Vaihingen an der Enz (Allgemeines)

  • Bis vor enigen Jahren habe ich immer geglaubt, dass die Solutideallee zwischen Solitude und Ludwigsburg der einzige Weg dieses Namens ist, bis ich bei Vaihingen eines besseren belehrt worden bin. Der längste gerade Weg im Oberen Pulverdinger Holz hat auch den Namen Solitude-Allee!

    OpenTopoMap - Topographische Karten aus OpenStreetMap


    Aber woher kommt der Name?


    Auf das Schloss Solitide kann diese Solitude-Allee nicht ausgerichtet sein, denn das befindet sich weiter südlich.


    Aber: nach Nordwesten ist sie auf das Schloss Kaltenstein ausgerichtet. Auch der Teil der Stuttgarter Straße außerhalb der Salzäckerstraße liegt, zumindest in etwa, in der Achse. Dazwischen gibt es aber keine geradinige Wegeverbindung, sondern bestenfalls eine Sichtverbindung, die diagonal über Enzweihingen drübergeht. Nach Südosten lässt sich die Achse verlängern bis zum westlichen Ortseingang des Schönbühlhofes. Hier treffen wir nicht nur auf die B 10, sondern mit ihr auch auf die Römerstraße von Cannstatt nach Pforzheim, die in Mittelalter und Neuzeit eine der bedeutendsten Straßen Europas war. Als "Schwieberdinger Straße" ist sie in Stuttgart noch anschaulich.


    Ich glaube ja eher nicht, dass die Solitude-Allee im Oberen Pulverdinger Holz Teil einer historischen Fernstraße war. Oder sollte sie ein Teil der Römerstraße gewesen sein?


    Weiß jemand, warum dieser Waldweg denselben Namen trägt wie die Sichtverbindung von Schloss Ludwigsburg zum Schloss Solitude?


    Hat man dem Weg vielleicht nur deswegen diesen Namen gegeben, weil er geradling ist und damit an die großartige Original-Solitudeallee erinnert?

  • Schwierige Frage. Die römische Straße verlief wohl weiter nördlich (vgl. hier: interaktive-karte.html).


    Durch den Pulverdinger Forst verlief in alter Zeit eine Straße, die aber nicht mit der Allee identisch ist; vgl. die Kiesersche Forstkarte (Norden ist unten; erstaunlich auch, wie wenig sich die Waldgrenzen verändert haben). Der Verlauf der heutigen B10 ist auch klar zu erkennen:


    1024px-Kiesersche_Forstkarte_Nr._158_Entzweyhingen_%28Enzweihingen%29.jpg

    Kiesersche Forstkarte Nr. 158 Entzweyhingen (Enzweihingen) Andreas Kieser [Public domain]


    Der Wald 1832:


    nördlicher Teil: extern.php?f=2-5314610-1&typ=4

    südlicher Teil: extern.php?f=2-5314571-1&typ=4


    Die Allee kreuzt ein ebenfalls schnurgerader Weg im annähernd rechten Winkel. Mir scheint, es handelt sich um Wege, die vermutlich im 18. Jahrhundert zur Erschließung des Waldes angelegt worden sind. Woher der Name "Solitude" kommt, ist mir freilich unklar. Zu Pulverdingen schreibt die Wikipedia: "Pulverdingen, auch Pulverdinger Hof genannt, ist der Name eines Weilers zwischen Markgröningen und der B 10, der nach einer Wüstung um eine ehemalige Domäne der württembergischen Herzöge neu entstanden ist" - und zwar im 18. Jahrhundert. Vielleicht hat die herzogliche Domäne etwas mit dem Namen zu tun.

  • O, besten Dank für Deinen wertvollen Beitrag! :daumenoben:


    Ja, bemerkenswert, wie der charakteristische Verlauf der B 10 zwischen dem Oberen und dem Unteren Pulverdinger Holz auf der Karte von 1682 mit der heutigen Situation übereinstimmt.


    Die Darstellung auf den historischen Karten macht für mich den Eindruck, dass der alte Postweg als Fernstraße durch das Obere Pulverdinger Holz verlaufen ist, aber, von Südosten aus gesehen, etwa in der Mitte der Waldes nach Norden abgeknickt ist, um dann wohl auf gekrümmter Strecke nach Enzweihingen weiterzuführen. Vermutlich wurde der Weg erst später geradlinig nach Nordwesten verlängert. Aber wie der Name Solitude ins Spiel kommt, das muss für uns wohl offenbleiben.


    Die Karte der Römerstraßen ist zwar für die Übersicht sehr schön, enttäuscht aber in bezug auf die Lagenauigkeit. Manchmal wurde der Verlauf sehr gut getroffen, nicht selten aber sind die Trassen um einige Kilometer verfehlt worden. Bemerkenswert vor allem der Limes. Von Weißenburg bis zur Donau verläuft die Kennzeichnung ausgesprochen genau. Der Punkt, wo er die baden-württembergisch-bayerische Staatsgrenze kreuzt, wurde dagegen deutlich verfehlt. Auch verläuft er über den östlichen Teil des Hesselberges. In Wirklichkeit hat der Limes den Hesselberg nordwestlich umgangen. Vor diesem Hintergrund dürfte uns diese Karte in diesem Fall nicht helfen. Statt durch Schwieberdingen verläuft die Römerstraße plötzlich durch Markgröningen.

  • Die Karte der Römerstraßen ist zwar für die Übersicht sehr schön

    Es ist auch die Frage, wie genau der Verlauf der Römerstraßen in der Gegend um Vaihingen überhaupt bekannt ist. Jedenfalls geht die Solitude Allee mit großer Sicherheit nicht auf eine römische Straße zurück.


    Die Darstellung auf den historischen Karten macht für mich den Eindruck, dass der alte Postweg als Fernstraße durch das Obere Pulverdinger Holz verlaufen ist, aber, von Südosten aus gesehen, etwa in der Mitte der Waldes nach Norden abgeknickt ist, um dann wohl auf gekrümmter Strecke nach Enzweihingen weiterzuführen. Vermutlich wurde der Weg erst später geradlinig nach Nordwesten verlängert.

    Die Allee beginnt anscheinend im Südosten ungefähr dort, wo die alte Straße laut Kieser in den Wald eintrat. Bemerkenswert ist aber, dass auf der Karte von 1832 die Allee keine Fortsetzung in irgendeine Richtung hat, sondern nur innerhalb des Waldes verläuft, ebenso wie der sie schneidende andere Weg. Ob die Allee wirklich in Beziehung zu einer alten regionalen Straße steht? Vgl. auch die Karte, die sich westlich an die Karte des "Nördlichen Teils" anschließt:


    extern.php?f=2-5314612-1&typ=4

  • In der Kieser'schen Karte hat die "Allee" aber Fortsetzungen in beide Richtungen. Der Umstand, dass beide Fortsetzungen keine Flurstücke zurückgelassen haben, nach Südosten ja ganz augenfällig, zeigt, dass die Straße wohl ganz untergegangen ist und man die Parzelleneinteilung dann modernisiert hat.


    Einen Waldweg als Allee zu bezeichnen, ist schon sehr einfallsreich. Man erkennt eine Allee bekanntlich daran, dass sie von Bäumen gesäumt wird. Die sieht man im Wald wahrscheinlich vor lauter anderen Bäumen nicht...


    In Wäldern ist es ohnehin häufig so, dass Wege sich im Lauf der Zeit verlagern.


    Wahrscheinlich ist die Solitude-Allee einfach bloß ein Waldweg, der die Assoziation zu dem wohl damals längst aufgelassenen Alten Postweg aufgenommen hat.

  • Bei Römerstraßen ist es schon oft so, dass ihr Verlauf sich nicht mehr erhalten hat und damit auch in Vergessenheit geraten ist. Anders verhält es sich natürlich bei den augenfälligen Strecken, vor allem wenn der heutige Verkehr noch auf derselben Trasse stattfindet.

  • Heute, am 30.12.2019, bin ich von Enzweihingen über Pulverdingen und Markgröningen nach Asperg gewandert. Dabei kam ich auch durch das Pulverdinger Holz. Das Rätsel, wie die Solitudeallee zu ihrem Namen kam, konnte ich nicht lösen. Ein paar Bilder aus der Gegend will ich trotzdem zeigen. Wie wir schon in der obigen Diskussion festgestellt haben, verläuft durch den Wald eine alte Fernstraße, die in Enzweihingen die Enz überquerte. Dort befand sich auch seit dem 16. Jahrhundert eine Taxissche Posthalterei. Man sieht noch heute, dass der Ort wohlhabend war. Am beeindruckendsten ist das "Große Haus" (wegen der Lichtverhältnisse konnte ich kein eigenes Bild machen):


    512px-Enzweihingen_Grosses_Haus_PF1380ABW.jpg

    Enzweihingen Grosses Haus PF1380ABW P. Fendrich [CC BY-SA 4.0 (Creative Commons — Attribution-ShareAlike 4.0 International — CC BY-SA 4.0)], via Wikimedia Commons


    Blick über den Ort von Süden. In der Bildmitte das "Große Haus" von hinten.


    img_51251280x816v1jch.jpg



    Hinten die Kaltenburg oberhalb von Vaihingen an der Enz (ca. 3,5 km Luftlinie entfernt). An der Dunstschicht erkennt man die Inversionswetterlage.


    img_51271280x853xijoc.jpg



    Die Gegend ist heute noch wichtig für den Verkehr. Knapp östlich von Enzweihingen überquert die ICE-Strecke die Enz. Rechts sieht man, dass der Dampf aus einem Kraftwerk nur bis zur Inversionsgrenze aufsteigt.


    img_51261280x8538kk66.jpg

  • Zu Thema Enzweihingen:


    Für den Undedarften erinnert der Ortsname an den Namen der benachbarten Stadt Vaihingen. Daneben ist einem bei dem Namen ständig die phonetische Ähnlichkeit zu "entzweien" präsent, als ob es in diesem Ort darum ginge, die Leute im Streit auseinanderzubringen.


    Was mir aber mehr, noch mehr, als das in Erinnerung geblieben ist, nachdem ich vor nun schon über 10 Jahren auch einmal dort war, ist die Enzweihinger Steige, ein unglaublich romantisches Straßenstück, das von der freien Strecke auf der Höhe in die Ortsdurchfahrt im Tal überleitet.

  • Nun das Pulverdinger Holz - ein wirklich interessanter kleiner Wald. Nicht so sehr wegen der mysteriösen Solitudeallee:


    img_51391280x853y0k3q.jpg


    Sie schaut halt aus, wie ein langer, gerader Waldweg eben ausschaut:


    img_51511280x853zvk9d.jpg



    Spannend sind vielmehr die Bunkerruinen der Neckar-Enz-Stellung. Die NES wurde ab 1935 erbaut, um die Lücke zwischen dem Schwarzwald und dem Odenwald gegen Angriffe von Frankreich her zu verteidigen. Beim Pulverdinger Holz befand sich das südliche Ende der NES. Die Bunker wurden nach dem Kriegsende gesprengt, aber danach nicht weiter zerstört und auch nicht mit Erde überdeckt (was andernorts oft geschehen ist). Vier Bunker im Wald habe ich mir angeschaut.


    img_51401280x85377jqp.jpg



    In Norddeutschland würde das fast als Hünengrab durchgehen:


    img_51541280x853fnjqp.jpg



    Das ist der relativ intakte Eingangsbereich eines Bunkers auf der dem Feind abgewandten Seite. Links ist eine MG-Scharte, die den Eingang schützt. Rechts (da wo mein Kopf seinen Schatten wirft) ist der Eingang.


    img_51421280x853x3jmq.jpg



    Die MG-Scharte aus der Nähe:


    img_51431280x85309jgj.jpg



    Innen sehen die Bunker dann so aus:


    img_51461280x8536ajsw.jpg


    img_51561280x853yvjdd.jpg



    Übrigens hat jemand die Bunker der NES in die OpenTopoMap eingetragen. Mir hat das sehr geholfen und man kann den Verlauf der Stellung bestens erkennen: OpenTopoMap - Topographische Karten aus OpenStreetMap