17.Jahrhundert, oder!?

    Die Marienkirche wurde auch als der größte protestantische Kirchenbau beschrieben. Zur Erbauungszeit, war da die Reformation in Danzig schon angekommen? Also irgendwie kam mir das alles nicht so passend vor!?

    Heißt das Krantor nicht Kranentor!?

  • Im Detail kann ich mich nicht mehr genau an den Text zur Marienkirche erinnern, bei der Erbauung war sie noch katholisch, und seit der Neuweihe 1955 ist sie auch heute wieder katholisch.


    Das mit der Uhr sollte stimmen, mein Architekturführer nennt 1470 als Erbauungsjahr, vermutlich wäre aber auch ohne Zerstörung daran kaum noch etwas original. "Krantor" ist die richtige Bezeichnung und in Ordnung.


    Aufgefallen sind mir viele Kleinigkeiten, die nicht ganz stimmen, z. B. wurde die "Mottlau" als "Möttlau" ausgesprochen, die Weichsel wurde mit der "Toten Weichsel" verwechselt, einem von der Weichsel abgeschnittenen "toten" Flußarm, Danzig lag angeblich im "Westen Preußens" - es lag aber in "Westpreußen", und das lag im Preußen des Kaiserreichs ziemlich weit im Osten Preußens, was ja bis ins Rheinland reichte.


    Die Aussage "Danzig ist seit 1945 eine polnische Stadt an der Ostsee" ist unpräzise, warum nicht einfach "die an der Ostsee gelegene Stadt Danzig wurde 1945 in den polnischen Staat eingegliedert" - das ist de facto korrekt und genauso kurz.


    Dann wird die Rechtstadt mit der Altstadt verwechselt, das ist natürlich bei irgendwelchen YouTube-Videos von Touristen kein Problem, aber von einer professionellen Dokumentation würde ich schon erwarten, daß der Unterschied kurz angesprochen wird, man könnte ja einfach vom "wiederaufgebauten historischen Zentrum" sprechen, wenn es um die Rechtstadt geht.


    Es wurde behauptet, nach 1919 sei der offizielle Name "Autonome Freie Stadt Danzig" gewesen, wobei "autonom" in der Bezeichnung nicht vorkam und auch nicht zutrifft, da der Freistaat Danzig ja unter dem Schutz des Völkerbunds stand und Polen bestimmte Rechte z. B. bezüglich Postwesen, Hafen usw. hatte.


    Laut Text "richtete die Wehrmacht ein Gemetzel in der polnischen Post an" - das Gebäude wurde aber von der bewaffneten Danziger Polizei und der SS-Heimwehr Danzig angegriffen, später sprengten Pioniere (vermutlich der Wehrmacht) ein Loch in die Fassade, die meisten Polen in der Post wurden aber nach der Gefangennahme als "Partisanen" vor einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und über einen Monat später hingerichtet. Warum nicht historisch präzise kurz in zwei Sätzen wiedergeben? "wurde von ... angegriffen ... später hingerichtet"?


    Laut Sprecher waren "1970 die Zerstörungen des Krieges beseitigt" - mal abgesehen davon, daß die Zerstörungen selbst heute nicht beseitigt sind (vgl. die riesige Brache inmitten der Vorstadt), warum gerade 1970? Die erste und größte Aufbauphase endete 1961, die nächste ging in etwa von 1976 bis 1981, die letzte begann ab 1986 und endete mit dem Ende der Volksrepublik. Warum wird hier völlig willkürlich eine Zahl genannt?


    Ebenso falsch die Aussage "die pittoreske, aber enge Altstadt konnte die Wohnungsprobleme nach dem Krieg nicht lösen" - erstens wird hier wieder Altstadt mit Rechtstadt verwechselt, zweitens gab es angesichts der erhaltenen Vororte und der nur sehr langsam anlaufenden Zuteilung von Neusiedlern kaum eine Wohnungsnot (daher ja auch die jahrelange Diskussion, wie überhaupt aufgebaut werden sollte) und drittens ist die "Altstadt" (= Rechtstadt) nicht "eng", sondern nur sehr locker (und im nördlichen Teil zu Zeiten der Volksrepublik teilweise überhaupt nicht) bebaut und sollte auch nie eine nennenswerte Anzahl an Wohnungen bereitstellen.


    Gezeigt wird dazu übrigens in einem Schwenk der nördliche Teil der Bebauung des Mottlau-Ufers, die erst ab 1986 entstand ...


    Zum Thema Schwenks:


    Laut Sprecher "war der Lange Markt zerstört" - gezeigt wird als Illustration aber die zerstörte Langgasse mit dem Langgasser Tor. Danach wird erwähnt, "das Grüne Tor mit der Langgasse sei wieder aufgebaut worden" - jetzt wird aber der Lange Markt gezeigt.


    Danach erzählt der Sprecher von der "Großen Mühle", gezeigt wird dazu aber die "Kleine Mühle". Danach geht es um Grass, sein Geburtshaus wird gezeigt, dazu das heruntergekommene Umfeld, dazu die Erläuterung, das "Umfeld sehe noch aus wie zu Grass Zeiten" - nein, damals zu Grass Jugendzeiten gab es noch keine Baulücken zwischen entstuckten Gründerzeitlern, der Verfall begann erst Anfang der 70er Jahre im Zeichen der Wirtschaftskrise in Polen.


    Dann der bizarre Hinweis, "nur der Strießbach fließe begradigt dahin" - das ist richtig, allerdings wurde der schon im 19. Jahrhundert begradigt, was hat das mit Grass zu tun? Oder glaubt der Autor, der Bach sei erst zu kommunistischen Zeiten begradigt worden?


    Wie dem auch sei, sehenswert ist die Dokumentation auf jeden Fall, aber ein wenig mehr Sorgfalt beim Sprechertext wäre schon wünschenswert.

  • Auf Youtube entdeckt:



    Generell gibt es auf dem Youtube-Kanal des staatlichen polnischen Fernsehens extrem viele ähnliche Dokumentationen unter dem Titel "Poland in Undiscovered", auch zu kleinen Städten.

  • Donnerwetter Silesien, Hut ab vor deinen detaillierten Erläuterungen zu Danzig. Hast du dir bereits einmal überlegt etwas zu Danzig oder Strassburg zu publizieren? Vielleicht ein kleines Büchlein? Dies wäre heutzutage umso wichtiger, in Zeiten des abnehmenden Wissens und Desinteresses.

  • Merci - aber mir ist das Forum für die Veröffentlichung am liebsten, da kann ich noch nachträglich Inhalte ändern und ggf. auch diskutieren. Außerdem würde eine offizielle Veröffentlichung schon an den Bildrechten scheitern ...

  • Wahrscheinlich bin ich inzwischen etwas zu pingelig, aber ... ich lese gerade die Gebrauchsweisung zu Polen und finde wieder jede Menge Fehler, z. B.:


    "die Straße Neue Welt (in Warschau) ist eine originalgetreue Rekonstruktion aus der Vorkriegszeit und endet direkt in der Altstadt" ... nein, es ist (wie der Rest der Rekonstruktionen auch) ein idealisiertes Best-of früherer Jahrhunderte, das es so nie gab - und vor allem endet die Straße nicht in der Altstadt, sondern in der Krakauer Vorstadt rund 1,2 km vor der Altstadt. So etwas führt dann schon zu Zweifeln, ob der Rest der Inhalte ähnlich fehlerhaft sein könnte.