Jean Geoffroy Conrath (1824-1892)

  • Jean Conrath wurde 1824 in Straßburg geboren und war seit 1849 als "2. Architekt" der Stadt, ab 1854 bis zu seiner Pensionierung 1886 dann als leitender Architekt tätig - bis 1871 unter der französischen Verwaltung als "1. Architekt", danach mit der deutschen Bezeichnung "Stadtbaumeister". Ab diesem Zeitpunkt änderte sich auch sein offizieller Vorname zur deutschen Fassung "Johann Gottfried" :)


    Conrath ist weniger als Architekt bedeutend - obwohl er einige interessante Gebäude wie die Magdalenenschule entwarf und am Wiederaufbau von Gebäuden wie dem Hôtel de Klinglin nach der Zerstörung 1870/71 mitwirkte - als vielmehr als maßgeblicher Urheber des Bebauungsplans für die Neustadt.


    Bei der Entwicklung dieser Planung ab 1875 setzte er sich gegenüber dem Könglichen Baumeister Orth aus Berlin durch, dessen Ideen aber teilweise in die Planung einflossen und ab 1880 dann umgesetzt wurden. Aufgrund der Vorgaben waren die Planungen relativ ähnlich, interessanterweise blieb die Magdaleneninsel jedoch in der Praxis entgegen der Planung weitgehend unbebaut, was auch für den Nordosten der geplanten Neustadt mit den beiden vorgesehenen repräsentativen Plätzen galt (also der Bereich südlich des Orangerieparks).


    Interessante Information am Rande: Auch Hermann Eggert (dem wir weite Teile der Universität, einen Teil der Erweiterung des Bürgerspitals und den Kaiserpalast verdanken) brachte einige Ideen in den Bebauungsplan an, insbesondere die Ausrichtung der Schwarzwaldstraße ab Arnoldplatz in Richtung Kehler Tor (teilweise wird dies auch dem Einfluß von Camillo Sitte zugeschrieben).

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Beginnen möchte ich mit einem kleinen Gebäude, das vermutlich jeder schon einmal gesehen hat, ohne es wirklich zu bemerken - es handelt sich um das Sparkassengebäude direkt neben dem Alten Zoll, das um das Jahr 1880 herum errichtet wurde:


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    Es liegt am äußersten westlichen Rand des Alten Zolls und wurde bereits ab 1902 in einen Kindergarten umgebaut (auch heute noch genutzt - ja, es ist das schwach zu erkennende weiße Gebäude ganz am Ende des Zolls):


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    Ebenfalls ziemlich exponiert aufgrund der Lage am Quai Koch gleich vor der Paulskirche ist das nächste Gebäude, eines der wenigen Beispiele, in denen ein erhaltenes historisches Gebäude äußerst nachteilhaft umgebaut wurde.


    Zur Orientierung hier der Blick auf die Kirche von der Straße direkt vor dem Gebäude:


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    Es handelt sich um das Verwaltungsgebäude des Bezirks Unterelsaß von 1885, das ab 1918 für diverse Bildungseinrichtungen genutzt wurde und Anfang der 1970er Jahre durch eine äußerst unpassende Aufstockung verunstaltet wurde. Ein Foto der Aufstockungsarbeiten gibt es hier (gleich dahinter befindet sich die Hauptpost, die nach diversen Zerstörungen 1944 nach dem Krieg auch stark verändert rekonstruiert wurde).


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  • Ein weiteres bedeutendes Gebäude von Conrath ist die Magdalenenschule direkt neben der gleichnamigen Kirche, die ja von Fritz Beblo entworfen wurde.


    Die Schule wurde 1869 errichtet und im Jahr 2006 renoviert, die benachbarte Kirche wurde ja im 2. Weltkrieg stark beschädigt und danach vereinfacht rekonstruiert.


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    Hier der Blick Richtung Münster:


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    Und hier Richtung Kirche:


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    Unmittelbar daneben befindet sich übrigens das Gebäude des Magdalenen-Kindergartens, offensichtlich von Anfang des 19. Jahrhunderts und durch Umbau eines Klosters enstanden:


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    Wer schon vor Ort ist, sollte unbedingt den direkt westlich daneben befindlichen Waisenplatz/Place des Orphelins anschauen - für mich der schönste Altstadtplatz außerhalb der Altstadtinsel:


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    Benannt wurde er übrigens nach einem zwischenzeitlich abgebrannten Waisenhaus, der Platz ist seit 2013 verkehrsberuhigt.

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  • Das bedeutendste Schulgebäude von Conrath war die Schoepflin-Schule aus dem Jahr 1876, gemeinsam mit Edouard Roederer entworfen (der gemeinsam mit Ott auch die Kunstgewerbeschule gestaltet hatte, siehe den Strang zu Ott), deren eher abschreckender Anbau der Nachkriegszeit ja schon in Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 13, vom Schiltigheimer Platz über den Parc des Contades zur nordöstlichen Altstadtinsel ziemlich zu Anfang präsentiert wurde.


    Das historische Gebäude, das direkt gegenüber Justizpalast und Jung-Sankt-Peter Katholisch auf der Altstadtinsel liegt, wirkt indes äußerst elegant:


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    Ansicht mit dem Anbau, der immerhin teilweise die Farbe aufnimmt:


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    Blick in den Innenhof:


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    Und die Westfassade:


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    Eine weitere Bildungseinrichtung, die von Conrath 1866 entworfen wurde, ist die frühere Medizinische Fakultät unmittelbar nordöstlich des letzten verbliebenen Stadttors, des Spitaltors, die später lange Jahre als städtisches Archiv genutzt wurde. Früher bildete ja das Bürgerspital den südlichen Rand der Stadt, die Erweiterung des Spitalgeländes nach Süden erfolgte erst nach 1871.


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    Und mit dem Spitaltor im Hintergrund:


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  • Bereits im letzten Rundgang entlang der Grand Rue/Lange Straße kurz angesprochen wurde der Neubau von Alt-Sankt-Peter Katholisch ganz am westlichen Ende der Straße.


    Nach dem Abriß des gothischen Chors von Alt-Sankt-Peter Protestantisch war Platz für die Errichtung einer neuen katholischen Kirche unmittelbar neben der bisherigen Kirche, aber um 90 Grad zu dieser gedreht. Diese Kirche wurde bis 1869 nach Plänen von Conrath errichtet, aber bereits für die Realisierung des Straßendurchbruchs zwischen Kleberplatz und Bahnhof wieder teilweise abgerissen, da sie in die geplante Straße hineinragte.


    Daher wurde ab 1912 die neu errichtete Kirche verkürzt, aufgrund des ersten Weltkriegs jedoch nur eine Behelfsfassade in Richtung der Straße errichtet. Die heutige Gestaltung mit Turm, wurde indes erst 1920 nach Plänen von Fritz Beblo (der zu diesen Zeitpunkt schon ausgewiesen war) umgesetzt.


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  • Ein weiterer Aufgabenschwerpunkt von Conrath war die Rekonstruktion von Gebäuden, die beim Beschuß im Krieg 1870/71 beschädigt oder zerstört wurden.


    Der Aufbau erfolgte häufig nur in loser Anlehnung an das Original, die Zerstörungen betrafen vor allem den Nordosten der Altstadtinsel (rund um den Broglieplatz), da das Artilleriefeuer auf das Steintor im Norden (heute: Hagenauer Platz) konzentriert wurde, was aufgrund mangelnder Präzision nicht nur die Bebauung um das Steintor völlig zerstörte, sondern auch eine Reihe von Gebäuden in der Altstadt, namentlich die frühere Dominikanerkirche, die später als Bibliothek genutzt wurde (heute: Neukirche und Prot. Gymnasium).


    Wieder aufgebaut wurden indes unter anderem das Hôtel de Klinglin (siehe auch den Strang zu Massol), die Aubette am Kleberplatz und natürlich auch die Oper am Broglieplatz, damals noch ohne die halbkreisförmige Erweiterung auf der Rückseite.


    Die Aubette wurde ab 1875 wieder aufgebaut und dabei noch um ein Dach aufgestockt und auch im übrigen weitgehend umgestaltet. Nach einer Nutzung als Musikkonservatorium erfolgt ja ab 1928 eine Umgestaltung im niederländischen De Stijl, entsprechend trägt das Gebäude heute auch die Bezeichnung Aubette 1928 (genauere Infos gab es ja schon bei den Rundgängen):


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    Die Oper aus dem Jahr 1821 wurde ja 1870 auch weitgehend zerstört und ab 1872 wieder aufgebaut, auch hier verweise ich auf den entsprechenden Rundgang (Place Broglie):


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    Und hier noch ein Foto des wieder aufgebauten Hôtel de Klinglin aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts - der königliche Prätor gleichen Namens fiel ja aufgrund seiner diversen Betrügereien in Ungnade und verstarb schon vor seinem Prozeß in der Zitadelle. Die Rekonstruktion unter Mitwirkung von Edouard Roederer wurde 1877 abgeschlossen, danach diente das Gebäude als Sitz des deutschen Statthalters, heute als Sitz der Präfektur (mehr dazu im künftigen Strang zu Massol).



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  • Ebenfalls Conrath verdanken wir die Martinsbrücke von 1863 in Petite France unmittelbar hinter der Thomasschule:


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    Im Hintergrund sind hier die Türme der beiden Alt-Sankt-Peter-Kirchen zu sehen. Hier der Blick von der Brücke:


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    Die Thomasschule von der Brücke aus:


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    Und die Brücke selbst, links das Centre Dramatique National d'Alsace und rechts der Turm der Reformierten Kirche von 1790:


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  • Ebenfalls zu erwähnen sind die diversen kleineren Kirchenprojekte von Conrath, von denen ich exemplarisch die beiden Kirchen von Ruprechtsau (heute: Robertsau) vorstellen möchte, einem sicherlich nicht ganz billigen Vorort im Grünen unmittelbar nördlich der diversen EU-Bauten im Nordosten.


    Eines der frühesten Projekte von Conrath war der Bau der katholischen Kirche Ruprechtsau 1859, die in etwa in der Ortsmitte liegt:


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    Wirklich viel Sehenswertes bietet Ruprechtsau nicht, unmittelbar nördlich der Kirche befindet sich ein großes Schulgebäude von Johann-Karl Ott aus dem Jahr 1901, gleich daneben wiederum die protestantische Kirche von 1864 neben einem kleinen Park:


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    Die neuzeitliche Bebauung gleich daneben ist nicht wirklich gelungen:


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