Entwicklung der Stadt Danzig bis 1945

  • Die Anfänge der Stadt Danzig lassen sich bis um die erste Jahrtausendwende zurückverfolgen, damals wurde die Stadt "Gyddanyzc" genannt.


    Archäolgische Grabungen nach dem Krieg ergaben, daß der Kern der Siedlung auf dem Gebiet der heutigen Rechtstadt lag, die bereits im 13. Jahrhundert das Stadtrecht verliehen bekam - einmal zu Anfang des Jahrhunderts das Lübische Recht nach dem Vorbild der Stadt Lübeck durch Herzog Swantopolk von Pommerellen, später dann durch nochmals das Magdeburger Recht durch den polnischen König Przemysł, einen Piasten.


    Damals war Weichselpommern umkämpft zwischen den Dänen, den lokalen pommerschen Herzogen und dem sich langsam aus Großpolen (also die Region um Posen und Gnesen) entwickelnden Polen - tatsächlich war es Swantopolk gelungen, von Polen unabhängig zu werden und sein Einflußgebiet zu vergrößern, allerdings erbte Przemysł 1294 Pommerellen (und erlangte zeitweise auch die Kontrolle über Kleinpolen) und verlieh im gleichen Jahr noch Danzig wie erwähnt das Magdeburger Recht.


    Bereits Anfang des 14. Jahrhunderte eskalierten jedoch Erbstreitigkeiten zwischen dem Markgrafen von Brandenburg und lokalen Herzögen, wobei der König von Polen natürlich weiterhin Ansprüche erhob. Zur Abwehr der Truppen Brandenburgs, die 1308 in die Stadt einrückten, wandte sich Danzig an den Deutschen Orden, eine Ordensgemeinschaft, die sich an der Ostkolonisation beteiligte und in etwa ab dem 13. Jahrhundert einen eigenen Staat gründete, den Deutschordensstaat.


    Dieser erstreckte sich in etwa über das spätere West- und Ostpreußen über das Baltikum bis ins heutige Estland, was auch den früher hohen Anteil an Deutschbalten erklärt.


    Der Deutsche Orden erwartete indes einen finanziellen Ausgleich für seine erfolgreiche Waffenhilfe und setzte sich schließlich in der Stadt Danzig fest, er gründete eine eigene Stadt, die Neustadt, ab etwa 1380, und baute auch eine eigene Ordensburg, beides östlich der späteren Altstadt, in etwa nördlich der Bleihofinsel.


    Damals bestand Danzig aus 4 Teilbereichen, die rechtlich voneinander unabhängig waren und sogar durch jeweils eigene Stadtbefestigungen gegeneinander abgeschottet waren:


    • Die Rechtstadt inkl. der Vorstadt und dem Speicherareal (das erst später zur Speicherinsel wurde) - diese Stadt war Vollmitglied der Hanse.
    • Die Altstadt, etwa gleichzeitig mit der Neustadt gegründet, die Stadt der Handwerker und einfachen Leute, diese erhielt erst rund 150 Jahre nach der Rechtstadt das Stadtrecht.
    • Der Neustadt oder Jungen Stadt des Deutschen Ordens mit der Ordensburg.
    • Das Hakelwerk, überwiegend besiedelt von Fischern entlang der Radaune, dem Zufluß der Mottlau in Danzig. Der ärmste Teil der Danziger Siedlung, der Name stammt von den "behackten" Weißdornsträuchern, die anstelle einer Mauer die Siedlung schützten, die über eine eigene Burg aus Holz verfügte. Die Fischer bildeten eine eigene Zunft und behielten vermutlich slawisches Recht bei, sie wurden nach ihren Netzen (Seihen oder Seigen) als "Seigner" bezeichnet, was sich später noch in Straßennamen wie Hohe Seign niederschlug.

    Während die Bevölkerung der diversen Siedlungen ursprünglich ziemlich gemischt war, vermutlich mit einem größeren slawischen Bevölkerungsanteil, so zogen durch den Einfluß des Deutschen Ordens vor allem Deutsche zu, Danzig war ja im Anschluß bis 1945 eine fast ausschließlich deutsch besiedelte Stadt, der durch den Deutschen Orden 1343 noch das Kulmer Recht verliehen wurde.


    Danzig wurde 1361 Vollmitglied der Hanse, entwickelte sich zu einer bedeutenden Handelsstadt und blieb auch auch Mitglied der Hanse bis zu deren endgültigen Auflösung 1669.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • In das 14. Jahrhundert fallen der Bau der gemauerten Stadtbefestigung der Rechtstadt, der "rechten" oder eigentlichen Stadt sowie die Grundsteinlegung der Marienkirche und die Errichtung des Rechstädtischen Rathauses.


    Gleichzeitig wuchs jedoch die Unzufriedenheit mit der Einflussnahme des Deutschen Ordens, der lokalen Eliten kaum Mitsprachrechte oder Aufstiegsmöglichkeiten einräumte. Zudem verschlechterte sich durch Fortschritte bei der Waffentechnik und politische Ereignisse der Stand des Ordens - hier ist insbesondere die Vereinigung von Litauen und Polen in einer Personalunion zu nennen:


    Der litauische Großfürst Jogaila trat zum Christentum über und heiratete die polnische Königin Hedwig. Nachdem Jogaila zugesichert hatte, seine gesamten Besitzungen mit der Krone Polens zu verbinden und Pommerellen wiederzugewinnen, wurde er durch den polnischen Adel 1386 zum König von Polen gewählt und nahm den neuen Namen Władysław an - das Zeitalter der "Jagiellonen" begann, der aus Litauen stammenden polnischen Könige, die gleichzeitig Großfürsten von Litauen und Könige von Polen waren und die früheren Piasten ablösten.


    In dieser Situation führte der Orden eine Art von Präventivkrieg, der schließlich zu einer bedeutenden Niederlage führt: im Jahr 1410 verlor der Orden die entscheidende Schlacht bei Tannenberg, in Polen als Schlacht bei Grunwald bekannt (daher hat ja jede polnische Stadt heute einen Platz oder eine Straße, die nach dieser Schlacht benannt ist).


    In der Schlacht kam zudem der Hochmeister Ulrich von Jungingen um und das polnisch-litauische Heer rückte auch in Pommerellen ein .


    Da die Marienburg, die wichtigste Ordensburg des Ordens, jedoch nicht erobert werden konnte, erholte sich der Orden, schloß Friedensverträge mit dem polnischen König (Frieden von Thorn) und konnte den überwiegenden Teil seines Territoriums behalten. Aufgrund von hohen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem polnischen König, die durch die Untertanen aufgebraucht werden mußten (und auch Danzig eine hohe Abgabelast auferlegten), wuchs jedoch die Unzufriedenheit mit dem Deutschen Orden.


    Zudem griff der neue Hochmeister, Heinrich von Plauen hart durch, was insbesondere auch Danzig betraf:


    Hier wurde der Bruder des Hochmeisters als lokaler Verwalter eingesetzt ("Komtur") und ließ die beiden Bürgermeister Conrad Letzkau und Arnold Hecht ohne Urteil ermorden. Gleichzeitig rüstete der Orden wieder auf und verlangte noch höhere Abgaben von Städten und lokalen Adligen.


    Als Gegenreaktion wurde 1440 der Preußische Bund gegründet, dem 19 Städte inklusive Danzig angehörten. Dieser Bund erklärte 1454 dem Orden den Krieg und unterstellte sich direkt der polnischen Krone in Form von König Kasimir IV als Schutzherrn unter Zusicherung der eigenen Autonomie.


    Im Jahr 1466 wurde der Unabhängigkeitskampf mit dem zweiten Frieden von Thorn erfolgreich beendet, die unabhängigen Gebiete im Westen waren der polnischen Krone unterstellt und trugen die Bezeichnung Preußen königlichen Anteils, darunter Danzig, Elbing und Königsberg.


    Die östlichen Gebiete trugen die Bezeichnung Herzögliches Preußen, gehörten zunächst nicht zum Hl. Römischen Reich Deutscher Nation, wurden aber 1618 mit Brandenburg vereinigt und bildete gewissermaßen die Keimzelle des früheren Ostpreußen mit Königsberg (das entsprechend "die Seiten wechselte"), während das Preußen königlichen Anteils in etwa mit dem späteren Westpreußen übereinstimmte (Historiker mögen mir die starken Vereinfachungen nachsehen...).

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    John Maynard Keynes

  • Nun begann das Goldene Zeitalter der Stadt Danzig, das auf dem florierenden Handel als Mitglied der Hanse und auf der relativ autonomen Stellung der Stadtrepublik Danzig basierte, die wie Thorn und Elbing eine weitgehende politische, wirtschaftliche und kulturelle Autonomie erhielt, formal bekräftigt im Großen Privileg, das König Kasimir IV. im Jahr 1457 Danzig verlieh.


    Danzig erlangte eine herausragende Stellung als wichtigster Hafen von Polen-Litauen und besaß das Stapelprivileg für den Export nach Skandinavien. Zudem wuchs die Bedeutung als Handelsort durch die Eroberung Konstantinopels, die mit einer Sperre des Bosporus verbunden war.


    Somit gelangte Danzig zu großem Reichtum und verfügte auch über die erforderlichen Mittel, um die Stadt grundlegend umbauen zu können. Nicht nur, daß viele prächtige Bauten entstanden, es wurden auch die bisher getrennten Teilstädte vereinigt, die Wassergraben und Mauern zwischen Rechtstadt und Altstadt sowie Vorstadt abgerissen.


    Die Junge Stadt und die Ordensburg des Deutschen Ordens war schon zu Beginn der weitgehenden Unabhängigkeit Danzigs abgerissen worden, dorthin breitete sich langsam die Altstadt aus.


    Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurde zudem der Hafen durch einen neuen Kanal besser erschlossen: Die "neue Mottlau" wurde ausgehoben, so daß die Speichergebäude nun auch von Osten aus zugänglich waren, die Speicherinsel entstand.


    Die Mottlau floß nun zuerst in den Wassergraben und von dort aus weiter in die neue Mottlau nach Norden zur toten Weichsel, einem heute von der Weichsel abgetrennten Nebenarm.


    Zudem wurde die gesamte Stadt durch Bastionen rundum umschlossen, die im Westen an Bischofsberg und Hagelberg auf den dortigen Anhöhen dem zusätzlich angelegten Wassergraben vorgelagert waren - kurzum:


    Das klassische Danzig als weitgehend unabhängige und deutsch geprägte Stadtrepublik entstand. Dieser Zeit verdanken wir die Bauten, für die Danzig später bekannt wurde - und daß hier des öfteren Architekten aus den Niederlanden oder Flamen beauftragt wurden, die Danzig ihr spezifisches Erscheinungsbild verliehen, war kein Zufall, sondern auf die Stellung der Niederlande als wichtigstem Handelspartner zurückzuführen.


    Dank seiner Festungsanlagen hielt Danzig verschiedenen Belagerungsversuchen stand: 1520 einem Ordensheer, sehr viel später zwischen 1626 und 1629 den Schweden unter Gustav II. Adolf und ... im Rahmen des Danziger Kriegs auch den Polen:


    Bekanntermaßen war ja nach dem Aussterben der Jagiellonen mit Zygmunt II. August und der eher bedrohlichen Lage von Litauen die bisherige Personalunion Polen-Litauen in eine Realunion umgewandelt worden, die Union von Lublin von 1569, in der die Rzeczpospolita oder Königliche Republik gegründet wurde - eine Wahlmonarchie mit gewähltem König (was ja erst die spätere "Sachsenzeit" in Polen-Litauen ermöglichte).


    Entsprechend lag die Macht überwiegend beim polnischen Adel, der ebenso wie die freien Städte des Königlichen Preußen im Sejm vertreten war, darunter auch Danzig.


    Trotz dieser Mitbestimmungsrechte versuchte der neue König Stefan Bathory, übrigens ein gebürtiger Ungar, Danzig die Privilegien zu entziehen und die Stadt zu erobern. Danzig hielt jedoch der Belagerung 1577 stand und konnte seine Privilegien behalten, mußte jedoch beträchtliche Summen als Strafe zahlen.


    1585 gelang es Danzig sogar, mit dem Pfahlgeldvertrag seine Unabhängigkeit noch weiter zu festigen, dennoch war die Lage im 17. Jahrhundert deutlich schlechter als zuvor, da Danzig unter dem Niedergang der Hanse litt, deren Quasi-Monopole immer stärker ins Wanken gerieten - entsprechend kam auch die Bautätigkeit weitgehend zum Erliegen, das bedeutendste Gebäude des 17. Jahrhunderts war somit die katholische Königliche Kapelle von 1683, die durch den polnischen König Jan III. Sobieski mitfinanziert wurde.

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  • Diese Phase endete mit der Zweiten Polnischen Teilung 1793, als Danzig nach mehreren entsprechenden Versuchen schließlich Preußen angeschlossen wurde und seine Autonomierechte verlor.


    Allerdings war dieser Anschluß bereits 1807 wieder beendet, als Danzig im Preußisch-Französischen Krieg kapitulierte und wiederum zur Stadtrepublik wurde, allerdings diesmal von Napoleons Gnaden und unter dem offiziellen Schutz der Könige von Preußen und Sachsen als Republik Danzig.


    Die Republik Danzig endete mit dem Rückzug Napoleons aus Rußland 1814, als sich französische und polnische Truppen nach Danzig geflüchtet hatten und Danzig durch die Russen belagert wurde - nach dem Ende Napoleons wurde Danzig wieder Preußen angegliedert, genauer gesagt Westpreußen.


    Danzig bildete in Westpreußen einen eigenen Stadtkreis, die Bevölkerung bestand laut damaliger Erhebung zu rund 75 % aus deutschsprachigen Danzigern, dieser Anteil sollte bis 1945 auf rund 95 % anwachsen.


    Danzig hatte damals ein gewisses Bevölkerungwachstum zu verzeichnen, Industrie und Werften siedelten sich an und es kam zu einem allgemeinen Aufschwung. Die Stadt blieb vorübergehend eine Festung, erst ab 1893 wurden ein Teil des Wassergrabens und der Bastionen im Westen abgetragen, im Gegensatz zu anderen Städten der damaligen Zeit entwickelte sich aber aufgrund der weiterhin verbliebenen weiteren Bastionen und der Topografie (Hügel im Westen) nur ein sehr kleines Gründerzeitviertel im Westen, das überwiegende Bevölkerungswachstum erfolgte in geographisch teilweise weit abgelegenen Vororten, insbesondere in Langfuhr.


    Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Danzig wiederum von Deutschland abgetrennt, es lag zwischen dem polnischen Korridor im Westen und Ostpreußen im Osten und bildete gemeinsam mit Zoppot die Freie Stadt Danzig.


    Diese Stadt stand unter der Aufsicht des Völkerbundes und war durch Konflikte mit Polen geprägt, die sich erst ab 1934 mit der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nichtangriffspakts entschärften. Auch in Danzig gab es die NSDAP, die allerdings durch Druck des Völkerbundes noch bis etwa 1937 Oppositionsparteien zulassen mußte.


    Der Aufstieg der Danziger NSDAP wurde nicht zuletzt durch den Nichtangriffspakt begünstigt, da Polen fortan Danziger Politik als deutsche Angelegenheit betrachtete, sofern die polnischen Rechte (Postamt, Hafenverwaltung, eigene Schule usw.) in Danzig nicht berührt wurden.


    Am 1. September erklärte Gauleiter Forster aus Danzig einseitig den Anschluß Danzigs an das Deutsche Reich, dem Polen nach der Niederlage im Krieg nichts entgegensetzen konnte.


    Die Stadt wurde 1942 durch die Briten, 1943 durch die Amerikaner und 1945 durch die Sowjets bombardiert und durch letztere schließlich auch am 30. März 1945 eingenommen, wobei es nach der Einnahme noch zu Brandstiftungen kam, so daß insgesamt rund 90 % der historischen Stadt Danzig zerstört waren.


    Durch Vertreibungen endete zudem die überwiegend deutsch geprägte Kulturgeschichte der Stadt, das polnische Gdańsk entstand, das im zweiten Teil behandelt werden soll.

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