Der Große Durchbruch - La Grande Percée (1910 - 1960)

  • Nun kommen wir zum allerletzten Abschnitt, der einerseits durch die Bauten von Zache und Backes geprägt ist, andererseits durch Fritz Beblo (1872-1947):

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    Die beiden Gebäude im Vordergrund stammen von Zache und Backes inkl. des Gebäudes mit dem dunkelgelben Farbton, dessen Bau 1915 abgeschlossen wurde.


    Das elegant geschwungene Gebäude unmittelbar vor der Kirche stammt hingegen schon von Fritz Beblo und wurde erst während des Ersten Weltkriegs gegen 1916 fertiggestellt:


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    Bemerkenswert ist die Gestaltung des Übergangs zur Kirche, deren Pfarrhaus aus dem 17. Jahrhundert 1910 abgerissen wurde. Hier die vormalige Bebauung an dieser Stelle:


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    Es fällt anhand des Grundrisses auf, dass der hinterste Gebäudeabschnitt des Neubaus von Beblo gewissermaßen eine Art von "Attrappe" ist:


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    Tatsächlich ist dieser Abschnitt noch schmaler, als es auf dem Plan zum Ausdruck kommt, das Areal zwischen Neuer Straße und Langstraße ist heute nur einstöckig mit einem Supermarkt aus den 50er Jahren bebaut, wieso dieses Areal nicht besser genutzt wird, ist mir unklar.


    Auch dieser Bau wird mit einem Hinweisschild dokumentiert:


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    Zum Vergleich dieselben Ansichten noch vom Juni 2019:


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  • Nun haben wir es schon fast geschafft und können noch einen Blick auf die Kirche am Ende der Neuen Straße werfen, die schon unter Kirchen in Straßburg ausgiebig beschrieben wurde.


    Wir sehen hier den Neubau von Alt Sankt Peter Katholisch, der von 1866 bis 1869 unter Jean Geoffroy Conrath (1824-1892) begonnen wurde und im neogotischen Stil gehalten war.


    Hier eine alte Ansichtskarte mit dieser Kirche, im Vordergrund verläuft der später angelegte Große Durchbruch (bzw. sogar durch die Kirche hindurch):


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    Entsprechend wurde im Zusammenhang mit dem Großen Durchbruch festgestellt, daß diese Kirche den Bauabschnitt in Richtung Kleberplatz behinderte.


    Daher wurde bereits 1912 ein neuer Plan durch Fritz Beblo (1872-1947) ausgearbeitet und noch im selben Jahr mit der Verkürzung dieser neuen Kirche begonnen.


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    Aufgrund des Kriegsausbruchs 1914 blieb die Kirche übrigens in diesem provisorischen Zustand, die Fassade wurde nur mit Holz verkleidet.


    Nach dem Kriegsende wurde dann die Planung von Beblo umgesetzt und ein weiterer Kirchturm mit neuer Fassade errichtet - die Fertigstellung war wohl 1920, bereits nach der Ausweisung von Beblo.


    Somit ist dieser Kirchturm gemeinsam mit dem daneben bis 1916 errichteten großen Geschäftshaus (unter anderem wurde hierfür auch das Pfarramt von Sankt Peter abgerissen) das letzte von Beblo errichtete Gebäude in Straßburg.


    Hier nun einige Fotos:


    Hier ist der Turm nach den Planungen von Beblo zu sehen, wir blicken hier in die Neue Straße hinein, das Gebäude links ist das frühere Verwaltungsgebäude des Elektrizitätswerks, das als letztes Gebäude vorgestellt werden soll.


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    Hier das oben angesprochene Geschäftshaus von Beblo, der Gebäudeteil ganz rechts ist eher eine "Attrappe", da aus Platzgründen wie schon angesprochen nur wenige Meter tief:


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    Und nochmals der Blick auf den katholischen Teil:


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    Am Ende der Neuen Straße befindet sich ein kleiner Platz, an dem von Norden her die Alte Weinmarkt Straße und die Kinderspielgasse einmünden, gleich dahinter endet die Altstadtinsel - die Straße wurde nicht bis zum relativ nahen neuen Bahnhof fortgeführt.


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  • Nun abschließend zum letzten Gebäude dieser Galerie - oder eigentlich zum ersten, denn die Zählung beginnt ja an dieser Stelle mit der Hausnummer 1 der Neuen Straße ... und als Eckhaus hat es gleich zwei Hausnummern, nämlich auch noch die Nummer 6 der Kinderspielgasse im Norden.


    Das Gebäude ist das frühere Verwaltungsgebäude des Elektrizitätswerks, errichtet 1914 bis 1915 (die Kinderspielgasse ist links):



    Hier noch eine Nahaufnahme, zwar leicht schief fotografiert, dafür aber ungleich sommerlicher:



    Der Bau stammt von den Architekten Hollweg und Bieber, die beide sonst keine Gebäude in Straßburg errichteten und auch nicht aus Straßburg kamen - Hollweg war Regierungsbaumeister und arbeitete mit Bieber von 1911 bis 1930 zusammen, vorwiegend von München aus.


    Oswald Bieber machte ab 1933 verstärkt Karriere, in München ist eine Straße nach ihm benannt. Ebenfalls in München tätig war der Bildhauer Hermann Hahn, der die Skulpturen auf der Fassade schuf, die die vier Elemente darstellen:



    Und in der Gegenrichtung zum Kleberplatz - die kleinen Kartuschen an der Fassade symbolisieren u. a. Elektrizität und Magnetismus (leider kaum zu erkennen):



    Tatsächlich zog 1915 noch die Elektrizitätsgesellschaft in ihr neues Gebäude um, die zuvor in der Kleinen Metzig beheimatet war (siehe Gustave Oberthür (1872 - 1965)), für mich eines der interessantesten Gebäude der Epoche.


    Somit also insgesamt eine "Auftragsarbeit", aber sicherlich eine gelungene - wobei vor allem der hohe gestalterische Aufwand gefällt, z. B. bei den Skulpturen, Kartuschen, Türgriffen, in den erhaltenen Innenräumen gibt es wohl sogar noch weitere Skulpturen und Malereien rund um die Elektrotechnik und bedeutende Wissenschaftler, insgesamt also ein künstlerischer Aufwand, der heute gar nicht mehr vorstellbar ist.


    Insgesamt fällt meine Bilanz des Großen Durchbruchs nicht eindeutig aus - einerseits wurde dafür viel historische Bausubstanz geopfert, andererseits wurden aber auch wirklich großstädtische bis monumentale Gebäude errichtet, die Straßburg auf der Altstadtinsel erst zur Metropole machen.


    Wie denkt Ihr darüber?