Danzig/Gdańsk seit 1945 - Wiederaufbau und aktuelle Entwicklungen

  • Wie der Titel "Wiederaufbau und aktuelle Entwicklungen" schon andeutet, soll es hier weniger um eine Nachkriegsgeschichte der Stadt Danzig gehen als vielmehr um den Wiederaufbau nach dem Krieg und aktuelle städtebauliche Entwicklungen.


    Tatsächlich ist die politische Geschichte der Stadt Danzig nach dem Zweiten Weltkrieg relativ schnell erzählt:


    Nach der Vertreibung der Deutschen wurde die Stadt mit Neusiedlern aus Zentralpolen, zu kleineren Teilen auch aus "Ostpolen", also überwiegend von Ukrainern und Weißrussen besiedelten Gebieten, die erst im polnisch-sowjetischen Krieg 1921 wieder erobert wurden, besiedelt.


    Danach teilte Danzig die Geschichte der Volksrepublik Polen, zeichnet sich dort jedoch durch seine aktive Teilnahme an der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność aus, die ja nicht zuletzt auf streikende Werftarbeiter der Danziger Werft zurückging.


    Aber zurück zu 1945: Ein sofortiger Wiederaufbau Danzigs war nicht erforderlich, zum einen boten Viertel wie Langfuhr noch genug unzerstörten Wohnraum, zum anderen war auf der Bevölkerungsdruck innerhalb Polens ziemlich gering:


    Verglichen mit dem Vorkriegspolen war die Bevölkerungszahl um rund 25 % bis 30 % gesunken, natürlich durch die vielen Toten von Krieg und Besatzung, aber auch durch eine Vielzahl von Polen, sich nicht mehr auf polnischem Staatsgebiet befanden (Zwangsarbeiter, aber auch die Angehörigen der Polnischen Streitkräfte im Westen, die ja durch die Kommunisten nachher überwiegend verfolgt wurden) und die Aussiedlung der Minderheiten der Ukrainer und des überwiegenden Teils der Weißrussen (nachdem Polen überraschenderweise die Gegend um Bialystok behalten durfte - die verbliebenen Weißrussen wurden ja überwiegend nach Schlesien zwangsumgesiedelt).


    Nach dem Krieg siedelten nur relativ wenige der eigentlich vorgesehenen "Repatrianten" aus Westeuropa wieder nach Polen um, und die Anzahl der aus "Ostpolen" (eigentlich ja eher Gebiete, die ursprünglich Litauen in den gemeinsamen Staat eingebracht hatte, siehe Kresy) ausgereisten ethnischen Polen, die dort ja nur eine Minderheit von vielleicht 25 % darstellten, war ziemlich gering, vielleicht 1,5 Mio., was abzüglich der gleichzeitig nach Osten umgesiedelten Ukrainer und Weißrussen vielleicht einen Saldo von plus 1 Mio. ergibt.


    Trotz Werbeaktionen waren auch die Bewohner Zentralpolens nicht besonders erpicht, in die neu erworbenen Gebiete umzusiedeln, ganz grob geschätzt wurden 10 bis 11 Mio. Deutsche vertrieben, es rückten aber nur maximal 4 Mio. Polen nach, was zwangsläufig zu Verfall und Vernachlässigung in der Fläche führen mußte.


    Entsprechend wurde zunächst eine ausgiebige Diskussion geführt, wie mit dem neu gewonnenen Danzig zu verfahren sei.


    Tatsächlich entstand die Planung zum Wiederaufbau Danzigs nicht etwa von Warschau aus zentral gesteuert, sondern entstand schrittweise durch vergleichsweise offene Diskussionen vor Ort.


    Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiß zwischen relativ originalgetreuer Rekonstruktion wie in Warschau, Breslau, Posen und Lublin und bewußter Nicht-Rekonstruktion wie in Stettin, wo sogar bewußt das Schloß z. B. durch nicht verputzte Betonteile als Nachbau kenntlich gemacht wurde und ansonsten viel Geld in die Verkehrsinfrastruktur floß, um Stettin "wieder nach Osten anzubinden und auszurichten".

  • Konkret wurde die Planung mit dem Zachwatowicz-Plan, so benannt nach dem zuständigen Generaldenkmalpfleger Jan Zachwatowicz. Demzufolge sollte eine neue Stadt für den neuen (sozialistischen) Menschen entstehen, weg von den als desolat empfundenen Wohnverhältnissen des Vorkriegsdanzig mit den engen (kapitalistischen!) "Wanzenbuden" und "vordergründigem" Prunk.


    Außerdem sollte natürlich die "preußischen Spuren" getilgt werden, das neue Danzig sollte im Anklang an das Danzig unter der Oberherrschaft der polnischen Krone wieder ähnlich wie damals aussehen - wobei in völliger Verkennung der Realität von einem damals überwiegend polnisch besiedelten Danzig ausgegangen wurde.


    Tatsächlich war diese Planung ab etwa 1949 unstrittig, entsprechend schnell wurde sie dann auch umgesetzt.


    Konkret wurde Folgendes geplant:


    Es sollte der südliche Teil der Rechtstadt in lockerer Anlehnung an das Vorkriegs-Danzig rekonstruiert werden, in etwa zwischen Hundegasse im Süden und der Marienkirche im Norden.


    Um die Hauptsehenswürdigkeiten herum (Langer Markt, Brotbänkengasse) sollten auch die ehemaligen Gassenstrukturen rekonstruiert werden, die Rekonstruktionen sollten hier besonders hochwertig sein.


    Die Hundegasse sollte zuerst bebaut werden und gewissermaßen als Experimentierfeld dienen, wo neue Methoden ausprobiert wurden - Lange Gasse, Jopengasse und Brotbänkengasse sollten dann das Herzstück der großflächigen, aber weniger detailgetreuen Rekonstruktion werden.


    Grundlage war das Konzept der "kreativen Rekonstruktion", bei der die Rekonstruktion nicht detailgetreu (im Sinne der Polonisierung auch gar nicht immer erwünscht) erfolgt, sondern eher auf die Gesamtwirkung gesetzt wird.


    Entsprechend wurde anstelle von unzureichend dokumentierten, einfachen oder unerwünschten Gebäuden (Preußen ... Gründerzeit) einfach ein Phantasiegebäude errichtet - oder genauer gesagt eine schmale Putzfassade einem größeren, neu errichteten Gebäude vorgeblendet. Aber auch bei bewußt rekonstruierten Gebäuden wurden teilweise größere Abweichungen vorgenommen, entweder wurde ein früherer Zustand rekonstruiert oder einfach die Bebauung polonisiert oder - das war ja auch in meinen Beiträgen zu Warschau schon der Fall - geschönt aufgebaut. Entsprechend stellte die Technische Hochschule Danzig schon 1953 fest, von 86 errichteten Gebäuden in der Langen Gasse würden lediglich 3 relativ präzise Rekonstruktionen darstellen.


    Die Bebauung sollte wesentlich weniger stark verdichtet sein als zuvor - natürlich einerseits aufgrund der Planwirtschaft, bei der die Bebauung Kosten verursacht, die nicht durch entsprechende Mieten gegenfinanziert werden konnten. Andererseits aber auch bewußt im Sinne der neuen Stadt mit großzügig geschnittenen Wohnungen, viel Grünflächen und ausreichend Abstand zwischen den Häuserzeilen.

  • Umgesetzt wurde die Planung dann durch das Arbeitersiedlungskombinat (ZOR), denn in der Innenstadt sollten staatlich subventionierte Wohnungen für Werft- und Hafenarbeiter entstehen, wobei noch ein gewisses Budget für Fassadengestaltung zum üblichen Preisrahmen aufgeschlagen und separat zugeteilt wurde (bei einfachen verputzten Häusern in etwa in Höhe von 15 bis 20 %, bei den Aushängeschildern der Rekonstruktion war der Satz höher, bedeutende Einzelbauten wie die Kirchen oder öffentlichen Gebäude wurden nicht auf diese Weise aufgebaut).


    Konkret wurden somit lange Gebäuderiegel in Ost-West-Richtung errichtet, die ziemlich genau dem Verlauf der dort befindlichen früheren Straßen folgten - schließlich sollten die Straßen ja in die rekonstruierten Einzelgebäude und Stadttore eingebettet werden.


    Zwischen diesen langen Gebäuderiegeln war keine Bebauung vorgesehen, dort sollten Grünanlagen angelegt werden, die Breite dieser Riegel lag deutlich unter der der ursprünglich vorhandenen Gebäude und wurde auf ungefähr 8 bis 10 Meter standardisiert.


    Die Gassen in Nord-Süd-Richtung wurden abgesehen vom Umfeld der Hauptsehenswürdigkeiten nicht rekonstruiert, die wichtigste Ausnahme war ganz im Westen der Rechtstadt die Gasse von Großer Gerbergasse im Süden bis Kohlengasse im Norden.


    Anstelle der Nord-Süd-Gassen wurden kleine Aussparungen in der Bebauung der Ost-West-Riegel vorgesehen, dadurch wurden die Gassen symbolisiert, außerdem war dadurch der Zugang zu den Grünanlagen möglich.


    Die Erschließung der Häuserzeilen erfolgte von der Rückseite: Grundsätzlich wurden einem der auf diese Weise errichteten Häuser vier Fassaden vorgeblendet, das Treppenhaus war meist in der Mitte, die Eingangstür auf der Hinterseite, wo meist eine vereinfachte Variante der Vorderfassade vorgeblendet wurde (natürlich völlig ahistorisch).


    Errichtet wurden die Gebäude im Eiltempo nach sowjetischem "Rapid-System", mit arbeitsteiligen Handwerkerbrigaden, Normvorgaben und teilweise surrealen Planübererfüllungen durch "Bestarbeiter" und "Helden der Arbeit" (wobei natürlich auch eine Bestarbeiterin nicht fehlen durfte, der dann demonstrativ eine Wohnung übergeben wurde).


    Im Gegensatz zu einer verbreiteten Meinung (siehe APH) handelt es sich jedoch um speziell entworfene Häuserzeilen, also um keine verkleideten Standardbauserien oder gar Plattenbauten - damit könnte ja der gebogene Verlauf der Straßen auch gar nicht nachgezeichnet werden. Bei der Haustechnik und teilweise auch bei Fenstern und Türen kamen aber schon industrielle Fertigteile zum Einsatz.


    Mit diesen Verfahren wurde die Innenstadt in extrem kurzer Zeit wieder bebaut, die Infrastruktur konnte damit genauso wenig Schritt halten wie die Haustechnik - teilweise wurden bereits bezogene Wohnungen erst nach 2 Jahren z. B. an die Gasversorgung angeschlossen. Auch war die Ausführungsqualität nicht immer optimal, aber man lernte dazu und paßte auch die Gesetzgebung entsprechend an (Anrecht auf einwandfrei ausgestattete Wohnungen schon bei Übergabe ab 1952).


    Diese Rekonstruktionphase dauerte bis rund 1961, danach standen andere Projekte im Mittelpunkt: Bau von Schulen, Errichtung großer Plattenbauviertel außerhalb, Setzen dezidiert moderner Akzente z. B. in der nördlichen Altstadt, Errichtung von Bauten des sozialistischen Realismus, Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur usw.


    Nördlich der Marienkirche befand sich im Prinzip auch noch ein Rekonstruktionsgebiet, hier blieb jedoch vieles Stückwerk - es gab Brachen, bewußt im Nachkriegsstil errichtete kleinteilige Häuser, aber auch teilweise Verfall der wenigen im Krieg unzerstörten Gebäude.


    Nicht rekonstruiert wurden indes die umliegenden Viertel der Innenstadt, in Vorstadt und Altstadt wurden nur bedeutende Einzelbauwerke rekonstruiert inkl. aller Kirchen, die Speicherinsel wurde teilweise beräumt und blieb eine großflächige Ruinenlandschaft - auf die Details gehe ich dann anhand konkreter Beispiele und Fotos ein.


    In den 70er Jahren gab es dann noch eine zweite Rekonstruktionswelle, die dann spätestens mit den Aufständen der Werftarbeiter in Danzig und der Ausrufung des Kriegsrechts 1981 beendet war. Hier erfolgten noch Rekonstruktionen in der Brotbänkengasse, aber vor allem im Norden der Rechtstadt mit den Stadttoren und der Bebauung zur Mottlau hin.


    Generell läßt sich also festhalten, daß es sich beim heutigen Danzig auch in der Innenstadt um eine bewußt modern gestaltete Stadt mit stark aufgelockertem Grundriß handelt, die durch sozialistische Entwurfsprinzipien ebenso geprägt wurde wie durch eine Anlehnung an historische Fassaden und Straßenbilder - um eine "Neue Stadt im historischen Gewand", um den Titel der gleichnamigen Doktorarbeit zu zitieren.

  • Um die obigen Ausführungen etwas klarer zu machen, möchte ich einige Fotos präsentieren.


    Den Anfang macht eine Übersicht über die Schäden in Form einer Schadenskarte:



    Schwarz bedeutet unzerstört, dunkelgrau steht für mittlere Zerstörungen und hellgrau für vollständige Zerstörung (wobei "mittlere Zerstörung" auch bedeuten kann, daß nur noch Außenmauern stehen).


    Wir sehen, daß fast die gesamte Rechtstadt zerstört wurde, lediglich die gründerzeitliche Markthalle und die Nikolaikirche gleich daneben (ziemlich mittig oben) wurden nicht zerstört, ebenso einige Bürgerhäuser an der Johanneskirche rechts davon.


    Erst am linken Bildrand nehmen die Zerstörungen ab, allerdings wurden diese Gebäude als "preußische" Gebäude dennoch teilweise abgerissen, namentlich das Theater und das Hotel Danziger Hof am Kohlenmarkt sind hier zu nennen.


    Hier nochmals mit Beschriftungen:



    1 zeigt Markthalle und Nikolaikirche


    2 die unzerstörten Bürgerhäuser, die danach teilweise verfielen und abgerissen wurden


    3 zeigt den Kohlenmarkt, das Theater ist gleich neben der "3"


    4 zeigt das oben angesprochene "Zentrum" der Rekonstruktion um den Langen Markt


    5 zeigt uns den hohen Zerstörungsgrad auch in der ebenfalls sehr dicht bebauten Altstadt, in der nur noch punktuell Gebäude aufgebaut wurden

  • Hier sehen wir nun die Aufbauplanung anhand eines 3D-Modells:


    planung.jpg


    Auf dem Foto blicken wir auf die Rechtstadt in Richtung der Speicherinsel, im Vordergrund der schon oben angesprochene Kohlenmarkt, deutlich erkennbar die Marienkirche in Bildmitte, rechts daneben der Turm des Rechtstädtischen Rathauses.


    Auch hier natürlich wieder mit Beschriftungen:


    planungafbed4d9f68fbe60.jpg


    1 ist der Kohlenmarkt, im Modell ist schon das "Theater der Küste" von 1967 zu sehen, das anstelle des dortigen früheren Theaters aus dem 19. Jahrhundert errichtet wurde, oberhalb der "1" sehen wir das rekonstruierte Zeughaus, dahinter führt eine der zwei langen Gassen des "flächendeckenden" Rekonstruktionsprojekts zur Mottlau (Jopengasse)


    2 markiert den Standort des Hotels Danziger Hof, hier wurde 1961 ein Möbelhaus errichtet, später von der Fluglinie LOT genutzt (das Motiv der goldbedampften Scheiben wurde später noch öfter aufgenommen)


    3 zeigt uns den Beginn der Bebauung der Rechtstadt, nämlich die Hundegasse - der Teil der Hundegasse in Richtung Mottlau folgte aber erst sehr viel später, der große Gebäudekomplex links der "3" zeigt uns das Postgebäude von 1952 im dezidiert "sozialistisch realistischen Stil" - hier wurden die erhaltenen Fassaden aus dem 19. Jahrhundert abgerissen, es sollten Imitationen von Bürgerhäusern dem Komplex vorgeblendet werden, auf Wunsch der polnischen Post wurde jedoch ein Gebäude im sozialistischen Stil ("Stalin-Klassizismus") errichtet


    4 zeigt das Rechtstädtische Rathaus, darüber rechts der Lange Markt und darüber links die Brotbänkengasse, in Richtung Mottlau dann Grünes Tor bzw. Brotbänkentor - deutlich erkennbar die höhere Verdichtung der Bebauung ("Zentrum der Rekonstruktion")

  • 5 weist auf das Kino Neptun von 1953 hin, der Eingang besteht aus zwei weitgehend identischen Teilfassaden im Stil von Bürgerhäusern, aber deutlich als Nachkriegsbau zu erkennen


    6 zeigt zwei Gassen in Nord-Süd-Richtung, die im Gegensatz zum restlichen Innenstadt-Aufbauprojekt tatsächlich nachgezeichnet wurden: oben den Damm, unten die Goldschmiedegasse - der Damm ermöglicht den Blick auf die Königliche Kapelle, die von König Jan Sobieski gestiftet wurde (siehe Entwicklung der Stadt Danzig bis 1945), und wurde zu diesem Zweck verbreitert, etwas verlegt und mit dezidierten Nachkriegshäusern bebaut, die Goldschmiedegasse wiederum ermöglicht den Blick auf den Turm der Marienkirche


    7 zeigt deutlich die Struktur mit den langen Häuserzeilen ohne Bebauung dazwischen, die Abschlußbebauung Richtung Mottlau wurde erst in den späten 80er Jahren realisiert (vgl. auch rechts davon die Heilige-Geist-Gasse, die nur auf einer Seite aufgebaut wurde)


    8 hier sehen wird die weitgehend beräumte Speicherinsel, die historisch wirkende Bebauung entlang der Milchkannengasse stammt komplett aus den 90er-Jahren, die eingezeichneten Speicherhäuser werden nach neuer Planung erst gerade eben errichtet


    9 der extrem verbreiterte Vorstädtische Graben, in der früheren Vorstadt stehen Punkthochhäuser


    10 die bereits angesprochene Ausnahme bei der Nord-Süd-Bebauung - hier war früher die Große Gerbergasse, die bis zur Kohlengasse weiter in Richtung Altstadt aufgebaut wurde (die Ziffer befindet sich zwischen Zeughaus und Jopengasse)


    11 zeigt die königliche Kapelle bzw. die freie Fläche davor, die zerstörte Bebauung wurde beräumt und bis heute nicht wiederhergestellt


    12 zeigt exemplarisch eine große nicht bebaute Fläche im "punktuellen" Rekonstruktionsgebiet, in dem viel Stückwerk blieb, in Richtung Mottlau sind hier 2012 Townhouses entstanden, die im APH kürzlich gezeigt wurden

  • Nach all der Theorie und den Übersichten nun einzelne Ansichten von Straßen, Plätzen und Gebäuden - zum wiederaufgebauten Nachkriegs-Danzig gibt es ja einen eigenen Bereich (Das heutige Danzig), dort werde ich auch verschiedene Nachkriegsepochen dokumentieren.


    Zunächst nun Fotos des zerstörten Danzig:


    Die Ansicht zur Mottlau, in der Mitte ist noch der Turm des Gebäudes der naturforschenden Gesellschaft zu erkennen, das abgerundete Gebäude im Hintergrund ist das Krantor ohne den mittigen Holzaufbau:


    mottlauz.jpg


    Das zerstörte Krantor 1956 - links stehen schon wieder Gebäude:



    Die Mottlau-Schauseite im gleichen Jahr:



    Die Langgasse, das Hotel Danziger Hof rechts neben dem Stockturm scheint doch stärker zerstört gewesen als angenommen:



    Blick über die Reste der Frauengasse mit den Beischlägen auf das Frauentor, der Turm vom ersten Bild ist ebenfalls erkennbar:


    frauenz.jpg


    Das Rechtstädtische Rathaus ist schon wieder aufgebaut, Marienkirche und königliche Kapelle teilrekonstruiert, das Umfeld ist völlig beräumt (vermutlich Mitte der 50er Jahre):


    marienz.jpg


    Blick auf die Marienkirche von der Jopengasse aus:


    jopenz.jpg


    Das Zeughaus am Ende der Jopengasse:


    zeugzf.jpg


    Hier provisorisch gesichert:


    zeugz.jpg


    Hier der Wiederaufbau, hinter der Fassade steht nichts mehr:



    Blick von der Langen Gasse auf das zerstörte Rechtstädtische Rathaus, um Hintergrund die Ruine des Grünen Tors:


    langegassez.jpg


    Nochmals die Lange Gasse, jetzt aber in der anderen Richtung mit dem Langgasser Tor, dahinter ist der zerstörte Stockturm zu sehen:


    goldenz.jpg


    Und abschließend noch der Stockturm von der anderen Seite aus:


    stockturmz.jpg

  • Abschließend zur unmittelbaren Nachkriegszeit noch Fotos des Aufbaus.


    Hier sehen wir die Bauten im Westen der Hundegasse im Rohbauzustand:


    hundegasse.jpg


    Es ist zu erkennen, daß die Gebäude gemauert wurden - es sind also keine Plattenbauten und auch keine standardisierten Bauserien. Zu erkennen auch das sehr generische Erscheinungsbild der Bauten, bei denen meist einem Gebäude bis zu 4 Fassaden vorgeblendet wurden - in Langer Gasse, Jopengasse und Brotbänkengasse achtete man mehr auf Variation und Details als in der eher unbedeutenden Hundegasse.


    Dieselbe Ansicht, die Häuser sind jetzt aber zumindest äußerlich fertiggestellt:


    hundegasse2.jpg


    Nicht alle Fassaden verfügen über Türen, die Erschließung erfolgt ja von der Rückseite und zudem erstrecken sich fast alle Gebäude über mehrere Fassaden.


    Hier blicken wir vom Turm der Marienkirche in Richtung Mottlau:


    heilg.jpg


    Dabei kommt das oben angesprochene Konzept der "neuen Stadt" gut zum Ausdruck, das in langen Häuserzeilen ohne Quergassen mit ausreichendem Abstand für Grünanlagen und Gärten bestand - die dann leider schnell herunterkamen und heute mit großen Bäumen bewachsen sind.


    Wir erkennen auch, daß keine Bebauung in Richtung Mottlau vorgesehen war und erst in einer zweiten Phase rund 20 Jahre später erfolgte.


    Dasselbe Bild, jetzt aber mit näheren Informationen:


    heilgff611b7096f6dbda.jpg


    1 zeigt die Frauengasse, den nördlichen Abschluß der flächendeckenden Rekonstruktion - vgl. das Bild der Zerstörung oben. Hier wird auch der fassadenhafte Charakter des Wiederaufbaus deutlich, rechts und links der Häuser steht nichts, die Gassen wurden nicht wieder aufgebaut, sondern nur durch Lücken in der Bebauung symbolisiert - daher ist die Bebauung der beiden Häuserzeilen nicht durchgängig, sondern an zwei Stellen unterbrochen.


    2 zeigt die Heilige-Geist-Gasse, hier wurde nur die Bebauung auf der nördlichen Seite in Form der langen Häuserzeile nachempfunden, die südliche Bebauung wird erst heute schrittweise nachgereicht (auch der Gebäudekomplex Bei den Fleischbänken entsteht ja gerade neu) und wurde damals weggelassen


    3 hier ist das Konzept der bewußten Lücken in den Häuserzeilen besser zu sehen, hier verlief die Zwirngasse (auch heute nicht wieder hergestellt)


    4 hier ist der weitere Verlauf der Zwirngasse zur Breitgasse zu sehen - früher waren nur die Straßen und Gassen unbebaut, die gesamten Flächen zwischen den heutigen Häuserzeilen waren bebaut. Historisch korrekt endet die Gasse in der Breitgasse, daher ist bei Ziffer 6 auch keine Lücke in der Bebauung mehr vorhanden.


    Es fällt auch auf, daß nur an den Stellen eine Straße angelegt wurde, an denen es auch früher eine gab - also bei Ziffer 3 in Richtung Mottlau, jedoch nicht bei Ziffer 4


    5 zeigt uns das bereits 1958 aufgebaute Krantor, nördlich und südlich davon gab es jedoch keine Bebauung, auch Johannistor ganz im Norden und Heilig-Geist-Tor (das die Heilige-Geist-Gasse zur Mottlau hin abschloß, oberhalb der Ziffer 2 ist noch ein Fragment zu sehen) wurden erst um das Jahr 1980 nachträglich errichtet


    6 markiert das endgültige Ende des Aufbauprojekts im Norden der frühen Phase bis 1961, der Bildausschnitt ist geschickt gewählt und suggeriert das Vorhandensein langer Häuserreihen, tatsächlich hörte die Bebauung aber in der Breitgasse ungefähr am Ende des Bildausschnitts auf, dahinter gab es bis vor kurzem eine große Brache (dort wurde vor wenigen Jahren ein Komplex mit modern interpretierten Giebelhäusern errichtet)


    Und nicht zuletzt markiert "6" auch den ungefähren Standort des Johannistors, das inzwischen in eine postmoderne Bebauung entlang der Mottlau eingebettet ist.

  • Und noch ein letztes Foto, das den Vorstädtischen Graben der Nachkriegszeit zeigt:


    graben.jpg


    Hier wird auch deutlich, daß das Rekonstruktionsprojekt abrupt endet, in etwa auf Höhe der Hintergasse. Früher war der Graben nur eine schmale Gasse, inzwischen ist er eine riesige und ziemlich verwilderte (im Gegensatz zum Foto) Schneise, die die Vorstadt von der Rechtstadt trennt.


    Entsprechend zeigt sich auch der Nachteil des staatlich und zentral geplanten Wiederaufbaukonzepts:


    Der Vorteil bestand in der einheitlichen Durchführung und dem großen Umfang, der Nachteil darin, daß außerhalb des Rekonstruktionsareals keine Möglichkeiten für Rekonstruktionen mehr bestanden, schließlich gab es weder private Investoren noch private Grund- oder Hausbesitzer.


    Gleichzeitig mußte der Staat die Mittel für den Bau der Gebäude aufbringen, ohne daß eine Gegenfinanzierung in Form von Mieten vorhanden gewesen wäre - die Mieten waren ja hochgradig subventioniert und nicht kostendeckend. Entsprechend verursachte die Bebauung Kosten ohne Erlöse und blieb daher im planwirtschaftlichen System immer ziemlich "aufgelockert", siehe auch die Zentren von Chemnitz oder Dresden, wo ja vielerorts überhaupt nichts gebaut wurde.


    Dies wird selbst im Herzen des Rekonstruktionsareals deutlich:


    Hier die Struktur der Danziger Rechtstadt, wie sie sich vor der Zerstörung präsentierte:



    Ogarna = Hundegasse, Dluga = Lange Gasse bzw. Langer Markt, Piwna = Jopengasse, oben in der Mitte die Marienkirche


    Dieselbe Ansicht aus dem Jahr 1959:



    Wir bemerken eine stark verringerte Bebauungsdichte, im Wesentlichen wurden nur die großen Gassen in Ost-West-Richtung nachgezeichnet, lediglich im Umfeld des Langen Markts geht es in Richtung einer aufgelockerten Flächenrekonstruktion.

  • 1 zeigt das Uphagenhaus, der Anbau war als Fragment erhalten und wurde erst 1998 wieder komplett aufgebaut - es verdeutlicht die vor der Zerstörung übliche Tiefe der Häuser, die nur bei diesem einen Gebäude wiederhergestellt wurde


    2 markiert den Standort des "Löwenschlosses", eines prächtigen und bereits 1953 rekonstruierten Baus aus dem Jahr 1569, hier fällt die abweichende Gebäudetiefe auf - bei besonders herausragenden Gebäuden wurde auch eine größere Fläche bebaut (aber auch nicht immer, das Ferberhaus links der "2" hat die normale Tiefe)


    3 zeigt den Standort des Neptun-Kinos, hier wurde auch die Fläche zwischen den Gassen bebaut


    4 markiert den Standort des Postamts (links der 4), hier wurde in etwa dieselbe Fläche wie beim teilzerstörten Vorkriegsbau bebaut, wenn auch im Stil des sozialistischen Realismus


    5 zeigt den Kern des Rekonstruktionsareals, hier gibt es auch Gassen in Nord-Süd-Richtung


    6 wiederum zeigt ein weiteres Beispiel für eine weitere aufwendige Rekonstruktion - das Englische Haus von 1979, vermutlich das bedeutendste Gebäude der zweiten Rekonstruktionsphase der 70er Jahre