Der Große Durchbruch - La Grande Percée (1910 - 1960)

  • In diesem Schwerpunktthema möchte ich ein Großprojekt der Stadtumgestaltung in Straßburg ansprechen, das über einen sehr langen Zeitraum erfolgte - nach der Planung ab 1907 und einer ersten Realisierungsphase von 1910 bis 1918 wurde das Projekt schließlich unter neuem Namen ("Grande Percée") ab etwa 1927 fortgeführt und erst 1960 abgeschlossen.


    Damit verbunden sind übrigens zwei Neubauprojekte höchst unterschiedlicher Qualität, die für die Umsiedlung der betroffenen Bewohner angelegt wurden: die Gartenstadt Stockfeld vor 1914, die in sehr hoher Qualität ausgeführt wurde (neben Hellerau in Dresden eines der ersten Projekte in Deutschland - einige Bewohner erhielten auch im Fünfzehnerwörth neue Wohnungen) und die Erweiterung des Stadteils Neuhof durch Bauten in sehr zweifelhafter Qualität in der Nachkriegszeit - auch einer Gründe für den recht dubiosen Ruf dieses Viertels.


    Nach einer kurzen Einführung soll es natürlich auch aktuelle Fotos geben, ergänzt durch Beschreibungen der wichtigsten Gebäude.


    Informationen zu diesem Bauvorhaben in französischer Sprache gibt es - natürlich - in der Wikipedia, aber auch auf den Webseiten zu einer Ausstellung zum hundertjährigen Jubiläum des Großprojekts: 1910 : Attention travaux ! De la Grande Percée au Stockfeld - Archives de la ville et de l'Eurométropole de Strasbourg


    Mit diesem Großprojekt sollten zwei Ziele verwirklicht werden: einerseits eine Verbesserung der Wohnqualität auf der Altstadtinsel und andererseits die Herstellung einer leistungsfähigen Straßenverbindung zwischen dem neu errichteten Hauptbahnhof und dem neu geplanten (aber vor dem Krieg nicht mehr errichteten) neuen Stadtviertel im Süden.


    Während zur französischen Zeit kaum in Straßburg investiert wurde, änderte sich dies ab 1871 grundlegend - es wurde nicht nur die Neustadt errichtet, sondern auch viel in die Verbesserung der Lebensverhältnisse gerade der ärmeren Bevölkerungsschichten investiert. Dies ging einher mit einer Übertragung von Kompetenzen an die Straßburg selbst, mit der Errichtung z. B. von öffentlichen Bädern, aber auch mit der Einrichtung von Untersuchungskommissionen, Sanierungsfonds und immer höheren Mindestanforderungen an Wohnungen.


    Im Jahr 1907 wurde auf Bestreben des damaligen Bürgermeisters Rudolf Schwander die Planung durch den Stadtrat angenommen und ab 1910 mit einem geplanten Budget von rund 12 Mio. Mark die Umsetzung begonnen. Aufgrund des Ersten Weltkriegs wurde aber nur ein Teil des Projekts fertiggestellt, nämlich der Abschnitt zwischen dem Kleberplatz und dem Hauptbahnhof (fast vollständig) sowie größere Abschnitte südlich davon in Richtung Ill (bis knapp vor die Nikolaikirche) - vervollständigt wurde das Projekt dann in den Zwischenkriegsjahren (südliche Altstadtinsel) bzw. in der Nachkriegszeit (zwischen der Nikolaikirche und Börse), dazu aber später mehr.

  • Hier einige Übersichten und Fotos.


    Zunächst einmal sehen wir Straßburg zu Beginn des Großen Durchbruchs, noch mit dem historischen Verlauf der Gassen und Straßen im Jahr 1910:


    grandep5.jpg


    Hier ein Originalplan mit einem Teil der Planung bis zum Kleberplatz ganz links (nicht nach Norden ausgerichtet, müßte ungefähr um 90 Grad nach rechts gedreht werden):


    durchbruch.jpg


    Zum Vergleich: Straßburg heute, mit dem vollständigen großen Durchbruch:


    grandep8.jpg


    Der Verlauf deckt sich ziemlich genau mit der grau eingezeichneten Straßenbahlinie, die vom Süden über Pont Saint-Nicolas nach Norden führt, allerdings knickt hier der Durchbruch nach Westen in Richtung des Bahnhofs ab (während die Straßenbahn weiter nach Norden zum Eisernen Mann fährt).


    Hier ein Beispiel für die Bebauung, die abgerissen wurde:


    grandep7.jpg


    Abrisse auf der Altstadtinsel:


    grandep1.jpg


    grandep2.jpg


    Abrisse südlich der Altstadtinsel, zum Vergleich vor der Umgestaltung:


    grandep4.jpg


    So sah die Uferbebauung um die Nikolaikirche ursprünglich aus - die Kirche war nahtlos in die Bebauung integriert. Hier die Kirche nach der Umgestaltung und den Abrissen - wie schon in Emile Salomon (1833-1913) angesprochen, wurde gegen 1905 ein neuer Eingang nebst Sakristei errichtet, der an der neuen Straße lag.


    grandep3.jpg


    Und noch eine Randbemerkung: Während Straßburg seit jeher eine durchgehende Straße von Ost nach West besaß (Lange Straße und ihre Verlängerung bis zur Judengasse), fehlt eine Nord-Süd-Verbindung in der Altstadtinsel.


    Eine solche sollte bereits mit dem Plan Blondel von 1765 errichtet werden, einschließlich einer repräsentativen Umgestaltung des heutigen Gutenbergplatzes - allerdings wurde dies aufgrund von Geldmangel und französischer Revolution nicht umgesetzt.


    Indes wurde dennoch das dort befindliche historische Rathaus abgerissen - großzügige Abrisse sind also keine Spezialität der heutigen Epoche:


    grandep6.jpg