Teltsch- die Perle der Vysočina (Galerie)

  • Die Stadt gibt eigentlich nur Rätsel auf, so wie es auch verwunderlich, ja unfassbar erscheint, dass hier mitten in die Einöde der Vysočina - der böhm.-mährischen Höhe - so ein Juwel eingepflanzt worden ist. Sicher - es gibt 25 km das mE sogar noch schönere Zlabings, irgendwo in weiterer Ferne auch Neuhaus und Iglau, aber das sind alles irgendwie richtige Städte, die einen politischen oder wirtschaftlichen Sinn gehabt haben - in Iglau der Bergbau, in Neuhaus der Fürstensitz, und die Zlabinger Schönheit kann man sich noch durch eine begabte Maurerfamilie erklären.

    Teltsch hingegen ist nur absurd.



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    So etwas gibt es einfach nirgendwo sonst, nicht einmal in Italien.

    Unerklärlich ist bereits der Name - teleč wäre Kalb, aber das hilft überhaupt nichts. Ferner wissen wir nichts über die Gründung. Deutsche waren ausnahmsweise nicht im Spiel, in dieser Gegend gab es keine Kolonisation. Das alte Zentrum lag um die Hl. Geist Kapelle, die noch romanisch ist.

    Die Stadt, so wie sie ist, dh alles was sie heute ausmacht, entstand eigentlich erst durch eine Spinnerei des Fürsten Zacharias von Neuhaus (1527-89), der aus völlig unerfindlichen Gründen seine Residenz vom doch recht stattlichen Neuhaus (J.Hradec) in dieses bis dato völlig unbedeutende Kaff verlegte.

    Er ließ sich von italienischen und Zlabingser Architekten sein Schloss aus- und umbauen. Praktischerweise brannte zur gleichen Zeit die nahegelegene Stadt oder was das auch war - natürlich fehlt eine formelle Stadternennung - völlig nieder und musste nach den Vorstellungen Ihrer Durchlaucht neu aufgebaut werden.

    Die Lage ist schön, aber nicht völlig überwältigend. Das vergleichbare Neuhauser Panorama etwa gibt mehr her.

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    22503304666_eb0a601472_k.jpgPA260076 by alexanderfranzlechner, auf Flickr

    Alles, was wir hier sehen, ist Platzlänge. Sonst gibt nur Schloss, das ist alles.

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    Na ja, eine Straße gibt es auch, voila:

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  • Unglaublich, diese Fassaden!

    Was mir aber bei deinen ganzen Tschechien-Bildern auffällt, ursus, ist die Starkfarbigkeit.

    War es da zu "sozialistischen Zeiten" auch so "grisatre" (dreckiggrau) wie in der DDR, daß die Leute so farbhungrig wurden, oder kommt da generell eine farbenfrohere Tradition zum Tragen?

  • Nun, mir persönlich gefiel es zu sozialistischen Zeiten sogar noch besser. Man kann es nicht übern Kamm scheren. Teltsch etwa war immer farbig, und ich denke, dass auch heute aufwändige Kalkfarben verwendet wurden.

    Woanders aber wirkten die patinierten Kalkputze wunderbar:

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    vgl den doch eher beschränken Reiz nach einer sicher nicht üblen Renovierung:

    de.wikipedia.org/w/index.php?t…etimestamp=20100523221125


    In der Zlabings-Galerie hab ich alte Bilder eingestellt, sie geben einen guten Eindruck. Teltsch als Vorzeigestadt war immer färbiger, und alte Bilder geben da nicht besonders viel Unterschied her.

  • Sehr schöne Bilder, vielen Dank. Ich war leider noch nie in der Gegend, das muss ich unbedingt mal nachholen... interessant finde ich den Vergleich im Beitrag Nr. 10 vor und nach der Renovierung, der alte Zustand hatte definitiv mehr Charme und Seele...

    Volker Liedke schreibt im Buch "Das Bürgerhaus in Altbaiern" im Jahre 1983 dazu:


    "Fotografien aus dem vorigen Jahrhundert verraten, daß die Fassaden noch nicht so sauber waren wie heute, doch sie lebten noch! Die im Wechsel der Tageszeiten auf den körnigen Putz auftreffenden Sonnenstrahlen ließen die Strukturen plastisch hervortreten. Abblätternde Putzschichten wirkten nicht störend, denn sie waren so allgemein verbreitet, daß sie erst gar nicht auffielen. Die Armut weiter Bevölkerungsschichten sorgte dafür, daß die Häuser oft lange Zeit unverändert blieben. Diesem malerischen Zustand hat unser industrielles Zeitalter ein rasches Ende bereitet. Fast jede Fassade unserer Bürgerhäuser hat nach dem 2. Weltkrieg ein durchgreifende - leider meist unsachgemäße - Renovierung über sich ergehen lassen müssen. Die unaufdringlichen Kalkfarben bei den Fassadenanstrichen sind schreienden synthetischen Farben gewichen.Die Erdgeschoßzonen der Häuser, die einst die schlichten Werkstatträume aufnahmen, wurden ausgekernt, und die dem Bauwerk angepaßten Fensteröffnungen mußten übergroßen Schaufenstereinbauten mit eloxierten Rahmen weichen. Alte Gewölbe wirkten fortan störend, und spätgotische Kreuzrippen wurden abgeschlagen oder hinter untergehängten Gipsdecken verborgen. Innerhalb von drei Jahrzehnten hat der Unverstand der Menschen mehr als alle Kriege und Brände zuvor zerstört, so daß die Anstrengungen groß sein werden, je wieder ein intaktes Ortsbild zurückzugewinnen."


    Und weiter:


    "Viele städtische Bauämter neigen bedauerlicherweise noch immer dazu, eine reine Fassadendenkmalpflege zu betreiben. Doch der Bauhistoriker kann nur immer wieder darauf hinweisen, daß das Innere eines Hauses ein unverzichtbarer Teil eines Baudenkmals ist. Es bleibt nur zu hoffen, daß künftige Generationen hier retten, was noch zu retten ist. Dem Nutz- und Zweckdenken dieser Generation ist es anscheinend nicht beschieden, das überkommene baugeschichtliche Erbe zu bewahren und unversehrt weiterzugeben."


    Lasst uns hoffen, dass wenigstens die ehemaligen sozialistischen Länder, die früher aufgrund von überwiegend großer Armut keine Mittel hatten, das ganze Bauerbe unsachgemäß zu renovieren, zu entstellen oder gar abzureißen, dies auch in Zukunft bei steigender Wirtschaftskraft und zu erwartender Angleichung an den westlichen Kapitalismus und Konsumismus nicht tun werden.