Beiträge von ursus carpaticus

    Angesichts der Caranthinischen Entartungen könnte man die MSG als Kunst des Maßhaltens und der Zurückhaltung lieben lernen. Den Gipfelpunkt haben wir noch vor uns.

    Zunächst gilt es, in Kötschach-Mauthen den richtigen Ortsteil und somit die richtige Kirche zu finden.

    Leider sehen sich beide Kirchen von außen recht ähnlich:

    800px-K%C3%B6tschach-Pfarrkirche.jpg

    Oben die viel größere Kirche in Kötschach, unten Mauthen:

    Kötschach-Mauthen Kirche sehr schön Bilder Sonstiges Landschaftmotiv Pfarrkirche Mauthen


    Kötschach ist die richtige, obschon man sich beim Eintreten fragen könnte, was das mit Spätgotik zu tun haben soll:

    Kötschach-Mauthen Pfarrkirche Foto & Bild | architektur, sakralbauten,  innenansichten kirchen Bilder auf fotocommunity


    Die Frage, die wir uns schon in Laas gestellt haben, ist natürlich berechtigt.



    Vergessen wir die Schlingrippen von Weistrach, Königswiesen, die Kassettierungen von Scheibbs, Krenstetten, St. Valentin, Gaming. Die letzte Spätgotik schaut in Kärnten so aus:


    Kötschach, Pfarrkirche Unsere Liebe Frau, Netzrippengewölbe mit Schlingwerk, klassizistischer Hochaltar von 1833, Rokoko Choraltäre (18.09.2014)


    Pfarrkirche_K%C3%B6tschach_-_Innenansicht.JPG


    Wenn Bartlmä Firtaler am Werk ist...

    So ziemlich der Schlusspunkt der Gotik in unseren Ländern (Nach Devastierung durch die Türken Neubau, der erst 1527 abgeschlossen und erst 1542 geweiht wurde).

    Das verkümmerte südliche Seitenschiff hat natürlich mit der Wandpfeilerlösung von Saxen oder Steinakirchen nix zu tun, sondern ist den Resten des Vorgängerbaus geschuldet.


    Ein paar Worte zu Firtaler: (* 1480 in Innichen, Pustertal, heute I; † 1535)

    Hier andere Werke des Meisters, die weniger typisch sind:

    Mariä Schnee in Maria Luggau, unten Schloßkapelle Stein im Drautal:


    800px-Maria_Luggau_-_Santuario2.jpg

    Tourismus Lesachtal (Maria Luggau, Birnbaum und St. Lorenzen) in Kärnten




    steinak_3_

    GEH.rede im Oberen Drautal


    Damit wären wir am Ende unserer Gotikfahrt durch Österreich angelangt. Sie ist gegen Schluss etwas ausgeufert, aber um die Besonderheit einer Region zu erfassen, muss man den Blick auch woandershin schweifen lassen.

    Filialkirche Laas2.JPG

    Wieder sein mir im Windischen unterwegs Laas (Laz), St. Andreas, heute Teil von Kötschach-Mauthen oder Koče-Muta . Von außen a typisch kantnarisches Londkiachal. Durch diese Pforte müssen wir schreiten.


    800px-Filialkirche_Laas5.JPG

    Vom Chorgewölbe gibt's wieder mal nichts Gescheites:

    https://mapio.net/pic/p-64829984/

    Wieder der Lienzer Stern also.


    Die Sensation ist jedoch das Langhaus:


    800px-Filialkirche_st._andreas_-_laas_-_c.cossa.jpg




    Schlepplift Laas | Mapio.net



    Laaser Andreaskirche | Mapio.net


    Geoparkwanderung am 17.5.2014 Alpenverein


    Hier also ein Hauptwerk Bartlmä Firtalers, eines seiner blumenhaften Schlingrippengewölbe...

    Hat das noch was mit Gotik zu tun???

    Der folgende Exkurs hat mit der MSG nix zu tun. Anders als in Göss und Eberndorf zeigen sich keine Parallelen und Beeinflussungen durch die MSG. Hier soll nur sozusagen zu Vergleichszwecken ein anderer, noch drastischerer Sonderstil gezeigt werden.

    Das erste Beispiel ist eindrucksvoll, aber vergleichsweise harmlos.


    Die Villacher Stadtpfarrkirche mit seiner eindrucksvollen Halle würde sich als originelle Sonderlösung auch innerhalb Sachsens einen gewissen Rang verschaffen. Die Rundpfeilerlösung, vermittelt über Hans von Burghausen(Salzburg, Franziskanerk, Straubing), ist natürlich in Sachsen fremd.

    Hier zeigen sich spezifische "Kärtner Eigenheiten" in der Gewölbegestaltung, vor allem die Neigung zu Kurvenbildung, die jedoch mit den "traditionellen" Formen von Schlingrippengewölben, wie wir sie auch in Eberndorf sahen, nichts zu tun haben. Die Assymetrie besteht in zwei Ebenen Richtungen, das linke Seitenschiff ist ungleich konventioneller gestaltet, und die äußeren Joche des Langhauses sind in sich nicht symmetrisch.


    1024px-Villach_-_St_Jakob_-_Innenansicht1.JPG



    Das nur zum Einstieg. Sodann ein kurzer Abstecher ins benachbarte Osttirol, was gar nicht so unsystematisch ist, denn der Künstler, mit dem wir im Folgenden zu tun haben werden, stammt aus dem Pustertertal, und er wirkte auch dort, etwa hier an Seite seines Vaters, in der Michaeliskirche zu Lienz.


    Leider sind einstellfähige Bilder dieses ziemlich unbekannten Baus Mangelware


    Michaelskirche - Lienz


    Mit derselben floralen Motivik des Chors ist auch die Langhaushalle geschmückt.


    Die Michaelskirche hab ich bei meinem bislang einzigen Aufenthalt in Lienz glatt übersehen... Das ist kein Wunder, wenn man über sie nichts weiß und sie daher nicht gezielt ansteuert. Sie dient nur noch für Sondergottesdienste und ist fortwährend geschlossen.


    Hier findet man Bilder:


    http://wikimapia.org/15674090/de/Michaelskirche


    Bilder 3 und 4


    Michaelskirche                Michaelskirche


    Die Rede ist von Bartlmä Firtaler oder Vierthaler.


    Damit begeben wir uns nach Feistritz an der Drau.

    Von außen schaut die dortige Georgskirche jedenfalls nicht nach wertvoller Sakralgotik aus...


    800px-Pfarrkirche_Feistritz_an_der_Drau_-_total_view.jpg

    Katholische Pfarrkirche St. Georg


    Firtalers Anwesenheit in Feistritz ist belegt, wenngleich er an dieser Kirche nicht mitgewirkt hat. Sie diente ihm offensichtlich als Vorbild.

    Hier liegt die Wurzel für Firtalers floralen Stil: Wie man mittlerweile weiß (Inschrift BV) stammt dieses Gewölbe von Firtaler.

    1280px-Feistritz_Drau_St.Georg_Gew%C3%B6lbe_Langhaus.jpg




    File:Feistritz an der Drau - Pfarrkirche Hl Georg - Vault.JPG - Wikimedia  Commons




    1024px-Feistritz_Drau_St.Georg_Orgelempore.jpg

    Westempore


    File:Pfarrkirche Feistritz an der Drau - vault of the gallery.jpg -  Wikimedia Commons

    Gewölbe unter der Westempore, das Firtaler wahrscheinlich als Anregung diente.

    Wir wollen uns mit dem reichen Bestand der Steiermark nicht weiter abgeben, dieser ist nicht unser Thema, sondern uns mit Kirchen in österr. Süden befassen, die wie in Göss der Fall eine gewisse Bezüglichkeit zur MSG aufweisen.

    Deshalb gehen wir weiter nach Kärnten, in den südlichen, windischen Teil, nach Dobrla vas, zudeutsch Eberndorf.


    Stadtkirche (Bad Wimpfen) - Wikiwand


    Nein, das ist nicht Eberndorf, auch woanders gibt es wunderschöne gotische Kirchen. Wimpfen am Berg, das in unserem Zusammenhang eine gewisse Rolle spielt. Brucher et alii vermuten das Gewölbe als frühes Werk Benedikt Rieds und somit als wichtiges Frühstadium für diverse Schlingrippengewölbe, ua auch Eberndorf, vor allem jedoch als experimentell wegweisende Leistung für den Wladislaw-Saal und die Kuttenberg Barbarakirche. Ein Künstler muss "vor seiner Prager Tätigkeit gewichtige Proben seines Könnens erbracht haben, denn ein unbewährter Mann wird nicht königlicher Werkmeister am Hradschin." (Buchowiecki). Benedikt Ried war in der in Frage kommenden Zeit in Schwaben.

    Die Ähnlichkeit zu Wimpfen liegt auf der Hand:


    800px-Eberndorf_innen.jpg



    Hier nun das Eberndorfer Schlingrippengewölbe, das - in seiner Art! (Schlingrippengewölbe gibt es hier sehr wohl, wie wir sehen werden!) - in Kärntens Kulturlandschaft einzigartig ist und in Richtung MSG verweist:



    1920px-Eberndorf_Schlingrippengew%C3%B6lbe.jpg


    Man vermutet, dass dieses Langhaus von Steyrer Bauleuten errichtet wurde (Gewölbe 1506), die mit dem Riedschen Stil bekanntlich schon in Berührung gekommen waren. Darüber hinaus bestehen Parallelen zu MSG-Kirchen, nämlich, was das Gewölbe betrifft, zu Sindelburg:


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    und in der Wandpfeilerbehandlung auch zu Steinakirchen aF.


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    und auch zu Saxen:



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    hier die Eberndorfer Wandpfeiler- Emporen-Lösung:

    Eberndorf, Orgelempore der Stiftskirche Maria Himmelfahrt (04.10.2013)




    Die Singularität des Eberndorfers Gewölbe innerhalb Kärntens legt den Schluss nahe, dass diese Übereinstimmungen keinesfalls zufällig zustande gekommen ein können.

    Über die Beschaffenheit "normaler" Kärntner Schlingrippengewölbe dann mehr im fulminanten Folgebeitrag!

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    Das wird wohl niemand erkennen, aber es zeigt, wie unsinnig es ist, das Phänomen der Schlingrippengewölbe regional eingrenzen zu wollen, etwa wie es ein österr. Kunsthistoriker wollte, der etwas von einem Donaustil schrieb. Die Spätgotik trieb in unseren Ländern überall ihre Blüten und brachte große originelle Ergebnisse. Kann man die Schlingrippen als Pendant zum "Weichen Stil" in Malerei und Plastik sehen? Auch das gilt heute als eher verfehlt. Die Schlingrippengewölbe blieben da zu sehr in der Minderheit. In der Tat sind sie in einem mit der Spätgotik so assoziierten Kulturraum wie Obersachsen weit weniger ausgeprägt als in Österreich.

    Ausgehend von unserem Gebiet, der MSG, zu deren Repertoire es - unter anderem, diese Betonung ist fürs Verständnis wichtig - zählte, ohne das eigentlich Bestimmende zu werden, haben wir uns etliche Kirchengewölbe dieses Typs in anderen Regionen angeschaut.

    Hier ein wie ich meine recht unbekanntes Beispiel aus einer bislang noch nicht untersuchten Region, das auch größenmäßig mit den obersächsischen Beispielen mithalten kann - die ehemalige Stiftskirche zu Göss, heute Teil von Leoben, in der Steiermark.

    Das Gewölbe ist ungleich schwerer zu lesen als Annaberg, Brüx oder Kuttenberg und erscheint damit eher Weistrach und Königswiesen vergleichbar. Wie in der MSG spielt die Bogenraute eine entscheidende Rolle, verglichen mit der "abstrakteren" MSG wird die Ornamentik am ganzen ziemlich floral. Die hochgezogenen Scheidebögen verleihen dem Staffellanghaus eine hallenartige Wirkung, was wohl auch intendiert gewesen ist (Enstehungszeit um 1510). Die würfelförmigen Kastenkapitelle, in welchen die Rippenenden wie abgeschnitten wirken, sind wohl von St. Valentin inspiriert.



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    (St, Valentin)


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    (Krenstetten)

    Annaberg, Marienkirche:


    AnnabergSachsen6.jpg

    Hans Weingartz - Eigenes Werk


    Natürlich einer der großartigsten Hallenräume überhaupt und kaum mit Mostviertler Dorfkirchen zu vergleichen.

    Die Gewölbestruktur ist an sich ebenmäßiger als in Halle oder Pirna, allerdings nicht der Übergang zwischen Pfeilern und Rippen.


    Die Wölbung“, schreibt Warnke, „löst sich von ihren Trägern ab und bietet einen eigenen Schauraum an. Die Rippen bilden in den Seitenschiffen wesentlich lebhaftere Figurationen. Die sechsteiligen Schlingen- oder Schleifenblüten in den Jochfeldern des Mittelschiffs sind nicht sogleich zu erkennen, da die Rippen alle den gleichen Querschnitt haben. Das Auge muß die Figuren in jedem Joch ausgrenzen und immer neu herausarbeiten. Es kann sie den Schlußsteinen mit großen, aus Zinn geschnittenen Blattwerkrosetten zuordnen, die ursprünglich noch durch Holzreliefs betont waren. Die Scheidegurte der Joche leiten den schlingernden Fluß der Schleifenrippen in Längsrichtung, während dezente Gurtgrate ihn in Querrichtung rhythmisieren. Die Sterne setzen Spitze gegen Spitze und vereinen sich im Langhaus zu einer Blütenkette, die zur flachen Hauptapsis hinstrebt, in die aus tief herabgeführten Fenstern reichlich Licht einströmt. (Wikipedia)


    Die Unterschiede zu Brüx liegen auf der Hand: Hier entspringt das Rippensystem zunächst regelmäßig wobei die aus den Achteckpfeilern, wobei sich die zentralen Sterne eigentlich nicht zwingend aus der Formstruktur ergeben - die Rippen hätten sich auch anders weiterführen lassen. Die Annaberger Gesamtdisposition, die gleichsam "alles im Voraus bedacht hat", ist ungleich komplexer.


    Deckenbild.jpg



    Fehlt noch die Kuttenberger Barbarkirche:


    Datei:Kuttenberg3.jpg


    Nach den bisherigen Kriterien ist sie - bie all den augenscheinlichen formbedingten Unterschieden - eher mit Annaberg als mit Brüx verwandt. Die ungewöhnliche Anlage des Langhauses beruht auf einer Planänderung unter Benedikt Ried, der an Stelle der geplanten Hochschiffwände einer Basilika über den Langhausarkaden Pfeiler errichtet und so den Raum aufweitet. Über den Pfeilern erhebt sich ein einzigartiges Bogenrippengewölbe, welches die Grenzen zwischen einzelnen Jochen verschleift und so einen sehr einheitlichen Raumeindruck anlegt.

    Zwischen den Sternen steht - die Raute. Was in der MSG eindeutig Selbstzweck geworden ist, erscheint hier mehr oder weniger als notwendige Konsequenz, als Komplementär- oder Füllfläche.

    Was nun unser eigentliches Thema betrifft:

    Schon dimensionsmäßig kann mit diesen Domen nur die Scheibbser Pfarrkirche wenigstens ansatzweise mithalten. Auch jenseits der Dimensionierung sind die Unterschiede eklatant. Angesichts dieser Clarté wirken die Mostvierter Kirchen, obwohl annähernd zur gleichen Zeit entstanden, in all ihrer Progressivität (vielleicht sogar deswegen?) wie ein finsterer mittelalterlicher Traum. Die Formenwelt der heranbrechenden Renaissance ist ebenfalls im Mostviertel nicht zu leugnen - wie gesagt, mangelnde Originalität und Progressivität kann man deren Architektur nicht vorwerfen - manifestiert sich aber auf ganz andere, uU drastischere Weise, nämlich in der Abkehr von der gotischen Längenbetonung. Die komplexe Unauflösbarkeit, das Hauptmerkmal der MSG, zumindest in ihren besten Leistungen, steht der neu anbrechenden Epoche eben diametral entgegen. Das Scheibbser Unterfangen, Langhaus und Chorraum miteinander zu verschmelzen, bleibt einzigartig.

    "Die überregionale Sonderstellung der dem Einheitsraum so fördernden Kassettendecken in Scheibbs und Gaming kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Überall dort, wo die 'dt Sondergotik' der Zeit um 1500 in höchster Blüte stand... findet sich nichts Vergleichbares. Wenn sich ...zB ... in Schwäbisch Gmünd oder ...Pirna... ähnliche Tendenzen zeigen, dann handelt es sich fast immer um dichte, geometrisch klare Rautennetze, die überdies fast nie die Schiffsgrenzen überschreiten. Ein geradezu diametraler Gegensatz besteht zwischen diesen wohlgeordneten... Deckensystemen und den unberechenbar aufgesplitterten Wölbungslösungen des sw NÖs." (G. Brucher, Got. Baukunst in Ö, 201)


    Daneben bleibt anzumerken, dass die Scheibbser-Gaminger Lösung gleichzeitig eine höchst originelle Synthese aus Netz- und Schlingrippengewölbe, ja imgrunde des gesamten Repertoires der Spätgotik darstellt.


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    Wenn wir schon in Sachsen (nicht Saxen bei Perg, wo wir auch schon die Kirche besucht haben) sind, dann wollen wir uns gleich mit was Ordentlichem beschäftigen. Den Vergleich der obersächsischen Hallengewölben mit der MSG hat ja bereits Brucher angestellt, und wir haben ihn schon zitiert. Grund genug, uns damit näher zu befassen.


    das da braucht man wohl nicht extra vorzustellen:

    1280px-Pirna_cossa.jpg


    Von C. Cossa - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21399692


    Dieses dichte und regelmäßige Netz hat nun mit der MSG auf ersten Blick nicht viel zu tun, wenngleich...


    kiraum_web230708_7520.jpg


    es in Stadt Haag in abgeschwächter Form auch aufgetreten ist, allerdings nicht in der Hallenform. Dieser Unterschied erscheint bemerkenswert: In beiden Fällen erwächst das Netz nicht zwingend aus der Pfeiler- oder Raumstruktur, es erscheint etwas "aufgesetzt". Das erscheint in Haag nicht so verwunderlich, da die Dienste für die Entwicklung eines komplexeren Gewölbes nicht eben viel hergeben. Dennoch scheint man sich in Pirna die Möglichkeiten der von den Pfeilern ausgehenden Rippenstruktur nicht sonderlich zunutze gemacht zu haben- dh nicht im Hauptschiff: es sind jeweils 5 auslaufende Rippen, von denen jeweils 2 die Diagonale eines schichten Kreuzgewölbes bilden, somit organisch im Netz aufgehen. Die mittlere Rippe verzweigt sich immerhin symmetrisch, während die beiden Randrippen die Gewölbestruktur überhaupt nicht zu beeinflussen scheinen.

    Im Gegensatz dazu geht das Sterngewölbe der Seitenschiffe völlig organisch und musterhaft aus den Pfeilern hervor, sodass die formale Konzeption eigentlich auf diese angelegt erscheint.

    Das Mittelschiffgewölbe mit seinem prächtigen Netz erscheint eigentlich als virtuoser "Lückenfüller" bzw als von der eigentliche Raumstruktur autonom.

    Dieser letztgenannte Eindruck verstärkt sich noch in der Marktkirche zu Halle:


    Deckengewölbe der Marktkirche

    Von den Pfeilern gehen in der "Deckenebene" überhaupt nur jeweils 3 Rippen ins Mittelschiff ab, von denen die beiden Randrippen immerhin "durchlaufen", also ein Kreuzgewölbe ergeben würden. Die Mittelrippe "versandet in vierfacher Spaltung bzw Kreuzung samt gleichzeitiger Aufspaltung, und drei (nach Spaltung vier) Hilfsrippen auf unterer Ebene tragen eigentlich überhaupt nichts "Konstruktives" bei, dh sorgen für Verunklarung. Das originelle Gewölbebild, das zwischen Netz und Sternenfolge anzusiedeln ist, erscheint von den Pfeilern mehr oder weniger, jedenfalls mehr als noch in Pirna der Fall, autonom zu sein.


    Diese Autonomisieurng des Gewölbes ist auch eine Spezialität der "klassischen" MSG, ja wird dort auf die Spitze getrieben:



    5053747578_9e106f1dac_z.jpg


    (St. Valentin)


    Der Unterschied zu den zuletzt gezeigten Schlingrippengewölben liegt auf der Hand!

    Aber auch diese gehören zu Repertoire der sächs. Hallengotik, einem Kapitel, dem wir uns gesondert widmen müssen.


    Zunächst noch eine obersächsische Antithese, nämlich die gewölbetechnisch eher schlicht gehaltene Wolfgangskirche zu Schneeberg:


    1280px-Schneeberg_St._Wolfgangskirche_inside_2_%28aka%29.jpg

    André Karwath aka Aka - Eigenes Werk


    Hier ist wirklich alles aus der Struktur der gekehlten Achteckpfeiler ableitbar.

    Gleiches gilt auch für den Dom zu Freiberg.


    1280px-Freiberg_cossa.jpg

    C. Cossa - Eigenes Werk

    Noch einmal Dresden:



    Bildergebnis für dresden schlosskapelle


    Dresden, Schlosskapelle, Computeranimation. Auch hier das Rautenmotiv, zumindest dem Anschein nach. Bei näherer Betrachtung jedoch ergibt sich die Raute aus einem typischen B. Ried-Motiv, nämlich aus dem "Tennisschläger", Solche Tennisschläger gehen zunächst (paarweise) direkt aus den Säulen hervor und verlieren sich in abermals typischen Schleifsternen. Eine solcher Schleifen bildet den "Stil" eines weiteren, erhöht und mittig gelegenen Tennisschlägers. Jeweils vier solche Schlägerovalen ergeben in ihrer "Kontaktzone" dann jene Raute. Die Rauten erscheinen wie in der MSG in aneinandergereihter Folge, gewinnen jedoch dadurch an Eigendynamik, dass jeweils jede zweite "eingekringelt" ist. Es handelt sich somit um ein recht komplexes Schlingrippengewölbe, das zweifellos auch auf andere Weise denkbar ist.


    Solche Schlingrippengewölbe gehören eigentlich nicht zur "klassischen" MSG, wenngleich am Rande auch zu deren "Repertoire" zB Weistrach:


    weis_1067248403.jpg


    der Scheitelbereich wird schlicht von drei einander überlappenden Schlägerflächen gebildet, die von den Pfeilern eher ansatzlos ausgehen und alle die Scheitellinie erreichen (wo durch sich natürlich unterschiedliche Längen ergeben). Man erkennt hier die Mostviertler Vorliebe für mechanisch wirkende Reihungsstrukturen. Die DDner Idee ist eigentlich komplexer, wenngleich diese ob der Länge und Einschiffigkeit des Raums und die sich dadurch ergebenen Wiederholungen überschaubarer wirkt.


    Als Höhepunkt gilt bekanntlich das oö- Königswiesen:

    1280px-Pfarrkirche_Koenigswiesen_Schlingrippengewoelbe_3.jpg


    Auch hier leitet sich eigentlich fast alles von "Tennisschlägern" her, die sich anders als in DD jedoch überschneiden. mE ist der wildwuchernde Reichtum eben auf diesen Umstand zurückzuführen, denn das Königswiesner Gewölbe ist eigentlich von der Grundstruktur recht schlicht.


    Zeillern:


    File:Zeillern - Kirche (2).JPG


    Wieder eine typische mostviertler Staffelkirche also.


    https://de.wikipedia.org/wiki/…Zeillern_-_Kirche_(2).JPG


    Zeillern, Pfarrkirche hl. Jakobus der Ältere, Blick in das Gewölbe der Staffelhalle


    Bild von Elisabeth Vavra


    Euratsfeld:


    2012.05.03_-_Euratsfeld_-_Pfarrkirche_hl._Johannes_-_10.jpg


    1280px-2012.05.03_-_Euratsfeld_-_Pfarrkirche_hl._Johannes_-_09.jpg

    Von Grubernst (talk) - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19312629


    Strengberg:


    1280px-2012.10.21_-_Strengberg_Pfarrkirche_Mariae_Himmelfahrt_-_02.jpg


    Von Grubernst - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22268482


    1280px-2012.10.21_-_Strengberg_Pfarrkirche_Mariae_Himmelfahrt_-_11.jpg


    Von Grubernst - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22268646


    Ferschnitz:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…irche_hl._Xystus_-_03.jpg


    Ferschnitz, Pfarrkirche hl. Xystus, Blick zum Hochaltar, Netzrippengewölbe im Langchor

    #28

    Wie St. Pantaleon ist Rems für seine romanische Architektur bekannt. Die Gewölbe der MSG werden eher am Rande erwähnt.

    Vom Äußeren her ist der spätgotische "Langhaus" nicht als solches erkennbar:


    P1400244.JPG

    Filialkirche Hl. Maria Magdalena in Rems, Mitte 13. Jdht.


    Eines jener Beispiele also, in denen sich die MSG in einem alten Bau "eingenistet" hat.

    Dabei hat sie jedoch von der äußeren Erscheinung mehr übrig gelassen als etwa in St. Pantaleon.


    P1400248.JPG


    Kleines Kircherl, großer Schlüssel:




    P1400255.JPG




    P1400256.JPG



    P1400271.JPG

    P1400269.JPG


    Und weil wir keine ausgesprochenen Fachtrotteln sein wollen, schauen wir uns en passant auch die roman. Besonderheiten an.



    Rom.Portal:



    P1400241.JPG



    P1400277.JPG



    Chorraum:

    P1400258.JPGQuelle: http://romanische-schaetze.blo…013/03/osterreich-st.html


    Dieses Nebeneinander muss indes eine faszinierende Mischung ergeben! Zählt doch die Deckengestaltung eher zu den "Schwachstellen" der Romanik.

    Die Pfarrkirche von Stadt Haag liegt sozusagen zu sehr mittendrin, um irgendwie nicht dazuzugehören. Letztlich jedoch weist sie nicht besonders viele Elemente der MSG auf. Schon ihr Äußeres sprengt fast den Rahmen und lässt an die wuchtigen Kirchen Siebenbürgens denken:




    800px-Haag_Kirche.JPG


    Von Bwag - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15186075


    wie hier angedeutet, ist auch der Ortskern sehenswert.


    800px-Stadtpfarrkirche_Haag_01.jpg

    Von Schurdl - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63714376


    https://de.wikipedia.org/wiki/…dtpfarrkirche_Haag_01.jpg


    decke_kirche_web230708_7570.jpg





    kiraum_web230708_7528.jpg




    kiraum_web230708_7520.jpg






    http://pfarre.stadthaag.at/aus…/unsere-stadtpfarrkirche/


    Immerhin ein sehr bedeutender spätgotischer Bau, der von der Qualität her jedenfalls "dazugehört".


    Im unweiten St. Pantaleon, seinerzeit berüchtigt geworden als geplantes Folge-AKW von Zwentendorf hingegen werden wir fündig:


    a1g.jpg

    Die wuchtige Anlage als Staffelkirche lässt edle Gewölbe geradezu erahnen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/…he_hl._Pantaleon_-_06.jpg

    nebenbei sei auch die rom. Krypta erwähnt:


    i9g.jpg


    https://de.wikipedia.org/wiki/…he_hl._Pantaleon_-_13.jpg

    auch wenns nicht ganz dazupasst.



    i1g.jpg



    i2g.jpg




    Für das Mostviertel typische Spielerei:


    i6g.jpg



    http://www.kirchen-galerie.de/int/?m=kirche&p=20976


    Wer will, kann selber im Netz (oder erst recht in natura, was aber wohl kaum der Fall sein wird) auf Suche gehen.

    Weniger ausgeprägte Beispiele:

    Randegg:


    Randegg, Pfarrkirche hl. Maria Empfängnis, Blick Richtung Orgel, Rippennetzgewölbe, vor 1494 Randegg, Pfarrkirche hl. Maria Empfängnis, Blick Richtung Orgel, Rippennetzgewölbe, vor 1494 © Elisabeth Vavra

    Hier mehr Bilder bzw in größerer Auflösung:

    https://www.gedaechtnisdesland…randegg.html#&gid=1&pid=5



    Gresten:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…_Nikolaus,_Gresten_01.jpg


    Gresten_Pfarrkirche02.jpg

    Quelle u.a Bilder: https://commons.wikimedia.org/…Gresten_Pfarrkirche02.jpg


    Gresten_Pfarrkirche01.jpg


    Quelle:: https://commons.wikimedia.org/…Gresten_Pfarrkirche01.jpg


    klassische MSG: Aschbach Markt


    https://de.wikipedia.org/wiki/…schbach_-_Kirche_-_01.jpg


    https://de.wikipedia.org/wiki/…ch-Markt_-_Kirche_(2).JPG

    csm_aschbach_2016_08_e12ff859b1.jpg

    Bild von Elisabeth Vavra



    von der W-Bahn sichtbar: St. Johann in Engstetten:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…st_johann_engstetten3.JPG


    i2g.jpg


    i5g.jpg

    Quelle ua. Bilder:

    http://www.kirchen-galerie.de/int/?m=kirche&p=20975