Baugeschichtliche Rekonstruktion des 1958 abgebrochenen Hauses "Zum Weinfalken" an der Metzgergasse 2 in St. Gallen

  • Anhand eines Beispiels aus St. Gallen möchte ich zeigen, wie die Baugeschichte verschwundener Gebäude erforscht werden kann. In den Strängen "Fachwerkbauten in Frankfurt a. M." sowie "Fachwerkbauten in Nürnberg" im APH habe ich schon mehrere Beispiele vorgestellt, ohne aber den Weg aufzuzeigen, wie ich zu den Ergebnissen gekommen bin. Diesen Weg möchte ich hier nun Schritt für Schritt erläutern.



    Oft findet man in alten Familien-Fotoalben oder in losen Fotosammlungen alteingesessener Geschäfte Fotos, welche einen Stammsitz während des Abbruchs zeigen. Solche Bilder können wahre Leckerbissen für die baugeschichtliche Forschung sein, aber nur solange, als Gebäude noch von Hand abgebrochen wurden.


    Ein sehr altertümliches Gebäude am Marktplatz/Bohl in St. Gallen, welches im Juli 1958 abgebrochen worden war, hatte schon lange meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Schon lange beabsichtigte ich, bei den jetzigen Geschäftseigentümern mal nachzufragen, ob sie eventuell noch Fotos vom Abbruch des Hauses besitzen. Nun kam es so, dass im Sommer 2008 das Ladengeschäft umgebaut und auf die Bauabschrankung just eine solche Fotografie projiziert wurde. Diese zeigte das 3. Obergeschoss sowie den Dachstuhl in völlig entkerntem Zustand, also nur noch mit dem übriggebliebenen Balkenskelett. Eine Nachfrage beim Geschäftsinhaber förderte noch drei weitere Ansichten zutage, welche das innere des Dachstuhles festhalten. Weitere Fotos fanden sich im Archiv der Kulturdenkmälerinventarisation des Kantons St. Gallen. Die Fotos beider Fundorte gehen auf den ersten kantonalen Denkmalpfleger des Kantons, Walter Fietz, zurück. Er war seiner Zeit weit voraus, indem er den Wert der bauhistorischen Forschung am Objekt und die Analysierung historischer Baustoffe schon in den 1960er-Jahren favorisierte. Dank seinen Fotografien war es erst möglich, fünfzig Jahre nach dem Abbruch dieses Hauses die Baugeschichte zu erforschen.



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    1) Der "Weinfalken" kurz nach der letzten Renovation ca. 1940 (Photo Ryser & Treuer, St. Gallen).



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    2) Ausschnitt aus einer Photographie vom Abbruch des "Weinfalkens" im Juli 1958, auf Bauvorhang 2008 (Photo W. Fietz, 1958).


    Mittels einer starken Ausschnittsvergrösserung hoffte ich, Licht in die Entstehungsgeschichte dieses Balkenwirrwarrs bringen zu können. Handskizzen einzelner Partien führten nicht zum erhofften Ergebnis, sodass nur noch eine komplette Durchzeichnung und anschliessende Einfärbung konstruktiv zusammenhängender Balken in Frage kam. Auch starke, jahrhundertealte Setzungen im Innern des Hauses liessen dessen geometrische Rekonstruktion nicht befriedigend aufzeigen.


    Die weitere Beschäftigung mit dem Haus führte aber zur Entdeckung einer äusserst spannenden Baugeschichte, und es zeigte sich, wieviele baugeschichtliche Detailinformationen solche Abbruchphotos preisgeben können. Der Werdegang einer solchen baugeschichtlichen Erforschung eines Hauses soll hier Schritt um Schritt aufgezeigt werden.

  • 1. SITUATION



    Die Liegenschaft befindet sich an der Ecke Goliathgasse/Metzgergasse. Beide Gassen gehören zur ersten und einzigen Stadterweiterung, dem St. Mangenquartier (früher Ira-Vorstadt oder mindere Stadt), welches zu Beginn des 15. Jahrhunderts in die Stadtbefestigung einbezogen wurde. Die Goliathgasse dürfte allerdings auf einen Weg zurückgehen, welcher seit dem 9. Jahrhundert vom Kloster zur St. Mangenkirche hinauf führte.



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    3) Ansicht der Stadt St. Gallen von Osten nach Merian, vor 1638. Links die obere Altstadt mit der Klosteranlage, rechts die später ummauerte Ira-Vorstadt.


    Im Bereich zwischen oberer Altstadt und St. Mangenquartier etablierten sich ab dem 15. Jahrhundert öffentliche Gebäude wie Rathaus, Metzg, Kornhaus, Zeughaus und Waaghaus. Der mittelalterliche Marktplatz befand sich damals noch ganz auf dem Boden der oberen Altstadt und nahm die ganze Marktgasse ein, welche sich zum Rathaus hin trichterförmig verbreiterte. Mit dem ersatzlosen Abbruch des Rathauskomplexes zwischen 1865 und 1877 büsste die Marktgasse ihre Platzwirkung ein und geht seitdem "formlos" in den heutigen Marktplatz und Bohl über.


    Um die Metzg und das Kornhaus, welche im Sichtbereich des "Weinfalkens" lagen, fand der Rindermarkt statt, und erst im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mutierte dieser durch den Abbruch der spätmittelalterlichen, öffentlichen Bauten zum heutigen Marktplatz.


    Man darf annehmen, dass die Liegenschaft des "Weinfalkens" schon vor dem letzten Stadtbrand von 1418 überbaut war. Einerseits führte hier bereits seit einem halben Jahrtausend der Weg zur St. Mangenkirche vorbei, und die Goliathgasse selbst war eine der wichtigsten Ausfallstrassen der Stadt, durch welche der Verkehr in Richtung des Kantons Thurgau und weiter nach Konstanz führte.

  • 2. SAMMLUNG UND SICHTUNG VON ABBILDUNGSMATERIAL



    Aus der Schlussfolgerung des oben Geschriebenen könnte man sehr viel Bildmaterial erwarten. Doch bereits die Stadtprospekte ab dem späten 16. Jahrhundert, welche alle von Osten her aufgenommen wurden, zeigen das Haus nur von einer Seite.



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    4) Ausschnitt aus dem Planprospekt von M. Frank, 1596.

    5) Ausschnitt aus dem Kleinen Pergamentplan, 1671.


    Die Erforschung dieser Stadtprospekte zeigte, dass der älteste von ihnen, der Planprospekt von Melchior Frank von 1596, sowie der 'Kleine Pergamentplan von 1671' die Häuser schon sehr genau festhielten! Beide zeigen ein zur Goliathgasse hin traufständiges, dreigeschossiges Haus mit einem Quergiebel. Gegen die Metzgergasse zu wandte es seine Giebelseite, und dahinter befand sich ein mit einer Mauer eingefasster Garten.




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    6) Ausschnitt aus einer Radierung von J. C. Mayr, um 1790.


    Zudem existiert eine um 1790 entstandene Reihe von Umrissradierungen von J. C. Mayr, welche einzelne Strassen und Plätze der Stadt zeigt. Auf einer dieser Radierungen, welcher von der Goliathgasse westwärts in Richtung Metzg und Kornhaus aufgenommen wurde, ist der "Weinfalken" am rechten Bildrand festgehalten. An vor-fotografischen Ansichten gibt es also lediglich diese drei verlässlichen Abbildungen des Hauses!



    Photographische Ansichten ab den 1890er Jahren werden dann sehr zahlreich, da sich in den Jahren davor der Rindermarkt zum zentralsten Platz der Stadt entwickelte, dem heutigen Marktplatz und anschliessenden Theater- oder Hechtplatz (heute Bohl).



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    7) Bohl Richtung Osten; links die Häuserzeile am ehemaligen Rindermarkt, heute Marktplatz, davon die ersten fünf Häuser von rechts her 1954 abgebrochen; in der Mitte der "Weinfalken"; rechts Hotel Hecht, bis auf einen Teil der Fassade abgebrochen 1990; rechts angeschnitten Stadttheater, abgebrochen 1971 (Foto Gross, St. Gallen, um 1940).




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    Selbe Ansicht wie oben (Foto Gross, St. Gallen, zw. 1955 und 1958).




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    9) Ansicht von der Marktgasse/Marktplatz in die Goliathgasse (Foto Gross, St. Gallen, um 1940).




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    10) Ansicht des "Weinfalkens" und der anschliessenden Gebäude Goliathgasse 1 - 5 mit Blick in die Metzgergasse (Ansichtkarte ohne Verlagsangabe, vor 1905).




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    11) Ansicht wie oben heute (Januar 2008).

  • 3. PLANUNTERLAGEN



    Im Archiv der städtischen Bauverwaltung sind ab der Zeit von 1860/1870 alle Baueingabepläne praktisch lückenlos vorhanden. Da die Gebäude der Altstadt früher selten totale Umbauten erfuhren, sind von diesen kaum Aufnahmepläne vorhanden, da nur die von Umbauten betroffenen Teile gezeichnet wurden. Erste schematische, aber für die Forschung immerhin brauchbare Unterlagen liefern die Kanalisationspläne ab etwa 1900, bei denen in die Grundrisse und Schnitte die Kanalisationsleitungen eingezeichnet wurden.


    Einen Besuch des Bauarchivs habe ich ausnahmsweise auf später verschoben, da sich die Untersuchung in einem ersten Schritt auf das 3. Obergeschoss und Dachgeschoss beschränken wird, und erst in einem zweiten Schritt das Erd- bis 2. Obergeschoss einbezogen werden sollen. Da das Gebäude ab der Mitte des 19. Jahrhunderts keine nennenswerten Umbauten erfuhr, vermute ich, dass ausser Ladenumbau- und Kanalisationsplänen kaum andere vorhanden sind. Somit statte ich dem Bauarchiv erst vor dem zweiten Schritt einen Besuch ab.

  • 4. ÜBERLEGUNGEN ZUR GEBÄUDEFORM UND BAUWEISE



    a) Gebäudeform:


    Die Dachform des "Weinfalkens" war höchst eigenwillig und wahrscheinlich das besondere Merkmal des Hauses. Es empfiehlt sich, als erstes das Haus von verschiedenen Seiten her aufzuzeichnen, um die Dachform zu verstehen oder deren Entstehung zu begreifen. Zur Vervollständigung der fotografischen Ansichten sei jedoch ein älterer Fotoausschnitt mit abgebildeter Rückseite vorangestellt:



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    12) Rückseitige Dachfläche gegen Nordwesten (mit den drei kleinen Dachlukarnen und ausgelegter Bettwäsche). Ausschnitt aus einer Stadtansicht von 1889 (ganze Fotografie siehe Abb. 62 dieses Beitrages).



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    13) Der "Weinfalken" im Zustand bis zum Abbruch 1958. Links: Rückansicht von Westen; rechts: Vorderansicht von Südosten.


    In der St. Galler Altstadt herrscht die geschlossene Bauweise mit traufständigen Fassaden vor. Eckgebäude zeigen zur Seitenfassade hin in der Regel einen Giebel. Die Traufseite des "Weinfalkens" war gegen die Goliathgasse gerichtet, und das Pendant dazu, aber um ein Geschoss niedriger, gegen den Hof an der Metzgergasse. Die Traufe an der Seite gegen die Metzgergasse, wo eigentlich eine Giebelwand erwartet würde, rührte von einer abgewalmten Dachfläche her. An dieser Seite befand sich auch der Hauseingang, weshalb das Haus zur Metzgergasse gezählt wurde.


    Von der Rückseite gibt es nicht so viele Ansichten, weshalb ich einen Ausschnitt einer Stadtansicht von 1889 zeige. Bis zum Abbruch des Hauses gab es hier keine Veränderungen. Die Dachneigung der Rückseite war einheitlich, während die Dachfläche der Vorderseite kurz unterhalb des Firsts einen Einwärtsknick aufwies. Solche Knicke deuten meistens auf eine nachträgliche Aufstockung hin (im zweiten Bild des ersten Beitrags kann man in der Seitenwand eine ältere Dachschräge bereits erkennen). Auf der Rückansicht von 1889 sieht man zudem deutlich, dass der "Weinfalken" nicht ein Eckgebäude war, sondern ein Kopfbau, welcher die Häuserreihe an der Goliathgasse abschloss. Somit ist das Satteldach mit einem Halbwalm gegen die Metzgergasse verständlich.


    Auch der Dreiecksgiebel an der Vorderseite war eher ungewohnt. Es handelte sich nicht um einen klassizistischen Bekrönungsgiebel, denn dafür hatte er zu viele Unregelmässigkeiten. Der grossen Auskragung wegen könnte er das Überbleibsel einer ehemaligen Aufzugslukarne gewesen sein.


    Die folgende Rekonstruktionsskizze dient erst mal als Arbeitshypothese. Sie entstand aus den oben beschriebenen Vermutungen (nachträgliche Teilaufstockung, Aufzugsgiebel) sowie mit Basiswissen aus langjähriger Erforschung der Altstadt. Es gilt nun, nach baugeschichtlichen Hinweisen zu suchen, welche diese Hypothese untermauern oder gar zu einem andern Resultat führen. Auch Vergleiche mit andern Gebäuden sind unumgänglich.



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    14) Der "Weinfalken" von Südosten im hypothetischen Urzustand.




    b) Grundriss


    Dieser war leicht trapezoid bei parallelen Giebelwänden. Der zugehörige Hof an der Metzgergasse war teilweise mit Ökonomiegebäuden überbaut und erst um 1905 mit einem eigenständigen Gebäude überbaut worden. Eine Restfläche dieses Hofes bestand aber noch bis zum Abbruch des "Weinfalkens", da seine Rückseite befenstert war.


    Beim Neubau 1958 erfolgte eine Arrondierung zugunsten einer Verbreiterung der Metzgergasse. Im Gegenzug durfte dafür die Vorderfassade breiter ausgeführt werden, und auch der restliche Hofraum wurde nun vollständig überbaut. Bereits bei der Überbauung des Hofes um 1905 erfolgte eine Rücknahme der Baulinie an der Metzgergasse.




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    15) Überlagerung des ersten Vermessungsplanes von 1863 (unscharf, farbig) mit dem Katasterplan von 2008 (scharf, grau getönt).




    c) Bauweise:


    Auf dem Abbruchfoto im ersten Beitrag kann man erkennen, dass das Gebäude mindestens ab dem 3. Obergeschoss vollständig in Fachwerk aufgeführt war. Betrachtet man die schlanken Fensterpfosten der ersten beiden Obergeschosse, so wird auch hier klar, dass die Aussenwände nicht massiv gebaut gewesen sein konnten, sondern ebenfalls nur in Fachwerk (Blockbau kann ausgeschlossen werden, da solcher in der Altstadt noch nie nachgewiesen wurde, wohl aber ausserhalb der Altstadt). Zudem war auch die Fassadengliederung mit Lisenen und Gurtsimsen aus Holz ausgeführt. Über das Erdgeschoss kann bezüglich der Bauweise keine Aussage gemacht werden, da hier Öffnungen unterschiedlicher Bauepochen vorhanden waren. Die bogenförmigen Abschlüsse des Hauseinganges und Kellerabganges auf der Seite der Metzgergasse allein beweisen noch keine durchgehend massiven Erdgeschosswände. Diese Feststellungen finden mindestens für den Zustand um 1790 in der Ansicht Mayrs (Abb. 6) ihre Bestätigung.

  • 5. DIE FOTOSERIE VON WALTER FIETZ VOM JULI 1958



    Wie bereits in der Einleitung erwähnt, war der Auslöser für die baugeschichtliche Erforschung von Metzgergasse 2 eine 2008 auf eine Bauabschrankung projizierte Fotografie vom Abbruch des Hauses. Diese und weitere Fotos des Hauses befanden sich im Geschäftsarchiv des seit Jahrzehnten hier domizilierten Brillen- und Optikfachgeschäfts Ryser. Weitere Recherchen führten zum Urheber der Fotografien, Walter Fietz. Er war der erste Denkmalpfleger des Kantons St. Gallen in den 1960/70er-Jahren und dokumentierte offenbar schon vor seinem Amtsantritt historische Häuser, die dem Abbruch oder einem tiefgreifenden Umbau anheimfielen. Im Archiv der Denkmalpflege des Kantons liegen noch weitere Fotos aus dieser Reihe von Fietz. Insgesamt machte er vier Aufnahmen während den Vorbereitungsarbeiten zum Abbruch, zwei während der Entkernung des 3. Ober- und beider Dachgeschosse und drei während des Abbruchs des 3. Obergeschosses. Drei weitere Fotos , welche aber nicht explizit beschriftet waren, zeigen den Innenraum des Dachstuhles.


    Mit Hilfe dieser Fotos sollte es möglich sein, die Baugeschichte wenigstens ab dem 3. Obergeschoss zu eruieren. Weitere Überlegungen galten den drei Aufnahmen aus dem Estrich: stammen sie wirklich aus dem "Weinfalken", und welche Partie zeigen sie?


    Ein reines Beobachten und abskizzieren der Balkenkonstruktion aus den diversen Aufnahmen führte der Komplexität wegen nicht zum Ziel. Aussichtsreicher schien es, das Balkenskelett auf einer starken Vergrösserung einer der Aufnahmen auf dem Computer nachzuzeichnen, anschliessend zu ergänzen und zu analysieren. Für die Ergänzung verdeckter und unklarer Stellen halfen die restlichen Aufnahmen. Zum Glück sind die Aufnahmen so scharf, dass sogar Balkenverbindungen relativ genau ermittelt werden konnten.




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    16) Ausschnitt aus der Südostfassade gegen die Goliathgasse. Die Fassaden waren durch Lisenen und Gurtbänder aus Holz gegliedert. Eine solche Gliederung ist heute nur noch beim Haus Auf dem Damm 10 vorhanden und bis 1990 bei Schwertgasse 21, bevor das Fachwerk freigelegt wurde. Die einzelnen Fenster der beiden Reihenfenster sind unterschiedlich breit, was wohl auf eine beabsichtigte Gestaltung zurückgeht, und weniger auf konstruktive oder baugeschichtliche Gründe.




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    17) Die Baustelleneinrichtung beginnt. Was heute leicht mit Schuttrohren aus Kunststoff und Baumulden bewerkstelligt wird, musste damals noch aus Holz gezimmert werden. Unter den Metalltrichter konnten die Lastwagen durchfahren.




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    18) Die eigenwillige Dachform an der südlichen Ecke gegen die Metzgergasse.




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    19) Blick von der Marktgasse her.




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    20) Diese Fotografie wurde 2008 auf den Bauzaun projiziert. Sie ist auch geeigneter für eine Durchzeichnung des Balkenskeletts als die nächste Aufnahme. Man beachte auch den Baukran, der so aufgestellt wurde, dass die Autos unter ihm weiter in die Metzgergasse durchfahren konnten. Seine Gegengewichte bestanden nicht wie heute aus Betonteilen, sondern aus kurzen Eisenbahnschienenstücken, die von Hand eingefahren werden mussten. Zusätzlich musste die Seitenwand mit mehreren Balken gegen Umkippen gesichert werden.




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    21) Dank leicht verändertem Aufnahmewinkel ergänzt diese Foto die vorangehende Aufnahme. Für eine Durchzeichnung ist sie weniger geeignet, da der Baukran einen Teil verdeckt und auch die Aufsicht auf das Dach weniger günstig ist.




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    22) Das 3. Obergeschoss ist bereits teilweise abgetragen. Die schon auf der Bauabschrankung (respektiv Bild 21 und 22) erkannte ältere Dachschräge zeigt sich an weiteren Stellen. Der Abbruch dürfte deshalb schwierig gewesen sein, weil im 3. Obergeschoss Teile eines älteren Dachstuhls vorhanden waren, die zudem konstruktiv mit dem darüberliegenden Dachgeschoss verbunden waren (siehe den hochaufragenden Firststud mit angeblattetem Kopfband).




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    23) Auf dieser Aufnahme finden sich vielleicht Spuren der früher auskragenden Aufzuglukarne.




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    24) In dieser Form dürfte sich der "Weinfalken" in der Mitte des 15. Jahrhunderts präsentiert haben, als dem älteren Kernbau ein neues Dach mit Halbwalm aufgesetzt wurde. Die ehemalige Mittelpfette blieb als stark durchhängendes Tragelement des nachträglich aufgesetzten 3. Obergeschosses erhalten.




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    25) Falls die Aufnahme wirklich aus dem "Weinfalken" stammt, kann nur das 1. Dachgeschoss abgebildet sein, denn über dem 2. Dachgeschoss bestand kein Kehlboden mehr. Die Blattverbindung des Fussbandes und der ins 2. Dachgeschoss durchgehende Pfosten passen zu den auf den Abbruchfotos festgestellten Konstruktionsdetails.




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    26) Die Verbindungstreppe ins 2. Dachgeschoss. Oben rechts ein verziertes Sattelholz.




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    27) Anhand der beiden unterschiedlichen Dachneigungen kann hier schnell die südöstliche Dachfläche im 2. Dachgeschoss ausgemacht werden. Rechts führt der niedrige Estrichraum zum Giebeldreieck an der Hauptfassade. Es handelt sich also um das Dächlein des einstigen Aufzuggiebels. Da sich das Haus insbesondere im vorderen Bereich im Lauf der Jahrhunderte zur Metzgergasse neigte, entstand zum Nachbarhaus Goliathgasse 1 hin ein Hohlraum, in welchem die im Hintergrund sichtbaren Klosterziegel aufgebeigt wurden. Die Aufnahme zeigt also Richtung Nordosten. Damit ist auch die Blickrichtung bei Abbildung 26 gegeben.

  • 6. AUSWERTUNG DER ABBILDUNG 20 DURCH NACHZEICHNEN



    Als nächster Schritt erfolgt eine Nachzeichnung des Balkenskeletts aus der Abbruchfotografie (Abb. 20). Dabei dürfen unsichtbare oder unklare Details keinesfalls ergänzt werden! Ebenso muss beachtet werden, dass im Rahmen der Abbrucharbeiten einige Balken wie Sparren oder Deckenbalken aus ihrer ursprünglichen Lage bereits verschoben sein können. Bei Unklarheiten liegt immer auch der vergrösserte Ausschnitt aus Abbildung 21 vor Augen, die ja gleichzeitig mit ein paar Metern Abstand aufgenommen worden war. Sie dient zusammen mit Abbildung 20 als eine Art stereometrisches Bildpaar und leistet wertvolle Dienste.




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    28) Ausschnitt aus Abb. 20. Vergrösserung.




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    29) Ausschnitt aus Abb. 21.




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    30) Nachzeichnung des Balkenskeletts.



    Nach dem Herauskopieren der Nachzeichnung kommt man zu folgendem Resultat:



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    31) Herauskopierte Nachzeichnung mit Fehlstellen.



    Mit Hilfe weiterer Photos werden unsichtbare und unklare Details ergänzt:



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    32) Nachzeichnung mit ergänzten Fehlstellen.



    Und jetzt folgt der spannendste Schritt, indem Ordnung in dieses Wirrwarr von Balken gebracht wird. Zusammengehörende Balken werden in der gleichen Farbe eingefärbt, für den hypothetischen Kernbau rot, für die vermutete Aufstockung gelb, sowie für die Front anstelle der ehemaligen Aufzugslukarne blau:



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    33) Auswertung der Nachzeichnung mit eingefärbten Bauetappen.


    Man müsste jetzt für diesen letzten Schritt viele Erklärungen dazuschreiben, was aber den Rahmen hier sprengen würde. In einer wissenschaftlichen Arbeit wäre dies unbedingt erforderlich. Ich verstehe diesen Schritt aber vielmehr in einer Annäherung an die Baugeschichte des "Weinfalkens", und er dient vor allem dem Kennenlernen der Baustruktur und der Balkenverbindungen. Erst jetzt ist es zusammen mit dem Wissen aus Bauuntersuchungen anderer Gebäude möglich, Vergleichsbeispiele heranzuziehen und Rückschlüsse daraus zu ziehen, respektive den 'Einfärbeversuch' zu untermauern

  • 7. REKONSTRUKTION DES DACHSTUHLS



    Gleichzeitig mit der Suche nach Vergleichsbeispielen beschäftigte ich mich weiter mit der Rekonstruktion des Dachstuhls. Im Hinterkopf waren diese Vergleichsbeispiele bereits präsent, und da kamen von den spezifischen Balkenverbindungen und der Dachform her verschiedene Beispiele in Frage. Insbesondere Dachstühle mit Halbwalmen und solche mit Firststüden und Firstpfetten waren von Interesse. Diese Dachstühle weisen vor allem Blattverbindungen auf und konnten in den letzten dreissig Jahren zwischen 1450 und 1530 dendrodatiert werden. Liegende Dachstühle kamen für einen Vergleich nicht in Frage, da solche keine Firststüde und Firstpfetten aufweisen. Diese setzen in St. Gallen erst um 1500 ein (jüngst datiert: "Die Falkenburg", 1497/98 als Blockbau(!) mit liegendem Dachstuhl errichtet) und weisen Blatt- als auch Zapfenverbindungen auf.



    a) Definition der Geschossbezeichnungen:


    Aus den Bildern in den ersten Beiträgen geht hervor, dass der "Weinfalken" ein Erd- und drei Obergeschosse hatte. Darüber folgte ein Dachgeschoss (die Hahnenbalken unterhalb der Firstpfette unterteilten dieses nicht in zwei Geschosse). Aus der Nachzeichnung ist sofort ersichtlich, dass das 3. Obergeschoss nur aus einer Teilaufstockung zu beiden Seiten des Quergiebels entstand. Gegen die Metzgergasse bestand es aus der trapezförmigen Giebelwand unter dem Halbwalm. Gegen den Hof setzte das Dach bereits über dem 2. Obergeschoss an. Das 3. Obergeschoss bestand also bis zum Abbruch aus dem Ausbau eines ursprünglichen Dachgeschosses, das im Wesentlichen weiter als Lagergeschoss mit Abstellräumen und bewohnten Mansarden genutzt wurde. Ich definiere daher das vermeintlich 3. Obergeschoss neu als 1. Dachgeschoss, um Unklarheiten in der künftigen Beschreibung vorzubeugen. Darüber folgt nur noch das 2. Dachgeschoss. Insbesondere sei auf die Abbildungen 13 und 14 verwiesen.



    b) Merkmale des Kerndachstuhls:


    Das Giebelwandtrapez besteht aus drei mit Fuss- und Kopfbändern ausgesteiften Ständern. Über dem vordersten Ständer liegt eine Mittelpfette. Zwei Sparren bilden die Abschlüsse des Trapezes. Die Schwelle ist auf den Abbruchfotos nicht sichtbar, und damit auch die Fusspunkte der Ständer und Sparren nicht. In der Annahme, dass die durch zwei Riegelketten gebildeten drei Gefachfelder alle etwa gleich hoch waren, und aus der Lage des Fussbandes am mittleren Ständer kann die Höhenlage der Schwelle angenommen werden. Die Schwelle fungierte bei solchen Dachstühlen gleichzeitig auch als Deckenbalken und Rähm des darunterliegenden Geschosses.



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    34) Hervorgehobene Balken des Kerndachstuhls.


    Wenn man nun diese Schwelle respektive Deckenbalken in der ganzen Hausbreite als Balkenlage über dem 2. Obergeschoss ergänzt, sieht man, dass diese ins Fensterlicht zu liegen kommt (feine rote Linien). Tatsächlich lagen die Deckenbalken der beiden seitlichen Aufstockungen etwa 40 cm höher. Diese wiederum stimmen auffallend mit der Ausbruchkante des Mauerwerks über dem 2. Obergeschoss überein (vgl. mit Abb. 30). Diese Ausbruchkante läuft bis zur Rückfassade durch; nur in der Mitte, wo wahrscheinlich das Treppenhaus lag, liegt die Abbruchkante tiefer. Diese tiefere Kante könnte ein Hinweis auf die zugehörende Schwelle sein, den die drei Gefachfelder darüber wären gleich hoch.


    Daraus kann postuliert werden, dass wohl gleichzeitig mit der Teilaufstockung die ganze Decke über dem 2. Obergeschoss um 40 cm höher gelegt worden war. Die ursprüngliche Höhe des 1. Dachgeschosses muss gut drei Meter betragen haben und jene des 2. Obergeschosses nur etwa 2.3 Meter. Somit wurde das Haus in der Tiefe lediglich noch von beiden Randdeckenbalken in den Giebelwänden und vielleicht einem weiteren über einer Raumtrennwand zusammengehalten.


    Verfolgt man diese Annahme weiter, kann auf den Fusspunkt der Sparren geschlossen werden. Diese liefen weder als Rafen über die Fassadenflucht hinaus und bildeten das Vordach, noch waren sie mit den Deckenbalken verblattet und bildeten so das Vordach. Vielmehr mussten sie innerhalb der Fassadenflucht in die Deckenbalken eingezapft gewesen sein, und mittels Aufschieblingen wurde dann das Vordach gebildet.


    Die Firstpfette lag auf zwei Ständern und war mit diesen durch zwei Kopfbänder verbunden. Der Ständer in Hausmitte blieb trotz weitgehend abgebrochenen Dach (vgl. Abb. 24) eine Zeit lang stehen. Sehr wahrscheinlich handelte es sich um einen Firststud, der durch beide Dachgeschosse hindurch verlief. Dasselbe wäre bei seinem Pendant in der Haustrennwand gegen Goliathgasse 1 zu vermuten.


    Der ehemalige Aufzuggiebel war konstruktiv mit dem Dachstuhl verbunden. Seine ungewöhnliche Höhe stimmte mit der Dachgeschosshöhe überein. Zwei über die Mittelpfette hinauslaufende Kehlbalken bildeten gleichzeitig den Abschluss der seitlichen Giebelwände und die Basis für das Satteldächlein. Einen nachträglich aufgesetzten Aufzuggiebel hätte man kaum so hoch ausgeführt.



    c) Beschreibung des Kerndachstuhls:


    - Satteldach mit einseitigem Halbwalm und Aufzuggiebel

    - dreifach stehender Dachstuhl, wovon der mittlere Stuhlbinder aus acht Meter hohen Stüden gebildet wird

    - Dachflächen aus neun Sparrenbindern und unten eingezapften Sparren mit Aufschieblingen

    - Walmsparren vermutlich mit Sparrenschuhen verblattet und dem Giebeltrapez aufgelegt.



    d) Rekonstruktion des Kerndachstuhls:


    Die Darstellungsweise erfolgt immer noch auf Grundlage der Nachzeichnung aus der Fotografie. Die rückwärtigen, auf der Fotografie verdeckten Bauteile wurden mit den angenommenen Verformungen ergänzt.



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    35) Rekonstruktion des Dachstuhls des Kernbaus mit den drei hervorgehobenen Stuhlbindern.



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    36) Rekonstruktion des Dachstuhls des Kernbaus


    Da der Blickwinkel jener von der Strasse aus ist, sind Teile des Dachstuhls nicht sichtbar, und es empfiehlt sich für die Weiterarbeit eine axonometrische Darstellung von oben und ohne Verformungen. Auch eine Plandarstellung käme jetzt schon in Frage (Bleistift und Papier lagen immer bereit und waren unabdingbare Hilfen für die bisherige Arbeit).

  • 8. AUSWERTUNG DER DREI INNENAUFNAHMEN DES DACHSTUHLS



    Nun sollte es auch möglich sein, die drei nicht näher bezeichneten Innenaufnahmen des Dachstuhls zu lokalisieren und auszuwerten. Die Frage, ob sie tatsächlich aus dem Weinfalken stammen, wurde schon in Kapitel 5 bei zwei Fotos bejaht. Die Lokalisierung der dritten Fotografie bereitete einiges Kopfzerbrechen, aber aufgrund der Fotoqualität und von zwei Details (Blattverbindung, mehrgeschossiger Ständer) stammt sie mit grosser Wahrscheinlichkeit auch aus dem Weinfalken.



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    37) 2. Dachgeschoss gegen Nordosten.


    Den frei im Raum liegenden Sparren einer älteren Dachschräge sind flacher geneigte Sparren (richtig wäre die Bezeichnung "Rafen") einer Aufstockung aufgelegt. Nach rechts geht es in einen niedrigen Dachraum, zu dessen Seiten zwei mit ausgemauertem Fachwerk eingefasste Kammern bestehen. Diese Kammern gehören konstruktiv zur flacheren Dachschräge. Die ganze Situation stimmt mit der südöstlichen Dachfläche gegen die Goliathgasse überein, wenn man sie mit Abbildung 33 vergleicht (der Blick geht dort von links nach rechts unter den gelb bezeichneten Sparren/Rafen). Der niedrige Dachraum rechts ist demnach das Satteldächlein des einstigen Aufzuggiebels. Das Fehlen eines Fensters in der Giebelwand spricht ebenfalls dafür, da hier das Nachbarhaus Goliathgasse 1 anschliesst. Die Fotografie zeigt demnach das 2. Dachgeschoss in Richtung Nordosten. Die beiden Kammern wurden durch die beiden Lukarnen seitlich des Dreieckgiebels belichtet.


    Ein Augenmerk richtete ich auch auf den durchhängenden Boden aus breiten Dielen, welche quer zum darunterliegenden Kehlgebälk aufgenagelt sind. Beim Treppenausschnitt erkennt man, dass dieser Boden nachträglich leicht aufgeschiftet worden ist; möglicherweise zur Zeit der Aufstockung.




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    38) Treppe vom 1. ins 2. Dachgeschoss gegen Südosten.


    Die zweite Aufnahme zeigt die Treppe vom 1. ins 2. Dachgeschoss. Im Hintergrund oben erkennt man die Tür zur Dachkammer im ersten Bild, ebenso stimmen auch die Geländer überein. Rechts von der Treppe sieht man die Deckenkonstruktion mit den Kehlbalken und querverlaufenden Bodendielen. Nur das geübte Auge wird auch hier wiederum die Schiftung erkennen. Die Balkenverzierung (17./18. Jh.) rechts oben gehört zu einem Sattelholz, das einen quer zum Kehlgebälk verlaufenden Unterzug trägt. Wahrscheinlich ist es derselbe wie in Abbildung 39 rechts, aber in Gegenrichtung.




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    39) 1. Dachgeschoss gegen Westen.


    Diese Aufnahme bereitete nun Kopfzerbrechen. Auf Grund der Decke konnte es sich nicht um das 2. Dachgeschoss handeln, das bis zum First reichte, und auch kaum um eine Aufnahme aus den ersten beiden Obergeschossen, deren Decken wahrscheinlich alle vergipst waren. Somit blieb nur noch das 1. Dachgeschoss - unter der Annahme, dass die Fotografie überhaupt aus dem Weinfalken stammte.


    Dass es sich um eine verwandte Konstruktion wie jene des Weinfalkens handelte, zeigt die Strebe an der Decke mit einem schwalbenschwanzförmigen Blatt - also ein angeblattetes Fussband. Der Pfosten rechts läuft ins obere Geschoss hinein und wurde offensichtlich mit der Strebe gesichert. Durch zwei Geschosse verlaufende Pfosten auch im Dachbereich sind für die Bauten des 15. und frühen 16. Jahrhunderts in St. Gallen nicht unüblich.


    Im Hintergrund sieht man ein Fenster - also müsste das Bild eine Partie nahe der Giebelwand zur Metzgergasse in Richtung Süden zeigen. Die Richtung der Bodendielen kann aber kein Indiz zur Richtungsbestimmung der darunter liegenden Balkenlage sein, denn oft wurde ein neuer Boden direkt auf den alten genagelt und vorher noch eine Schiftung angebracht. Die Dielen können dabei parallel oder kreuzweise auf die alten gelegt worden sein. Dass der Boden effektiv mal ausnivelliert worden ist, erkennt man an der fehlenden Durchbiegung im Vergleich mit dem Unterzug.


    Nun folgt ein Blick auf die Richtung der Deckenbalken respektive Kehlbalken. Die Richtung von Deckenbalken verläuft bei reinen Fachwerkbauten, also bei Gebäuden ohne gemauerte Seitenwände, normalerweise in die Tiefe. Bei Traufständigkeit verhält es sich so auch bei den Dachstühlen. Bei einem Walm- oder Halbwalmdach wird oft mittels zwei Gratbalken in einem Winkel von 45 Grad unter der Walmfläche auch die Balkenlage um 90 Grad gedreht, sodass die Sparren bequem auf sie gelegt werden können. Dies ist beim auf 1460 dendrodatierten Dachstuhl mit Halbwalm von Schmiedgasse 28 der Fall, ebenso auch beim noch nicht untersuchten Dachstuhl von Kugelgasse 16. Eine solche Balkenlage muss aber nicht zwingend gedreht werden, denn die Rafen/Sparren der Walmfläche könnten auch einfach auf das Rähm aufgenagelt oder mittels eines Balkenschuhs auf das Rähm des Giebeltrapezes aufgelegt werden. Somit ist die Balkenverlaufsrichtung auch keine Hilfe zur Bestimmung der Fotografie.


    Nun musste das Fenster im Hintergrund hinterfragt werden. Dieses zeigt nur drei Scheiben in der Höhe, aber in der fraglichen Giebelwand zur Metzgergasse hin bestanden nur Fenster mit vier Scheiben in der Höhe. Die Annahme als Aussenfenster führte also auf einen Irrweg. In alten Gebäuden wurden oft nachträglich innenliegende Küchen und Treppenhäuser durch eine Wand mit Binnenfenstern voneinander abgetrennt. Konnte es auch ein Binnenfenster sein, welches das Treppenhaus vom Estrich abtrennte? Das Treppenhaus befand sich tatsächlich etwa in der Mitte der Seitenfassade, wo auch der Hauseingang lag. Somit könnte ich mich in der Blickrichtung um 90° geirrt haben!


    Das Bild birgt noch weit mehr Aussagen, deren Beschreibung hier aber den Rahmen sprengen würde; ich wollte nur mal ein Beispiel schildern, wie man Trugschlüsse und Folgerungen aus scheinbar nichtssagenden Details ziehen kann. Die Aufnahme stammt sicher aus dem 1. Dachgeschoss des Weinfalkens und wurde von der Hausmitte in Richtung Westen aufgenommen. Der Ständer, welcher über zwei Geschosse hinweg läuft, steht genau unter dem Schnittpunkt des Firsts mit den beiden Gräten der Walmdachfläche. Es ist der gleiche Ständer, der auch auf den Abbruchfotos (Abb. 22-24) allein in den Himmel ragt. Die Kehlbalkenlage zwischen den beiden Dachgeschossen verlief also ebenfalls in die Haustiefe und war nicht wie bei Schmiedgasse 28 unter dem Walm gedreht. Der Balkenschuh des ersten (entfernten) Walmsparrens von Süden kann auf den Abbruchfotos und den Nachzeichnungen eindeutig erkannt werden. Er ist ein Beweis, dass die Kehlbalkenlage unter der Walmfläche nicht wie bei Schmiedgasse 28 gedreht wurde.



    metzgergasse-2_dgx2.jpg

    40) Grundriss 1. Dachgeschoss mit Rekonstruktion der Sparren und Blickrichtung der drei Innenaufnahmen beider(!) Dachgeschosse.