Paul Dopff (1885-1965)

  • Nicht vollständig wäre die Auflistung ohne Paul Dopff, einen gebürtigen Elsässer aus Reichenweier, der für die große Kontinuität der Straßburger Stadtentwicklung nach 1918 steht. Die Quellenlage gestaltet sich hier indes ziemlich schwierig, zumal die meisten Treffer im Internet zu einem gleichnamigen Filmemacher aus dem Elsaß führen. Entsprechend reiche ich diesen kurzen Artikel auch erst jetzt nach.


    Laut diversen Quellen studierte Dopff in Karlsruhe und möglicherweise auch München, bevor er 1912 in das damals von Fritz Beblo geleitete Stadtbauamt eintrat. Nach der Ausweisung von Beblo blieb er als gebürtiger Elsässer weiterhin im Straßburger Stadtbauamt tätig, wobei dort zwar weiterhin überwiegend Elsässer tätig waren und sogar die meisten Pläne und Verwaltungsvorgänge in deutscher Sprache ausgefertigt wurden, die deutschen Bezeichnungen aber durch französische Begriffe ersetzt wurden, was die genaue Rollenverteilung ziemlich unklar werden läßt.


    Dopff übernahm offensichtlich ab 1919 die Leitung des Hochbauamts (Service municipal d’architecture), bevor er dann ab 1929 (andere Quellen sprechen von 1928) zum "Architect en chef des la ville" ernannt wurde, also zum Leiter des Stadtbauamts (Direction des travaux municipaux).


    Ebenfalls eher unklar ist seine genaue Rolle in der Nachkriegszeit, laut manchen Quellen war er ab 1944 wieder als Stadtbaurat tätig, laut anderen Quellen als "Directeur des services techniques" ab 1948 - selbst der Zeitpunkt des Ruhestands ist nicht ganz klar: Es werden 1954 oder 1955 genannt, bevor mit Georges Laforgue erstmals ein gebürtiger Franzose an die Spitze des Stadtbauamts tritt.


    Interessant auch eine Information, die ich dem Buch "NS-Architektur: Macht und Symbolpolitik" entnommen habe:


    Ab 1939 wurde ja ungefähr ein Drittel der Elsässer Bevölkerung in den Südwesten Frankreichs evakuiert, insbesondere die Grenzstädte, zu denen auch Straßburg gehörte. Dort blieben nur noch wenige Zivilpersonen, die für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur unverzichtbar waren, ansonsten war dort nur noch Militär stationiert, selbst die Universität wurde nach Clermont-Ferrand verlegt, viele Straßburger in die Dordogne evakuiert.


    Hintergrundinformationen gibt es beispielsweise hier:

    Wer weiss noch, dass fast eine halbe Million Frauen, Kinder und nicht wehrpflichtige Männer aus dem Elsass nach Südwestfrankreich evakuiert wurden? In die Dordogne, ins Périgord. Schon bevor Frankreich Deutschland am 3. September 39 den Krieg erklärte, glich Strassburg einer Geisterstadt. 79 leer geräumte Dörfer und Weiler im Ober- und 107 im Unterelsass listet René Meyer in seiner Untersuchung „L’évacuation, une tragédie frontalière“(1) auf.

    Offensichtlich kehrte Dopff im Rahmen der Vereinbarung zwischen Pétain und Deutschland, die eine Rückkehr der Elsässer vorsah (der nicht alle folgten), 1940 nach Straßburg zurück und wurde dort wieder als Leiter des Hochbauamts eingesetzt, während die Leitung des Stadtbauamts durch den Sohn von Fritz Beblo, nämlich Richard Beblo, übernommen wurde. Auch wenn von 1940 bis 1944 zwar viel geplant, aber fast nichts umgesetzt wurde, so zeugt dies doch von der großen Kontinuität der Stadtentwicklung.


    Von den zahlreichen, meist öffentlichen Bauten, die durch Dopff initiiert oder entworfen wurden, möchte ich mich vor allem auf zwei Projekte konzentrieren, nämlich einerseits auf die Realisierung des bereits 1914 begonnenen Gebäudes der Börse im Straßburger Süden und andererseits vor allem auf die diversen Projekte des sozialen Wohnungsbaus.


    Hier sollen wiederum speziell die in den 20er Jahren vor allem im Süden des Fünfzehnerwörth entstandenen und in einer Art von Heimatschutzstil gestalteten Projekte im Mittelpunkt stehen, die einen wichtigen Beitrag zur Komplettierung dieses Stadtteils leisteten, der ja bis 1918 nur sehr punktuell bebaut war. Aber auch in den 30er Jahren entstanden unter der Leitung von Dopff weitere Großprojekte des sozialen Wohnungsbaus, allerdings meist in einem eher modernistischen Stil und auch etwas weiter außerhalb, z. B. in Neudorf.

  • Nun also mit geringfügiger Verspätung zum ersten vorgestellten Projekt von Dopff, der Börse im Straßburger Süden.


    Das Gebäude hat vermutlich schon jeder gesehen, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist - schließlich ist der neue Busbahnhof gleich südlich davon und auch die Straßenbahnlinie von Kehl fährt direkt daran vorbei.


    Hier der Blick über den Rhein-Rhône-Kanal zum Place du Maréchal-de-Lattre-de-Tassigny (auch Börsenplatz genannt) mit dem Denkmal für General Desaix:


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    Bei der ehemaligen Börse handelt es sich um das Gebäude in der Bildmitte mit dem Turm des Münsters oben rechts.


    Die Ansicht über den Platz, im Hochsommer ist die Fassade aufgrund der Vegetation nicht mehr so gut erkennbar.


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    Auf dem Stadtplan von 1910 (siehe Historische Stadtpläne) ist hier noch "Militärgelände" eingezeichnet, der heutige Platz lag bereits außerhalb der damaligen Stadtmauern zwischen dem Spital- und Metzgertor.


    Bekanntermaßen war ja das Gebiet südlich der Altstadt das letzte Areal, das zur deutschen Epoche noch geplant, aber nur teilweise realisiert wurde. Entsprechend begannen die Arbeiten zwar 1913 nach Planungen von Robert Voelckel unter der Leitung von Paul Dopff, wurden aber bereits mit Kriegsbeginn 1914 wieder eingestellt. Vermutlich wurden zu diesem Zeitpunkt nur die Fundamente errichtet, aber mit Einstellung der Arbeiten wieder verschlossen.

  • Tatsächlich wurde das Gebäude dann weitgehend nach Originalplänen erst nach einem Beschluss des Stadtrats von 1922 dann von 1924 bis 1927 erbaut - übrigens unter Leitung von Dopff.


    Die Börse war aufgrund der Wirtschaftskrise der 30er Jahre nur kurze Zeit darin untergebracht, danach wurde das Gebäude Gewerkschaftssitz und wird heute - nach gewissen Kriegsbeschädigungen - nicht zuletzt als Restaurant genutzt.


    Interessant übrigens, daß die Bebauung der östlichen Platzkante erst 1957 erfolgte:



    Hier nochmals ein Foto vom Mai 2018:



    Interessanterweise sieht dasselbe Gebäude von der Rückseite so aus:



    Es handelt sich also um ein einfaches Gebäude der 50er Jahre, dem eine Fassade vorgeblendet wurde.


    Auch die Gebäude auf der westlichen Platzkante, die sehr stimmig wirkt, entstanden erst nach der Börse, allerdings nach und nach und teilweise erst in den 60er Jahren:


  • Das letzte Bild zeigt ja schon den Großen Durchbruch, mit dem eine große Straßenverbindung vom Süden bis zum Place Kléber angelegt wurde - tatsächlich stammen von Dopf einige monumentale Gebäude an der Westseite des Durchbruchs wie hier gleich nördlich der Ill:


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    Zum Großen Durchbruch wird es sicherlich noch ein Schwerpunktthema geben, daher soll es gleich mit den sozialen Wohnungsbau im Fünfzehnerwörth weitergehen. Wie schon zuvor angesprochen, besteht ja ein ganzes Viertel im Anschluss an die östliche Abschlußbebauung des Botanischen Gartens aus Sozialwohnungen.


    Hier eine Übersichtskarte aus dem Jahr 1910:


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    Abgerissen wurden die diversen Kasernen (mit Ausnahme eines Teils der Nikolauskaserne), die Esplanade wurde ja als Hochhausviertel nach dem 2. Weltkrieg bebaut.


    Der Vollständigkeit halber hier zwei Plakate aus der Straßburger Fußgängerzone, auf denen die Entstehung der heutigen Esplanade kurz skizziert wurde:


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    Das Areal, von dem hier die Rede ist, befindet sich im Umkreis der Spachhäuser, die ja schon vorgestellt wurden und gewissermaßen die Keimzelle des späteren sozialen Wohnungsbaus darstellten - und als einziges Projekt im weiten Umfeld noch vor dem Ersten Weltkrieg realisiert wurde.

  • Das ist ja äußerst erstaunlich, "Stalinbarock" im Westen! Und das sogar noch bis in die 1960er!

    Hätte ich nicht erwartet, daß es so eine "konservative", repräsentative Architektur im Westen in dieser Zeit gab!

    Dies dünkt mich ein wirklich sehr erstaunliches Phänomen - gibt es noch mehr von der Art, oder war das ein Straßburger Sonderfall?

  • Na ja, mit Stalin hat dies nichts zu tun, diese wuchtigen und monumentalen Bauten kamen schon vor dem Ersten Weltkrieg auf, z. B. bei diesem, bereits vorgestellten Bau von Gustave Oberthur (ab 1912 errichtet, etwas östlich der Börse):




    Stilistisch ähnlich ja auch das schon präsentierte Lycée Sainte-Clotilde im Fünfzehnerwörth von 1934.



    Ob dies nun ein spezifischer Stil für Elsass oder Straßburg ist, kann ich nicht beurteilen - auf jeden Fall ist er sehr häufig anzutreffen, ähnlich wie der "Heimatstil" (keine Ahnung, wie das offiziell heißt) mit seinen Fensterläden, in dem viele Gebäude der Zwischenkriegsjahre gestaltet waren. Auf jeden Fall haben wir in Straßburg große architektonische Kontinuität bis in die späten 50er Jahre, auch der Erste Weltkrieg und der Wechsel zurück zu Frankreich war keine große Zäsur.

  • Der "Stalinbarock" ist ja ein Phänomen, daß in den östlichen Gefilden (also im Machtbereich Stalins) in den 1950ern monumental-repräsentativ gebaut wurde, nicht mehr bauhausaffin-puristisch wie vor dem Krieg bzw. amerikanisch-leicht- puristisch-schwungvoll, wie typischerweise in Westdeutschland. Der "Stalinbarock" war teilweise eine Weiterführung des Historismus und Heimatstils, jedenfalls viel prächtiger (Motto: "Paläste für die Arbeiter") als die puristischen dünnen Schächtelchen mit schrägen Balkonen und Nierentischen, die im Westen Ds damals üblich waren.

    Daß es im inzwischen frz. gewordenen Elsaß auch eine solche Kontinuität in den 1950ern zur Jahrhundertwende gibt, hat mich sehr überrascht, allerdings weiß ich nicht, wie in F in den 1950ern allgemein gebaut wurde, also, welche Architekturmode dort vorherrschte - es könnte natürlich sein, daß F nicht so sehr "amerikanisierte" wie Westdeutschland.

  • Mich hat die Kontinuität auch überrascht, allerdings waren ja im Wesentlichen dieselben Architekten wie zuvor aktiv (so extrem viele Architekten aus Deutschland oder Frankreich gab es ja in Straßburg nicht), und noch in den 30er Jahren wurde der Schriftverkehr in deutscher Sprache abgewickelt:


    Siehe zum Beispiel diese Baugenehmigung

  • Wir sind etwas vom Thema abgekommen, daher zurück zum sozialen Wohnungsbau von Dopff - genauer gesagt zu den Bauten im Fünfzehnerwörth, die in den 20er Jahren entstanden und noch recht traditionell gestaltet sind.


    In den 30er Jahren wurden unter seiner Federführung weitere Sozialbauten errichtet, die HBM (habitations à bon marché - also kostengünstige Wohnungen) in einem etwas reduzierteren Stil, allesamt im Süden des Stadtteils Neudorf gelegen - muß ich bei Gelegenheit mal fotografieren.


    Beginnen wir nun mit der Cité Léon Bourgeois, so benannt nach einem der bekanntesten französischen Politiker der dritten Republik und Begründer des sozialen Wohnungsbaus der Zwischenkriegsjahre (siehe hier).


    Die Siedlung befindet sich am südlichen Ende des Kölner Rings, gleich neben dem Botanischen Garten, und wurde in nur zwei Jahren 1924 bis 1925 errichtet.


    Hier die Ansicht von Süden, unmittelbar südlich davon befinden sich schon die Hochhäuser der Esplanade:


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    Entlang des Kölner Rings gesehen:


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    Das Eckhaus nochmals von der Mörschhauser Straße aus:


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    Blick in den Innenhof:


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    Seitenansicht:


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    Der Gebäudekomplex füllt den gesamten südlichen Abschnitt des Kölner Rings, im Norden davon befinden sich eher unschöne Nachkriegs-Bauten, bevor dann ganz im Norden an der Kreuzung mit der Schwarzwaldstraße neben einigen Bauten aus der deutschen Zeit mit der Cité Jean Dollfuss wieder ein absolutes Highlight von Dopff folgt.


    Vorher aber noch Impressionen der Morschhäuser Straße und Umgebung - hier wurde tatsächlich schon vor 1918 einiges an Bauten errichtet, während der Rest des Fünfzehnerwörths jenseits des Kölner Rings weitgehend unbebaut blieb - Grund waren die nahen Kasernen (Kaiser-Friedrich-Kaserne, Pionierkaserne - inzwischen abgerissen).


    Tolles Backsteingebäude an der Einmündung in die Edelstr.:


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    Und die Edelstraße entlang, im Hintergrund ist schon das Proviantamt an der Schwarzwaldstraße zu sehen - die Einmündung nach rechts führt zu den schon mehrfach erwähnten Spachhäusern.


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