Kaplitz in Südböhmen

  • Aus eine APH-Galerie, die ich damals Sommerfrische für Depressive und solche die es werden wollen nannte.

    Nun, die Stadt hat zweifelsohne etwas leicht Melancholisches.








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    Dr. Wiki ist da schon etwas ausführlicher:


    Zitat

    Kaplice wurde 1257 erstmals als Pfarrort in Erbuntertänigkeit unter dem Patronat des Klosters Mühlhausen urkundlich erwähnt. Die Ansiedlung am Kaplitzer bzw. Freistadter Weg, einer alten Salzstraße von Österreich nach Böhmen, erhielt bereits im Mittelalter Marktrechte und war zusammen mit Freistadt ein wichtiger Umschlagplatz an diesem Handels- und Heeresweg, der als Bernsteinstrasse bis zur Ostsee weiterführte. Kaplitz entstand am Ufer der Maltsch als Ansiedlung mit regelmäßigem Grundriss und besaß seit 1382 Stadtrechte. Es war ein Mediatstädtchen der Herrschaft Poreschin, die 1434 in den Besitz des Ulrichs II. von Rosenberg aus dem Geschlecht der Witigonen überging. Die Stadt Kaplice führt in Erinnerung an das Geschlecht der Rosenberg deren Stammwappen, die fünfblätterigen Rose in ihrem Stadtwappen.

    ...


    Nach der Aufhebung der Erbuntertänigkeit im Jahr 1848 wurde Kaplitz Sitz des Gerichtsbezirk Kaplitz und des Bezirk Kaplitz. Letzterer bestand als Okres Kaplice bis zu einer Gebietsreform in der Tschechoslowakei und wurde 1960 aufgelöst. Im Jahr 1869 hatte Kaplitz 2.252 Einwohner. Die im 19. Jahrhundert einsetzende Industrialisierung erfasste Kaplitz nur wenig. Die 1869 errichtete Eisenbahnverbindung der Summerauerbahn von Tábor nach Linz schloss mit einer Haltestelle zwei Kilometer westlich der Stadt Kaplitz an der Verkehrsnetz an. Im Umland der Stadt dominierte eine ertragreiche Landwirtschaft.


    Auch auf die jüngere Geschichte wird eingegangen:


    Zitat

    Die Bevölkerung von Kaplitz, die durch Jahrhunderte friedlich zusammen gelebt hat, waren Tschechen, Deutschböhmen und einige Minderheiten, Dies änderte sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Jahre 1918 mit dem Zusammenbruch der Monarchie Österreich-Ungarn und der Gründung der Tschechoslowakei. Am 3. Dezember 1919 kam es in der Stadt zu einer erfolglosen Protestkundgebung gegen die Zugehörigkeit zu diesem neuen Staat. Am 9. Juli 1936 erhielt Kaplice die vollen Stadtrechte. 1938 nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verstärkte die Sudetendeutsche Partei ihre Aktivitäten für einen Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland. Nach dem Münchner Abkommen wurde Kaplitz von deutschen Truppen besetzt und der bisherige Okres Kaplice wurde als Landkreis Kaplitz von 1938 bis 1945 dem Reichsgau Oberdonau in Österreich angegliedert.


    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutschen Bewohner der Stadt bis auf eine Minderheit von 109 Personen vertrieben und Tschechen und Slowaken angesiedelt, von denen viele nicht sesshaft wurden. Die Einwohnerzahl sank bis 1947 auf 1.588. 1953 entstand eine neue Mittelschule. Nach 1960 erfolgte die Ansiedlung von Betrieben und die Bevölkerung wuchs; es entstanden neue Wohnviertel. Durch den Wegfall des Eisernen Vorhangs entstanden für Kaplice, das zuvor wegen der Lage in der abgeschotteten Grenzzone zu Österreich benachteiligt war, neue Entwicklungsmöglichkeiten.




    Dazu ist zu sagen, dass Kaplitz, anders als Krumau, bis 1918 wohl fast ausschließlich deutsch war (wobei man solchen Zahlenangaben bis zu einem gewissen Grad misstrauen kann). Aber die Sprachgrenze war in dieser Region ziemlich scharf, und sie verlief bei den Hühnerbergen, und zog sich bis Krumau hin. Auch in Krumau konzentrierte sich der tschechische Bevölkerungsanteil auf den nördlichen Stadtteil Dumrowitz bzw auf die Bahnhofsvorstadt und konnte 1938 bequem abgetrennt werden. http://cs.wikipedia.org/wiki/domoradice_(%c4%8cesk%c3%bd_krumlov)


    Anders als Krumau hat sich Kapltz 1918 und 19 gegen die Einverleibung in die neu entstandene tschechoslowakische Republik gewehrt und sogar die "Republik Deutschböhmen" ausgerufen. Allerdings ging die Niederschlagung dieser Bestrebungen durch das Militär - anders als etwa in Kaaden - ohne viel Aufhebens vor sich, mW gab es nicht einmal Tote. Rückwirkend muss man sagen, dass man's wahrscheinlich zu billig gegeben hat...


    Beginnen wir am Hauptplatz mit dem Rathaus:


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    Typisches Kolonialschema also mit zentralem Ringplatz.


    Am Platz verbirgt sich hinter sehr schlichten modernisierten Fassaden gar manch alte Substanz:


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    Auffallend, dass die Kirchen ziemlich abseits liegen (offenbar erfüllten sie fortifikatorische Funktionen):



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  • Die Häuser am Ringplatz sind älter als ihre Fassaden und besitzen schöne Gewölbe und auch gotische Innenportale.

    Bei näherer Betrachtung findet man auch äußere Details der Renaissance:


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    Kaplitzer Charakteristikum: Die beiden Kirchen am Rande des Zentrums - die Deutsche und die Böhmische.

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    Noch ein Blick (mehr nicht, denn selbstverstänlich war zu!) ins Innere der Dt. Kirche:

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  • Weil die Stadt nicht übermäßig viel hergibt, etwas Umland. Wir begeben uns nach Osten, wo wir bald Deutsch Beneschau erreichen würden, wovon in der Gratzen-Galerie berichtet wird.

    Die Landschaft ist in Südbböhmen (in schwächerem Maße auch im benachbarten Österreich) noch sehr intakt - mE wiegt das den Substanzverlust an Gebäuden von 1945ff mehr als auf (rein materiell gedacht - jenseits aller ethischen Überlegungen natürlich).


    Unter den Hühnerbergen ö Kaplitz:


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    Leichenstein für ein Dorf:


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  • Blick aus den Hühnerbergen zum Schöninger, dem Krumauer Hausberg und letzten Berg des Böhmerwaldes:


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    Blick nach Norden, ins Budweiser Becken:


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    Blick gen Osten, auf das Gratzener Bergland, das die Grenze zu NÖ bildet:


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    Heute eine ziemlich dünn besiedelte Gegend.



    Nach Durchquerung der Hühnerberge kommen wir in Deutsch Beneschau an, dass schon in der Galerie "Silva nortica" vorgestellt worden ist.

  • Da D. Beneschau keine eigene Galerie bekommen hat, verdient es die mehrfache Behandlung. Immerhin sind das Bilder von einem anderen Ausflug.


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    aus der Ferne nicht unbedingt als Stadt erkennbar:


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    Aber keine Frage, es ist eine Stadt, sogar eine mit Renaissancerathaus:


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    und einen recht hübschen Platz:


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    Deutsch Beneschau ist erstaunlich gut erhalten geblieben. Der bescheidene Reiz des Städtchens erschließt sich oft (dh mir ist es so gegangen) beim zweiten oder dritten Hinsehen bzw Durchfahren. Sicher täte dem Platz eine Umfahrung gut, weniger allerdings der schönen und ziemlich unberührten Landschaft zwischen den Hühnerbergen und den Gratzener Bergen

  • Jetzt wird's wirklich depressiv - der Südosten des Kaplitzer Umlandes, Richtung östliches Mühlviertel., südlich der Hühner- und Gratzener Berge. Bis heute für jeden eindeutig als Vertreibungsgebiet erkennbar.


    Am Südwestrand der Gratzener Berge liegt das große Dorf Meinetschlag mit seiner bedeutsamen Kirche, die natürlich immer verschlossen ist.




    Fährt man weiter nach Westen, so wird es ein wenig desolat.

    Die Kirche Maria Schnee, heute ganz in der Einschicht hart an der oö Grenze gelegen, wurde nach der Wende schön wiederhergestellt:



    Im Falle Reichenaus an der Maltsch ist die Wiederbesiedlung nicht allzu erfolgreich verlaufen. Dieses Bild mit den so ziemlich letzten erhaltenen Stadtplatzhäusern täuscht ein wenig drüber hinweg:



    Die folgenden Bilder zeigen die trostlose Stimmung weit drastischer:

  • es geht weiter mit der Depression:


    Wiederhergestellter Wehrturm in einem Kaff unweit der oö Grenze:



    Typische Grenz- und Vertreibungslandstimmung:



    Direkt an der Grenze an der Europastraße Linz-Budweis-Prag liegt der Markt Unterhaid. Was diese Lage heute bedeutet, ist unschwer auszumalen: Bordelle, Vietnamesenläden und ähnliche zivilisatorische Errungenschaften. Diese grelle Postmoderne im Zusammenspiel mit kommunistischer Schäbigkeit und Resten der biederen alten Bebauung prägt imgrunde das ganze Grenzland. Aus Unterhaid stammte Hans Watzlik, seinerzeit vielgelesener Böhmerwaldschriftsteller (und, was er nach 1938 eher nicht an die große Glocke hängen wollte: oftmaliger Träger des CSR-Staatspreises für deutsche Literatur).



    Diesen Häusern ist das kommunistische Grau besser gestanden als diese grelle Postmoderne.


    Ach ja - eine Kirche gibt's auch noch, am Stadtplatz, eine ganz gewaltige sogar, wieder mühlviertler-südböhm. Gotik, angeblich auch im Inneren sehr beeindruckend, aber so gut wie immer (jedenfalls Sonntags) geschlossen: