Tittmoning (Galerie)

  • Hier eine Galerie zu Tittmoning, eine kleine, aber reizvolle Stadt im südöstlichen Oberbayern, die es verdient hat, etwas genauer angeschaut zu werden.

    Tittmoning liegt im oberbayrischen Landkreis Traunstein am Fluss Salzach ca. 17 km südlich von Burghausen. Ursprünglich im Besitz der Agilolfinger, ging die Siedlung im 8. Jhd durch Schenkung an die Salzburger Kirche über und wurde im 13. Jhd durch den Salzburger Erzbischof Eberhard II. zu einer befestigten Stadt mit Burg ausgebaut. Ab dieser Zeit entstand der große Stadtplatz, der ebenso im typischen Inn-Salzach-Stil gestaltet ist wie viele andere Städte in der Region. Die salzburgische Stadt kam erst 1810 zu Bayern und verlor daraufhin durch die neue Grenzziehung und das Zurückgehen der Salzach-Schiffahrt ihre wirtschaftliche Bedeutung. Dadurch bewahrte sich aber in äußerst glücklicher Weise das gewachsene einheitliche Stadtbild, da die Stadt sozusagen einschlief. Wenn man von Norden von Burghausen her kommt, fährt man durch eine hügelige, recht unbebaute Landschaft an nur wenigen kleinen Vorhäusern auf das Burghauser Tor zu und ist dann direkt auf dem Stadtplatz! Ich war an Maria Himmelfahrt in Tittmoning und da aufgrund des Feiertages kaum etwas los war, war es ein bissl wie eine Zeitreise in eine vergangene, gemütlichere Epoche: die Tittmoninger spazierten umher, saßen in Cafés oder auf den Bänken; man hörte fast ausschließlich bayrischen Dialekt und es gab keinerlei Touristen (außer mir ;) ); in der Mitte des Platzes parkten zwar leider immer noch Autos, aber es war kaum Verkehr, alles war ruhig. Die Erdgeschoßzonen in Tittmoning sind zum größten Teil sehr geschmackvoll gestaltet, oft auch noch mit alten Türen und Fenstern, es gibt keine störenden, marktschreierischen Vitrinen. Die Häuser haben ein bisserl Patina, sind aber trotzdem gepflegt. In Neuötting hingegen, wo ich ein paar Stunden vorher war, sind nahezu alle Erdgeschoßzonen sehr störend und modernistisch umgestaltet worden; die Gewölbe der Laubengänge sind dort oft mit geraden Decken abgehängt und die Türen und Fenster fast ausnahmslos geschmacklose Nachkriegslösungen ohne jeden Respekt vor der alten Bausubstanz. Hinzu kommt auch noch eine teilweise ziemliche Verwahrlosung, die nichts mehr mit schöner Patina zu tun hat, sondern mit der unausweichlichen Vergammelung der verwendeten Nachkriegsmaterialien. (Trotzdem ist der Stadtplatz von Neuötting an sich sehr beeindruckend, weil er eine eigentlich hervorragende Substanz besitzt, aber man darf oft nicht genauer hinschauen, weil man dann merkt, dass er seine Seele verloren hat.). Nach diesem eher negativen Eindruck war Tittmoning eine unglaubliche Wohltat! Es mag malerischere Inn-Salzach-Städte geben, aber es gibt kaum so harmonisch-einheitliche. Ich habe in der ganzen Altstadt keine einzige Bausünde gesehen, kein einziges modernes Gebäude; alles sieht so aus wie im 19. Jhd (wenn man sich die Autos wegdenkt...).
    Der Stadtplatz hat eine Länge von 298 m und eine Breite von im Norden 60 m und im Süden 26 m. Durch die ausschließlich geraden und fast immer ähnlich hohen Blendfassaden vor den Grabendächern (in anderen Inn-Salzach-Städten gibt es zumindest ab und zu mal barocke Giebelfassaden, wodurch eine gewisse Abwechslung entsteht) und einer überwiegend recht schlichten Fassadengestaltung ergibt sich mehr als anderswo ein ernster und geschlossener Saalcharakter, der auch noch dadurch gesteigert wird, dass die vom Platz abgehenden Seitengassen durchgehend recht schmal sind und es somit kaum eine Unterbrechung der Saalwände gibt. Laut Oswald Hederer war dieser Stadtplatz von Tittmoning eine der Inspirationsquellen Ludwigs I. für die Konzeption seiner Ludwigstraße in München, mit der er eine nochmal größere Version dieses Grundgedankens erstellen wollte (deswegen ist übrigens der Straßendurchbruch der Ludwigstraße durch den Oskar-von-Miller-Ring und der Von-der-Tann-Straße, den die Nazis begonnen hatten und die Stadtplaner nach dem Krieg zu Ende geführt haben, so katastrophal - die Saalwirkung der riesigen Ludwigstraße ist dadurch empfindlich gestört!).
    Ich hatte an dem Tag leider nur mein Smartphone als Kamera dabei, weil ich die Stadt eigentlich nur anschauen und nicht fotografieren wollte und bitte deswegen, die Qualität der Aufnahmen zu entschuldigen. Außerdem habe ich keine umfassende Fotodokumentation erstellt, sondern mit Ausnahme des Stadtplatzes, den ich relativ komplett fotografiert habe, nur ein paar weitere Impressionen aus des Seitengassen und der Burg eingefangen. Vielleicht kann jemand anderer fehlende Ansichten komplettieren!

  • Beginnen wir mit dem Burghauser Tor, das als nördliches Entrée auf den Stadtplatz fungiert.


    Von außen:



    Von innen (mit zwei der wenigen Giebelhäuser, die allerdings auch noch nicht direkt am Stadtplatz stehen):




    Blick von der Eingangsgasse südlich des Burghauser Tores auf die Westseite des Stadtplatzes:



    Blick von der Mitte des Platzes Richtung Norden:



    Nordwestecke:






  • Nordostecke mit Lutzengasse:




    Ansicht des nördlichen Teiles der Ostseite, das eingerüstete Haus ist das Rathaus:




    Das eingerüstete Rathaus, im Kern spätes 16. Jahrhundert, Barockfassade von 1711, Turmbekrönung:



    Hier ein Bild von Wikipedia ohne Gerüst:



    (file:tittmoning,_rathaus_stadtplatz_1_(1).jpg

    Wikimedia Commons, Autor: Michael Burgholzer, lizensiert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)


    Weiter mit der Ostseite Richtung Süden:





    Die spätbarocke Immaculata-Mariensäule von 1758 in der Mitte des Platzes:



    Im Süden des Platzes ein paar niedrigere Häuser:



    Gesamtansicht der südlichen Platzhälfte:


  • Nun einige Ansichten aus den Seitengassen und der Burg:


    Burghauser Str. 1 nördlich des Burghauser Tores:



    Augustinerstraße Richtung Allerheiligenkirche:



    Bachgassl:



    Entenstraße Richtung St. Lorenz:



    Hartlgasse Johann Polster Haus:




    Hartlgasse:




    Lutzengasse Richtung Stadtplatz:


  • Die größtenteils flachen Dachabschlüsse mögen vielleicht für nördlichere, an Giebelbauten gewöhnte Menschen langweilig erscheinen, für mich ergeben sie - vor allem in Anbetracht der teilweise sehr engen Gassen - ein ruhigeres und nobleres Straßenbild, das nicht durch eine ständige, steile Zick-zack-Bewegung nervt. Aber das werden wohl viele hier anders sehen ;-) 


    (in bezug auf Passau, aber das Prinzip auch auf andere Inn-Salzach-Städte zutreffend)


    "Nördlichere Menschen"?? Also ich bin ganz sicher kein "nördlicherer Mensch", das wäre ja noch schöner! Gleichwohl bin ich Giebelbauten gewöhnt. Für mich als von Südbayern liegt das Verbreitungsgebiet des Inn-Salzach-Stils nicht südlich, sondern östlich.


    Der Inn-Salzach-Stil hat mich aber schon immer fasziniert. Also mir gefällt er sehr.


    Dass mir aber gerade dieses Haus (das mit den beiden Erkern), das leider so unter dem Verkehr leidet, besonders zusagt, sagt wohl alles:

    Von innen (mit zwei der wenigen Giebelhäuser, die allerdings auch noch nicht direkt am Stadtplatz stehen):


    29202026147_076f0e57aa_o.jpg

    Die (an dieser Stelle schmale) Straße, die vor dem Haus verläuft, ist die B 20, eine der Haupt-Nord-Süd-Magistralen im östlichen Bayern!

  • "Nördlichere Menschen" war von einem italienischen, südeuropäischen Standpunkt aus gemeint... das Giebelhaus, vor allem mit steilem Giebel, ist halt nunmal eine nordische Erscheinung.

    Du hast recht, es gibt natürlich auch in Süddeutschland und Österreich viele Giebelhäuser, trotzdem sind mir, der ich in dem Spannungsfeld zwischen München, bayrischem Alpenvorland, Tirol und Norditalien aufgewachsen bin, steile Giebelhäuser ziemlich fremd; neben dem Inn-Salzach-Stil, der ja meistens horizontale Blendfassaden vor die Grabendächer stellt, stehen in unseren Städten meistens Traufhäuser oder im ländlichen Bereich flache Satteldächer wie z.B. in Bad Tölz; die Form unserer Häuser ist meistens breit und behäbig und nicht hoch und spitz. Ein Straßenbild wie z.B. am Marktplatz in Tübingen mit seinen vielen spitzen Giebeln (und natürlich auch dem Fachwerk) ist mir einfach fremd, so schön es auch sein mag. Das ist jetzt natürlich überhaupt kein Werturteil, ich weiß eine Stadt wie Tübingen, Dinkelsbühl oder natürlich auch Landshut durchaus zu schätzen und zu bewundern; aber sie geben mir nicht ein so vertrautes Gefühl wie München, Bad Tölz, Murnau oder Innsbruck. Das ewige steile Zickzack der Giebelstädte empfinde ich mitunter als unruhig und nervig, verzeih mir :-)

  • Sehe ich das richtig, das sind eigentlich weitgehend Renaissance-Häuser (wenn die von vor dem Barock stammen)?

    Ich kann mir nicht helfen, aber das erste, woran ich dachte, als ich diese Stadtbilder sah, war: der von Plattenbauten gerahmte Stadtplatz in Bernau bei Berlin (spricht sich [ber'nau], nicht ['bernau] wie der Ort im Schwarzwald). Ich denke, das kommt durch die einheitliche Traufhöhe zustande, die so gar keine Abwechslung bietet - Plattenbau-Normblocks sind natürlich noch eine Steigerung der Gleichförmigkeit, aber diese flachen Fassaden gehen für meinen Geschmack auch schon stark in diese Richtung.

    Wenn man allerdings sich vorstellt, diese Häuser wären alle mal mit Sgraffitti ausgestattet gewesen, wäre das ein Anblick gewesen, der materiell eine Diashow oder ein Freiluftkino im 20. Jhdt vorweggenommen hätte - eine nochmal völlig andere Anmutung zum Zustand auf den Bildern.

    Es wäre interessant zu wissen, wie und wann die Fassaden überformt wurden...

  • Schöne Galerie aus einer überraschend schönen Stadt. Normalerweise sind derartige unspektakuläre Städte in Bayern bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, hier ist das erfreulicherweise nicht der Fall. Am Platz stört eigentlich nur das modern-banale zweite Haus links vom Rathaus und die Fenster des grünen Hauses in der am Platz angrenzenden Lützengasse, dazu - kaum mehr vom Platz wahrnehmbar die Fenster der Häuser neben dem Turm). Das ist nicht beileibe viel und wohl leicht behebbar.


    Generell vermag ich mich für den Inn-Salzach-Stil (wobei mit der hier vorherrschende Salzach-Stil der weit liebere ist) nicht so zu begeistern, und wenn, dann in den zarteren, filigraneren Ausformungen des Donauraumes und nördlich davon. Tittmoning ist seiner extremen, salzburgisch anmutenden Strenge ist da ein drastisches Beispiel. Aber jedes spezifische und gut erhaltene Stadtbild hat etwas Faszinierendes. Ich denke, dass man T. nach ein paar Halben sogar richtig genießen kann.


    Die Platzausdehnung ist gewaltig:

    Bildergebnis für Tittmoning


    Bildergebnis für Tittmoning



    Bildergebnis für Tittmoning


    alles in allem gediegen und qualitativ:


    Ähnliches Foto


    Bildergebnis für Tittmoning


    Nach ein paar Halben wirkt das sicher noch viel besser.


    Die Häuser im Süden wirken banaler (und teilweise auch dem Inn-Stil zugehörig):


    Bildergebnis für Tittmoning

  • Sehe ich das richtig, das sind eigentlich weitgehend Renaissance-Häuser (wenn die von vor dem Barock stammen)?

    Ich kann mir nicht helfen, aber das erste, woran ich dachte, als ich diese Stadtbilder sah, war: der von Plattenbauten gerahmte Stadtplatz in Bernau bei Berlin (spricht sich [ber'nau], nicht ['bernau] wie der Ort im Schwarzwald). Ich denke, das kommt durch die einheitliche Traufhöhe zustande, die so gar keine Abwechslung bietet - Plattenbau-Normblocks sind natürlich noch eine Steigerung der Gleichförmigkeit, aber diese flachen Fassaden gehen für meinen Geschmack auch schon stark in diese Richtung.

    Wenn man allerdings sich vorstellt, diese Häuser wären alle mal mit Sgraffitti ausgestattet gewesen, wäre das ein Anblick gewesen, der materiell eine Diashow oder ein Freiluftkino im 20. Jhdt vorweggenommen hätte - eine nochmal völlig andere Anmutung zum Zustand auf den Bildern.

    Es wäre interessant zu wissen, wie und wann die Fassaden überformt wurden...

    Deine Assoziation ist lustig! Ich kenne Bernau leider nicht, aber ich kann mir deinen Gedankengang vorstellen :-) Tittmoning macht auf den Bildern vielleicht nicht so viel her, man muss sie in der Realität sehen, um sie richtig wahrzunehmen. Die Attraktivität dieser Stadt liegt gerade in ihrer Herbheit und Strenge und natürlich auch ihrer Einbettung in eine relativ unberührte Natur ohne störende Vorstädte.

    Ob die Fassaden mal bemalt waren, weiß ich leider nicht, Sgraffito kann ich mir eher nicht vorstellen, weil es davon auch in den umliegenden Städten keine Beispiele gibt. Auf jeden Fall hat die Stadt einen eigentümlichen und besonderen Eindruck auf mich gemacht.

  • Hier ein interessanter alter Dokumentarfilm zu Tittmoning von 1989 von Dieter Wieland über die damalige "Renovierung" des Stadtplatzes, die Gottseidank sehr behutsam umgesetzt wurde. Besonders interessant ist, dass die neuen Steine für die Gehsteige vom Stadtplatz in Pilsen stammen und von der dortigen Stadtverwaltung verkauft worden waren...