Sgraffito-Fassaden - Beispiele und Herkunft

  • Nachdem ich in Ursus' schönen Galerien über diverse böhmische und mährische Städte auch einige schöne Sgraffito-Fassaden gesehen und vor einer Woche in Florenz zu meiner Überraschung ebenfalls etliche Sgraffito-Fassaden entdeckt habe, möchte ich nun einen Strang eröffnen, in dem wir verschiedene Beispiele davon zeigen und vielleicht dem Ursprung und der Entwicklung dieser interessanten Verzierungstechnik nachspüren. Ich selbst weiß leider nicht sehr viel darüber, was wahrscheinlich daran liegt, dass in meinem unmittelbaren Umfeld, d.h. in Altbayern, im westlichen Österreich und in Norditalien solche Fassaden eher selten sind und sie mir deshalb nie besonders aufgefallen sind. Auch in Rom, das ich inzwischen recht gut kenne (soweit dies möglich ist), kommt Sgraffito kaum vor. Von daher war ich umso mehr überrascht, einige - teilweise auch opulente - Beispiele in Florenz zu finden.


    Laut Ursula Schädler-Saub in ihrem Aufsatz "Zur Wertschätzung historischer Fassadendekorationen in Florenz im 19. und 20. Jahrhundert: von der Rekonstruktion zur Restaurierung" begann die Florentiner Fassadendekoration mit Sgraffito, Chiaroscuro- und Freskomalerei mit der Frührenaissance in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts und endete im späten 16. Jahrhundert. Giorgio Vasari liefert einige Zeichnungen und beschreibt außerdem diese Technik in der zweiten Ausgabe seiner Viten von 1568 in einem Kapitel: "Über die Sgraffiti und ihre Wetterfestigkeit; was man für ihre Herstellung braucht und wie man Grotesken an den Mauern ausführt". Mit dem wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang von Florenz im 17. Jhd wurden die meisten Palazzi vernachlässigt und die wetterempfindlichen Fassaden gingen zum Teil verloren oder wurden später teilweise auch beseitigt. Auch heute gibt es noch einige vor sich hin verfallende alte Sgraffitofassaden, während andere irgendwann restauriert wurden.


    Hier nun einige Beispiele (die Fotos stammen von Wikimedia, ich hab keine eigenen):


    - Palazzo Barbolani di Montauto (Neroni-Gerini) von 1444:


    Palazzo_Barbolani_di_Montauto_01.JPG

    (Wikimedia Commons; Autor: sailko; CC BY 2.5)


    Palazzo_Barbolani_di_Montauto%2C_stemma_Barbolani_di_Montauto_e_graffito_con_conchilia.JPG

    (Wikimedia Commons; Autor: sailko; CC BY 3.0)



    - Palazzo Medici Riccardi von 1444, Innenhof (übrigens ein absolut umwerfender, riesiger Palast, den man sich auf jeden Fall mal anschauen sollte!):


    Palazzo_Medici_courtyard_Apr_2008_%2810%29-Palazzo_Medici_courtyard_Apr_2008_%289%29.jpg

    (Wikimedia Commons; Autor: Gryffindor; GNU Free Documentation License)


    - Palazzo Nasi von 1460:


    Palazzo_nasi_01.JPG

    (Wikimedia Commons; Autor: sailko; CC BY 2.5)


    Palazzo_nasi_02_graffiti.JPG

    (Wikimedia Commons; Autor: sailko; CC BY 2.5)



    - Palazzo Nasi-Quaratesi (irgendwann aus dem 15.Jhd):


    Palazzo_nasi-quaratesi%2C_via_san_niccolò_107.JPG

    (Wikimedia Commons; Autor: sailko; GNU Free Documentation License)



    - Palazzo Spinelli von 1460:


    1280px-Palazzo_Spinelli%2C_graffiti_02.JPG?uselang=it

    (Wikimedia Commons; Autor: sailko; GNU Free Documentation License)


    768px-Cortile_di_palazzo_spinelli_01.JPG

    (Wikimedia Commons; Autor: sailko; Creative Commons Attribution 3.0 Unported)



    - Palazzo di Bianca Cappello von 1570:


    1920px-Florence_servitiu_108.jpg

    (Wikimedia Commons; Autor: Eugenio Hansen, OFS; CC BY-SA 4.0)


    2560px-Palazzo_di_bianca_cappello%2C_graffiti_03..JPG

    (Wikimedia Commons; Autor: sailko; GNU Free Documentation License)


    Jetzt meine Fragen: kennt jemand ältere bedeutende Beispiele für Sgraffito? Sollte Florenz eines der ersten oder sogar das erste Zentrum dafür sein? Von wann stammen die ersten Sgraffitofassaden in Mitteleuropa? Kann jemand Beispiele dafür bringen? Das würde mich sehr interessieren, vielen Dank!

  • In D. gibt es mE nicht so viele Beispiele.

    Viele nicht, aber weithin bekannte schon, wie zB das Residenzschloss Dresden und die Münchner Residenz.

    Florenz hat diese Technik sicher in der Welt berühmt gemacht, aber angeblich soll sie bereits im 13. Jahrhundert in Mitteldeutschland verbreitet gewesen sein. Allerdings wurde dort wohl nicht nur gekratzt, sondern auch färbend nachgearbeitet, also eher ein naher Verwandter von Sgraffiti.


    Bei mir ist die Technik erst vor kurzem richtig ins Bewusstsein geraten, als in Buxtehude ein Hochschulgebäude mit Sgraffiti restauriert wurde:

    hs21.de. Bei mir im hohen Norden gibts sonst so gut wie nichts.


    Naja, Semper soll ja auch Sgraffitibegeistert gewesen sein, durch seine Eidgenössische Sternwarte soll er in der Schweiz der Technik zu einer gewissen Verbreitung verholfen haben.

  • In D. gibt es mE nicht so viele Beispiele. Dort war man mehr an Substantielleren interessiert.

    Was meinst mit "Substantiellerem"? Architektonisches statt Dekorativem?


    Lingster :

    Sowohl das Residenzschloss Dresden als auch die Münchner Residenz sind aber erst im 16. Jhd entstanden und dies auch mit italienischen Künstlern; außerdem gibt es meines Wissens nach an der Münchner Residenz kein Sgraffito - die Fassadengestaltung der maximilianischen Residenz (d.h. der Westseite an der Residenzstraße, des Kaiserhofes und des Brunnenhofes) bestand und besteht aus illusionistischer Fassadenmalerei, die im Laufe der Jahrhunderte immer mal wieder nachgemalt wurde, zuletzt beim Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg.

    Es gibt sie aber neben Dresden auch im Innenhof des Schlosses Neuburg an der Donau.


    Ich hatte aber gemeint, dass es relativ viele und auch frühe Beispiele in Böhmen und in Mähren, vielleicht auch in Niederösterreich geben sollte; deswegen hatte ich gefragt. In den Galerien von Ursus sind auf jeden Fall ein paar Beispiele zu sehen. Aber wahrscheinlich stammen diese Sgraffiti dann eher aus dem 16. Jhd und wurden als Mode aus Italien übernommen. In Weitra gibt's doch am Rathausplatz auch ein recht bekanntes Sgraffito-Haus:


    Weitra_-_Rathaus_III.jpg

    (Wikimedia Commons, Autor: Michael Kranewitter; CC-by-sa 4.0)


    Sgraffito_weitra.JPG

    (Wikimedia Commons, Autor: Vinzenz Mühlstein; public domain)


    Außerdem fällt mir das "Haus zur Minute" am Altstädter Ring in Prag ein, dessen Sgraffito-Verzierungen ursprünglich von ca. 1600 datieren, in der Barockzeit entfernt wurden und in den 1920er Jahren wieder restauriert/rekonstruiert wurden:


    Altstädter_Ring-00.jpg?uselang=de

    (Wikimedia Commons, Autor: Patrick-Emil Zörner (Paddy); Creative Commons Attribution ShareAlike 2.0 Germany)

  • So alte Sgraffitti kenne ich nicht.

    Ich wiederhole gerne nochmal, was ich bereits im APH-Forum schrieb:

    - Am Lago Maggiore gibt es in fast jedem Ort noch eine Jahrhundertwende-Villa mit Sgraffitti. Sie sind selten geworden, aber es gibt sie noch.

    - In Tiengen (OT von Waldshut-Tiengen, BaWü) gibt es in der malerischen Hauptstraße und in ein paar Gäßchen Häuser, die wohl in den 1930ern mit Szenen aus der Stadtgeschichte verziert wurden, alle in Sgraffitto-Technik, aber vielfarbig. An einem Haus gab es bis in die 1980er auch noch diverse Stadtwappen, aber die sind inzwischen beseitigt. In den 1950ern waren auch ein paar Sgraffitti-Italiener wieder in Tiengen, und ein paar Neubauten erhielten ein kleines Sgraffitto, aber die sind inzwischen fast alle weg (überstrichen, überputzt, überdämmt..), nur die Szenen an den Blocks in der Schaffhauserstr. - zumindest an zweien, es waren ursprünglich mal 4, meine ich - habe ich vor 2, 3 Jahren noch gesehen.

    - In Berlin-Moabit an der Stromstraßenbrücke sah ich an einem Haus in den 1980ern ein Elchblatt-Wappen in Sgraffitto-Technik, vermutlich auch aus den 1950ern. Ob das Haus noch steht, weiß ich nicht.

    Ziemlich sicher handelte es sich um italienische Kunsthandwerker, die in D in den 1950ern herumzogen und Häuser verzierten. Von wo in Italien die waren, weiß ich aber nicht.

  • Bei uns im Norden hat jede Stadt "ihr" Sg.H.


    Eggenburg:


    GuentherZ_2010-06-05_0122_Eggenburg_Hauptplatz_Sgraffitohaus.jpg Wiki Von GuentherZ - Eigenes Werk, CC BY 3.0, File:GuentherZ 2010-06-05 0122 Eggenburg Hauptplatz Sgraffitohaus.jpg - Wikimedia Commons


    samt Wiki Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/sgraffitohaus_(eggenburg)


    Retz: siehe Galerie


    Bildergebnis für sgraffitohaus gmünd


    Horn:

    1280px-GuentherZ_2011-05-14_0081_Horn_Hauptplatz_Bezirksgericht_Sgraffitohaus.jpg Urheber siehe Eggenburg

    wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/bezirksgericht_(horn)


    Gmünd:


    Bildergebnis für sgraffitohaus gmünd


    Langenlois:


    Bildergebnis für sgraffitohaus gmünd


    Weitra siehe oben, dazu noch ua:


    Bildergebnis für sgraffitohaus weitra


    Zwettl Rathaus:


    Bildergebnis für zwettl Rathaus

  • Zitat von LE

    Was meinst mit "Substantiellerem"? Architektonisches statt Dekorativem?

    Klar. Das:


    Bildergebnis für diamantquader sgraffito


    ist leichter als das:


    Bildergebnis für Ferrara diamanthaus


    Letztlich ist die Sgraffitokunst eher eine Sache der kleinen Leute.

    Führend in Mitteleuropa sind natürlich die Böhm. Länder, und hier der Süden - Zlabings und Prachatitz. Ich denke, dass der Einfluss von dort auf das nördliche NÖ hinübergeschwappt ist, das überhaupt viele pemmische Züge trägt.

    Ein wichtiger Impuls war der Protestantismus, der auf die Verkündigung des Wortes Christi und überhaupt der Bibel aus war und dies gegen den erstarrten Ritualismus der RKK stellte. Man darf nicht vergessen, dass die den Katholizismus fortan prägende Tridentinische Messe erst eine (entgegenkommende) Antwort auf Luther war.

  • Erstmal danke für die vielen Beispiele aus deiner Region, das ist doch schonmal sehr schön und kunstvoll und steht den florentinischen Vorbildern in keinster Weise nach!


    Letztlich ist die Sgraffitokunst eher eine Sache der kleinen Leute.

    Bist du dir so sicher, dass eine Sgraffito-Fassade so leicht und billig herzustellen war und somit als Arme-Leute-Sache zu bezeichnen ist?

    Natürlich ist eine Sgraffito-Imitation von Bossenwerk o.ä. eine dem Original nicht gleichwertige Lösung, aber einige feinere figurative Darstellungen - wie oben in einigen Beispielen zu sehen - erscheinen mir absolut hochwertig und bewunderungswürdig, da gibt es durchaus sehr kunstvolle Resultate, die meines Erachtens nicht unbedingt einfacher sind als plastische Lösungen. Somit stellt die höhere Sgraffitokunst ja eigentlich andere Dinge dar und geht in ihren besseren Resultaten weit über eine rein imitatorische Rolle hinaus.

    In dem, was ich über Florenz gelesen habe, steht, dass Sgraffito in der Renaissance als einem Adelspalast absolut angemessen und der Verwendung von Bugnato (bearbeiteter Naturstein) ebenbürtig angesehen wurde. Aber vielleicht war das in Mitteleuropa anders.


    Welcher Palast ist auf deinem Beispiel mit der Pyramidenfassade zu sehen? Mir fällt dazu nur der Palazzo dei diamanti in Ferrara ein, aber der hat andere Fensterumrahmungen, wie mir scheint. Gibt es solche Pyramidenfassaden öfters?


    Ein wichtiger Impuls war der Protestantismus, der auf die Verkündigung des Wortes Christi und überhaupt der Bibel aus war und dies gegen den erstarrten Ritualismus der RKK stellte.

    Das verwundert mich jetzt etwas; der Protestantismus hat sich doch gerade - wie du ja auch schreibst - auf das Wort konzentriert und die Übermittlung des Glaubensinhaltes durch bildende Kunst abgelehnt... es war doch gerade der Katholizismus, der den Glauben mithilfe der Sinnlichkeit der ästhetischen Kunst darzustellen versucht hat!

  • (Bild/Wort)

    Nein, so streng darfst du das nicht nehmen. Außerdem sind die Bilder ja idR beschriftet. Alles, was Renaissance ist, wurde bei uns von Protestanten errichtet. Damals war vor allem in der Provinz und im feudalen Bereich.fast die gesamte Intelligenz protestantisch.

    Daher auch das Verschwinden der Sgraffiti in der Gegenreformation. Ihre Aufdeckung fällt ins XX. Jahrhundert.


    1891:

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    .

    Oberes Bild rechts: das verputzte Sgraffitohaus von Retz. Zweites Haus weiter links und unten das Hl. Geist Wirtshaus, leider 1891 abgerissen. Ich trau mich anhand des unteren Bildes wetten, dass es voller Sgraffiti war.


    Natürlich erforderte die Sgraffito-Technik handwerkliche Kunst. Aber im Vergleich zu anderen Techniken war es wohl billig.

    Und in den allermeisten Fällen handelte es sich nur um Diamant-Quader-Imitate.


    Das Bild zeigte tatsächlich den Palast von Ferrara. Aber es gibt noch andere Beispiele, auch aus dem Historismus.

  • Alles, was Renaissance ist, wurde bei uns von Protestanten errichtet. Damals war vor allem in der Provinz und im feudalen Bereich.fast die gesamte Intelligenz protestantisch.

    Das ist interessant, das wusste ich nicht. Von welcher Region sprichst du genau?

    In München waren die wichtigsten Renaissancebauten wie natürlich vor allem die Jesuitenkirche St. Michael aber auch die höfischen Bauten wie die maximilianische Residenz mit Grottenhof, Antiquarium, Kaisersaal, Reiche Kapelle etc., Marstall (Alte Münze) sowie die Wilhelminische Veste (Herzog-Max-Burg) gerade Ausdruck eines festen und überzeugten Beharrens auf dem althergebrachten Katholizismus; München war nie protestantisch.

  • Sehr schön, danke!


    Verzeih, aber darf ich nochmal meine Frage von oben wiederholen? Du hattest geschrieben "Alles, was Renaissance ist, wurde bei uns von Protestanten errichtet. Damals war vor allem in der Provinz und im feudalen Bereich.fast die gesamte Intelligenz protestantisch.", welche Region Österreichs meinst du genau? Ich wusste nicht, dass Teile Österreichs protestantisch geworden waren, deswegen würde es mich interessieren, danke!

  • Ok, ich hatte geglaubt, dass die Gegenreformation in Süddeutschland und Österreich überwiegend zur Zurückdrängung und Eindämmung des weiteren Fortschreitens des Protestantismus' gedient hätte und nicht nur zur expliziten Rekatholisierung. Danke für den Hinweis!

  • Auch von mir danke für den Hinweis, das war mir gar nicht gegenwärtig, daß die Gegenreformation einen solchen Umfang hatte und tatsächlich breite Schichten (oft wohl zwangs-?)rekatholisierte. Wie ich auf der ergoogelten Seiten las, mit Jesuitentheater und Barock.

    Also kulturelle Hegemonie (das Berliner Schloß wurde selbst von einem protestantischen Landesherrn barockisiert)... Gransci war Italiener, drum hat er das verstanden, vielleicht...