Fachwerkbauten in Strassburg

  • Im Strang Kriegsschäden in Straßburg - und was daraus wurde ist mir ein Fachwerkhaus an der Place des Tripiers aufgefallen. Es hat die Adresse


    26, Rue des Tonneliers.


    Es handelt sich allerdings nicht um ein reines Fachwerkhaus, denn wie man auf einer Google Maps-Aufnahme sehen kann, ist die westwärts gerichtete Hauptfassade an der Gasse aus Stein errichtet. Das Fugenbild der meisten der zwölf Fenstergewände weist auf einstige Kreuzstöcke hin, wie sie im 16. und frühen 17. Jahrhundert üblich waren. Der Knick in der Fassade lässt auf einen Neubau anstelle zweier Vorgängerbauten oder auf die Erweiterung eines älteren Hauses schliessen. Das Satteldach darüber mit kleinem Walm scheint einheitlich zu sein.


    Wie man am Fachwerk der südwärts gerichteten Seitenwand sehen kann, wurde das Haus gegen Osten um die halbe Gebäudetiefe erweitert. Bis zur Höhe des 3. Obergeschosses ist die Rückwand der Erweiterung ebenfalls gemauert.


    Anhand der Verstrebung und des Zierfachwerks ist die Fassade wohl gleichzeitig mit der Vorderfassade in der zweiten Hälfte des 16./frühen 17. Jahrhundert entstanden. Dass die steinerne Vorderfassade nicht anstelle einer Fachwerkwand errichtet wurde, sieht man anhand der Verteilung der Balkenköpfe der Deckenbalken. Bei einem reinen Fachwerkbau müssten die äussersten Balkenköpfe unter den Eckpfosten liegen und nicht daneben. So vermute ich, dass auch die einstige Rückfassade massiv errichtet war und möglicherweise heute noch im Haus drin steckt.


    Die Fassade fällt vor allem durch ihre Grösse auf, aber dem Fachmann sticht auch das stark durchhängende und wirre, nicht mit den Fenstern übereinstimmende Fachwerk ins Auge. Die vielen Reste des originalen Fachwerks veranlassten mich, hier eine Rekonstruktion des Fachwerks mit den ursprünglichen Fensteröffnungen zu versuchen.



    1. Rekonstruktionsversuch:


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    1. Erster Rekonstruktionsversuch als Photoshop-Bearbeitung auf der Grundlage einer Fotografie von Silesien.


    In einem ersten Schritt muss man sich die Fensteröffnungen mit dem Konstruktionsfachwerk wegdenken. Im zweiten Schritt gilt es, die Verstrebungen mit ihren symmetrischen Pendants zu ergänzen. Symmetrische Pendants sind natürlich nicht zwingend, aber eine Regel. Beim 1. Obergeschoss ist mit Ausnahme eines Feldes ganz rechts mit sichtbarem Ansatz eines Andreaskreuzes in Kombination mit gebogenen Rautenhölzern kein Sichtfachwerk mehr erkennbar. Somit erstreckt sich die Rekonstruktion erst ab dem 2. Obergeschoss. Um das Bild aber abzurunden, wurde am 1. Obergeschoss ein langes Reihenfenster ohne irgendwelchen Schmuck gezeichnet und das Wandfeld des Anbaus mit den Andreaskreuzen ergänzt. Im dritten Schritt werden die Binnenunterteilungen mit den Fenstern aufgrund des Schmuckfachwerks und zugemauerter originaler Fensteröffnungen ergänzt.


    Irgendwie mochte das Ganze mit den Massen nicht so recht aufgehen, aber das Ergebnis ergab eine Anmutung davon, wie das Haus mit dem ursprünglichen Sichtfachwerk vor 1800 etwa ausgesehen haben mag. Jedenfalls ergeben die durchgehenden Brustriegelketten und eine 'einheitliche' Durchbiegung - also auch der Fensteröffnungen - eine Ruhe ins Fassadenbild.

  • 2. Rekonstruktionsversuch:


    Mehr Aussicht auf eine erfolgreiche Rekonstruktion wird die Entzerrung und Betrachtung der höher aufgelösten Originalfotografie hergeben:


    entzerrt.jpg

    2. Entzerrte Fotografie als 'Plandarstellung'. Vergrösserung.


    Leider sind die Balkenoberflächen vor dem Verputzen mit einem Beil stark aufgerauht worden, damit der Verputz darauf haften konnte. Dadurch sind keinerlei Holznagelköpfe mehr sichtbar, welche die Lage einstiger Balken angezeigt hätten. Somit ist man für die Rekonstruktion des Balkenwerks auf andere Details sowie Analogien zu andern Fachwerken in Strassburg angewiesen.


    Bei der Suche nach Details an und in den Balken ist mir der schlechte Zustand des Fachwerks aufgefallen. Auch wenn der oberflächliche Zustand ein ordentlich unterhaltenes Fachwerk zeigt, sind die Schäden an den Balken selbst und ihre Häufigkeit gravierend, sodass ich nur zu folgendem Urteil komme: Die Fachwerkfassade ist in einem statisch bedenklichen Zustand! Die Schäden und die dadurch hervorgerufenen Zugkräfte setzen sich bis zur gemauerten Gassenfassade fort > Google Maps-Aufnahme. Viele Schäden sind auch durch Fäulnis und vernachlässigten früheren Unterhalt hervorgerufen worden.


    Schaden.jpg

    3. Einzeichnung der Schäden und einzelner Befunde. Gelb = Eisenklammern, blau = Schäden und fehlende Balken der Grundstruktur, orange = abgebeilte Schwellen und Rähme, teilweise auch mögliche Fenstererker, grün = zugemauerte ältere Fensteröffnungen.


    Die Schäden sind so gravierend, was mich veranlasste, eine Schadenskartierung vorzunehmen, in die ich gleichzeitig auch einzelne Befunde eintrug. Offenbar wiesen die Schwellen und Rähme die an Fachwerkbauten derselben Epoche typischen, vorstehenden Profilierungen auf. Einzelne weitere abgebeilte Balken deuten auf einstige Fenstererker hin. Beim Verputzen wurden alle vorstehenden Teile abgebeilt.


    Einzelne Wandpartien mit originalen Resten des Fachwerks werden auf Detailaufnahmen im folgenden Beitrag erläutert.

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    4. Ausschnitt aus dem 1. Obergeschoss rechts (Anbau).


    Die Schwelle des ganzen 1. Obergeschosses wird durch die Erdgeschosszone verdeckt. Natürlich besteht letztere nur durch den hoch hinaufgezogenen Verputz und Stucksims darüber. Darunter besteht das Fachwerk immer noch, wie am abgefallenen Stück des Simses in der Mitte gesehen werden kann. Rechts unter dem Fenster sieht man noch knapp das im ersten Beitrag erwähnte Andreaskreuz in Kombination mit gebogenen Rautenhölzern. In beiden Eckpfosten prangen auf Brüstungshöhe zwei Einschnitte, die vielleicht von einem früheren Brustriegel stammen könnten. Jedenfalls ist mir das bunte Nebeneinander von Einzelbefunden - rechts durchgehender Brustriegel, links zwei unterschiedliche Pfosten - nicht erklärbar. Man muss auch bedenken, dass bei Neu- und Umbauten oft ältere Balken zweitverwendet wurden.




    2.og-mitte.jpg

    5. Ausschnitt aus dem 2. Obergeschoss Mitte (Kernbau).


    Anstelle der beiden kleinen, hochformatigen Felder rechts neben dem linken Fenster bestand ursprünglich ein Fenster. Die beiden Felder greifen um 3 bis 4 cm in Brustriegel und Rähm hinein. Originales Fachwerk hatte ursprünglich nie aufgesetzte Fenstergewände; dies ist erst mit dem Verputzen aufgekommen, und fälschlicherweise lässt man diese Rahmungen bei Fachwerkfreilegungen meistens bestehen. Die Fensterleibungen bestanden vorher aus den Balken selber, und für die Fensterläden und Winterfenster war ein umlaufender Falz eingearbeitet. Dieser Falz ist mit dem Verputz nun zugedeckt worden, weshalb die Balken nicht mehr in voller Breite erscheinen. Im Schadenkartierungsplan im vorangehenden Beitrag ist dort deshalb ein grüner Punkt eingetragen. Dasselbe Detail hatte ich mal am Haus Salzgasse 21 in Limburg an der Lahn erklärt: APH-Beitrag, nach dem zweiten Bild.




    2.og-rechts.jpg

    6. Ausschnitt aus dem 2. Obergeschoss rechts (Anbau).


    Die Brustriegel wurden oben abgeschrotet. Die beiden Pfosten weisen auch wieder die Verjüngung eines Pfostens im Feld darunter auf (s. Abb. 4). Beides könnte auf einen einstigen Fenstererker hinweisen. Aufgrund des Balkenbildes vermute ich, dass rechts ein Zwillingsfenster sass (anstelle des heutigen Fensters und der beiden hochformatigen Gefache) und links nachträglich ein Fenster herausgebrochen wurde, das heute aber wieder zugemauert ist. Der Rähm und die Schwelle darüber sehen nach abgebeilten Oberflächen aus. Vermutlich waren sie einst profiliert und beim Verputzen des Fachwerks abgebeilt worden.




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    7. Ausschnitt aus dem 3. Obergeschoss Mitte (Kernbau).


    Man erkennt hier wiederum an den Balkenverdünnungen ein zugemauertes Fenster samt Oblicht. Sein rechter Pfosten weist an der rechten Kante eine weitere Verjüngung auf, was auf eine Fortsetzung des ursprünglichen Fensters nach rechts hinweist - möglicherweise also ein 'Kreuzstockfenster'. Der Pfosten links von der Strebe und dem Kopfwinkelholz ist unten sehr schadhaft und oben mit einer Gewindestange und Flacheisen an die Decke zurückgebunden worden. Seine Lage in Kombination mit Streben weist ihn als Bundpfosten aus. Möglicherweise bestanden links ebenfalls eine Strebe und ein Kopfwinkelholz.




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    8. Ausschnitt aus dem Dachgeschoss rechts (rechts davon folgt das 4. Obergeschoss des Anbaus).


    Ein wunderbares, noch zusammenhängendes Wandfeld! In der Mitte ist ein weiteres zugemauertes Fenster ersichtlich (Verjüngungen vor allem links und oben erkennbar). Das Gefach darüber war sicher kein Oblicht, denn es hat nirgends einen Falz, der von Verputz verdeckt ist.



    Sucht man nun eine ganze Fassade nach solchen Details und Befunden ab, fällt es einem leichter, ursprüngliche Wandpartien von den umgebauten Wandpartien unterscheiden zu können. Auf diese Weise entstand die nächste Abbildung:


    Ausbruch.jpg

    9. Seitenfassade mit gelb bezeichneten jüngeren Bauteilen.


    Bei einer realen Rekonstruktion des Fachwerks müssten alle gelb unterlegten Partien herausgebrochen werden (die zugemauerten originalen Öffnungen sind nicht gelb unterlegt und müssten selbstredend auch wieder herausgebrochen werden). Durch den Ausbruch würden die Holzzapfenlöcher der ursprünglichen Balken sichtbar, und erst anhand dieser kann das Balkenwerk genau rekonstruiert werden. Freilich würde man vom Gerüst aus auch Holznagelköpfe an denselben Stellen sehen, was eine zeichnerische Rekonstruktion noch vor dem Ausbruch zulassen würde. Aber nicht bei jeder Balkenverbindung wurde ein Holzsicherungsnagel eingeschlagen, weshalb die Eruierung der Holznagelköpfe allein noch nicht zum Resultat führt.


    Um Euch nicht auf die lange Folter zu spannen, folgt der zweite Rekonstruktionsversuch bereits jetzt, wird aber erst im folgenden Beitrag erläutert.



    Rekonstruktion-2.jpg

    10. Zweiter Rekonstruktionsversuch.