Vom Münster über die südöstliche Altstadt zum Broglieplatz

  • Nun auch hier ein erster Beitrag - wobei ich mein Versprechen "touristisch kaum erschlossen" nicht so recht einlösen kann - immerhin gibt es weniger Touristen als an den anderen Hotspots :smile:


    Ziel dieses Unterbereichs soll es sein, vielleicht etwas unbekanntere Ecken der Altstadt vorzustellen, die von den Hauptsehenswürdigkeiten aus aber problemlos erreichbar sind. Die eigentlichen klassischen Besuchsziele habe ich ja schon in den Rundgängen vorgestellt, es gab einen vertieften Beitrag zum Broglieplatz in Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 1-5, Nachtrag und Vertiefung zu Place Broglie und Barrage Vauban - und so ziemlich jeder Reiseführer beschreibt diese klassischen Plätze, so daß ich hierzu keine Unterrubrik einrichte.


    Der erste Rundgang führt vom Straßburger Domplatz über den Stephansplatz bis zum Broglieplatz. Ja, der Ausgangspunkt hieß früher tatsächlich Domplatz, während der Platz um das Münster herum heute Place de la Cathédrale im nördlichen Teil und Place du Château im südlichen Abschnitt (aufgrund des Rohan-Palasts) heißt. Der nordöstliche Platz hieß früher tatsächlich Domplatz, in den die Münstergasse einmündete - diese heißt auf französisch aber skurrilerweise Rue du Dôme.


    Hier die Übersichtskarten, einmal eine aktuelle OSM-Karte:


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    Und einmal eine Karte von ungefähr 1910:


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  • Wir beginnen also am Domplatz, direkt an der Schnittstelle zwischen Münster und dem östlich davon befindlichen großen Gebäudekomplex, bestehend aus dem Großen Seminar von 1772 (errichtet vom Architekten Houlié) im Norden und dem Lyceum (heute: Lycée Fustel de Coulanges), kurz zuvor erbaut durch Joseph Massol).



    Hier noch der Blick nach Norden über die Münstergasse zum Broglieplatz, das wäre die direkte Verbindung, eine zwar recht überlaufene, aber dennoch sehr sehenswerte Gasse:



    Wir gehen jedoch die Bruderhofgasse am Seminar entlang, das nach diversen Nutzungen als Bildungseinrichtungen heute tatsächlich wieder als Priesterseminar dient:



    Unmittelbar dahinter folgt auf der rechten Seite ein kleiner und sehr charmanter Platz mit einem seltsamen Namen:



    Er wird leicht übersehen, am besten einfach an dieser kleinen Kreuzung direkt hinter dem Priesterseminar rechts abbiegen:



    Der Name "Am verbrennte Hof" ist auf einen Großbrand im Jahr 1682 zurückzuführen, bei dem der Gasthof "Zum Rebhuhn" abbrannte und das gesamte Viertel in eine Ruinenlandschaft verwandelte.


    Erst durch das Zusammenwirken des damaligen königlichen Prätors Gayot mit dem Architekten und Stadtplaner Jean-François Blondel entstand dann der Platz in der heutigen Form und war als Markt vorgesehen, daher auch der französische Name.


    Hier geht es in den Platz hinein:



    Und hier der gastromomisch sehr gut erschlossene Platz:





    Der Name des Restaurants sollte jetzt auch selbsterklärend sein:


  • Von hier aus geht es nun wieder zurück zur Bruderhofgasse - mit dem bereits in einem früheren Beitrag kurz vorgestellten schönsten Norma-Discounter der Welt (zumindest von außen):


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    Dabei handelt es sich tatsächlich um ein sehr bedeutendes Bauwerk von Joseph Massol (vgl. Straßburger Architekten - Joseph Massol (1700-1771)) aus dem 18. Jahrhundert, das vor der Umwandlung in einen Supermarkt im Jahr 2006 lange Jahre als Restaurant/Brasserie diente (der vormalige Name steht ja noch an der Fassade).


    Von hier aus sind es nur noch wenige Meter bis zum Stephansplatz ...


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    ... der seinen Namen von der Kirche St. Stephan ableitet, die aufgrund ihrer Lage in einem Innenhof gemeinsam mit dem Katholischen Gymnasium nur schwer zu sehen ist. Die Kirche ist hinter dem Baum verborgen, am vergleichsweise besten ist sie von der Ill aus zu sehen, das Areal als solches zählt zu den Siedlungskernen der Stadt Straßburg.


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    Die heutige Kirche wurde Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut, 1944 zerstört und 1961 mit deutlichen Nachkriegseinflüssen wieder rekonstruiert.


    Hier der Platz Richtung Norden mit der Skulptur des Meisenlockers, die ja - wie schon erwähnt - gegen die Skulptur "Vater Rhein" mit Deutschland in den Zwischenkriegsjahren getauscht wurde, die ja inzwischen in München steht.


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  • Dann vielleicht doch noch ein kleiner Geheimtip - wenn man den Stephansplatz nach Norden über die linke der beiden Gassen verläßt, die Jungferngasse/Rue des Pucelles, so fällt der Blick direkt auf das frühere Hôtel du grand Doyenné, einen nach Plänen von Robert de Cotte bis 1732 errichteten Barockpalast.


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    Wirklich zu sehen ist das Gebäude aber erst, wenn man noch etwas weiter nördlich in die Brandgasse geht.


    Hier die Hauptfassade nach Norden:


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    Die Bezeichnung "Doyenné" verweist auf die Funktion des ersten Nutzers, der Dekan am Straßburger Münster war und aus der Familie La Tour d'Auvergne stammte. Auf dem Stadtplan von 1910 ist das Gebäude als Bischöfliches Palais eingezeichnet, nach einer wechselvollen Geschichte gehört es seit 1855 der katholischen Kirche und dient seither als Sitz des Straßburger Bischofs.


    Mit seiner Bauform - zwei Prachtfassaden, Innenhof mit Garten und Tor (nach der damaligen Pariser Mode zur Rückseite) - war dieser Bau der Vorläufer und zugleich das Vorbild für eine ganze Reihe von französischen Adelspalais, die entlang der Brandgasse (also die Parallelstraße zum Broglieplatz im Süden) entstanden. Diese Bauten wurden unter anderem schon in Bedeutende Bauten in Straßburg - vor 1871 vorgestellt und machen den Broglieplatz und sein Umfeld sicherlich zum am stärksten französisch geprägten Platz der Straßburger Altstadtinsel.


    Einige Meter weiter nördlich kommt dann schon der Broglieplatz, von dem aus dann der nächste Rundgang starten wird.


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