Einführung in die Neustadt

  • Im Folgenden einen kurzen Überblick über die Neustadt, den ich schrittweise weiter ausbauen werde.


    Wer über Französisch-Kenntnisse verfügt, erfährt in La Neustadt de Strasbourg jede Menge Details auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Abgebildet auf dem Umschlag ist übrigens der Hagenauer Platz, der auch heute noch das Ende der Bebauung im Nordwesten markiert, im Hintergrund fallen u. B. Münster und Jung St. Peter katholisch auf.


    Die Neustadt war mehr als nur eine Stadterweiterung, sie sollte der Stadt Straßburg ab 1871 wieder ein deutsches Aussehen verleihen und zugleich eine Art von Leistungsschau des Deutschen Reichs darstellen.


    Zudem sollten die Straßburger mit der teilweisen Zerstörung der Stadt durch den Beschuß 1870 versöhnt werden - und dazu zählten nicht nur großzügig finanzierte Wiederaufbau- und Sanierungspläne in der Altstadt, sondern gewissermaßen als Ausgleich für die zerstörten Kulturschätze wie Gemäldesammlungen und Bücherbestände auch sehr umfassend ausgestatttete neue Sammlungen und Kultureinrichtungen - so ist die Bibliothek an der Place de la République die zweitgrößte Bibliothek Frankreichs.


    Insgesamt gesehen stellt die Neustadt meiner Meinung nach das größte erhaltene zusammenhängende Gründerzeitgebiet aus dem ehemaligen Deutschen Reich dar und präsentiert sich zudem in einem fast überall sehr guten Zustand.


    In den letzten Jahrzehnten wurden unzählige Bauten unter Denkmalschutz gestellt oder sogar als "nationales Erbe" deklariert (wie der Kaiserpalast), seit kurzem ist die Neustadt sogar UNESCO-Welterbe.


    Weitere Infos zur Neustadt gibt es hier. Übrigens gibt es in Metz ein ähnlich prächtiges Gründerzeitviertel direkt am damals neu gebauten Bahnhof, das allerdings wesentlich kleiner ist.


    Dazu kann ich leider nur französische Wikipedia-Links bereitstellen: Quartier impérial de Metz mit dem prächtigen Kaiser Wilhelm Ring.


    Im Wesentlichen ist die Neustadt, die nordöstlich der Altstadt jenseits der Ill liegt, um zwei Achsen herum aufgebaut:


    Es gibt eine Hauptverkehrsachse, die Vogesenstraße, die am Hagenauer Platz beginnt, und auf Höhe der protestantischen Garnisonkirche den Namen zu Elsässer bzw. Schwarzwaldstraße wechselt und hinter dem Arnoldplatz an der katholischen Garnisonkirche einen Knick nach Süden macht und dann langsam in Militärgelände (heute: Nachkriegsbebauung) übergeht. Die Namen der Straße und des Platzes wurden übrigens einfach ins Französische übersetzt, daher bleibe ich hier bei den deutschen Namen.


    Zudem gibt es eine Hauptsichtachse, die Kaiser Friedrich Straße (heute: Avenue de la Paix), die am Schiltigheimer Platz (heute: Place de Bordeaux) auf Höhe des Kaiserplatzes (heute: Place de la République) in die Hauptverkehrachse rechtwinklig einmündet und exakt in Richtung des Münsters ausgerichtet ist. Fotos dieser Straße gab es bereits im Rundgang zu den Straßburger Parks zu sehen.


    Wenn ich mich auf Google Earth nicht vermessen habe, ist die Hauptverkehrachse rund 2 km und die Hauptsichtachse rund 700 Meter lang


    Kurz zur Entstehungsgeschichte:


    Ausgearbeitet wurden im Wesentlichen zwei Pläne, einer durch den Straßburger Jean Geoffroy Conrath, der bereits vor 1871 im Amt war, und ein weiterer durch den könglichen Baumeister Orth aus Berlin. Ergänzt wurden diese Pläne durch den Architekten Hermann Eggert aus der Nähe von Magdeburg, der ja weite Teile der neuen Reichuniversität entwarf. Da eine Reihe von allgemeinen Vorgaben existierte, unterschieden sich die Pläne nicht grundlegend.


    Durch einen Ausschuß wurde dann 1878 im Wesentlichen der Plan von Conrath ausgewählt, jedoch mit Einflüssen der beiden anderen Architekten, insbesondere der charakteristische Knick der Schwarzwaldstraße auf Höhe der katholischen Garnisonkirche geht auf Eggert zurück - dadurch läuft die Straße direkt auf das Kehler Tor zu.


    Realisiert wurde im Wesentlichen die Bebauung im Westen, Norden und Nordwesten in einem großen Halbbogen um die Altstadtinsel herum, die Pläne für die Bebauung der Heleneninsel wurden abgesehen von Paulskirche (die allerdings ursprünglich hinter der zweiten Brücke stehen sollte), einigen wenigen Einzelbauten und der Illthor-Kaserne nicht umgesetzt. Östlich der Insel wurde im Wesentlichen nur entlang der Rupprechtsauer Allee nach Norden weitergebaut, ansonsten beschränkte sich die Bebauung auf den Süden um das Universitätsviertel herum und endete in etwa knapp hinter der Achse Sternwartstraße - Mannheimer Straße.


    Der Nordosten des geplanten Bebauungsgebiets, für den zwei repräsentative Plätze und eine enge Bebauung vorgesehen waren, blieb indes fast unbebaut, nur das bereits geplante Straßennetz und einige wenige Funktionsbauten wurden errichtet.


    Auch eine zweite Erweiterung im Süden der Altstadtinsel wurde nur in Teilen umgesetzt, in beiden Fällen war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs der entscheidende Faktor, wobei allerdings schon in den Jahren zuvor die Geschwindigkeit der Bebauung deutlich zurückgegangen war.


    P.S. Bei den deutschen Straßennamen übernehme ich die Angaben weitgehend aus meinen historischen Stadtplänen, von Bindestrichen hielt man damals noch nicht so viel...


    Hier noch ein interessanter Bebauungsplan aus der deutschen Kaiserzeit: Plan 1913

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes