Das Projekt der zwei Ufer - Le Grand Projet Deux Rives - zwischen Straßburg und Kehl - Teil 1

  • An dieser Stelle möchte ich ein sehr großes Projekt zur Stadterweiterung in Straßburg vorstellen, das Grand Projet Deux Rives - oder Zwei Ufer. Der Name soll wohl betonen, daß neben Straßburg auch die Nachbarstadt Kehl jenseits des Rheins zumindest etwas darin einbezogen wird - streng genommen sind es aufgrund der zahlreichen Hafenbassins und Kanäle natürlich viel mehr Ufer :smile:


    Bei diesem Projekt handelt es sich um die größte Stadterweiterung seit dem Bau der Neustadt, den Impuls zu diesem Projekt bot die Stilllegung des früheren Metzgertorhafens am Rhein-Marne-Kanal, wodurch auch eine ganze Reihe von Industrieflächen entlang des Kanals nicht mehr erforderlich waren. Zudem ergab sich durch die Erschließung der Rheininsel über die Straßenbahn auch die Möglichkeit, diese zuvor teilweise recht wüste Brachlandschaft mit Wohnungen und Gewerbegebieten zu bebauen.


    Die deutschsprachige Projektseite befindet sich hier: Deux Rives


    Zur Verdeutlichung eine Übersichtskarte:



    Wir sehen ziemlich genau in der Mitte der Karte die Hauptachse des Projekts, das sich von Kehl über die Rheinbrücke weiter am Rhein-Marne-Kanal entlang bis zur Markierung N4 (die aber nichts mit dem Projekt zu tun hat) erstreckt.


    Hier der östliche Teil mit der Rheininsel:



    Und hier der westliche Teil des Projekts, der sich als schmaler Schlauch am Kanal entlangzieht, knapp nördlich der Grenze zwischen der Straßburger Innenstadt und dem südlich gelegenen Stadtteil Neudorf:



    Und hier zur Verdeutlichung mit den eingezeichneten Projektarealen:




    Ehrlich gesagt bin ich eher skeptisch hinsichtlich der Einbeziehung von Kehl, auch wenn die Straßenbahn inzwischen bis zum Rathaus Kehl verlängert wurde.


    Der Projektfortschritt in den übrigen Abschnitten variiert stark: In weiten Teilen fertig ist der westliche Abschnitt, die ökologische Modellstadt "Danube" wird gerade mit Hochdruck errichtet. Auch Bruckhof und Aristide Briand sind in den letzten Jahren deutlich vorangekommen.


    Auf der Rheininsel gab es große Baufortschritte in Port du Rhin, Coop wird gerade für die Bebauung vorbereitet bzw. das namensgebende Coop-Areal wird saniert. Bei Citadelle und Starlette wurde schon vor Jahren die Bebauung beräumt, bei Starlette finden gerade umfassende Bodenarbeiten statt - bebaut wurde dort noch nichts.

  • Wir beginnen unseren Rundgang in Kehl, genauer gesagt direkt am Rheinufer, wo eine Hälfte der Landesgartenschau 2004 veranstaltet wurde - im Wesentlichen ein schmaler Streifen entlang des Rheins, am vergleichweise reizvollsten ist noch der frühere Rheinarm mit dem kleinen Park im Norden.


    Die Besonderheit dieser Gartenschau bestand darin, daß sie grenzüberschreitend veranstaltet wurde, der größere Teil entfällt dabei auf den Park auf der Rheininsel, der nach wie vor existiert und über eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke angebunden ist, die Brücke der zwei Ufer.


    Der Blick nach Norden über das frühere Gartenschauareal in Kehl:



    Hier beginnt die Brücke, es gibt zwei getrennte Bereiche für Fußgänger und Radfahrer, die in der Mitte durch eine Plattform verbunden werden:






    Das Ende der Brücke auf der Straßburger Seite:


  • Ebenfalls neu: die Brücke für Fußgänger und die neu errichtete Straßenbahnverbindung nach Kehl:



    Die neue Bebauung auf der Rheininsel, dabei handelt es sich um die vergleichweise ältesten Neubauten, die ab etwa 2013 errichtet wurden:



    Der Park:



    Ein interessantes Detail, eine Mauer aus Steinen hinter einem Stahlnetz, die durch Wasser durchflossen wird:



    Gleich dahinter zwei Zirkuszelte, die dort dauerhaft stehen und eine Zirkusschule beherbergen, siehe Grain de Cirque:



    Die durchaus hochwertige Wohnbebauung aus der Nähe:





  • Momentan ist das Rheinufer an dieser Stelle noch nicht bebaut, im 3D-Modell des obigen Links zum Projekt Zwei Ufer sind dort Gebäude eingezeichnet - ich denke aber nicht, daß hier noch eine Bebauung stattfindet:



    Wenn man den Bahndamm unterquert, ist die erste ältere Bebauung zu sehen, bestehend aus der Rheinschule von 1938 (wobei ich mir nicht sicher bin, inwiefern hier später Umbauten oder Erweiterungen erfolgten):



    Die Schule von der anderen Seite aus gesehen:



    Noch ein interessantes Detail:


    Diese Haltestelle ist die frühere Endhaltestelle unmittelbar vor dem Rhein (Port du Rhin) und wird für manche Verbindungen auch heute noch als Endhaltestelle genutzt. Die Straßenbahn wartet dann aber nicht an der Haltestelle, sondern auf einem Parallelgleis etwas hinter der Haltestelle - dasselbe Verfahren fand auch auf der deutschen Seite nach der Verlängerung bis zum Bahnhof Kehl statt.



    Zur Verlängerung der Straßenbahnlinie siehe Straßenbahn nach Frankreich: Ein kurzes Schienenstück für mehr Europa - Baden-Württemberg - Stuttgarter Zeitung - übrigens bleibt die jetzige Straßenbahnanbindung weit hinter dem 19. Jahrhundert zurück, damals konnte nicht nur Kehl erreicht werden, es gab auch ein riesiges Netz an Überlandstraßenbahnen zur Erschließung des Hinterlandes.


    Und noch eine letzte Bemerkung: Das Design der typischen ersten Baureihe der Straßenbahnen der italienischen Firma Socimi ab 1994 mit den weit heruntergezogenen Fenstern und der Niederflurbauweise (Eurotram) wurde bei der zweiten Baureihe von Alstom wieder aufgenommen (Citadis), die neuen Bahnen, die parallel zu den alten unterwegs sind, wirken im direkten Vergleich aber deutlich wuchtiger.


    Jenseits der Schule und der Straßenbahnlinie nun weitere Bebauung aus den 30er Jahren, es handelt sich dabei um Sozialwohnungen, teilweise durch Paul Dopff konzipiert:




    Daran schließen sich dann westlich zwei Neubauten von 2017 an, hier befanden sich vorher Garagen mit einem Bunker aus dem 2. Weltkrieg:



  • Wir befinden uns nun im Zentrum dieses neuen Stadtviertels, auf dem Place de l'Hippodrome, flankiert von zwei kleinen, bereits vorgestellten Kirchen:


    Der protestantischen Chapelle de la Rencontre mit weitgehend ungeklärter Baugeschichte, die wohl vor 1950 entstand:


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    Und der katholischen Kirche gegenüber, die als Behelfslösung geplant wurde, aber dauerhaft Bestand hat, die Jeanne d'Arc gewidmete Kirche mit den Neubauten im Hintergrund:


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    Ein Hinweisschild für die Neue Stadt:


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    Der Verkehr wird ringförmig am Süden des Platzes vorbeigeführt, dort ist ein privates Medizinzentrum entstanden:


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    Nochmals die Neubauten:


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    Und als Kontrastprogramm gleich nördlich davon die recht unschöne Bebauung aus den 60er Jahren, sozialer Wohnungsbau mit einem eher dubiosen Publikum:


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    P.S. Wobei diese Bauten gar nicht mal sooo übel aussehen. Ich erinnere mich noch an mein ungläubiges Staunen, als ich so 1990 mal bei Lauterburg über die Grenze fuhr (ganz im Nordosten des Elsass), einem sehr gepflegten Ort mit vielen Blumenarrangements und Grünanlagen - und direkt an der Grenze ein sensationell heruntergekommener großer Wohnblock wohl mit Sozialwohnungen (HLM) in einem völlig verdreckten Umfeld stand, der nahtlos in die übelsten Viertel von Marseille gepaßt hätte (ist inzwischen zwar immer noch nicht schön, aber saniert).

  • Genau an diesen Wohnbauten vorbei geht es nun nach Norden und unter der Bahnlinie hindurch:


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    Und schon haben wir das Coop-Gelände erreicht, das künftige kulturelle Zentrum des Bebauungsprojekts. Hier ein Übersichtsplan:


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    Und das östliche der beiden Hafenbecken, das Bassin de l'Industrie gleich nördlich des Coop-Geländes:


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    Bei Coop handelte es sich um einen Nachfolger des 1902 in Straßburg gegründeten Konsumvereins für Strassburg und Umgegend, später nur noch Konsum genannt - bzw. Coop nach 1918. Nach einer Reihe von Fusionen entstand so die Union des Coopérateurs d'Alsace, eine große Handelskette, die unter anderem 1961 den ersten Selbstbedienungs-Supermarkt in ganz Frankreich eröffnete (in Strassburg-Meinau - vielleicht bekannt durch den dort ansässigen FC Neudorf im Meinau-Stadion - heute als Racing Club de Strasbourg geläufig).


    Ein kleines Informationszentrum:


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    Die klassische Ansicht des Coop-Geländes von Süden (umständehalber von der Straßenbahn aus):


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    Und hier nun das eigentliche Gelände mit diversen Funktionsbauten, die große Halle in der Mitte stammt von 1954 und wird seit 2018 grundlegend saniert. Künftig soll die Halle als Depot und Werkstatt für die städtischen Museen genutzt werden, aber auch für Bildungszwecke:


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    Zur städtebaulichen Einordnung: Das Areal liegt direkt an der Rue du Port du Rhin, überquert man das Bassin des Remparts, so kommt man direkt am früheren Kehler Tor heraus (wo u. a. auch die gründerzeitliche Prachtstraße, die Schwarzwaldstraße, beginnt).


    Der Turm, der im Hintergrund zu sehen ist, gehört übrigens zur Hafenbehörde von 1899, einem Bauwerk von Gustave Oberthür (bereits zweimal vorgestellt, unter anderem im Schwerpunktthema zu Oberthür).


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  • Von hier aus geht es weiter nach Westen, zum Bassin du Commerce, also dem "Hafenbecken für den Handel".



    Das Hafenamt und die daneben befindliche Mälzerei hatte ich ja schon vorgestellt, und zwar in Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 11, von Kehl über den Straßburger Hafen bis zur Cité Rotterdam





    Auch dieses Gebäude, auf dem noch teilweise "Schützenberger" (die frühere Brauerei aus dem Elsass) zu lesen ist, war schon zu sehen - die Abrißgenehmigung war auch schon im Februar 2018 erteilt, das Gebäude steht aber noch:



    Hier haben wir jetzt schon fast die Brücke (Pont d'Anvers) erreicht, ob der Grünstreifen bebaut oder zu einem Park umgestaltet werden soll, ist wohl noch nicht ganz klar.



    Hier eine Visualisierung und ein Plan, die voneinander abweichen (Standort: oben links kurz vor der Brücke):



    Von der Brücke aus ergibt sich ein ausgezeichneter Blick auf die restlichen Projektareale - bei denen außer Bodenarbeiten noch nichts zu sehen ist.


    Wir blicken hier nach Süden, die "Halbinsel" ist das Bebauungsgebiet Citadelle (so benannt nach der Zitadelle), die allerdings nur in Teilen erhalten ist, der Streifen am Ufer ist nach einer ehemals dort befindlichen Brikettfabrik als "Starlette" benannt:





    Es ist zu erkennen, daß offensichtlich Erde aufgeschüttet wurde, der Brückenbogen im Hintergrund stammt von der Straßenbahnbrücke.


    Abschließend noch ein Projektplan mit den einzelnen geplanten Neubauvierteln:



    Auf jeden Fall ein spannendes Projekt, weil dadurch Straßburg an den Rhein heranrückt und auch die verschiedenen Kanäle und Bassins eine reizvolle Stadtlandschaft ergeben. In Teil 2 soll dann das andere Teilprojekt vorgestellt werden, das vom neuen Rathaus bis zur Rheininsel reicht.