Mostviertler Sondergotik (Galerie)

  • In dem bedeutenden, 246 S starken Handbuch "Die Eisenwurzen" des vormaligen Landeskonservators für NÖ, Franz Eppel aus dem Jahre 1968 ist selbstverständlich auch die Pfarrkirche zu Scheibbs erwähnt, und dies nicht zu knapp: fast eine Seite Kleingedrucktes. Alles wird umfassend gewürdigt, die schlanke, 'wahrzeichenhafte' Haube von 1609 des achtgeschossigen got. Turms, die 'köstliche barocke Rahmung' des Hl-Geist-Loches, der 'überreiche' Hochaltar und die 'gut ineinander komponierten spätbar. Aufbauten' mit 'abundantem vergoldetem Figuren- und Ornamentschmuck', sowie die gesamte Ausstattung. So geht s einige Zeit dahin, und in der trefflichen Beschreibung und pointierten Würdigung von Kunstwerken liegt denn auch die Stärke vom Eppels Büchern.

    Natürlich kommt Eppel auch auf Raum und Gewölbe der Kirche zu sprechen. Wir lesen von einer spätgot- weiträumigen Hallenkirche mit drei völlig gleich hohen Schiffen. "Mächtige Rundsäulen mit Kompositkapitälen tragen die ziemlichflach horizontal gespannten Netzrippengewölbe. " Und gegen Ende lobt Eppel die westl. Emporenwand, den 'großartigen Westabschluss des Kirchenraumes' der insgesamt durch die rote Färbelung der Säulen und Rippen und dem Weiß der Wandflächen einen spezifischen Reiz besitzt'.

    Das ist alles.

    Die bedeutenden spätgot. Gewölbe der beschriebenen Region (die das Mostviertel beinhaltet) ist Eppel im Vorwort und bei div. anderen Objekten wie zB St. Valentin keineswegs entgangen, insdes scheint ihm Scheibbs in diesem Zusammenhang nicht besonders aufgefallen zu sein!

    Kein Wort über die unikate Gewölbeform, über den genialen Chorabschluss, über diese grandiose Verschmelzung von Chor und Langhaus...

    Nicht zur Eppel schien entgangen zu sein, dass sich hier in der mostviertler-voralpenländischen Einöde ein Kunstwerk von höchstem Rang erhalten hat, ein gotisches Pendant zu Vierzehnheiligen. Zu mehr als einem Stern im Dehio von 1953 hat es für Scheibbs nie gereicht, eine besondere Würdigungist auch hier nicht erfolgt. Hootz erwähnt im HB der Kunstdenkmäler NÖ,OÖ, Bgld Scheibbs nicht einmal, wohl aber Krenstetten und St. Valentin, daneben die Schlingrippengewölbe von Weiostrach und Königswiesen, was von grundsätzlichem Interesse und Wissen für die sondergotischen Gewölbeformen zeugt. Erst in der jüngeren Fachliteratur lesen wir diese allerdings bemerkenswerten Worte:

    "Die überregionale Sonderstellung der dem Einheitsraum so fördernden Kassettendecken in Scheibbs und Gaming kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Überall dort, wo die 'dt Sondergotik' der Zeit um 1500 in höchster Blüte stand... findet sich nichts Vergleichbares. Wenn sich ...zB ... in Schwäbisch Gmünd oder ...Pirna... ähnliche Tendenzen zeigen, dann handelt es sich fast immer um dichte, geometrisch klare Rautennetze, die überdies fast nie die Schiffsgrenzen überschreiten. Ein geradezu diametraler Gegensatz besteht zwischen diesen wohlgeordneten... Deckensystemen und den unberechenbar aufgesplitterten Wölbungslösungen des sw NÖs." (G. Brucher, Got. Baukunst in Ö, 201)


    Wir werden uns in Zukunft mit dem westnö. Voralpengebiet und seiner spezifischen Gotik näher auseinandersetzen. Die Anzahl von qualitätsvollen Kirchen ist enorm: Mank, Kilb, St. Leonhard am Forst, Purgstall/Erlauf, Wallmersdorf, St. Peter id Au, Behamberg, Sindelburg, Neustadtl/Donau, Ferschnitz, Wolfsbach, Euratsfeld, Strengberg, Rems, Amstetten, Aschbach Markt, St. Georgen/Ybbsfeld, Weistrach, Krenstetten, Scheibbs, Gaming, St. Valentin, Saxen (Ausläufer nördl. d Donau), Zeillern... die Liste ist schier endlos. In jedem Dorf kann man eine Neuentdeckung machen.

    Hier der Initialbau zu diesen Kirchen: die Steyrer Pfarrrkirche. Prägend wurden die Gewölbe der Seitenschiffen. Aus den auf uns heute eher unscheinbar wirkenden periodischen Viertelkreisrauten leitete sich die Kassettenformen her:

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    In Häufung bzw gar Reihung werden sie zum Hauptmotiv dieses regionalen Sonderstiles:

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    Hier einige (beliebige) Bildbeispiele von oben erwähnten Orten:

    Weistrach:

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    Datei:Weistrach innen.jpg – Wikipedia

    de.wikipedia.org/w/index.php?tit ... 0706215541

    Quelle: Wikipedia





    Krenstetten:




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    die Pfarrkirche Krenstetten ist ein typischer spätgotischer Hallenbau mit einem originellen, kassettierten Rippensystem. In der Region sind derartige Rippengewölbe sehr verbreitet, dieses hier ist von geradezu klassistischer Klarheit.


    St. Valentin, Pfarrkirche:


    Auch das die Querachse betonende Kassetten-System von St. Valentin ist noch relativ gut lesbar:

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    östlichstes Joch:

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    3. Joch v. O:

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    wie man sieht, werden hier (wie in Krenstetten) die Jochgrenzen noch gewahrt, was zB in Scheibbs nicht der Fall ist.

    Eine Valentiner Besonderheit sind die Pfeiler (oder eigentlich Säulen), welche die sog. 'autonomie des Gewölbes' demonstrieren. Der (in Krenstetten noch gerade erkennbare, aber nicht konsequent durchgeführte) Versuch, sie in das Rippensystem zu integrieren, wird nicht einmal mehr unternommen, die Kapitelle werden regelrecht abgeschnitten.

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    Man beachte die in ihrer Rigorosität analoge Vorgehensweise an der Wand - so etwas wie Wandpfeiler sind gerade mal in Rudimenten erkennbar.

    Dafür spielt es sich innerhab der Kapitelle umso wilder ab:

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    Mit den Rippen wird jongliert, als wären sie aus Holz. Teilweise verlaufen sie 'unterirdisch'.

    Noch ein Blick in den Chor, dessen Rippengewölbe sich scheinbar tradioneller geriert:

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    Der Schein trügt bei näherem Hinsehen. Hier ist jede Ordnung dahin.

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    Erkennbar ist ein Wirbelstern über dem 5/8 Chor, und davor vier Kreuzrippenpaare (besser lesbar: zwei diagonal gestellte Quadrate, die mit angedeutenden, jeweils in die andere Richtung verlaufenden Wirbelsternen gefüllt sind).

    Neustadtl an der Donau, eine typische spätgotische Hallenkirche des sw NÖ -

    Die Raute, dieses zentrale Motiv ist unübersehbar. Die Rauten-Rahmungen des Mittelschiffes sind quadratisch, was eine wörtliche Bezugnahme auf das Steyrer Vorbild darstellt.

    Typizität kann man diesem Bau nur hinsichtlich der in der Region unerschöpflichen Originalität nachsagen:

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    Steinakirchen am Forst. Das Sterngewölbe ist zwar hübsch, aber doch konventioneller Natur. Dennoch ist das Bestreben nach Einheitlichkeit des Raums hier noch weiter gegangen, als in den meisten anderen Mostviertler Kirchen: die einzigartige Pfeiler-Emporen-Lösung lässt die Frage, ob es sich überhaupt noch um Drei- oder schon um Einschiffigkeit handelt, offen. So ganz nebenbei wurde hier eine der seltenen Rundum-Emporen geschaffen (vgl Amberg, St. Martin).

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  • SAXEN nimmt eine geographische Sonderstellung innerhalb des MSG-Gebietes ein: dass er bereits zu OÖ gehört, ist weniger außergewöhnlich, das trifft auf den Initialbau in Steyr ja auch zu; Saxen indes liegt als einziger Ausläufer der MSG jenseits der Donau.

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    Zweischiffige Hallenkirche.

    Hier sieht man die MSG-spezifischen Reihungen einfacher geometrischer Figuren entlang der Längsachse:

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    Drei Besonderheiten fallen mir auf:

    1) Die Losgelöstheit der Wandpfeiler von der Wand (vgl Steinakirchen aF)

    2) Die Unabhängigkeit der Rippen von der eigentlichen Wölbungsstruktur - nicht alle Kanten sind mit Rippen versehen:

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    3) Die provokante Asymmetrie des Seitenschiffes:


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    Nun ein 'klassischer' Fall von MSG:

    Mank

    Wie immer sieht man von außen nicht viel:

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    ein relativ frühes, nach einigen nicht ganz ausgegorenes Beispiel:

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    eine etwas ungeschlachtete Variante von Purgstall.

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    Immerhin hat der Raum typische Expressivität der MSG.

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    Das nahegelegene St. Leonhard am Forst hingegen ist äußerlich interessanter als die meisten Kirchen der Region,

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    weist dafür im basikalen Inneren keinerlei Züge der MSG

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    Der wenig abgebildete Chorraum der Pfarrkirche zu Weistrach.

    Im Gegensatz zum Langhaus ist das Gewölbe in der Aneinanderreihung einfacher geometrischer Formen typisch für die MSG. Charakteristisch ist die absolut ungotische Betonung der Breitendimension.

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    Weistrach wie man's kennt (Langhaus): Waldartiges Interieur mit wildwucherndem Schlingrippengewölbe. das in Ö zwar häufig anzutreffen ist, aber eben im Mostviertel eine Sonderstellung einnimmt(immerhin gibt es zu Scheibbs zumindest auch entsprechende Ansätze).

    Für mich ist der Übergang zwischen Langhaus und Chor und das Aufeinanderprallen besonders faszinierend. Auch in Scheibbs war das Aufeinanderprallen zweier Gewölbeausrichtungen zu beobachten, der dort allerdings viel jäher ausfielt, durch keinen Triumphbogen getrennt wurde und dadurch eine noch viel komplexere Wirkung entfaltete.

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    Ein äußerst faszinierender Kirchenraum!

    Man beachte im Langhaus den Wildwuchs des Rippenverlaufs, der sich von der architektonischen Anlage löst. Die Gewölbekanten sind nicht mehr mit Rippen versehen.

    Hier noch mal zum Vergleich Scheibbs:

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    Die zweite wichtige Landkirche im Schatten des Stiftes Seitenstetten befindet sich im unweiten St. Peter in der Au´.

    Wir haben sie bereits erwähnt, auch im Zusammenhang mit der DDer Schlosskapelle.

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    Wir finden hier das Leitmotiv der MSG, die sogenannte Raute (die in Wirklichkeit ein Karo ist). Jede zweite Raute wird von einem Rechteck eingerahmt, das wiederum breitseitig angelegt ist.

    Hier noch zwei Bilder vom sehr interessanten Äußeren. Wie man sieht, handelt es sich um eine Wehrkirche.

    An sich könne man von St. Peter eine kleine Galerie aufmachen. Leider sind die meisten Bauten wie das Schloss und die wertvollen Marktplatzhäuser unvorteilhaft modernisiert.

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    Und zum Abschluss ein besonderes Schmankerl:

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    Die Pfarrkirche in Wolfsbach wird in Bruchers Standardwerk nicht einmal erwähnt. Wieder eine höchst originelle Aneinanderreihung geometrischer Formen, die diesmal etwas komplexer ausfallen (Sternmotiv, darüber wieder die unvermeidliche Raute, die hier zum Zwölfeck wird). Insgesamt wieder ein Beleg für die Fülle an Originalität der Gotik in jener Region. Auf engstem Raum haben wir drei äußerst interessante und differierende Beispiele gesehen.

  • Jetzt zu einem Klassiker der MSG:


    Die bereits erwähnte Kirche zu Purgstall an der Erlauf stellt in vielerlei Hinsicht die Antithese zu Steinakirchen dar.

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    Trotz des Hallenraums herrscht Chaos - dort, wo zwei Schiffe - nämlich das Mittelschiff und das südliche Seitenschiff, hier links - ineinander übergehen allerdings nur scheinbar. Die für die MSG typischen Reihungsmotive - Quadrate und Karos ='Rauten')-

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    sind hier lediglich phasenverschoben, wodurch sich niemals so etwas wie eine Einheit stiftende Querachse ergibt:

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    Das nördliche Seitenschiff ist überhaupt ganz anders gestaltet - und kann nur ob seiner wilden Komplexität als charakteristisch für die MSG angesehen werden.

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    Je genau man hinsieht, desto gewisser wird es: irgendeine Ordnung oder auch nur Axialsymmetrie findet hier nicht statt!


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    Hat das noch etwas mit gotischem Stil- oder Formempfinden zu tun?

    Was liegt hier vor?

    Eine regionale Entartung?

    Eine Konkordanz zur ohnehin gleichzeitig stattfindenden ital. Renaissance?

    Dieser Gedanke ist wahrscheinlich abwegig; und die Bruchersche Begriffsschöpfung der österr. Renaissance-Gotik war eindeutig scherzhaft bzw als Antithese zum tatsächlich gebräuchlichen Begriff der österr. Barock-Gotik gemeint. Letzterer Begriff erscheint zwar zur Beschreibung der in Ö. häufig anzutreffenden Schlingrippengewölbe zumindest brauchbar, Kötschach oder Königswiesen haftet ja in der Tat etwas Barockes an, muss aber in der MSG versagen.

    Gleichzeitig ist zu konstatieren, dass innerhalb der beiden so unterschiedlichen Seitenschiffen die seltsam zu fassende Bandbreite der MSG liegt, also zwischen den Polen: mechanischer Aneinanderreihung einfachster Formen und irrationaler Komplexität. In Purgstall liegt dies alles nur ein paar Meter von einander entfernt nebeinander, in unserer nächsten Destination jedoch, nur ein paar Kilometer flussaufwärts der Erlauf, ist dies in künstlerisch höchster Form sublimiert.

  • Jetzt zu einem Baujuwel, das Seinesgleichen sucht -

    die Pfarrkirche von Scheibbs.

    Es ist ein einzigartiger Fall, dass ein Bau von einer derartigen Bedeutung weitgehend unbeachtet geblieben ist.


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    Reizlos ist das richtige Wort, mit dem man das Äußere beschreiben kann, was übrigens für den gesamten Marktplatz, ja für die gesamt, übrigens nicht schlecht erhaltene Altstadt von Scheibbs gilt.


    Keine Idee davon, dass hier ein Innenraum wartet, der alles Bekannte von Kutna Hora bis Braunau am Inn in den Schatten stellt.


    Hier n ganz nettes Ensemble:

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    Jetzt zum Innern:



    Hier das 'Langhaus':

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    (Bild 1)

    Und hier der Bereich eines fiktiven Querhauses samt Chor:

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    (Bild 2)

    Das Gewölbe auf Bild 1 ist eindeutig in Längsrichtung orientiert, wozu es nicht einer genauen Analyse, was wir hier eigentlich sehen, bedarf. Eine derartige Analyse würde keine eindeutigen Ergebnisse bringen, ich tendiere zu gezogenen, beinahe ovalen und überdies ineinander verzahnten Zehnecken.

    Wie auch immer - zwei Dinge stehen fest:

    a) es findet eine für die mv.ler Sondergotik typische mechanische Reihung gleicher Motive statt - nur sind diese bereits deutlich komplexer als üblich, wodurch keine eindeutige Lesbarkeit mehr besteht.

    b)Da diese Reihung in Längsrichtung erfolgt, ergibt sich daraus eine Betonung der Längsachse.

    Zumindest, wenn man s so haben will:

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    Der selbe Befund ergibt sich nämlich auch in Querrichtung, was Aussage b) zwar einschränkt, aber nicht entkräftet, was sehr gut ist, denn wir werden sie noch brauchen! Nämlich gleich jetzt, wenn wir uns Bild 2 ansehen.

    Die Längsachse verschwimmt nicht völlig, verliert aber stark an Gewicht zugunsten eines Zerfließens in die Breite. Hier treffen wir endlich auf das 'klassische' Motiv der mvler SG: die quadratgerahmte Bogenraute in ununterbrochener Reihung. Diese Reihung findet statt: in genauer Jochmitte in Querrichtung sowie in den Seitenschiffen in Längsrichtung:


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    Mit diesem Wissen können uns die folgenden Bilder nicht mehr verwirren.

    "Seitenschiff" im "Querhaus"-bereich:

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    "Langhausbereich" gen W:

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    aus verschiedenen Blickwinkeln...

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    Wie gesagt, das funktioniert auch derquer, so perfekt ist die Raumvereinheitlichung geglückt:

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    Die korinthischen Kapitelle (hier eins im 'Querhausbereich') unterstreichen nur die 'barockgotische' Gesamtwirkung. Wie wohl das Problem der Rippenabschlüsse früher gelöst war?

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    Und noch einmal 'Barock gegen Gotik':

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    Diese gotische Architektur forderte geradezu barocke Exzesse heraus.

    Besonders interessant ist jener Bereich, in welchem die beiden Formkonzept aufeinander stoßen. Da zentral gelegen, befindet er sich fast immer im Blickfeld und trägt damit entscheidend zum Eindruck der Unauflösbarkeit bzw Unlesbarkeit der Gewölbestruktur bei.

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    Diese Situation besteht natürlich auch in den Seitenschiffen, ist hier aber leichter durchschaubar:

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    Noch ein letzter Blick auf die schon von Prof. Eppel gelobte Westempore:

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    Soviel zu Scheibbs. Die Stimmung dieses herrlich dämmerfarbigen Innenraums, der wie nur wenige andere (selbstverständlich nur fränkisch-barocke) den Verweiler in tranceartige Zustände zu versetzen vermag, ist photographisch nicht leicht wiederzugeben, überhaupt, wenn man wie ich die Bilder aus der Hand macht.

    Der nächste Raum wird sowohl photographisch als auch apperzeptiv einfacher.


    Die Rede ist natürlich von der bereits erwähnten, äußerlich so wenig ansprechenden Pfarrkirche zu Gaming.

    Der Innenraum ist klein aber fein:

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    Wir treffen auf eine alte Bekannte: die gute alte Bogenraute. Mal im Quadrat, mal im Sechseck gerahmt. Die daraus ausschwärmenden Rippen ergeben eine ziemlich komplexe Struktur, aber da sind wir von Scheibbs her schon Schlimmeres gewohnt.

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    Wie auch in Scheibbs macht sich die Barockausstattung hervorragend.


    Hier das Äußere:

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    In Anbetracht der nahegelegenen Karthause



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    ist es fürwahr kein Wunder, dass die Pfarrkirche von 95% aller Kulturtouristen im wahrsten Sinne links liegen gelassen wird.

  • Zum Abschluss ein paar Beiträge aus dem APH-Strang.


    Zitat

    Österreich kann als Land der Gotik angesehen werden. Das mag für viele überraschend klingen, scheinen doch unsere Städte in erster Linie vom Barock geprägt. Darüber wird auf unser gotisches Erbe anscheinend ziemlich vergessen, ein Erbe, das sowohl in quantitativer als auch (vor allem!) qualitativer Hinsicht unser Land beträchtlich prägt. Vor allem in der Spätphase hat sich die Gotik bei uns zu ungeahnten Leistungen emporgeschwungen.




    Zitat von Georg Friedrich

    "das wirklich Interessante an diesen Kirchen, so meine ich, liegt in dem Umstand, dass sie nur wenige kennen dürften." (UC)

    Das stimmt und ist schnell erklärt: Österreich ist aufgrund der relativ späten Erschließung großer Teile seines heutigen Gebiets, dem Fehlen alter, d. h. mindestens ottonischer, Bischofssitze neben Salzburg und mangelnder Demographie (was natürlich unvermeidlich ist, wenn die Alpen zwei Drittel der Landesfläche ausmachen) ein Land ohne mittelalterliche Großkirchen geblieben, d. h. Kirchen von, sagen wir, mindestens 100m äußerer Länge. Der Wiener Stephansdom ist einzige gotische Großkirche des Landes, der nicht mehr existente Salzburger Dom dürfte die einzige romanische gewesen sein. Die häufig rezipierte internationale Forschung beschäftigt sich nicht mit "Kleinkram" und überlässt dieses Feld interessierten Regionalhistorikern. Vermutlich wäre selbst ein Bau wie der Naumburger Dom ohne seine berühmten Plastiken international völlig unbekannt, da er als bloßes Architekturdenkmal aus westlicher Sicht einerseits physisch zu klein und anderseits für seine Entstehungszeit zu romanisch erscheint.

    Als die beiden Hauptländer der Gotik werden in der Welt immer England und Frankreich betrachtet bleiben - nicht zuletzt deswegen, weil die nicht nur politisch-militärische, sondern auch sprachlich-kulturelle Vormacht des Westens sich mit der Kulturgeschichte des britischen Mutterlandes bewusst oder unbewusst identifiziert und dessen Prämissen, Annahmen und Methodik abertausendfach reproduziert und in alle Welt verbreitet.




    Zitat von uc

    vgl mal: Wilckens/Naredie-Rainer: Grundriss der abendländischen Kunstgeschichte.

    Das dürfte natürlích richtig sein, wenngleich unser Bewusstsein nicht ganz so ausgeprägt erscheint - schließlich liegen wie östlicher, womit sich der Fokus etwas verschoben hat. England ist für uns ganz abseitig, ja exotisch. Dass es dort gotische Kathedralen gibt, wissen die Gebildeten schon, aber das hat mit uns nicht sehr viel zu tun. Gemessen an den östlichen Nachbarländern stehen wir mit unseren Domen gar nicht so schlecht dar. 'Die Welt' gibt bei uns nicht soviel, unsere Welt ist eine andere. Für uns ist die Parler-Schule interessant, oder die Passauer Dombauhütte, allenfalls ergeben sich bei Stift Zwettl über Mathias von Arras Entwurf des Veitsdoms Bezüge zu Frankreich, aber das war s dann auch schon.

    Aber ein anderer Aspekt erscheint mir interessanter: es ist ja nicht so , dass gegen die politisch-kulturelle Vormacht des Westens deutscherseits niemals revoltiert worden wäre. Man vergleiche etwa W. Pinders Vorwort zu 'Deutscher Barock' in den Blauen Büchern um 1920, das sich in der Tat so liest. Ua dadurch entstand ein gewisses Bewusstsein für die Einmaligkeit zB von B. Neumann und den fränkisch-böhmischen Barock, ein Zug, auf den die tschechische Forschung natürlich auch schnell aufgesprungen ist.

    Und auch die Schaffung des Begriffs der 'Dt SG' und deren Würdigung gehen in diese Richtung.

    Indes besteht hier der entscheidende Unterschied, auf den es mir hier ankömmt: was den Barock betrifft, so konnte Österreich an der Bewusstseinsschaffung bzw -erweiterung mitpartizipieren, die hiesigen Bauschöpfungen wurden immer als in die Gesamtbetrachtung der deutschen Vielfalt integriert gesehen. Dies nun haben die dt. Gotikforscher bzw -liebhaber nicht getan. Pinder wusste viel über die Barockleistungen der nö. Provinz. Gerstenberg hatte, so glaube ich zumindest, niemals von Scheibbs oder Krenstetten gehört. Ich denke, dass es ihm und anderen tatsächlich entgangen ist, dass bei uns eine zwar meinetwegen etwas schrullige, aber zweifellos interessante Ausformung bzw Weiterentwicklung der dt. Spätgotik stattgefunden hat. Und da bei uns die erwähnte Vormacht des Westens in erster Linie die Vormacht Deutschlands bedeutet, sind zB die Kirchen des Amstettner/Voralpen- Raums einer breiteren Öffentlichkeit bis dato mehr oder weniger unbekannt geblieben.



    Und am Schluss noch ein skurriler Vergleich, den ich aber sehr gern mag:

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    St. Peter in der Au.


    Und was ist das:

    Bildergebnis für dresden schlosskapelle

  • Hm, mit der Spätgotik scheint es wie mit der Spätromanik (auch Späzklassizismus?) zu sein: die Zierformen werden gewissermaßen autonom.

    Den geometrischen Wald von Weistrach empfinde ich noch als einheitlich in der Gestaltung, bei den anderen hebt mehr und mehr eine Pergola nach oben hin ab. -

    Ja, was ist das letzte Bild? Sieht aus wie eine moderne Phantasiedecke (die Schlingen richten sich anscheinend überhaupt nicht mehr nach der deckenhöhe/den deckenkanten, sondern formen eine eigene Raumhöhe, und sind z.T. extrem hoch) über einem alten Römerbau??

  • Dresdner Schloßkapelle? Das müßte das Gebäude mit dem extra angebauten Umgang für katholische Prozessionen in Protestantenland sein, oder? Wenn es das ist: das sieht meiner Erinnerung nach anders aus. Mehr Säulen ab EG, wenn ich mich nicht täusche.


    Vielleicht ist es ja ein "Gebäude, das nie gebaut wurde", also eine reine Visualisierung, Entwurfsfingerübung.

    Die unterschiedlich hohen (und manchmal sehr hohen) Schlingen würde ich mir eh am ehsten in Stahlbeton vorstellen, keinesfalls gemauert.

  • Habe jetzt mal ein bißchen geixquickt. Ich kannte nur die Hofkirche S.Trinitatis, das ist die mit den Prozessionsumgängen. Die Hofkapelle ist ein anderes, kleineres, Gebäude, das ich noch nicht gesehen habe. Zumal das Schlingengewölbe, das erst 2013 im Rohbau fertigwar (es ist enorm, was man rekonstruieren kann, wenn man sich nur Zeit läßt und Geld[1] und den Willen hat, es zu machen - das Schlingengewölbe war wohl ziemlich wenig dokumentiert, und vor allem die Technik sehr rätselhaft, aber man hat es durch vorsichtiges Ausprobieren wieder hinbekommen!), zur Zeit meiner Besuche dort noch gar nicht stand.

    Aber die Bezeichnung "verwirrend" ist schon auch angebracht, zwar nicht für die Schlingen, die hier ein überschaubares Muster bilden, aber für die Decke obendrüber, die mit den gemauerten "Stielen" unter einigen Schlingen, und unter anderen wieder nicht, überhaupt nicht lesbar ist.


    [1] Ich las irgendwo, es habe 3,5 Mio gekostet. Das kann ich kaum glauben, denn das erscheint mir ziemlich wenig angesichts der Tatsache, daß man hierbei eine Bautechnik praktisch wiedererfinden mußte und dafür Belastungstests u.a. brauchte.

  • Ich hab absichtlich nicht das von Lingster verlinkte Bild gewählt, weil sich in diesem die Rauten sozusagen auflösen - sie ergeben sich einfach als Mittelfläche vierer Kreise. Damit entpuppt sich diese Assoziation als reiner Zufall- die mostviertler Rauten sind nicht aus Kreisen gebildet, sondern bestehen um ihrer selbst Willen.

    Aus der von mir gezeigten Längsansicht geht das jedoch nicht so hervor, hier erscheint die Ähnlichkeit frappant.

    Mit der österr. SG hat das DDer Beispiel (es ist sicher eine authentische Konstruktion) hingegen das Element des "Tennisschlägers" der von den Säulen ins Gewölbe ragt gemein. Das ist ganz typisch für Schlingrippengewölbe à la Weistrach (das innerhalb der mv SG eher einen Fremdkörper darstellt).

    vgl Königswiesen OÖ:


    Bildergebnis für Königswiesen gewölbe