Die Stadterweiterung im Westen - Danziger Gründerzeit und mehr

  • Nach einer kleinen Pause geht es nun mit dem echten Danzig der Vorkriegsjahre weiter. Beginnen möchte ich hier mit einem Thema, das kaum Beachtung findet - der Danziger Gründerzeit (ähnlich wie bei den Nachkriegsaufnahmen arbeiten wir uns also schrittweise zur Rechtstadt vor ...).


    Tatsächlich ist die klassische Gründerzeit in Danzig kaum vertreten, nicht zuletzt aufgrund der Stadtbefestigungen, die eine nennenswerte Stadterweiterung unmöglich machten.


    Lediglich im Westen entstand ein langer Streifen an gründerzeitlicher Bebauung, als dort die Stadtbefestigung entfernt wurde - allerdings blieb dieses Areal ziemlich klein, da ja mit Bischofs- und Hagelsberg gleich zwei Anhöhen den verfügbaren Platz stark einschränkten.


    Indes gibt es zu den wenigen Bauten überraschend viele Postkarten, möglicherweise, weil die Hochzeit der Postkarten eben im ausgehenden 19. Jahrhundert begann.


    Hier nun einige Kartenausschnitte, die teilweise schon gezeigt wurden:


    Danzig mit den vollständig erhaltenen Stadtbefestigungen:


    Danzig.jpg


    Ab 1893 wurden dann die Befestigungen samt Wassergraben im Westen entfernt:


    Uebersicht.jpg


    Heute gibt es übrigens nur noch die Bastionen und den Wassergraben im Süden und Südosten - und dort wird er auch bleiben, nicht nur aus Gründen des Denkmalschutzes, sondern auch, weil über den Wassergraben die Mottlau in die Stadt fließt.


    Das neu bebaute Areal beginnt im Norden am Olivaer Tor (benannt nach dem gleichnamigen Kloster und späteren Stadtteil), südlich davon kommt dann der Bahnhof, während der südlichste Abschnitt auf obigem Stadtplan noch unbebaut ist.


    Die bedeutendsten Plätze entlang dieses langen Streifens sind Hansaplatz, Holzmarkt und Kohlenmarkt, auf Höhe des Holzmarkts gibt es auch die einzige nennenswerte größere Bebauung in Richtung Westen (zwischen den genannten Anhöhen gelegen), teilweise etwas hochtrabend "Neu-Danzig" genannt, aber letztlich doch sehr klein und überwiegend mit öffentlichen Gebäuden bebaut.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Auf diesem Kartenausschnitt, der um 90 Grad gedreht ist, kann das Areal noch etwas detaillierter gezeigt werden (rechts = Norden) - man beachte auch die kleinen 3D-Zeichnungen von Gebäuden:


    danziggrund.jpg


    Hier derselbe Plan nochmals, jetzt mit Ziffern:


    danziggrundzahl.jpg


    Dabei kennzeichnen die Ziffern:

    1. Hansaplatz
    2. Hauptbahnhof, hier beginnt auch der Stadtgraben
    3. oberhalb der Ziffer befindet sich "Neu-Danzig", eine kleine Stadterweiterung, vor allem mit öffentlichen Gebäuden
    4. links der Ziffer befindet sich der Kohlenmarkt
    5. links der Ziffer ist der Holzmarkt zu sehen
    6. hier befindet sich der Heumarkt

    Beginnen wir nun ganz im Norden mit dem Hansaplatz - heute im wesentlichen eine freie Fläche mit Plattenbauten und einem Hochhaus im Norden, damals noch hochwertig bebaut:


    hansagru.jpg


    Eine "Oberrealschule" war übrigens ein naturwissenschaftliches Gymnasium ohne Latein.


    Hier eine Ansicht von 1909, wir befinden uns hier am damaligen nördlichen Stadtrand:


    hansa1909.jpg


    Zwischen Hansaplatz und Hauptbahnhof befand sich der Stadtgraben, der im Stil der Gründerzeit bebaut wurde.



    Auf Höhe des Bahnhofs:




    Am südlichen Rand dieser Bebauung befand sich die Elisabethkirche, die zeitweise als Garnisonkirche diente:



    Hier nun der Bahnhof, der auch heute noch existiert - die gründerzeitliche Pracht im Hintergrund ist leider komplett verschwunden (Blick in Richtung frühere Altstadt).


    hauptbahnh.jpg


    Hier eine Bahnhofsansicht in der entgegengesetzten Richtung, rechts der Hagelsberg:


    bahnalt.jpg


    Blick über die Gleisanlagen nach Norden, die Kirche St. Elisabeth auf der rechten Seite steht wieder:


    bahnnord.jpg


    Hier wird offensichtlich die gesamte neue Bebauung als "Neu-Danzig" bezeichnet, meist wird darunter nur der Bereich westlich der Gleisanlagen verstanden.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Etwas südlich des Hauptbahnhofs, wo der Elisabethwall beginnt, ist das sogenannte Generalkommando zu sehen:



    Dabei handelt es sich um das 1901 auf dem Gelände der früheren Elisabethbastion errichtete Generalkommando der preußischen Armee, nach Gründung der Freien Stadt Danzig als Sitz des Hochkommissars des Völkerbunds und heute als Neues Rathaus der Stadt Danzig genutzt (nur für repräsentative Zwecke).


    Eine weitere Ansicht des Gebäudes:



    Ziemlich genau auf derselben Höhe befindet sich Neu-Danzig, mit dem Neugarten als zentraler Straße, die dann weiter östlich direkt zum Generalkommando führt - im Wesentlichen ist diese Bebauung erhalten geblieben (Blick in Richtung Altstadt/Rechtstadt):



    Hier blicken wir ebenfalls auf Neu-Danzig, allerdings von der anderen Seite aus (Nähe Bahnhof) - die "Promenade" führte westlich des Bahnhofs vom Neugarten in Richtung Hansaplatz, beim "Regierungsgebäude" handelt es sich um das Königliche Oberpräsidium:



    Unmittelbar östlich des Regierungsgebäudes befand sich ursprünglich der Semischplatz, der später in eine kleine Parkanlage umgestaltet wurde, den sogenannten Irrgarten:


    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Damit nun der Überblick nicht komplett verloren geht, nochmals eine detailliertere Karte des Herzstücks der Stadterweiterung:



    1 steht für den Elisabethwall mit dem bereits abgebildeten Generalkommando. Hier eine Ansicht des Elisabethwalls:



    An diesen schließt sich unmittelbar südlich der mit 2 gekennzeichnete Dominikswall an - hier der Blick nach Norden mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal direkt neben dem Hohen Tor:



    Hier das Denkmal aus der Nähe, ebenfalls wieder in Richtung Norden. Beim Gebäude gleich rechts neben dem Denkmal handelt es sich um das Hotel Danziger Hof:


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    John Maynard Keynes

  • Parallel zum oben gezeigten Stadtgraben verlief kurz hinter dem Holzmarkt bis zum Hansaplatz die sogenannte "Pfefferstadt", kein Stadtteil, sondern der Name einer Straße (siehe Übersicht Ziffer 3).


    Hier eine Ansicht der prächtigen und vollständig verschwundenen Bebauung im Norden, wo sich Stadtgraben und Pfefferstadt trennen:


    pfefferstadt.jpg


    pfefferstadt2.jpg


    Weiterer Verlauf in Richtung Süden:


    pfefferstadt1.jpg


    Hinter dem südlichen Ende der Pfefferstadt kam die Schmidegasse, an die sich der Holzmarkt (Ziffer 4 oben) anschloß - bzw. anschließt, denn dieser Platz existiert weiterhin, wenngleich mit mäßig gelungener Nachkriegsbebauung und deutlich vergrößert.


    Der Platz mit dem Kriegerdenkmal in der Mitte:


    holz10.jpg


    holzb130556819a560cf.jpg


    Im Jahr 1919:


    holzkrieger1919.jpg


    Und jeweils mit Blick zur Rechtstadt:


    holz1922.jpg


    holzmarien.jpg

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  • Kommen wir nun zum Herzstück der Stadterweiterung, dem Bereich um den Kohlenmarkt mit dem angrenzenden Dominikswall bzw. der Reitbahn.


    Dieser Bereich wurde in den Nachkriegsaufnahmen schon teilweise gezeigt, da er zumindest teilrekonstruiert wurde - insbesondere das Hohe Tor ist hier zu nennen (das natürlich nicht gründerzeitlichen Ursprungs ist).


    Beginnen wir im Norden des Kohlenmarkts - hier befand sich die "Kaffeemühle", ein 1801 auf private Initiative errichtetes Theater, dessen Reste nach dem Krieg abgerissen wurden, um 1967 das Theater der Küste zu errichten:


    stadttheater1.jpg


    Als Foto der Zwischenkriegsjahre:


    kohletheaterfb06e5b042570a03.jpg


    Hier die Bebauung in Richtung Westen:


    kohlenmark1.jpg


    Das eigentliche Highlight besteht natürlich in Stockturm und Hohem Tor am südlichen Ende des Kohlenmarkts, der hier in die Reitbahn übergeht - man beachte die Umbauung des Stockturms, die nach dem Krieg entfernt wurde:


    stockturm7.jpg


    Hier blicken wir nun auf das gesamte Ensemble in Richtung Rechtstadt, eine der schönsten Stadtansichten von Danzig:


    hohestor5.jpg


    Das parkartige Areal vor den Gebäude war der Dominikswall, der Kohlenmarkt befand sich hinter dem Danziger Hof, die Reitbahn hinter dem Reichsbankgebäude rechts.


    Ursprünglich verlief hier ein Wall der Stadtbefestigung, von dem nur das Tor erhalten blieb - links davon entstand als erstes Gebäude 1898 das Hotel Danziger Hof, dessen Ruine leider abgerissen wurde:


    hohestor3.jpg


    Und gleich nochmals in etwa dieselbe Perspektive:


    hohestor1.jpg


    hohestor4.jpg


    hohestorkom.jpg

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  • Wie aus diesen beiden Postkarten ersichtlich ist, wurde die Reichsbank südlich des Hohen Tors (hier als Hauptwache bezeichnet) erst nach dem Danziger Hof errichtet:




    Die Reichsbank stammt von 1906 und wurde von Max Hasak entworfen, einem auf Bankgebäude spezialisierten Architekten. Dieses Gebäude ist in stark modifizierter Variante samt Nebengebäude noch erhalten, hier das Originalgebäude:



    Wie oben schon angesprochen, verlief bzw. verläuft hinter dem Gebäude die Reitbahn - diese wurde glücklicherweise komplett rekonstruiert:



    Damit sind wir auch schon am Ende unseres Rundgangs angekommen, südlich davon wurden noch weitere Verwaltungsgebäude errichtet, die teilweise noch erhalten sind, so die Polizeidirektion (erhalten) und die Landesversicherungsanstalt.


    Das gründerzeitliche Polizeigebäude:




    Und abschließend noch eine Gesamtansicht, die auf der rechten Seite schon die Vorstadt mit dem großen Komplex aus Trinitatiskirche und ehemaligem Franziskanerkloster zeigt:


    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

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