Fassadengestaltung der römischen Paläste in Renaissance & Barock

  • (Aus der Rom-Galerie im APH)


    Die Paläste der Renaissance besitzen oft bossierte oder rustizierte Steinfassaden und eine ausgeprägte Horizontalreihung gleichartiger Elemente, klare geometrische Formen und kaum oder keine vertikale Gliederung (das ist übrigens einer der Hauptunterschiede zwischen der italienischen und nordischen Renaissance, welche vor allem eine starke Vertikaltendenz aufweist! Ein Überbleibsel der gotischen, himmelstürmenden Tradition.). Dazu recht einfache, oft ebenfalls rustizierte Fensterverdachungen und weit auskragende Gesimse, diese oft mit Konsolen oder Mustern geschmückt, manchmal auch mit einem Fries darunter. Die Portale sind nicht sonderlich hervorgehoben und ebenfalls rustiziert. Insgesamt ergibt sich so ein nüchterner, austerer und durch die großen Dimensionen dieser Paläste eher einschüchternder Gesamteindruck ähnlich einer Festung.

    Eines der besten Beispiele für diesen Stil ist der Palazzo Medici Riccardi in Florenz (erbaut um 1450):


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    (Wikimedia Commons, Author: sailko file:palazzo_medici_riccardi_by_night_01.jpg)


    Hier einige römische Beispiele der Renaissance:


    Palazzo della Cancelleria von ca. 1485:


    1280px-Parione_-_palazzo_Riario_o_Cancelleria_nuova_1628.JPG(Wikimedia Commons, Author: Lalupa file:parione_-_palazzo_riario_o_cancelleria_nuova_1628.jpg)


    Hier noch ein Foto mit der gesamten Fassade, wo man schön die breite Horizontalwirkung sieht:


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    (Wikimedia Commons, Author Peter1936F: file:panorama_palazzo_della_cancelleria.jpg)


    Das große, für die eigentliche italienische Renaissance atypisch plastische Portal ist eine spätere, manieristisch-frühbarocke Hinzufügung (von Domenico Fontana).


    Palazzo Farnese von 1517: der Archetyp des römischen Renaissancepalastes, wie er unendlich oft kopiert wurde (übrigens auch eines der wichtigsten Vorbilder des Neoklassizismus, siehe Leuchtenbergpalais und Odeon von Klenze in München). Gleichförmige Reihung der Fensterachsen mit einfachen Fensterverdachungen, horizontale Gesimse zwischen den Geschossen, ausladendes Konsolgesims mit Fries, rustizierte Ecklisenen (wie man sie an jeder Ecke in Rom findet) und ebenfalls rustiziertes Eingangsportal. Die atypische Betonung der Portalachse mit Balkon, breiterem Fenster und großem Wappen der Familie Farnese ist wiederum eine nachträgliche Hinzufügung der späteren manieristischen Zeit, diesesmal von Michelangelo.


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    (Wikimedia Commons, Author: Myrabella file:palais_farnese.jpg)


    Palazzo Spada von 1550: der am reichsten geschmückte Renaissancepalast Roms. Die Grundeigenschaften, vor allem die starke Horizontalität und die Rustizierung, sind die gleichen wie bei den vorherigen Renaissancepalästen, neu hinzugekommen ist allerdings ein reicherer Fassadenschmuck mit Statuen in Nischen sowie erstmals Stuckdekoration im Stil des frühen Manierismus. (Übrigens befindet sich im Innenhof dieses Palastes die berühmte Galleria prospettica von Borromini, die um 1640 eingebaut wurde.)


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    (Wikimedia Commons, Author: Geobia file:942romapalazzospada.jpg)


    Hier noch ein schönes Beispiel für ein reich verziertes Gesims (links):


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    Kommen wir zum Barock:


    Grundsätzlich baut der römische Barockpalast auf dem Renaissancepalast auf, es ergeben sich aber einige Unterschiede:


    Die Fassaden werden zunehmend verputzt, die Rustizierung beschränkt sich zunehmend auf die Ecklisenen und die ausschließliche Horizontalausrichtung wird aufgegeben, indem ein Mittelrisalit betont wird - zuerst nur durch die Hinzufügung großer Säulenportale mit Balkon und plastischem Wappen darüber, später durch eine wirkliche plastische Hervorhebung der mittleren Fassadenachsen. Die Vertikaltendenz wird dabei oft durch Lisenen und Pilaster betont. Zusätzlich werden die Fensterverdachungen stärker geschwungen und reicher ornamentiert sowie barocke Skulpturen auf die Portale und Balustraden gesetzt. Somit ergibt sich ein schwungvollerer, plastischerer und rhythmisierter Gesamteindruck. Die Fassade öffnet sich und wirkt festlicher und einladender, nicht mehr wie eine Trutzburg.


    Hier einige Beispiele:


    Palazzo Barberini von 1625-1633, erster wirklich barocker Palast Roms. Er ist nicht mehr vollkommen geschlossen, sondern besitzt einen Ehrenhof mit Springbrunnen und zum ersten Mal offene Arkaden, durch die man in den Palast und in den dahinter liegenden Hof und Garten gehen kann. Er besitzt große luftige Fenster und betont die Mittelachse durch ein Säulenportal, Balkon und Wappen. Durch die weit aus der Fassade herausragenden Pilaster besitzt er eine größere plastische Wirkung. Es ist eine Gesamtanlage aus Palast, Hof und Garten, die wesentlich einladender wirkt als die bisher geschlossenen Renaissancepaläste und somit zukünftige barocke Fürstenresidenzen vorausnimmt.


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    (Wikimedia Commons, Author: Vlad Lesnov file:palazzo_barberini_-_panoramio.jpg?uselang=it)


    Palazzo Madama: ein Beispiel für einen umgebauten Barockpalast. Ursprünglich ein Renaissancepalast, wird die Fassade um 1642 barockisiert, indem ein Säulenportal mit Balkon davorgesetzt und aufwendigere Fensterverdachungen und -umrahmungen sowie ein Fries eingesetzt werden. Man erkennt aber noch deutlich die Renaissance-Vergangenheit des Palastes. Die Fassade ist ab dem 1. Stock verputzt.


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    (Wikimedia Commons, Author: Howcheng file:palazzo_madama_-_roma.jpg)


    Palazzo Pamphilj an der Piazza Navona, erbaut zwischen 1644-50, Hochbarock. Deutliche Hervorhebung des Mittelrisalits durch leichte Versetzung nach vorne sowie vor allem Erhöhung im Vergleich zu den Seitenachsen. Vertikalgliederung durch Pilaster, Rhythmisierung durch verschieden große Fenster sowie geschwungene Stuckaturen unter den Fensterverdachungen. Portal mit 4 Säulen, Balkon, Wappen, Fassade verputzt mit nur leichten Rustizierungen im Erdgeschoss.


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    (Wikimedia Commons, Author: Blackcat file:roma_2011_08_07_ambasciata_del_brasile_in_italia.jpg?uselang=de)


    Palazzo Altieri von 1650 (neben der Chiesa del Gesù): ein Beispiel für einen äußerlich einfacheren Barockpalast, wie man ihn oft in Rom findet. Putzfassade, vorstehender Mittelrisalit aus 5 Achsen, Säulenportal, Balkon, plastisches Wappen. Trotzdem beeindruckend groß, wenn man davorsteht, dazu zwei große Innenhöfe und grandioses Stiegenhaus.


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    (Wikimedia Commons, Author Lalupa: file:pigna_-_palazzo_altieri_1020544.jpg?uselang=de)


    Palazzo Doria-Pamphilj an der Via del Corso: weiteres Beispiel für einen älteren Renaissancepalast, der barockisiert wurde. Die Fassade stammt von ca. 1730 und besitzt bereits stärker dekorierte, etwas vom Rokoko beeinflußte Elemente, z.B. die sehr stark geschwungenen Fensterverdachungen und immer wiederkehrende Stuckfelder. Wahrscheinlich bedingt durch die Enge der Straße und aufgrund der Tatsache, dass es sich eigentlich um einen alten Renaissancepalast handelt, war kein Nachvornetreten eines Mittelrisalits möglich, dafür Hervorhebung der mittleren 9 Achsen durch rustizierte Lisenen und das rund hervortretende Portal mit der rustizierten Fensterachse darüber.


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    (Wikimedia Commons, Author: Lalupa file:pigna_-_via_del_corso_palazzo_doria_pamphili_1000419.jpg)


    Palazzo Nuovo von 1663: starke Vertikaltendenz durch die durchgehenden Pilaster und die zierlichen Attikafiguren, offene Arkaden im Erdgeschoss.


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    (Wikimedia Commons, Author: Dguendel file:rom,_der_palazzo_nuovo.jpg)


    Palazzo della Consulta, erbaut um 1732: der durch seine üppigen Figuren auf den Portalen und auf der Attika-Balustrade am meisten "wienerisch" anmutende römische Barockpalast :-) (vgl. Winterpalast Prinz Eugen oder Böhmische Hofkanzlei, was die Durchsetzung mit Figuren und die plastische Wirkung betrifft)


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    (Wikimedia Commons, Author: Jastrow file:palazzo_della_consulta_roma_2006.jpg)


    Das wären so ungefähr die typischen Erscheinungsformen von Renaissance und Barock in der Altstadt von Rom, was Paläste betrifft. Die normalen Stadthäuser spielen natürlich eine oder mehrere Ligen darunter und haben vor allem kleinere Dimensionen und noch weniger Schmuck.


    Im 19. Jahrhundert wurde im Zuge des Neo-Klassizismus europaweit sowohl der antike Stil als auch der Renaissancestil (der sich ja seinerseits bereits auf die antiken Formen bezogen hatte) wiederaufgegriffen, somit unterscheiden sich die römischen Bauten des 19. Jahrhunderts nicht sehr von den alten Renaissancebauten. Im 20. Jahrhundert das gleiche Spiel, der faschistische Baustil Mussolinis orientiert sich ja auch an antiken Formen, monumentalisiert diese aber zusätzlich. Dies nur ganz kurz skizziert.