Architekturpolitische Strategien

  • Liebe Freunde,


    Beobachtung und Vergleich sind wesentliche Grundlagen für Rekapitulation und Meinungsbildung. Das betrifft praktisch alle Lebensbereiche und natürlich auch die Auseinandersetzung mit Architektur.


    Die Erkenntnis, dass politische Erwägungen die Auswahl von Architektur bestimmen, ist das Dilemma, dem wir Anhänger bewährter Architektur Tag für Tag ausgesetzt sind. Denn wo einerseits zuweilen über Jahrzehnte um ein Rekonstruktionsprojekt gekämpft wird, müssen wir Jahr für Jahr erleben, wie etliche zeitgenössische Architektur vernichtet wird. Zwanghaft erinnert diese Vergegenwärtigung an die Freude über das Abpumpen von einigen Litern Wasser aus einem leckgeschlagenen Schiff, während in der selben Zeit tausende von Litern in das Schiff strömen.


    Das Ergebnis ist dann zwangsläufig eine zumindest quantitative Verarmung - auch, wenn womöglich einige 1000 abgerissene Gründerzeithäuser weniger Aufmerksamkeit erhalten, als die Rekonstruktion vergleichsweise weniger Gebäude im selben Zeitraum.


    Der quantitative Gewinner ist dann der Vernichter, nicht der Rekonstrukteur.


    Und wenn die schrittweise Vernichtung die einst schicke Straßenzüge verarmen lässt und man sich für den Genuss von Ausnahmevierteln zunehmend in bestimmte Touristenareale begeben muss, erinnert das an Freilichtmuseen, über die ich mich zwar einerseits immens freuen kann (man denke an den Dresdner Neumarkt oder die Frankfurter Altstadt). Sobald diese Inseln im Rückspiegel erscheinen, findet man sich jedoch im Alltag wieder und ist dem Mix an Disharmonie ausgesetzt.


    Beschränken sich die Freuden auf Rekonstruktionen und werden zugleich die anderen Prestige-Projekte in abstoßendem Stile verwirklicht und sogar historische Zentren derben Verwässerungen ausgesetzt - man denke an den Reichstag oder das Frankfurter Senckenberg-Museum - mutiert der Vernichter gar vom quantitativen zum qualitativen Gewinner.


    Auch die neuen 'Gestaltungen' der Stadteinfahrten - mit ihren Fast-Food-Paradiesen und monströsen Gewerbecontainern - verdeutlichen uns in schauerlicher Weise: Unterm Strich betrachtet geht es tendenziell eher nicht bergauf.


    Aus diesem Grunde möchte ich zu einer strategischen Debatte anregen:


    1) Wie politisch ist Architektur?

    2) Welche Folgen hat das für das Gemeinwohl?

    3) Wie ließe sich der Trend umkehren?

    4) Wie politisch müsste man selbst werden?

    5) Wie ließen sich einflussreiche Mitstreiter gewinnen?

    6) Wie wäre die Bevölkerung zu gewinnen?

    7) Wie wäre eine Kettenreaktion zu erreichen?


    Diese und viele weitere Fragen - und hoffentlich auch Antworten - könnten diesen Strang befruchten. Das Interesse für das Forum erhöhen. Ein Alleinstellungsmerkmal - auch zum APH - bilden.


    Mit guten Wünschen

    Stauffer

  • Zu den politischen Aspekten der Architektur möchte ich an dieser Stelle erst einmal nichts antworten. Auch wenn das in diesem Forum problemloser möglich wäre als mittlerweile im APH-Forum.

    Aber kurz etwas zu den anderen Aspekten.


    - Die Bevölkerung muss nicht gewonnen werden. Sie ist längst auf der Seite der traditionellen Architektur. Bloß, sie spielt eben in den Entscheidungsprozessen so gut wie keine Rolle. Dazu ist das Thema für sie nicht interessant genug. Leider. Ich will damit sagen, wegen hässlicher Gebäude zettelt hier keiner einen Gelbwesten-Aufstand an. Wegen mancher Steuererhöhung oder Rentenkürzung aber schon eher.


    - Einflussreiche Mitstreiter sind nur dann zu gewinnen, wenn persönlicher Kontakt besteht. Die Leute müssen also etwas aus dem Denksumpf des Mainstream herausgeführt werden, indem sie Umgang mit andersdenkenden Menschen haben, die ihnen neue Ideen nahebringen. Zugleich müssen diese Mitstreiter finanziell unabhängig sein. Also z.B. ein Unternehmer a la Hasso Plattner, der es sich erlauben kann, ein Museum Barberini zu bauen. Irgendwelche Leute, die abhängig sind, weil sie Beamte sind oder in der Kulturszene feststecken oder als Architekten Aufträge wollen, werden viel schwerer als Mitstreiter zu gewinnen sein.


    - Zuletzt: Wie ließe sich der Trend umkehren? Vor allem dadurch, dass Leute "im System" anfangen zu rebellieren und sich wieder für traditionelle Architektur interessieren. Gerade unter den jungen Architekturstudenten muss es doch auch Leute geben, die sich von mir aus während des Studiums wegducken, die aber irgendwann die Gehirnwäsche an den Universitäten wieder abstreifen können. Dieses Volk kann doch nicht zu 100% aus stromlinienförmigen Untertanen bestehen. Ein wenig unabhängiger Geist muss doch da noch schlummern. Also, es muss zu einer Rebellion der Stadtplaner und Architekten kommen. Wenn nicht in der aktuell nachwachsenden Generation, weil die komplett gehirngewaschen wurde, dann vielleicht in der darauf folgenden. Zugleich müssen die Bauherren den Mehrwert, die Nachhaltigkeit traditioneller Architektur wieder stärker zu schätzen wissen. Das geht aber nur bei regional verwurzelten Bauherren, nicht so sehr bei internationalen Anlegergemeinschaften.