Kirchen in Straßburg

  • Im Folgenden möchte ich einen kleinen Überblick über die Kirchen in Straßburg bereitstellen, wobei ich nicht nur die einzelnen Gebäude beschreiben möchte, sondern auch auf Zusammenhänge eingehen werde - entsprechend wird es einzelne Themen geben, z. B. die Hauptkirchen (Thomaskirche und Münster), die Garnisonkirchen (evangelisch und protestantisch) ... den Anfang soll aber die verwickelte Geschichte der nicht weniger als vier Kirchen namens St. Peter machen.


    Die älteste dieser Kirchen ist St. Peter am westlichen Ende der langen Straße in Straßburg - erbaut als katholische Kirche in etwa ab dem 12. Jahrhundert, wobei das heute noch erhaltene Hauptschiff wohl vom Ende des 14. Jahrhunderts stammt.


    Nach der Reformation, die sich im Elsaß und auch in Straßburg relativ schnell im 16. Jahrhundert durchsetzte (siehe protestantisches Museum), wurde eine modifizierte Version des Augsburger Bekenntnisses eingeführt, auch heute gibt es noch die Protestantische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses von Elsass und Lothringen mit der Thomaskirche als heutiger Hauptkirche.


    Dies hatte zur Folge, daß nicht nur das Münster protestantisch wurde, sondern auch St. Peter - allerdings ergab sich ab 1681, als französischen Truppen unter Ludwiq XIV die Stadt Straßburg besetzten, eine neue Situation:


    Der Katholizismus wurde praktisch zur Staatsreligion ("la France toute catholique"), die Rechte der Hugenotten wurden beschnitten. In Straßburg und im Elsass suchte man indes nach einem Kompromiß und drängte die Protestanten zwar zurück (so wurde das Münster wieder katholisch), sie durften jedoch ihre Religion weiterhin ausüben.


    So wurde Alt Sankt Peter geteilt - das Langhaus verblieb den Protestanten, der Chor wurde an die Katholiken übergeben, beide Bereiche wurden durch eine dicke Mauer getrennt.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Als die Anzahl der Katholiken zunahm, wurde die Entscheidung getroffen, den Chor abzureißen, um im 90-Grad-Winkel eine weitere Kirche zu errichten - Alt Sankt Peter Katholisch.


    Diese Kirche wurde dann von 1866 bis 1869 unter Jean Geoffroy Conrath (1824-1892) errichtet und war im neogotischen Stil gehalten.


    Hier eine alte Ansichtskarte mit dieser Kirche:


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    Im Zusammenhang mit Der Große Durchbruch - La Grande Percée (1910 - 1960) wurde indes festgestellt, daß diese Kirche den ersten Bauabschnitt zwischen Kleberplatz und Bahnhof behinderte.


    Daher wurde bereits 1912 ein neuer Plan durch Fritz Beblo (1872-1947) ausgearbeitet und noch im selben Jahr mit der Verkürzung dieser neuen Kirche begonnen.


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    Deutlich auf dem Foto zu sehen ist auch die fehlende Bebauung direkt daneben - alle Bauten entlang dieser Straße entstanden im Wesentlichen von 1910 bis 1914 (lediglich im zweiten Bauabschnitt in Richtung Süden blieb ein einziges Haus erhalten, und zwar von Jules Berninger (1856-1926)).


    Aufgrund des Kriegsausbruchs 1914 blieb die Kirche übrigens in diesem provisorischen Zustand, die Fassade wurde nur mit Holz verkleidet.


    Nach dem Kriegsende wurde dann die Planung von Beblo umgesetzt und ein weiterer Kirchturm mit neuer Fassade errichtet - die Fertigstellung war wohl 1920, bereits nach der Ausweisung von Beblo.


    Somit ist dieser Kirchturm gemeinsam mit dem daneben bis 1916 errichteten großen Geschäftshaus (unter anderem wurde hierfür auch das Pfarramt von Sankt Peter abgerissen) das letzte von Beblo errichtete Gebäude in Straßburg.


    Hier nun einige Fotos:


    Der protestantische Teil mit dem Kirchenschiff (rechts die Lange Straße bzw. Grand'Rue):


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    Hier ist die katholische Kirche angebaut:


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    Hier ist der Turm nach den Planungen von Beblo zu sehen:


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    Hier das oben angesprochene Geschäftshaus von Beblo, der Gebäudeteil ganz rechts ist eher eine "Attrappe", da aus Platzgründen nur wenige Meter tief:


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    Und nochmals der Blick auf den katholischen Teil:


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    Und auf den protestantischen Teil:


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    John Maynard Keynes

  • Bei Straßburg fragte ich mich seit jeher wie die konfessionelle Struktur der Stadtbevölkerung aussah. Gewiss katholisch aber ich erinnere mich gelesen zu haben, daß seit der Reformation ( man denke nur an den Straßburger Reformator Martin Bucer) ein Teil der Bevölkerung evangelisch war. Weißt du da näheres?

  • Straßburg wurde tatsächlich sehr früh und praktisch vollständig protestantisch, hier würde ich gern auf folgende Links verweisen:


    Die Reformation im Elsaß im 16. Jahrhundert - Musée protestant


    Straßburg und die Reformation: Luther2017


    Reformation: Ein Fest in Straßburg | evangelisch.de


    Auch das Straßburger Münster war ja rund 150 Jahre lang protestantisch - bis zum Einmarsch französischer Truppen 1681, als der Katholizismus durch Frankreich auch in Straßburg wieder gefördert wurde (im Gegensatz zum restlichen Frankreich blieb der Protestantismus aber erlaubt).


    Zitat

    Doch als König Ludwig XIV. 1685 mit dem Edikt von Fontainebleau die evangelische Konfession verbot, war das Elsass davon ausgenommen. Die evangelischen Gemeinden durften bestehen bleiben und ihren Gauben leben – wurden allerdings gezwungen, katholische Gläubige in ihren Kirchen die Messe feiern zu lassen, sobald sieben katholische Familien in einem Ort lebten.


    Die Katholiken in Straßburg kamen überwiegend aus Frankreich, erst ab 1871 kam es wieder zu einem größeren Zuzug von Katholiken aus Deutschland, daher ja auch der Neubau von Jung-Sankt-Peter (katholisch) und der katholischen Garnisonkirche St. Mauritius.


    Übrigens gilt die Trennung von Staat und Kirche im Elsaß und dem nördlichsten Teil Lothringens im Gegensatz zum restlichen Frankreich nicht, es gibt wie in Deutschland Religionsunterricht, staatlich bezahlte Priester und auch einige Feiertage mehr :smile:

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    John Maynard Keynes

  • Die zweite vorgestellte Kirche trägt den Namen Jung Sankt-Peter Protestantisch und befindet sich im Norden der Altstadtinsel, gleich neben dem Sitz der Elsässischen Neuesten Nachrichten - und an einem heute nicht mehr besonders attraktiven Platz mit unschönen Nachkriegs-Neubauten.


    An der Stelle der heutigen Kirche entstand im 11. Jahrhundert ein Stift, das nacheinander durch zwei Kirchenbauten ergänzt wurde, bevor Anfang des 14. Jahrhunderts im Wesentlichen das heutige Kirchengebäude entstand - damals natürlich noch nicht mit dem Zusatz "Protestantisch".


    Protestantisch wurde die Kirche erst Anfang des 16. Jahrhunderts, nach der Angliederung Straßburgs an Frankreich 1681 wurde die Kirche durch eine Mauer geteilt, das Langhaus verblieb den Protestanten, der Chor durfte durch die Katholiken genutzt werden.


    Hier ein Aquarell und ein Fotos von Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts:


    lejeunesil.jpg


    Vorn rechts ist übrigens die Dreifaltigkeitskapelle von Hans Hammer aus dem Jahr 1491 zu sehen. Hier noch ein weiteres Foto etwas später im 19. Jahrhundert:


    lejeunesil2.jpg


    Nach der Errichtung von Jung Sankt-Peter Katholisch im Jahr 1893 stand den Katholiken eine eigene Kirche zur Verfügung, so daß die Trennmauer entfernt werden konnte.


    Gleichzeitig begann eine grundlegende Renovierung und Umgestaltung der teilweise verfallenen Kirche durch Carl Schäfer aus Kassel, einen bedeutenden Vertreter der Neugotik. Seitdem hat die Kirche ihr heutiges Erscheinungsbild, allerdings ist der Zustand heute eher mäßig und von allen bedeutenden Straßburger Kirchen am vergleichsweise schlechtesten.


    Aufgrund der engen Bebauung ist die Kirche nicht einfach zu fotografieren, hier die Gesamtansicht in Richtung Norden:


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    Die Terrasse gehört zu einem Hotel:


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    Und die oben angesprochene Kapelle:


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    John Maynard Keynes

  • Um unsere kleine Tetralogie zu den vier Kirchen namens St. Peter abzuschließen, soll nun noch die jüngste Kirche aus diesem Quartett angesprochen werden - nämlich Jung-Sankt-Peter katholisch, bereits vorgestellt im Doppelpack mit dem Justizpalast unter Skjold Neckelmann (1854-1903).


    Errichtet wurde diese äußerst repräsentative Kuppelkirche bis 1893 am Standort einer früheren Kaserne nach Plänen von Neckelmann und dessen Kompagnon Hartel.



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    Seitenansicht, es handelt sich um die größte Kuppel im Elsaß:


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    Das komplette Umfeld inkl. Justizpalast und zugehörigem Platz wurde vor kurzem saniert und ist auf jeden Fall den kurzen Abstecher von der Altstadtinsel aus wert - nicht zuletzt auch aufgrund der äußerst opulenten Architektur im Umfeld (Finkmatt-Straße ...).

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    John Maynard Keynes

  • Als nächste Kirchen möchte ich zwei kleine Kirchen in Petite France vorstellen, von denen eine wohl jeder Straßburg-Besucher schon einmal gesehen hat - auch wenn sie kaum noch wie eine Kirche aussieht.


    Dabei handelt es sich um die evangelische Zionskirche am Zix Platz, der nach Benjamin Zix benannt ist, einem aus Straßburg stammenden Künstler.


    Auch hier gibt es wieder ein informatives Hinweisschild:


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    Diesem Schild können wir entnehmen, daß sich an der Stelle des heutigen Platzes ein Kanal befand, der nach Norden führte - der Gerbergraben, der im Jahr 1880 zugeschüttet wurde und unter gleichem Namen (bzw. auf Französisch rue du Fossé des Tanneurs oder laut heutiger zweisprachiger Beschilderung "Gerwergrawe") auch heute noch existiert.


    Für den Bau des Platzes wurde zudem das größte Gerberhaus abgerissen, das als Kreidelager diente, das "Kreidehaus".


    Wo damals das Boot lag, befindet sich heute der Platz:


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    Rechts ist hier das Kreidehaus zu sehen:


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    Die klassische Ansicht des Hauptkanals (früher "Schiffahrts Canal" genannt - Originalschreibung auf alten Stadtplänen) nach Nordwesten, der Zix Platz befindet sich rechts an den Bäumen:


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    Links die Kirche, der Platz ist coronabedingt fast leer, normalerweise sind hier unzählige Touristen:


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    So alt, wie man vielleicht meinen könnte, ist das Fachwerkhaus auf der rechten Seite gar nicht - es stammt auch aus dem 19. Jahrhundert und diente ursprünglich als Geschäftshaus, die Restaurants siedelten sich erst ab etwa 1970 an.


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    So romantisch wie heute war der Platz früher nicht, es gab noch keine Fußgängerzone, das Fachwerk des Gebäudes war damals offensichtlich verputzt, es handelt sich im Prinzip aber offensichtlich um dasselbe Gebäude, auch wenn es heute sehr viel schöner aussieht:


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    Und noch etwas hat sich geändert - wie sofort auffällt, fehlt der Zionskirche heute der Turm:


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  • Die Zionskirche wurde 1882 durch den Stuttgarter Architekten Wilhelm Friedrich Mack errichtet, der selbst Mitglied der methodistischen Gemeinde in Stuttgart war und - hier lasse ich mich durch Stuttgart-Experten gern korrigieren - vermutlich auch der Architekt der für das Gerber-Projekt abgerissenen Stuttgarter Auferstehungskirche war.


    Die Besonderheit der Kirche besteht darin, daß sich im Erdgeschoß Wohnräume befinden, während Altar und Kirchengestühl für die Gottesdienstbesucher im ersten Stock untergebracht sind, was auch an der Fassade (Fenster) ersichtlich ist.


    Der Turm wurde 1961 aufgrund von Baufälligkeit abgerissen, es handelt sich also um keinen Kriegsschaden.



    Die zweite Kirche ist ungleich versteckter, es handelt sich die Reformierte Kirche aus dem Jahr 1790, der im Jahr 1905 nachträglich ein Kirchturm hinzugefügt wurde:



    Der Bau wurde erst durch das Toleranzedikt von Ludwig XVI von 1787 möglich, zuvor wurden Protestanten geächtet, tatsächlich wurden sie erst im Laufe der Französischen Revolution gleichgestellt.


    Die Kirche befindet sich in etwa 5 Gehminuten östlich der Zionskirche in der Schildgasse, entsprechend auch der französische Name Eglise réformée du Bouclier (Bouclier = Schild, Platte o. ä.).


    Blick auf die ziemlich versteckte Kirche von Süden aus:



    Hier der Blick in den Innenhof mit dem nachträglich errichteten Turm:


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  • Es ist ein interessantes Phänomen, dass der Historismus in D viel mehr auf Anpassung an die Altstile ausgerichtet war und kaum eklektizistische Züge trug. Damit meine ich jetzt nicht die letzten Beispiele, sondern zB St. Peter.

  • Wiederum einige Gehminuten weiter östlich kommen wir nun zur bedeutendsten protestantischen Kirche in Straßburg, der ab Mitte des 13. Jahrhunderts errichteten und in etwa gegen 1340 in wesentlichen Teilen vollendeten Thomaskirche.


    Weitere Bauarbeiten erfolgten Anfang bis etwa 1520 mit der Errichtung der Seitenkapellen, unmittelbar danach wurde die Kirche protestantisch und blieb es im Gegensatz zum Straßburger Münster, das nach dem Anschluß an Frankreich 1681 den Katholiken zurückgegeben wurde, bis heute.


    Der bedeutendste Pastor der Kirche war sicherlich Martin Bucer, das Kollegiatstift verwaltet noch eine Reihe von Gebäuden in Straßburg, namentlich das Stift gleich daneben sowie die Thomasschule unmittelbar westlich davon (bereits ausführlich vorgestellt in Fritz Beblo (1872-1947).


    Im Jahr 1741 wurde eine Silbermann-Orgel eingebaut, eine umfassende Renovierung erfolgte 1885, eine weitere von 2013 bis 2016, entsprechend präsentiert sich die Kirche heute in sehr gutem Zustand.


    Ebenfalls bemerkenswert ist das Mausoleum, das dem deutschstämmigen Moritz von Sachsen gewidmet ist, einem von nur 7 Generalmarschällen von Frankreich - es sollte kurz nach der Französischen Revolution zerstört werden, die Skulpturen wurden aber zuvor hinter Stroh verborgen und konnten dadurch erhalten werden.


    Heute ist die Thomaskirche die Hauptkirche der protestantischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses von Elsass und Lothringen und bildet mit dem unmittelbar daneben gelegenen Stift und dem gleichnamigen Platz ein beeindruckendes Ensemble.


    Die Thomaskirche mit dem gleichnamigen Platz, fotografiert von Westen aus:


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    Der Thomasplatz mit dem Sparkassengebäude von Vater und Sohn Salomon von 1903 - so alt ist das Gebäude also gar nicht, wie man vermuten könnte. Vorgestellt wurde es bereits in Emile Salomon (1833-1913)



    Hier ist die Kirche nochmals zu sehen, diesmal von Süden aus fotografiert - gleich neben dem Stift:


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    Auch hier gibt es wieder ein Hinweisschild:


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    Hier die Gesamtansicht Kirche und Stift:


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    Und hier abschließend noch das Stift, das Gebäude rechts daneben stammt auch von Salomon und wurde auch schon vorgestellt: Emile Salomon (1833-1913) - dort gibt es auch noch mehr Fotos von Stift und Kirche, so daß ich mich hier auf wenige Aufnahmen beschränkt habe.


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