Jules Berninger (1856-1926)

  • Als vorläufig letzten Architekten möchte ich Jules Berninger vorstellen, einen gebürtigen Straßburger, dessen Vater erst 1842 aus Bruchsal nach Straßburg ausgewandert war. Berninger studierte in Stuttgart und Paris, wo er auch Gustave Krafft kennenlernte, einen anderen gebürtigen Straßburger Architekten, mit dem er ab 1894 gemeinsam an einer Vielzahl von Projekten arbeitete, nachdem er zuvor Mitarbeiter eines anderen Straßburger Architekten, von Albert Brion, war.


    Standen bei der Zusammenarbeit mit Brion vor allem Wohnhäuser und Villen im Mittelpunkt, so waren Berninger und Krafft mithin die produktivsten Architekten der Gründerzeit in Straßburg, die neben zahlreichen Wohnhäusern, Villen unter anderem auch das leider nicht mehr erhaltene Hauptrestaurant der Orangerie bauten - und vor allem eine ganze Reihe von Kaufhäusern, die meist noch erhalten sind, wenngleich mitunter auch diverse Umbauten (meist zu ihrem Nachteil) über sich ergehen lassen mußten.


    Schwerpunkt dieser Galerie sollen vor allem die Kauf- und Geschäftshäuser sein, wobei natürlich das Kaufhaus Modern von 1913 zu nennen ist, heute als Galeries Lafayette bekannt. Überhaupt stellen die betont großstädtischen Kaufhäuser am Kleberplatz und am Großen Durchbruch mit ihrer wuchtigen und monumentalen Formgebung einen interessanten Kontrast zu den betont französisch und teilweise verspielt wirkenden Bauten am Broglieplatz dar, zu denen auch das Blankenburg-Haus der beiden Architekten zählt, das Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Den Anfang sollen zwei ziemlich außergewöhnliche Bauten machen, die beide zwischen Kleber- und Gutenberg-Platz liegen, genauer gesagt an der Straße An den Gewerbslauben (heute: Rue des Grandes Arcades) kurz aufeinander folgen.


    Im Norden befindet sich das Gebäude mit der Hausnummer 33, in dem seit 1986 der örtliche McDonald's untergebracht ist :wink:



    Für die Errichtung des Gebäudes im Jahr 1897 wurden zwei Vorgängergebäude abgerissen, es diente als Geschäftsgebäude ("Magasin Manrique") und wurde jedoch bereits zwei Jahre später - ebenfalls durch Krafft und Berninger erweitert. Hierbei erhielt das Gebäude den charakteristischen Turm, für den ein weiterer Altbau abgerissen wurde.


    Für eine Zwischennutzung als Kino wurde das Gebäude 1922 nochmals umgebaut (unter der Leitung von Eugène Haug, einen der Architekten des früheren Rothen Hauses am Kleberplatz) und wird seit 1986 durch McDonald's genutzt. Die Fassade scheint weitgehend original zu sein, der Turm hat allerdings ein anderes Dach erhalten (denkmalgeschützt seit 1984).




    Gleich gegenüber liegt übrigens das klassizistische Marktgebäude, das schon vorgestellt wurde (eines der wenigen schönen Gebäude mit Flachdach):



    Wenige Schritte südlich davon ein weiteres bemerkenswertes Gebäude derselben Architekten, das allerdings stark modifiziert wurde.



    Und hier komplett:




    Das Gebäude wurde fast zeitgleich 1898 als Geschäftsgebäude ("Magasin Knopf") errichtet und orientierte sich an großen Kaufhäusern in Paris. Damals verfügte es noch über eine reich geschmückte Fassade und vor allem über ein wesentlich aufwendigeres Dach inkl. Turm:



    Sein heutiges Erscheinungsbild erhielt das Gebäude wohl in den 50er Jahren. Unverändert blieb jedoch in weiten Teilen die Rückseite des Gebäudekomplexes zur Neukirche hin, die bei einer Erweiterung im Jahr 1911 in Stein errichtet wurde.


    Ein eigenes Foto muß ich noch suchen, hier verlinke ich auf einige Fotos:


    Archi-Wiki (Neukirchplatz)

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Als nächstes Gebäude möchte ich ein zwar relativ kleines, mit seinem Turm aber auffälliges und aufgrund der exponierten Lage auch stadtbildprägendes Gebäude vorstellen - das Volkskunst-Gebäude, das von 1903 bis 1905 errichtet wurde und heute als Geschäftshaus dient.


    Das Gebäude bildet den Auftakt zur Pergamentergasse, die dann ja relativ schnell in die Judengasse übergeht.


    Hier die Ansicht über die Postbrücke (wir befinden uns nur etwa 200 m von der Hauptpost entfernt):


    IMG_5090_sil.jpg


    Der erste Abschnitt der Straße ist platzartig erweitert und trägt die Bezeichnung Franziskanergasse:


    IMG_5091_sil.jpg


    Hier ist das Gebäude aus der Nähe mit seinem charakteristischen Turm zu sehen:


    IMG_5092_sil.jpg


    Bei diesem Gebäude fungierte übrigens Albert Wieger als Bauunternehmer, ein gebürtiger Straßburger, der in Stuttgart studierte.


    Die Pergamentergasse (im obigen Bild die linke Gasse) bildete den Schwerpunkt seiner Bautätigkeit (neben der Vogesenstraße), er errichtete in dieser Gasse nicht weniger als 6 Gebäude mit verschiedenen Architekten und arbeitete bei anderen Projekten auch mit Berninger/Krafft zusammen.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Von einem besonders kleinen zu einem besonders großen Gebäude - oder eigentlich sogar zu einem Gebäudekomplex, der vermutlich das größte Projekt der beiden Architekten war.


    Dabei handelt es sich um den "CIARUS"-Gebäudekomplex, der 1894/95 errichtet wurde und sich unmittelbar nördlich des Justizpalasts befindet - er verfügt über zwei Fassaden an zwei verschiedenen Straßen, einmal um das eigentliche CIARUS-Gebäude an der Finkenmattstr. (dies ist die Straße, die weiter im Süden zwischen Justizpalast und der bereits in Kirchen in Straßburg vorgestellten Kirche Jung-Sankt-Peter kath. verläuft) und einmal um einen großen Veranstaltungssaal zum Dreizehner Graben, der nicht zufällig an eine Kirche erinnert.


    Die Abkürzung CIARUS steht nämlich für "Centre international d'accueil et de rencontre unioniste de Strasbourg", also internationales Begegnungshaus - einer protestantischen Kirche, nämlich der 1834 in Straßburg gegründeten Société évangélique-Mission intérieure de Strasbourg oder kurz SEMIS (Evangelischer Verein für Innere Mission in Straßburg).


    Heute gehört das Gebäude weiterhin dem Evangelischen Verein, es dient aber zudem als Jugendherberge, weitere Informationen gibt es auf der eigenen Website: CIARUS - über uns


    Der Gebäudekomplex mit der Jugendherberge an der Finkenmattstr.:




    Und westlich davon am Dreizehner Graben der große Veranstaltungsraum:




    Hier ist auch die Rückseite des Gebäudekomplexes an der Finkenmattstr. zu sehen:


    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Kommen wir nun zu den zahlreichen kleineren Gebäuden der beiden Architekten - den Anfang soll eines der bekanntesten Gebäude machen, das auch eine illustre Hausnummer hat - Broglieplatz 1.


    Es befindet sich somit ganz am Anfang des Broglieplatzes, an der Einmündung der Blauwolkengasse, die hier abgebildet wird - im Hintergrund sind schon die eleganten Geschäftshäuser der Münstergasse zu sehen:


    IMG_3466_sil.jpg


    Das Eckgebäude mit dem charakteristischen Turm wurde 1899 entworfen und unter dem Namen Blankenburg-Haus bis 1901 errichtet:


    IMG_3469_sil.jpg


    IMG_3470_sil.jpg


    Es dient damals wie heute als Wohn- und Geschäftshaus und wurde im Auftrag der Brüder Flach erbaut, die dort einen Friseursalon betrieben - hier der Blick zurück in die Blauwolkengasse mit diesem bedeutenden Jugendstilgebäude, dahinter ist auf der rechten Seite übrigens das Hôtel d'Andlau zu sehen, das bereits in Bedeutende Bauten in Straßburg - vor 1871 vorgestellt wurde.


    IMG_3471_sil.jpg


    Abschließend noch die Ansicht quer über den Broglieplatz:


    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Bleiben wir beim Thema der Eckgebäude - auch Berninger und Krafft variierten natürlich ihre Entwürfe und errichteten an unterschiedlichen Orten ganz ähnliche Gebäude.


    Exemplarisch herausstellen möchte ich hier zwei Gebäude, die fast zur selben Zeit entstanden, nämlich 1896 und 1898.


    Das erste Gebäude ist das Eckhaus am Sebastian Brant Platz, der sich unmittelbar nördlich des Hauptgebäudes der Reichsuniversität befindet, unmittelbar östlich der Protestantischen Garnisonkirche und gleich an der Hauptachse der Neustadt, der Schwarzwald Straße.


    Es wurde für das Handelsunternehmen Weber und Schlumberger errichtet:



    Ansicht mit der Protestantischen Garnisonkirche im Hintergrund ("Paulskirche"):



    Zum Vergleich das zweite Gebäude, das am Metzger Platz errichtet wurde (heute: Place d'Austerlitz):



    Blickrichtung nach Osten zum Waisenplatz:




    Trotz gewisser Ähnlichkeiten bei der Gestaltung ist das zweite Gebäude kein kompletter Neubau, sondern das Ergebnis eines Umbaus mit Erweiterung.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • An dieser Stelle noch ein Nachtrag zu einem der obigen Beiträge, in dem das "Magasin Knopf" vorgestellt wurde:


    knopf.jpg


    Oben schrieb ich hierzu:

    Zitat

    In dieser Straße befindet sich das nächste Palais, Unverändert blieb jedoch in weiten Teilen die Rückseite des Gebäudekomplexes zur Neukirche hin, die bei einer Erweiterung im Jahr 1911 in Stein errichtet wurde.

    Hier nun Aufnahmen dieses rückseitigen Gebäudes, das sich direkt am Neukirchplatz befindet (also unmittelbar vor der Neukirche) und über eine große Uhr verfügt:


    IMG_3473_sil.jpg


    IMG_3474_sil.jpg


    Das rückseitige Gebäude liegt an einer kleinen Gasse, die direkt zu den Gewerbslauben führt, auf der linken Seite der Gasse ist wiederum das oben gezeigte Gebäude ("Sephora") zu erahnen:


    IMG_3475_sil.jpg


    Hier nochmals die Ansicht der Gasse von den Gewerbslauben aus:


    IMG_1601_DxO.jpg

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Hier noch Informationen zur Sozialsiedlung nördlich des Katholischen Bahnhofs, die ich bereits in Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 17, vom Katholischen Bahnhof über den Weissturmplatz zum neuen Bahnhof kurz angesprochen habe.


    Sie wurde 1894 von Berninger und Kraft im Auftrag der Armenverwaltung der Stadt Strassburg entworfen, die auch jenseits der Bahnlinie weitere Sozialwohnungen errichten ließ - hier geht es indes um den Gebäudekomplex mit der Hausnummer 4 der Hohwald-Str.


    Insgesamt bestand die Siedlung aus 10 Gebäude im einheitlichen Stil, die durchaus aufwendig gestaltet waren - 1945 wurden mehrere Gebäude leicht und zwei sogar stark beschädigt, darunter auch das Gebäude der Siedlungsverwaltung.


    Beim Wiederaufbau wurden die Fassaden leider nur noch vereinfacht rekonstruiert. Auch heute gehört der Komplex noch der Stadt Straßburg und wird weiterhin für Sozialwohnungen verwendet.


    Ansicht der straßenseitigen Fassade in Richtung der Bahnlinie:



    Blick in den Innenhof, wo heute der eingezäunte Bereich mit den Sitzbänken ist, befand sich ursprünglich ein kleineres Gebäude zur Verwaltung:




    Das Gebäude ganz hinten mit dem auffallend hellroten Dach ist eine Komplettrekonstruktion des zerstörten Vorgängerbaus:



    Skurrilität an einer Tür in der Umgebung:


    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes