Pardubitz - mehr als bloß Pferdeleberkaas...

  • Was haben Landshut, Potsdam und Pardubitz gemeinsam? Einen ausgeprägten Bürgerhaustyp, der die betreffenden Häuser als eindeutig Landshutisch, Potsdamisch oder Pardubitzisch erkennen lässt.

    Hier ein unscheinbares Beispiel:

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    Eher flachgeschwungene Giebel, die mit Dachziegel in Mönch-Nonnen-Deckung bekrönt sind, Halbkreissegmente als wichtige Giebelgestaltungsform, filigrane Hausfassaden - das ist Pardubitz.

    Dabei hat die Stadt beinahe einen so schlechten Ruf wie das ganze Tschechien in Zenos Kinderstube - ich sage nur Steeple-chase und Semtex-Plastiksprengstoff (Lockerbie, wer sich noch erinnert).

    Dass sich inmitten der öden Stadtlandschaft eine kleine, aber pipipfeine Altstadt verbirgt, wissen die wenigsten.

    Wahrlich, ich sage euch, kaum eine deutsche oder österreichische Stadt weist diese urbane Kompaktheit auf.

    Hier ein kleiner Vorgeschmack:



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  • Pernštýnské náměstí:

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    Dieser Ring ist ein superlativischer Platz - geschlossen wie kein anderer. Zwar münden, wie öfters der Fall, vier Gassen ein, aber zwei Gasseneingänge sind überbaut, der südwestliche vom Grünen Tor, und der nordwestliche, ohnehin sehr enge durch einen aufgemauerten Schwibbogen:

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    Weitere Superlative: das Haus zum Jonas...

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    Rokokohaus neben dem Rathaus:

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    Mariensäule:

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    ...und natürlich die Platzdominante, der Grünen Torturm, hier vom Schloss aus gesehen, von wo sich die neun Spitzen gut präsentieren:

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    Neun Spitzen, das erinnert natürlich an Znaim, an Meister Nikolaus von Edelspitz, der - Überraschung" auch hier der Baumeister war. Derartige Neunspitze gibt es mW nur in den böhm. Ländern. Das berühmteste Beispiel sind die Doppeltürme der Prager Theinkirche, ein weiteres Beispiel, ebenfalls ein Kirchturm befand sich östlich von Znaim und ist leider vor etwa 100 Jahren abgebrannt.

  • Das bereits erwähnte sehr kurze Bartholomäus- oder Fleischergässchen zählt zu den charaktervollsten Straßenräumen Böhmens.

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    Die rechtwinklige Fortsetzung ist die Kirchengasse. Beide Gassen beschreiben einen Halbkreis, der von der NW Ecke des Rings zur östlich verlaufenden Pernstein- bzw Schlossstraße führt. Damit ist mow die gesamte Altstadt dargestellt, mehr gibt es außer zwei ganz kurzen Stichstraßeneinmündungen eigentlich nichts an nennenswertem Athausbestand.

    Hier zunächst die Stadtkirche St. Bartholomäus:

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    die die Gassenflucht beherrscht...

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    andere Richtung:

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    Einmündung in die Hauptstraße:

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    Dazwischen dieses wahrscheinlich in der Nachkriegszeit verfallenes und schon im Kommunismus auf diese Art hübsch und intelligent gestaltetes Gassenfragment (generell war die Altstadt - anders als in HK - schon in kommunistischen Zeiten sehr gut gepflegt, wobei es mit Sicherheit im vorstädtischen Bereich zu (wie vom Restbestand her zu schließen: verschmerzbaren) Substanzverlusten gekommen ist.

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    Diese Seite zum Hauptplatz hin ist erhalten, die andere Seite platzartig offen und von Bäumen und vom Stadtbach bzw von der dahinterliegenden Hinterseite der Kirchengasse begrenzt:



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  • Nun zur Hauptstraße der Altstadt, die vom Ostteil des Ringes ausgeht, dh deren Ostseite in die Ostseite des Rings lückenlos übergeht. Sie heißt zunächst Pernstein-, dann Schlossstraße. Die Westseite ist lückenlos geschlossen, da die Kirchengasse wie gesehen in einem Durchhaus einmündet, nur auf der Ostseite gibt es eine Mündung (die dann sozusagen die Namensänderung auslöst. Auch hier also das Pardubitzer Phänomen der möglichst geschlossenen Stadträume.

    Die Qualität der Bebauung steht der dem Ring im nichts nach und hält (die relative Kürze des Straßenzugs berücksichtigt) mE sogar Kleinseitner Beispielen (Sporner- oder Brückengasse) locker mit.

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    Auch der Historimus hat hier seine Qualitäten:

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    Das Schlosstor ist doppelt angelegt. Es birgt einen kleinen Platz in sich;



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  • War das alles aus Pardubitz?

    Nun ja, schließlich ist es eine Stadt mit an die 100' Einwohner.

    Aber außerhalb der Altstadt ist sie wenig gewinnend.

    An die Altstadt grenzt der Platz der Republik an, der von den Altstadtdominanten, dem Grünen Turm und der Bartholomäuskirche beherrscht wird.

    Von dort schweift der Blick zum Stadttheater:

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    Zu Zeiten des Kommunismus war der Platz sehr charmant, heute ist er Verkehrshölle und darüberhinaus durch Kommerz und Modernismen entstellt.

    Die restliche Innenstadt ist nicht aufregend, zwar gibt es qualitative Bauten à la HK, aber keine besonders geschlossenen Ensembles.

    Und sonst...

    ja, einen Schlosspark, so groß wie die Altstadt, gibt's auch noch. Mit einem Schloss darin.

    Sehr schön neben der Altstadt gelegen:

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    Hier sehen wir ein schönes Epitaph über dem Eingang. Hier vergrößert:

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    Das hatte wir doch schon einmal irgendwo, nicht wahr?

    Um das Stadtwappen kann es sich hiebei nicht handeln, denn das stellt ein Springpferd dar. Nun ja, stípl-čejz, wir wissen.

    Hören wir zu Radio Prag bzw lesen wir nach, was es zu sagen hat:




    Die Burg Pernstein liegt rund 40 Kilometer nordwestlich von Brno / Brünn. Urkunden über ihren Bau und die Anfänge der Herren von Pernstein gibt es leider nicht. Immerhin hat sich eine Sage erhalten. Eine Version dieser Sage beginnt mit einem Mann namens Věňava, einem Köhler aus der Gegend:

    „Der Köhler verbrachte die meiste Zeit des Tages außerhalb seiner Hütte. Während seiner Abwesenheit gewöhnte sich ein Auerochse an, täglich die Hütte zu besuchen und das Brot des Köhlers zu essen. Věňava lauerte dem Ochsen eines Tages auf. Als der Auerochse erschien, witterte er zwar den Mann, doch Věňava war schneller und trieb dem Ochsen einen Ring durch die Nüstern. Der Köhler zog das Tier an dem Ring bis nach Brünn, wo gerade der König weilte. Der König wunderte sich über Věňavas Kraft und fragte ihn, was er sich als Belohnung für seine Tapferkeit wünsche. Věňava antwortete, er wünsche sich Freiheit und ein Stück Erde.“

    Der Köhler Věňava zog den Ochsen an dem Ring bis nach Brünn...Der Köhler Věňava zog den Ochsen an dem Ring bis nach Brünn... So soll aus dem unfreien Köhler der Edelmann von Pernstein geworden sein, behauptet die Sage. Fakt ist, dass die Herren von Pernstein einen Auerochsen in ihrem Wappen trugen.

    weitere Infos: radio.cz/de/rubrik/geschichte/…die-schuldenfalle-getappt

    Jetzt wissen wir es also.

    Die Stadt ist natürlich älter, eine deutsche Gründung. Dennoch gebührt den Pernsteinern die Anerkennung diese Stadt, so wie das nicht allzu entfernte Leitomischl maßgeblich geformt und zu dem gemacht zu haben, was es heute ist (ebenso verfuhren sie mit dem noch näheren Neustadt an der Mettau, das allerdings bei ihrem Erwerb erst ein Vierteljahrhundert jung war. Beide Städte sind in den Galerien Landstriche jenseits von gut und böse bzw Mährische Städte zu sehen, obwohl sie ganz sicher nicht dort hingehören).

    Bevor es ins Schloss geht, noch ein Blick zurück: auf das "Schlosstor", gemeint das Stadttor zum Schloss hin:

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    und zum Grünen Turm:

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    Jetzt das Schloss vom ihm umgebenden Erdwall:

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    Eine respektable Anlage!

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    Erlesene Renaissance im Eingangsbereich:

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    Innenhof:

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    So, das war's aus Pardubitz.

  • Die Hauptstraße wirkt in der Tat schon sehr pragerisch! Sowas würde man in so einer Stadt nie erwarten. Das Rathaus am Ring empfinde ich dagegen aber schon als maßstabsprengend, wie auch die historistischen Bausünden am Altstädter Ring in Prag.

  • meine Galerie ist fertig.

    @NL

    Nein, das seh ich gar nicht so...


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    sicher war das hochwertiger:


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    dennoch halte ich das rathaus für eine selten gelungene Landmarke des Historismus.

    Und eine solche Landmarke tut dem Platz nicht schlecht. dazu wahrt das Rathaus die Proportionen, vor allem in der Höhe, anders als etwa hier der Fall:


    Bildergebnis für großenhain

  • Dann noch eine kleine Ergänzung von mir - vor Ort war ich nur recht kurz, vielleicht 2 Stunden, da ich ja eigentlich mit der Bahn nach Königgrätz unterwegs war und in Pardubitz umsteigen mußte.


    Übrigens fährt zwischen Prag und Pardubitz der Pendolino, für den man sogar obligatorisch einen Sitzplatz reservieren muß - der "Hochgeschwindigkeitszug" der Tschechischen Bahn, der aber effektiv wesentlich langsamer unterwegs ist als selbst die meisten deutschen Regionalbahnen - mit einem Schnitt von etwa 110 km/h (während der ganz normale Regionalbahn-Triebwagen auf der bayerischen Donautal-Strecke locker 140 km/h fährt). Abgesehen davon gefällt die Tschechische Bahn mit sehr günstigen Preisen, dem wohl weltweit dichtesten Schienennetz und guten Online-Buchungsmöglichkeiten.


    Entsprechend geht es auch am Bahnhof los:



    Von dort aus geht es an Plattenbauten und einem großen Einkaufszentrum weiter in Richtung Altstadt:






    (Fortsetzung folgt)

  • Nach den grandiosen Bildern von UC möchte man kaum glauben, daß die von jeitinho aus der gleichen Stadt sind. -

    Jedenfalls sind auf UCs Bildern einige Häuser mit diesem eigenartigen mehrteiligen Rundbogengiebel zu sehen, der ganz offensichtlich eine Regionalform ist, und der schon in mehreren Strängen Thema war.

  • Es kommen schon noch weitere Fotos - die Altstadt habe ich natürlich auch fotografiert. Aber dieser Effekt ist ja ganz normal, der Bahnhofsplatz in Tübingen steht ja auch in krassem Gegensatz zur schönen Altstadt.

  • Es kommt noch eine Art von (allerdings nicht vollständig erhaltenem) "Übergangsviertel", Pardubitz wurde im 2. Weltkrieg mehrmals bombardiert, ob dabei diese Vororte zerstört wurden, kann ich aber nicht sagen.


    Allerdings gibt es aufgrund der Zerstörungen öfters solche Kontraste, z. B. auch am Karlsbader Bahnhof (trotz abgestelltem Sanitätszug bombardiert - hier ist auch das Bahnhofsviertel sehr unansehnlich), von Dresden mal ganz zu schweigen. Auch in Österreich (Graz, Innsbruck, Salzburg) sind die Bahnhofsgegenden ja bemerkenswert häßlich, insbesondere in Salzburg.

  • Nun noch einige Fotos des "Übergangsviertels", auch wenn es - wie man auf Google Earth schön sehen kann - nicht wirklich in die Tiefe geht:


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    Hier sind wir schon kurz vor der Altstadt, auf der einen Seite ist das Schloß zu sehen:


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  • Abschließend geht es noch entlang der Durchgangsstraße südlich der Altstadt weiter, die dann einen Knick nach Norden macht und direkt in Richtung Schloß führt:


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    Genau an diesem Knick steht das Theater von 1909:


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    Hier erreichen wir wieder dieselbe Straße, die wir schon oben überquert haben, dort gibt es noch einige prächtige Gebäude:


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    Die Kirche "Kostel svatého Bartoloměje" stammt von 1913 - mangels jeglicher Tschechisch-Kenntnisse war die Wikipedia hier nur bedingt hilfreich ...


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    Diese Bebauung stellt den nördlichen Rand der Altstadt dar:


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    Danach ging es denselben Weg wieder zurück zum Bahnhof - insgesamt ist Königgrätz natürlich die ungleich reizvollere Stadt, aber da man ja sowiewo in Pardubitz umsteigen muß, lohnt sich der kleine Abstecher in die Altstadt auf jeden Fall.

  • Der Pardubitzer Jugendstil scheint ja auch recht speziell zu sein, die Giebelformen der abgebildeten Häuser finde ich ziemlich "pardubitzisch".

    Das Theater finde ich sehr interessant, das nimmt schon die "Streamline"-Optik um 1930 vorweg.

    Und das Tor vor dem 9spitzigen Turm natürlich wieder mit Rundbogenattika!