Ursachen der Abrisswut

  • Wie wir hier schon öfters ausgeführt haben, der Abrisswahn wütete in protestantischen Ländern am schlimmsten (und das sage ich als Protestant). Der Protestantismus war selbst geboren worden aus dem Geist der Rebellion, des Nicht-Anerkennens der Tradition als Wert an sich. Schon Max Weber hat die besondere protestantische Arbeitsethik beschrieben und nicht umsonst neigten protestantische Länder eher zu einem pragmatischen, ökonomischen Ethos. Das befeuerte die wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklung und sorgte für den gewaltigen Vorsprung, den sich der Norden Europas in den letzten Jahrhunderten gegenüber dem Süden erarbeitet hat. Hiermit wurden auch gesellschaftliche Erneuerungen im protestantischen Raum bereitwilliger aufgenommen, angefangen mit der Aufklärung. Frankreich ist natürlich die große Ausnahme, aber auch hier stellten die protestantischen Hugenotten bis zu ihrer Vertreibung die gesellschaftliche Elite dar. Aber eine Übertretung des gesunden Maßes führt gerne ins Verderben und im Rausch des Neuen wird man oftmals desensibilisiert für den Unterschied zwischen vermeintlichem und tatsächlichem Fortschritt. Und so sehen wir heute, dass auch die negativen Auswüchse der Moderne im protestantischen Europa viel folgenschwerer wüten als im katholischen. Man braucht eben beides: Aufgeschlossenheit gegenüber gutem Neuen UND gutem Alten. Katholische Länder gelten fast allesamt als architektonische Musterländer: Österreich, Italien, Spanien, Portugal, Polen (Polen zumindest, was den Wiederaufbau nach dem Krieg anbelangt). Selbst innerhalb der Bundesrepublik kann man differenzieren: Württembergs Wiederaufbau war viel weniger traditionell als der des direkt nebenan liegenden katholischen Bayerns.


    Irgendwie spricht mir das aus dem Herzen. Es ist wie die lange Zeit vermisste Erklärung. Die Erklärung für all die Vorgänge, über die wir all die Jahre im APH geredet haben.


    Mir freilich sympathisch, ist doch die katholische Gefühlswelt meine, die kalte, gefühlsarme Welt des Protestantismus mir aber fremd. Württemberg und der Westen sind mir gefühlsmäßig fremd, aber seit jeher schlägt mein Herz bayerisch, und die östlichen Nachbarländer wie Österreich und Tschechien haben für mich einen gefühlsmäßigen Tiefgang, den es woanders nicht gibt.


    Die Demarkationslinie verläuft mitten durch Süddeutschland, zwischen Wertheim und Würzburg, zwischen Ulm und Neu-Ulm.

  • Teilweise stimmt es schon. Aber gerade Tschechien (weit interessanter als Polen, Slowenien, Ungarn oder die Slowakei) war doch das erste protestantische Land ueberhaupt! Und hier in den Niederlanden wurde viel weniger abgerissen als im benachbarten, katholischen Belgien! NL ist aber seit den 50’ern kein richtig protestantisches Land mehr, da die Katholiken damals noch viel mehr Kinder bekamen als die Protestanten.

  • Irgendwie spricht mir das aus dem Herzen. Es ist wie die lange Zeit vermisste Erklärung. Die Erklärung für all die Vorgänge, über die wir all die Jahre im APH geredet haben.

    Das dachte ich früher auch und habe etwas ähnliches ja auch im APH schon vor Jahren geschrieben, zumal es ja auf den Süden wunderbar zutrifft: Schwaben und das ehemals österreichische Oberschwaben mit sehr schönen Stadtbildern, Württemberg hingegen überwiegend schlecht rekonstruiert und mit vielen lieblosen Stadtbildern.


    Trotzdem paßt es global gesehen als Erklärung nicht wirklich: Dresden und Potsdam als Reko-Hauptstädte mit überwiegend konfessionsloser bzw. protestantischer Bevölkerung, auch in Frankfurt spielen die verbliebenen Katholiken keine herausragende Rolle gegenüber den Konfessionslosen.


    Köln und weite Teile des Rheinlands sind ja extrem schlecht aufgebaut worden, obwohl es sich beim Erzbistum Köln sogar um das größte (katholische) Bistum im deutschsprachigen Raum handelt. Umgekehrt gibt es in Mecklenburg-Vorpommern trotz der vielen Konfessionslosen und im übrigen fast nur protestantischen Bevölkerung mithin die schönsten und gepflegtesten Stadtbilder in ganz Deutschland, und zwar auch außerhalb der Touristenorte.


    Gleiches gilt für das Elsaß, wo ja in den freien Städten bzw. Reichsstädten wie Straßburg oder Colmar die Protestanten überwogen, in Straßburg stellten die Protestanten Anfang des 19. Jahrhunderts in etwa 70 % der Einwohner.


    Auch hier in BW gibt es extreme Kontraste: man vergleiche nur mal Sindelfingen/Böblingen (vielleicht mache ich dazu noch mal eine Galerie) mit Tübingen/Bebenhausen oder Baden (Baden) mit Pforzheim, der grauenhaftesten Stadt Süddeutschlands, in gerade einmal 35 km Entfernung.


    Wie oben schon von Niederländer geschrieben, sind die Stadtbilder in den Niederlanden deutlich besser als in Belgien, am übelsten sieht es ausgerechnet in einer Reihe von Städten der Wallonie aus. Auch die Wiederaufbauleistung in italienischen Städten wie Livorno und Pescara war außerordentlich schlecht, was Polen betrifft, so hatten die Wiederaufbauleistungen nach dem Krieg nichts mit der Religion zu tun, sondern - das habe ich diversen Büchern zum Nachkriegspolen entnommen - waren gewissermaßen eine Art von Kompromißangebot des kommunistischen Staates an die eher konservative Bevölkerung, um diese für sich zu gewinnen (abgesehen von der identitätsstiftenden Wirkung angesichts von gerade einmal zwei unzerstörten Großstädten nach 1945). Und obendrein wurde z. B. in Warschau diese Phase der klassischen Rekonstruktion schon Anfang der 50er Jahre durch den sozialistischen Realismus abgelöst, die Institutionen für die Rekonstruktion teilweise schon Ende der 40er Jahre wieder aufgelöst (!)


    Und nicht zuletzt sind die protestantischen Kirchen zwar sehr karg, allerdings würde ich jetzt z. B. die hiesigen Württemberger oder gar die Sachsen keinesfalls als gefühlsarm oder kalt bezeichnen, im Gegenteil stelle ich bei Besuchen in München - bei aller Wertschätzung - immer so eine gewisse Grantigkeit fest, die es im freundlich-korrekten Stuttgart so nicht gibt.

  • Ich hatte ja nie geleugnet, dass es nur ein grobes Schema darstellt. Wie gesagt, ich als Protestant bin keineswegs "anti-protestantisch", dieser speziell protestantische Geist sorgte für unglaublich viel Fortschritt und hat die Welt ungemein bereichert. Doch man muss auch Maß halten. Man kann nicht abstreiten, dass die Moderne in protestantischen Ländern viel tiefergehend in die Gesellschaft eindringen konnte, als dies in katholischen Ländern der Fall war. Man lege nur einmal eine Karte, die den Anteil der Atheisten in den jeweiligen europäischen Ländern aufzeigt, neben eine Darstellung der Konfessionsgrenzen. Es herrscht erstaunliche Übereinstimmung zwischen einem hohen atheistischen Prozentsatz und protestantischer Konfession (Tschechien und Frankreich sind die großen Ausnahmen, aber in Tschechien konnte sich nach den Hussitenkriegen der Katholizismus nie mehr so recht etablieren und die Franzosen sind sowieso die kulturell-gesellschaftlichen Sonderlinge unter den Romanen). Im heutigen Ostdeutschland haben vierzig Jahre Kommunismus gereicht, um die Religion auszuradieren. In Russland gelang es den Sovjets trotz ungleich drastischerer Maßnahmen nicht, die orthodoxe Kirche zu besiegen. Genauso in Polen, in Jugoslavien etc. Generell sind protestantische Länder tendenziell (!!!) progressivistisch, während katholische dem Konservatismus zuneigen. Und dass sich dieser grundsätzliche, nicht zu leugnende Trend nicht auch architektonisch auswirkt, glaube ich einfach nicht. Inwiefern der Protestantismus nun überhaupt der Grund ist, weiß ich nicht. Es ist wieder so eine Frage nach dem Huhn und dem Ei. Ist die typisch nordeuropäische Mentalität Produkt des Protestantismus oder eher umgekehrt? Es ist schon auch merkwürdig, dass der Katholizismus in Deutschland vor allem in ehemals römischem Gebiet dominiert. Es wäre wohl vermessen, da einen Zusammenhang zu sehen, die Behauptung, in Regionen des einstmaligen Imperiums habe sich die Kirche aufgrund tiefergehender Wurzeln stärker etabliert, lässt sich wissenschaftlich wohl kaum nachweisen. Trotzdem, beachtenswert ist es allemal.

  • Ja, die These klingt gut und mag eine Erklärung sein. Aber die allerkatholischste, allerrömischste Stadt Köln und das "heidnische" Potsdam bekommt man da halt nicht unter. Insofern sehe ich Bedarf nach weiteren Parametern.

  • die allerkatholischste ... Stadt Köln

    Also diese Vorstellung widerspricht dem bayerischen Weltbild ja vollkommen. Der rheinische Katholizismus wird von uns doch gar nicht ernstgenommen. Der Begriff ist ja schon ein Oxymoron. Was auch immer an Köln katholisch sein soll, der Katholizismus wird dadurch, dass die Stadt das Wesen des Rheinlandes besitzt, ausgelöscht. Der Begriff "Rheinischer Katholizismus" ist der Versuch, etwas, was nicht zusammenpasst, zu vereinigen. In Bayern wird der rheinische Katholizismus nicht ernstgenommen. Er ist eine Lachnummer.

  • Generell sind protestantische Länder tendenziell (!!!) progressivistisch, während katholische dem Konservatismus zuneigen. Und dass sich dieser grundsätzliche, nicht zu leugnende Trend nicht auch architektonisch auswirkt, glaube ich einfach nicht. Inwiefern der Protestantismus nun überhaupt der Grund ist, weiß ich nicht. Es ist wieder so eine Frage nach dem Huhn und dem Ei. Ist die typisch nordeuropäische Mentalität Produkt des Protestantismus oder eher umgekehrt?

    Das ist sicherlich richtig - es handelt sich dabei schon um einen wichtigen Faktor. Gleichzeitig wirken aber alte regionalspezifische Prägungen fort, da sich die Mentalität der Leute ja nicht zwangsläufig grundlegend änderte, nur weil jetzt plötzlich durch einen (häufig ja rein pragmatisch bedingten) Wechsel der Konfession des jeweiligen Landesherrn auch die offizielle Religion des jeweiligen (Teil-)Staates änderte - so wechselte ja z. B. auch Pfalz-Neuburg vom Katholizismus zum Protestantismus und wieder zurück, wobei dieser Wechsel auch von den Untertanen vollzogen werden mußte (und wer sich nicht anschloß, mußte dafür unter Umständen sogar mit dem Leben bezahlen, siehe die Ausstellung im Neuburger Stadtmuseum).


    Entsprechend ist Religion ein Faktor, der mehr oder weniger prägend ist und teilweise auch durch regionale Mentalitäten völlig überlagert wird.


    OT Obwohl Brasilien ja überwiegend katholisch ist, gibt es dort eine ausgeprägte Abriß- und Modernisierungswut, selbst auf der Flagge steht als Leitspruch "Ordnung und Fortschritt" :smile:


    Was auch immer an Köln katholisch sein soll, der Katholizismus wird dadurch, dass die Stadt das Wesen des Rheinlandes besitzt, ausgelöscht

    Die katholische Prägung äußert sich meines Erachtens im Alltagsleben in einer gewissen barocken, farbenfrohen, ausladenden und auch liberalen Lebensweise und ebensolchen gemütlichen und bildhaften Sprache - und die ist im Rheinland (genauso wie in Sachsen, speziell im Dresdner Raum) definitiv gegeben. Wahrscheinlich sind sich Altbayern und Rheinländer sogar ähnlicher als Bayern und Franken oder Rheinländer und Westfalen ...


    In Bayern wird der rheinische Katholizismus nicht ernstgenommen.

    Er ist aber tatsächlich made in Bavaria - auch wenn es heute kaum noch bekannt ist (vergleichbar mit der bayerischen Geschichte von Jülich-Berg), so stellten die Wittelsbacher, angefangen mit Ernst von Bayern als erstem von 5 Bischöfen bis 1761, also fast 160 Jahre lang, die Erzbischöfe von Köln - und setzten dort die Gegenreformation um.

  • ändert aber nichts daran, daß Köln das größte katholische Bistum ist

    Entschuldigung, aber das sagt gar nichts. Ich gehe davon aus, dass die Größe auf die Anzahl der Mitglieder bezogen ist. Wenn das Gebiet nur groß genug ist, kommen natürlich entsprechend viele Mitglieder zusammen. Aussagekräftig wäre die relative Mitgliederzahl in bezug auf die Gesamtbevölkerung, also die Katholikendichte.


    Andererseits ist das Erzbistum Köln aber flächenmäßig eher klein. Das geht natürlich mit der hohen Bevölkerungsdichte einher. Eine geringe Fläche ist eher ein Hinweis auf eine hohe Katholikendichte. Ein Bistum, das flächenmäßig sehr groß ist, liegt wohl eher in dem, was die Kirche als Diaspora bezeichnet.

    Die katholische Prägung äußert sich meines Erachtens im Alltagsleben in einer gewissen barocken, farbenfrohen, ausladenden und auch liberalen Lebensweise und ebensolchen gemütlichen und bildhaften Sprache - und die ist im Rheinland (genauso wie in Sachsen, speziell im Dresdner Raum) definitiv gegeben. Wahrscheinlich sind sich Altbayern und Rheinländer sogar ähnlicher als Bayern und Franken oder Rheinländer und Westfalen ...

    Das ist ein interessante Beobachtung!

  • silesien : Ja, Brasilien ist da recht speziell, mit seinem Modernismus (die neugebaute Hauptstadt Brasilia; die Hochhausstädte mit den Hubschrauberlandeplätzen; andererseits haben die auch zig Barockkirchen). Lissabon, gewissermaßen "Mutterstadt" Brasiliens, fand ich für ein romanisches Land ziemlich "englisch" - etwa in der Bekleidungsart, für Männer Anzug und Krawatte und für die Frauen graues Kostüm und Seidenstrümpfe waren weitaus verbreiteter als in Spanien oder Italien. Auch haben die Leute eine ziemlich zurückhaltende Art, barocken Überschwang traut man ihnen nicht recht zu, eher eine Art quasiprotestantische Bürgerlichkeit.

  • Lissabon, gewissermaßen "Mutterstadt" Brasiliens, fand ich für ein romanisches Land ziemlich "englisch" - etwa in der Bekleidungsart, für Männer Anzug und Krawatte und für die Frauen graues Kostüm und Seidenstrümpfe waren weitaus verbreiteter als in Spanien oder Italien.

    Lissabon finde ich absolut faszinierend, immerhin ist die Altstadt ziemlich gut erhalten (die Anzahl der Ruinen sinkt seit der weitgehenden Abschaffung der Mietpreisbremse, die meines Wissens noch aus der Monarchie stammte - siehe Auferstanden aus Ruinen), aber schon die Avenida da Liberdade gleich nördlich davon ist recht mit Neubauten durchsetzt.


    Auch haben die Leute eine ziemlich zurückhaltende Art, barocken Überschwang traut man ihnen nicht recht zu, eher eine Art quasiprotestantische Bürgerlichkeit.

    Ja, das ist eine ganz einzigartige Mentalität für den romanischen Raum, manchmal wird laut gefeiert, meist ist man aber leise, zurückhaltend und melancholisch - die sprichwörtliche "saudade". Das kommt ja auch in Musikstilen wie "fado" ("Schicksal") oder in Brasilien "choro" (von "chorar" = weinen) zum Ausdruck.


    Überhaupt ist auch in Brasilien eine seltsame Mischung aus Optimismus, Lebensfreude und Melancholie verbreitet, um mal den bedeutenden Textdichter Vinicius de Moraes zu zitieren:

    Mas pra fazer um samba com beleza

    É preciso um bocado de tristeza

    Senão, não se faz um samba não

    Für einen schönen Samba ist ein wenig Traurigkeit nötig, sonst wird es kein richtiger Samba ... und weiter.

    Zitat

    Qualquer coisa além de beleza

    Qualquer coisa de triste

    Qualquer coisa que chora

    Qualquer coisa que sente saudade

    Etwas, das über die Schönheit hinausgeht - etwas trauriges, das weint, das die Melancholie spürt.

  • Das freut mich zu hören, daß die Lissabonner Altstadt nicht mehr so ruinös ist. Ich war 1990 dort, und da gab es auch Häuser mit heruntergefallenen Holztreppen mitten in der Altstadt. Aber eben auch noch viele erhaltene Rokoko-Ausstattungen (1775? war dort eine verheerende Flut, die die ganze untere Altstadt auslöschte, man baute sie im Rokokostil wieder auf) in Häusern und Geschäften.